Lebensdaten
1882 bis 1945
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Oxford
Beruf/Funktion
Philosoph
Konfession
katholisch,evangelisch
Normdaten
GND: 118587420 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Neurath, Otto Karl Wilhelm
  • Neurath, Otto
  • Neurath, Otto Karl Wilhelm
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Zitierweise

Neurath, Otto, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118587420.html [26.04.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (1840–1901, isr., später kath.), Prof. d. Volkswirtsch.lehre an d. TH Wien (s. BJ VI; ÖBL);| M Gertrud Kämpfert (1847–1914, ev.);
    1) 1907 Anna Schapire (1877–1911, isr.), aus Brody (Galizien), Dr. phil., Schriftst., Frauenrechtlerin (s. ÖBL; W), 2) 1912 Olga (1882–1937), Dr. phil., Math., T d. L. Hahn, Hofrat, Vorstand d. Telegraphen- u. Korr.büros Wien, 3) 1941 Marie (* 1898), aus Braunschweig, Graphikerin (s. W, L), T d. Hans Reidemeister (1864–1936), Dr. iur., braunschweig. Reg.rat, u. d. Sophie Langerfeldt (1872–1954); Schwager Hans Hahn (1879–1934), Prof. d. Math. in Czernowitz, Bonn u. W., Kurt Reidemeister (1893–1971), Prof. d. Math. in W., Königsberg, Marburg u. Göttingen, Leopold Reidemeister (1900–87), Dr. phil., Gen.dir. d. Museen d. Stadt Köln (beide s. Braunschweigisches Biographisches Lexikon);
    1 S aus 1) Paul M. (* 1911), Prof. d. Soziol. u. Statistik (s. BHdE II; Kürschner, Gel.-Kal. 1996; W, L).

  • Leben

    N. besuchte das Wiener Staatsgymnasium, maturierte 1902 und belegte zunächst Mathematik und Physik, dann Geschichte, Philosophie und Nationalökonomie an der Univ. Wien. In Berlin setzte er das Studium u. a. bei Eduard Meyer (1855–1930) und Gustav Schmoller (1838–1917) fort, wo er 1906 mit einer Dissertation „Zur Anschauung der Antike über Handel, Gewerbe und Landwirtschaft“ zum Dr. phil. promoviert wurde. 1906/07 erfolgte eine militärische Ausbildung in Wien, danach war er Lehrer an der Neuen Wiener Handelsakademie. Im 1. Weltkrieg als Verpflegungsreferent eingesetzt, arbeitete N. daneben im Zusammenhang seiner Studien zur Kriegswirtschaft, gemeinsam mit Wolfgang Schumann, am Aufbau und als Direktor des Kriegswirtschaftsmuseums in Leipzig. Seit 1916 war er zeitweise im Wiener Kriegsministerium als Leiter der Gruppe für allgemeine Kriegs- und Heereswirtschaft tätig. N. habilitierte sich 1917 an der Univ. Heidelberg mit der Schrift „Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft“ (1919) für Politische Ökonomie. Da er die damit verbundene „venia legendi“ nicht ausübte, wurde sie 1921 als verfallen erklärt.

    Nach Ende des Weltkrieges entschloß sich N., politisch tätig zu werden. Die Sozialisierungsprogramme, die er gemeinsam mit H. Kranold (1888–1942) und W. Schuhmann zunächst für Sachsen und dann für Bayern ausgearbeitet hatte, wurden in München akzeptiert. Am 27.3.1919 wurde N. hier zum Präsidenten des – nach seinen Plänen – neu geschaffenen „Zentralwirtschaftsamtes“ ernannt und blieb dies während der sechstägigen Dauer der 1. Räterepublik. Während der 2. Räterepublik wurde er jedoch bald aus dem Amt entlassen. Nichtsdestoweniger vom Standgericht München wegen Hochverrates angeklagt, wurde N. zu eineinhalb Jahren Festungshaft verurteilt. Eine Intervention Otto Bauers vom österr. Außenministerium ermöglichte vor Antritt dieser Haft die Rückkehr nach Österreich. Hier wurde N. zunächst Generalsekretär des Österr, Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen. Sein Plan der Errichtung eines Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums wurde Anfang 1925 unter seiner Leitung verwirklicht. Im Zentrum der Arbeit dieser Anstalt sozialer Volksbildung stand die Entwicklung der „Bildstatistik“, einer systematisch aufgebauten visuellen Zeichensprache, deren universell verständliche Darstellungsmethode als Mittel sozialer Organisation und Pädagogik dienen sollte. 1931 wurde auf Einladung der Regierung der Sowjetunion eine Zweigstelle des Wiener Museums in Moskau gegründet.

    Gemeinsam mit seinem Schwager Hans Hahn gehörte N. dem Kreis um Moritz Schlick (1882–1936) an. In der Öffentlichkeitsphase dieses Kreises übernahm er seit 1929 im Verein „Ernst Mach“ einen wesentlichen Anteil an der Organisation und Propagierung der Auffassungen und Ziele der „Wissenschaftlichen Weltauffassung“, einer philosophischen Bewegung, die seit 1929 als „Wiener Kreis“ bezeichnet wurde. Nach dem Februar-Aufstand der Arbeiterbewegung 1934 in Wien kehrte N., der sich zu dieser Zeit in Moskau befand, nicht mehr nach Österreich zurück. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern Marie Reidemeister, Gerd Arntz, Erwin Bernath und Joseph Scheer emigrierte er nach Holland, wo in Den Haag durch das Mundaneum Institut gemeinsam mit dem 1936 gegründeten Unity of Science Institute N.s bildpädagogische und philosophische Ziele verwirklicht werden sollten. N, organisierte auch den Lebensunterhalt dieser Gruppe. Gemeinsam mit Rudolf Carnap (1891–1970) und Charles W. Morris (1901–79) entwarf er das Programm der International Encyclopedia of Unified Science und wirkte als ihr Herausgeber. Beim Einmarsch der Deutschen in den Niederlanden flohen N. und Reidemeister im Mai 1940 nach England, wo N. – nach der Internierung auf der Insel Man – 1942 das ISOTYPE Institute (International System of Typographie Picture Education) gründete, das die bildpädagogischen Arbeiten fortführte.

    N.s Arbeiten haben vier Schwerpunkte und gruppieren sich in ebensoviele Phasen: Einer ökonomischen folgt eine sozialpolitische, dieser eine wissenschaftstheoretische, an die sich eine bildpädagogische anschließt. N. untersuchte zunächst die Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens im Großraum der Antike Dabei entwickelte sich seine Kritik der „Geld- und Verwaltungswirtschaft“ ebenso wie die Befürwortung einer allgemeinen „Naturalwirtschaft“, die er auch mit einer fortgeschrittenen „hohen Kultur“ für vereinbar hielt. Anhänger eines Theorienpluralismus, maß er neben der bisher ausschließlich herrschenden Theorie des Geldes auch der Natural- und der Kriegswirtschaft aktuelle praktische Bedeutung bei. Als N. 1912 während des sog. Balkan-Krieges aufgrund eines Stipendiums der Carnegie-Foundation in der Lage war, u. a. Serbien und Bulgarien zu besuchen, konkretisierte er den empirischen Gehalt seiner Theorien und entwickelte schrittweise eine „Kriegswirtschaftslehre“, in der er u. a. nachwies, daß selbst in bestimmten Notlagen die Wirtschaftsleistung eines Landes zu steigen vermag.

    In einer sozialistischen Politik sah N. die Chance, anstelle der durch Geld bestimmten Verwaltungswirtschaft, eine geldlose, dafür „gerechtere“ Naturalwirtschaft realisieren zu können. Seine Sozialisierungsprogramme für Bayern betonen demgemäß ein konsumorientiertes Produktionsprogramm, die sozialistische Verwaltung der Gesamtproduktion und die Verteilung von Wohnung, Nahrung und Kleidung sowie die Regulierung der Produktion. Eingriffe sollten weniger auf der Seite der Produktion als auf der der Verteilung stattfinden.

    Nach N. ist das notwendige Ziel aller generell theoriebestimmten Forschung die „Schaffung einer Universalwissenschaft“. Diese Leibnizsche Idee verbindet die empiristischen wissenschaftstheoretischen Auffassungen Ernst Machs (1838–1916) mit jenen Pierre Duhems (1861–1916) und Henri Poincarés (1853–1912). N. vertritt auch in der reifen Zeit im Rahmen des Wiener Kreises den Standpunkt einer holistischen Interpretation wissenschaftlicher Theorienbildung. Entsprechend dem von N. vertretenen Enzyklopädismus muß der Gedanke eines Gesamtsystems aufgegeben werden. Allgemeine Methoden der Erkenntnisgewinnung existieren nicht; daher sind Sätze wie Theorien Gegenstände von Entschlüssen. Der Gegensatz von Empirismus und Rationalismus sollte durch die Vereinigung von freier Theorienbildung (Theorienpluralismus) und durch stete empirische Überprüfung überwunden werden. N.s Auffassung hatte starken Einfluß auf die post-analytische Wissenschaftstheorie von Willard Van Orman Quine (* 1908), Hilary Putnam (* 1926) und Paul Feyerabend (1924–94).

    Auch die Bildpädagogik und die Semiotik verdanken N.s Einfallsreichtum neue Ideen: Nach dem Motto „Worte trennen – Bilder verbinden“ begann im Rahmen des Wiener Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums die systematische Arbeit am Aufbau einer internationalen Zeichensprache von möglichst gut unterscheidbaren Formen, die leichte Merkbarkeit, klare semantische Funktion und dadurch rasches Erfassen von Sachverhalten ermöglichen sollte. Als eine besonders dringliche Aufgabe sah N. die Entwicklung der Bildstatistik an, in der jeweils größere Mengen von Gegenständen durch größere Mengen unmittelbar verständlicher Zeichen dargestellt werden sollten. Diese Bildersprache sollte über ein Lexikon von ca. 2000 Zeichen und eine Grammatik der Verbindungsmöglichkeiten der Zeichen verfügen. N. war überzeugt, daß erst eine internationale Bildersprache in Ergänzung zu den einzelnen Wissenschaftssprachen das Programm einer Demokratisierung und Humanisierung des Wissens erfüllen könne. Tatsächlich fanden seine Ideen zu einer Bildersprache mittlerweile in weiten Bereichen des öffentlichen Lebens Eingang.

  • Werke

    Lesebuch d. Volkswirtsch.lehre, 1910, 21913 (mit A. Schapire-Neurath);
    Können wir heute sozialisieren? Eine Darst. d. Sozialist. Lebensordnung u. ihres Werdens, 1919 (mit W. Schumann);
    Empiricism and Sociology, hg. v. Marie Neurath u. R. S. Cohen, 1973;
    Wiss. Weltauffassung, Sozialismus u. Log. Empirismus, hg. v. Hegsmann, 1979;
    Ges. philos. u. methodolog. Schrr., hg. v. R. Haller u. H. Rutte, 1981;
    Ges. bildpädagog. Schrr., hg. v. R. Haller u. R. Kinross, 1991;
    Die Einheit v. Wiss. u. Ges., hg. v. Paul Neurath u. E. Nemeth, 1994;
    Ges. ök., soziolog. u. sozialpol. Schrr., 4 Bde. (in Vorbereitung). – W-Verz.: F. Stadler, Stud. z. Wiener Kreis, 1997, S. 755-67.

  • Literatur

    R. Haller, Der Wiener Kreis u. d. analyt. Philos., in: FF 1966, S. 33-46, wieder in: ders., Stud. z. Östen. Philos., 1979, S. 79-98;
    ders., Über O. N., ebd., S. 99-106;
    ders. (Hg.), Schlick u. N., Ein Symposium, 1982;
    ders., Neopositivismus. Eine hist. Einf. in d. Philos. d. Wiener Kreises, 1993;
    H. Berghel, A. Hübner u. E. Köhler, Wittgenstein, d. Wiener Kreis u. d. krit. Rationalismus, 1979;
    R. Kinross, O. N.s Contribution to Visual Communication, 1925–1945, 1979;
    K. Fleck, O. N., Eine biogr.-systemat. Unters., Diss. Graz 1979;
    E. Nemeth, O. N. u. d. Wiener Kreis, 1981;
    F. Stadler (Hg.), Arbeiterbildung in d. Zwischenkriegszeit, Ausst.kat., 1982;
    ders., Stud. z. Wiener Kreis. 1997;
    D. Zolo, Scienza e Politica in O. N., 1986;
    ders., Reflexive epistemology, 1989;
    D. Koppelberg, Die Aufhebung d. Analyt. Philos., 1987;
    P. Kruntorad, Jour Fixe d. Vernunft, Der Wiener Kreis u. d. Folgen, 1991;
    Th. E. Uebel, Rediscovering the Forgotten Vienna Circle, Austrian Studies on O. N. and the Vienna Circke, 1991;
    ders., Overcoming Logical Positivism|From Within, The Emergence of N.s Naturalism in the Vienna Circle's Protocol Sentence Debate, 1992;
    W. M. Johnston. Österr. Kultur- u. Geistesgesch., 1972;
    Paul Neurath, O. N. od. d. Einheit v. Wiss. u. Ges., 1994;
    N. Cartwright, J. Cat, L. Fleck u. T Uebel, O. N., 1996;
    BHdE II;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy. – Zu Marie: BHdE II;
    Kunst im Exil in Großbritannien 1933-1945, Ausst.kat. Berlin, 1986.

  • Autor

    Rudolf Haller
  • Empfohlene Zitierweise

    Haller, Rudolf, "Neurath, Otto" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 179-182 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118587420.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA