Lebensdaten
bald nach 1620 bis 1676
Geburtsort
Gelnhausen
Sterbeort
Renchen bei Offenburg (Baden)
Beruf/Funktion
Dichter
Konfession
evangelisch,katholisch
Normdaten
GND: 118542273 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Fuchshaim, Melchior Sternfels von (Pseudonym)
  • Hirschfeld, Samuel Greifnson vom (Pseudonym)
  • Greifnson von Hirschfeld, Samuel (Pseudonym)
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Zitierweise

Grimmelshausen, Hans Jakob Christoph von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118542273.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johs. Christoffel G. (um 1595- vor 1627), Bäcker u. Bürger in G., S d. Bäckermeisters Melchior Christoffel (v. G.) ( 1634/35 ?) in G. u. d. Catharina Amend;
    M Gertraud N. N.;
    Stief-V (1627) Johs. Burgk, Barbier aus Frankfurt/M.;
    Urur-Gvv Dietrich v. G. (um 1483-1539/40), henneberg. Amtsrichter in Ilmenau;
    Ur-Gvv Gg. Christoffel v. G. (1515/20-1576/77), isenburg. Kellner zu Birstein, 1555-76 Zentgraf zu Unterreichenbach;
    - Offenburg 30.8.1649 Catharina (1628–83) aus Zabern, T d. Wachtmeisterleutnants Henninger;
    4 S, 6 T.

  • Leben

    G. ist, wie der Held seines Hauptromans, Simplicissimus, dem er in einem Anagramm des eigenen Namens den Namen Melchior Sternfels von Fuchshaim gibt, im Hessischen geboren und aufgewachsen und schon als etwa 12jähriger Knabe in die Abenteuer des 30jährigen Krieges gezogen worden. Geburtsdatum, Herkunft und Schicksale unterscheiden sich von denen des Helden, sind aber auch auf mannigfache Weise mit ihnen verknüpft. Die 1. Hälfte des Lebens ist überwiegend bekannt durch den Roman, der freilich ins Barocke steigert und dichterisch umformt. Von der 2. Hälfte erfahren wir einiges aus Urkunden, die allerdings nur das kleinbürgerliche, für die poetische Existenz fast bedeutungslose Dasein des Dichters als Schreiber, Verwalter, Wirt und Dorfschultheiß enthüllen. Hinter allem ist die eigentliche Entwicklung des größten und geheimnisvollsten deutschen Dichters seit dem Hochmittelalter nur zu erahnen.

    G. stammt aus einer in Gelnhausen bürgerlich gewordenen, ursprünglich adeligen Familie, verlor früh den Vater und wuchs vielleicht unter der Obhut seines Großvaters (dessen Vornamen Melchior er dem Romanhelden gibt und den er vielleicht im Einsiedel porträtiert hat) auf. Er besuchte vermutlich die Lateinschule für etwa 6 Jahre bis zur Plünderung und Zerstörung der Vaterstadt 1634. Nach einem Aufenthalt als Flüchtling in der schwedisch besetzten Festung Hanau (Winter 1634/35) wurde er wahrscheinlich, wieder ähnlich wie Simplicissimus, durch kroatische, hessische, kaiserliche Kriegsvölker mitgeschleppt und kam vom Hessischen (Eschwege, Kassel), wohl über das kaiserliche Lager vor Magdeburg, nach Westfalen, wo er im bayerischen Dragonerregiment des Feldmarschalls Graf Götz Dienst tat (1637). Wie für die frühe Jugend die extreme Armut, Waldeinsamkeit und das Narrenleben, so stellen für die Übergangszeit in Westfalen das äußere Glück und der militärische Erfolg nur romanhafte Elemente der dichterischen Autobiographie dar. Auch wird G. Paris, dem sich der Held der Erzählung dann zuwendet – wenigstens damals – nicht besucht haben. Mit dem Götzischen Regiment erscheint er 1637-39 am Oberrhein und wird Kriegs- und Kanzleidienst wohl bis 1647 in der Festung Offenburg (im Roman „Philippsburg“) getan haben. 1648 bekleidet er die wichtige Stelle des Regimentsekretärs im Elterschen Regiment, mit dem er noch nach Wasserburg am Inn und in die Oberpfalz gelangt. Er muß, aus welchen Gründen auch immer, zum Katholizismus übergetreten sein und den alten Adelsnamen seiner Familie wieder aufgenommen haben. 1649 erfolgt die katholische Eheschließung mit der Tochter eines Wachtmeisterleutnants. Er ist 1649-60 Verwalter („Schaffner“) der Freiherren von Schauenburg in Gaisbach bei Oberkirch, nahe Offenburg, 1662(?)-65 Burgvogt des Straßburger Arztes Dr. Johann Küffer auf der benachbarten Ullenburg und eröffnet, wieder in Gaisbach, 1665, die Wirtschaft „Zum silbernen Stern“. In dieser Zeit (1666) erscheinen seine ersten Schriften („Satyrischer Pilgram“, „Joseph“), bald darauf (Frühjahr 1668) das Hauptwerk „Der Abenteuerliche Simplicissimus“ in 5 Büchern. Sehr schnell folgt eine Erweiterung (Continuatio = 6. Buch, und Neubearbeitung), folgen Jahreskalender (für 1670, 71, 72), weitere „Simplicianische Bücher“ (Courasche, Springinsfeld, Vogelnest I und II, Ratstübel Plutonis), ein großer „Ewigwährender Kalender“, mehrere erbaulich-idealisierende Romane (Dietwald, Musai, Proximus) und kleinere, ganz oder teilweise simplicianische Schriften. Bereits 1667 war G. bischöflich straßburger Schultheiß des ebenfalls benachbarten Ortes Renchen geworden. Er blieb es bis zu seinem Tode 1676.

    Freilich ist es schwer, aus der äußeren Chronologie die innere Entwicklung abzulesen. Die Fülle der literarischen Produktion um 1670 wird man nicht nur mit der Verarbeitung volkstümlichen Guts, angelesenen Kompendienwissens und eigener Erlebnisse erklären können. Die frühe Entwicklung wie die spätere Tätigkeit sind wahrscheinlich als weniger primitiv zu sehen, als es zunächst scheint. Schon die Schule vermittelte offenbar Latein vom 1. Jahre an, sowie etwas Griechisch, und damit die wichtigste Grundlage der allgemeinen Bildung. Sogar die Zeit des Kriegs- und Wanderlebens in der 2. Hälfte der 30er Jahre bringt keine größeren Unterbrechungen, als sie auch sonst damals häufig entstanden, und es kann in den Garnisonen Gelegenheit zu ausgedehnter Lektüre gegeben haben.

    Geistig-literarische Voraussetzungen der schriftstellerischen Leistungen sind (etwa nach der zeitlichen Schichtung geordnet): vielleicht der „Parzival“ Wolframs von Eschenbach in einem Druck von 1477, für die Jugendgeschichte; die volkstümliche deutsche Dichtung des 16. Jahrhunderts von Hans Sachs bis Fischart, Volksbücher und Schwanksammlungen eingeschlossen; das astrologische und charakterologische Schrifttum des deutschen Renaissance-Theologen Johannes ab Indagine (= von Hagen, im Hain) sowie Wolfgang Hildebrands „Planetenbuch“ und „Magia Naturalis“ und ähnliche Schriften; naturphilosophische Traktate aus dem Kreis des Paracelsus; „Sachschrifttum“ geographischer, historischer und kulturkritischer Art, wie etwa die „Orientalischen Reisebeschreibungen“ des Olearius, die „Jüdischen Altertümer“ des Flavius Josephus und vor allem die umfangreiche „Piazza Universale“ des Garzoni, als „Allgemeiner Schauplatz“ im 17. Jahrhundert ins Deutsche übersetzt, die dem Dichter als unerschöpfliche Fundgrube für immer neue Exkurse und gelehrte Einlagen dient. Daneben haben Geschichtsbücher der Zeit, wie der „Teutsche Florus“ des Eberhard von Wassenberg und das „Theatrum Europaeum“ Stoff für die Schlacht- und Kriegsschilderungen über das Selbsterlebte hinaus geboten.

    Die eigentliche Grundlage des erzählerischen Schaffens bieten die aus Spanien eindringenden Schelmenromane, Ich-Erzählungen mit naturalistischer Tendenz und erbaulichem Einschlag – so der „Guzman von Alfarache“ des Aleman und die ebenfalls humoristischen Romane des Franzosen Sorel. Zugleich macht das gegenreformatorische geistliche Schrifttum der Spanier, vermittelt durch Aegidius Albertinus, mit der entscheidenden Vanitas-Idee vertraut. Den stärksten Einfluß jedoch haben zeitgenössische Erzähler und Literaten wie Prätorius, Moscherosch, Francisci und vor allem der Nürnberger Harsdörffer. Über diesen werden Stoffe der internationalen Roman- und Novellenkunst wie auch zahlreiche formale Anregungen vermittelt. G. kann, aus einer unerhörten Fülle des Gelesenen wie Erlebten schöpfend, Motive von Hans Sachs, Wickram, Bandello, Belleforrest, Thuanus, Cervantes, Camus du Bellay, Moscherosch, Sorel, Aleman, Harsdörffer und so weiter mit der eigenen Wirklichkeit verbinden und neu gestalten.

    Die Werke sind oft glänzend strukturiert, nur die Kalender- und einige kleinere Schriften wurden offenbar unter Benutzung vorhandenen Materials leicht hingeworfen. Aber auch hier zeigt sich der Sinn des Verfassers für Publikumswirksamkeit. – Im „Satyrischen Pilgram“ arbeitet G. noch nach einem einfachen dialektischen Schema, im „Joseph“ noch konventionell erzählend. Der „Simplicissimus“ selbst jedoch ist nicht nur die souverän dargebotene Geschichte des eigenen Lebens vor dem Hintergrund der Zeit, sondern zugleich auch ein kunstvoll gebauter, weltanschaulich vertiefter Roman. Die Deutung ist bis heute umstritten. Formal lehnt sich G. an den spanischen Schelmenroman an, indem er die Geschichte eines Abenteurers aus sozial niedriger Schicht realistisch gestaltet und teilweise erbaulich kommentiert. Doch erhält der Roman mehr Relief. Es heben sich bei aller scheinbar verwirrenden Fülle des Geschehens und der Umstände bestimmte Phasen heraus: solche der Stille und Einsamkeit, der Schrecken des Krieges, der erwachenden Weltklugheit, des Erfolges und so weiter. Man wird nun hier, entgegen den bisherigen Anschauungen, weder psychologische „Entwicklung“ des Helden noch „Geworfensein“, weder einen symmetrischen, „klassischen“ Aufbau des Romans noch eine verwirrende und bunte Fülle als letztlich bestimmend ansehen dürfen. Eine Lösung ergibt sich (nach noch unveröffentlichten Untersuchungen des Verfassers dieses Artikels) aus der Beobachtung, daß G., der Kalenderschreiber, den Roman nach Planeten gegliedert hat. Es zeigt sich eine ebenso eigenartige wie sinnvolle Struktur: das Buch führt von der Einsicht in die höchste Beständigkeit (Einsiedel) durch alle Phasen schließlich zur Erkenntnis der Unbeständigkeit dieser Welt (Ende des 5. Buches).

    Die „Landstörtzerin Courasche“ stellt ein wesentlich kürzeres und einfacheres, symbolisch weniger bedeutsames Beispiel einer Lebensgeschichte dar. Dieses erste Gegenstück zeigt vor allem den Niedergang einer menschlichen Existenz im Zeichen des Krieges. Ebenso sind die folgenden, zwischen romanhafter und novellistischer Form angesiedelten Erzählwerke motivisch wie stilistisch an den Hauptroman angeschlossen. Die Struktur ist freilich jedesmal neu: Der „Springinsfeld“ fügt eine knappe simplicianische Lebensgeschichte in einen Gesprächsrahmen, „Vogelnest I“ und „Vogelnest II“ steigern die Möglichkeiten der Ich-Erzählung durch Einführung eines unsichtbarmachenden Gegenstandes, so daß die Welt gleichsam nur noch von einem abstrakten Ich in ihrer ganzen Fragwürdigkeit gesehen wird. Ungeachtet ihres Eigenwerts stellen die späteren Schriften nur „Anbauten“ dar, die die Geschlossenheit der ursprünglichen Konzeption „Simplicissimus“ eher verdecken.

    Abenteuerlich wie der Charakter der Werke gestaltet sich auch die Geschichte ihrer Nachwirkungen. Der überwältigende Publikumserfolg des „Simplicissimus“ führte dazu, daß das Buch selbst nachgedruckt, verändert, erweitert und nachgeahmt wurde. Auch für Schriften, die nicht einmal mehr Nachahmungen waren, bediente man sich des Aushängeschilds „simplicianisch“. Unter den Nachfolgern G.s ist nur Johann Beer zu eigener Bedeutung gelangt. Schon die postume Gesamtausgabe von G.schen Schriften erschien als „Der aus dem Grabe der Vergessenheit wieder erstandene Simplicissimus“, 1684 und später. Im 18. Jahrhundert war weder der Name des Dichters noch die Zusammengehörigkeit seiner Werke bekannt. Goethe (zu Riemer 1809) pries den „Simplicissimus“, tadelte jedoch, daß Verleger und Publikum kein Ende fänden, daher werde alles „kollektiv“.

    Aufklärer formten das Werk nach ihrer Art; Romantiker schalteten mit Bärenhäuter, Jupiter, Courasche, Galgenmännlein, Springinsfeld, Herzbruder, Einsiedlerlied und Inselutopie wie mit irgendwelchen Elementen der Volksdichtung. Erst als um 1838 fast gleichzeitig mehreren Forschern die Entschlüsselung der Pseudonyme gelang, wurde ein wissenschaftliches Bild möglich. Es blieb jedoch die Unsicherheit bei der Bestimmung von Sinn und Charakter des Werkes. Wie das 17. Jahrhundert zwischen Weltfreude und moralisch-religiöser Absicht, so wußten auch das 19. und 20. Jahrhundert nicht, sich zwischen Freiheit und Gebundenheit zu entscheiden. Während noch Eichendorff im Simplicissimus ganz den „ungeschickten“, „tölpelhaften“, aber naturwüchsigen und naiven ersten deutschen Roman sah, erblickte Scherer in ihm den großen Entwicklungsroman zwischen Parzival und Wilhelm Meister, dessen Weg von der Einfalt zur Sünde, von der Sünde zur Läuterung führt.

    Unabhängig von der literarhistorischen Auseinandersetzung wird der Simplicissimus neben Parzival und Faust zum Sinnbild deutscher Innerlichkeit und rastlosen Strebens. Zahllose Bearbeitungen zeigen ihn als Typ des deutschen Menschen in Zeiten der Not. Der Expressionist Ernst Stadler widmet ihm ein Gedicht („Simplizius wird Einsiedler im Schwarzwald und schreibt seine Lebensgeschichte“), K. A. Hartmann eine Oper („Des Simplicissimus Jugend“, Text von Wolfgang Petzet). Eine Ausnahme von der Regel macht Bert Brecht mit seinem Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“. Er formt die Gestalt vollkommen neu, die Landstörtzerin wird bei ihm, wohl in teilweiser Anlehnung an Hauptmanns Mutter Wolffen, zum Symbol der schlauen, resoluten, vom Kriege lebenden und an ihm leidenden mütterlichen Frau aus dem Volke.

  • Werke

    W Ausgg.: Krit. Gesamtausg. fehlt. Der abenteuerl. Simplicissimus u. a. Schrr. v. H. J. Ch. v. G., hrsg. v. A. v. Keller, in: Bibl. d. Lit. Ver. 33 f., 65 f., 1854-62;
    G.s Werke in 4 T., hrsg. v. H. H. Borcherdt, o. J. (1921);
    Simplicissimus, mit Einl. u. Anmerkungen v. dems., 1961;
    G.s Courasche, Springinsfeld, Vogelnest (1. T.), Simplicissimus Teutsch, Continuatio, Simpliciana, hrsg. v. J. H. Scholte, = Neudr. dt. Lit. 246-52, 288-91, 302-21, 1923 ff.;
    Der abenteuerl. Simplicissimus, hrsg. v. A. Kelletat, 1956;
    Simplician. Schrr., hrsg. v. dems., 1958;
    G.s Werke in 4 Bänden, ausgew. u. eingel. v. S. Streller, 1960;
    G., Les Aventures de Simplicius Simplicissimus (franz. u. dt), übers. v. M. Colleville, Paris (1963).

  • Literatur

    ADB IX;
    A. Bechtold, Zur Qu.gesch. d. Simplicissimus, in: Euphorion 19, 1912;
    F. Gundolf, G. u. d. Simplicissimus, in: DVjS 1, 1923;
    G. Könnecke, Qu. u. Forschungen z. Lebensgesch. G.s, 2 Bde., 1926–28, ergänzend: H. Bott u. J. Frey, Die Fam. G. in Gelnhausen, in: Hess. Fam.kde. 1, 1949/50, Sp. 145-48, 185-94;
    M. Gerhard, Der dt. Entwicklungsroman b. z. Goethes „Wilhelm Meister“, 1926;
    J. Petersen, in: Die Gr. Deutschen I, 1935, S. 578-603, 21956, S. 547-65 (verkürzend bearb. v. K. Schreinert);
    J. Alt, G. u. d. Simplicissimus, 1936;
    M. Koschlig, G. u. s. Verleger, 1939;
    ders., Das Lob d. „Francion“ b. G., in: Jb. d. dt. Schillerges. 1, 1957;
    J. H. Scholte, Der Simplicissimus u. s. Dichter, 1950;
    G. Weydt, Zur Entstehung barocker Erzählkunst, in: Wirkendes Wort, 1. Sonderh., 1953, wieder in: Neuere dt. Lit. (= Wirkendes Wort III), 1963;
    ders., Don Quixote Teutsch, in: Euphorion 51, 1957;
    ders., Der dt. Roman v. d. Renaissance u. Ref. b. z. Goethes Tod, in: Dt. Philol. im Aufriß, hrsg. v. W. Stammler, II, 21960, Sp. 1251 ff.;
    ders., „Adjeu Welt“, Weltklage u. Lebensrückblick b. Guevara, Albertinus, G., in: Neophilologus, 1962;
    E. Kappes, Novellist. Struktur b. Harsdörffer u. G., Diss. Bonn 1954 (ungedr.);
    S. Streller, G.s Simplician. Schrr., Allegorie, Zahl u. Wirklichkeitsdarst., 1957;
    W. E. Schäfer, Die sog. „heroischgalanten“ Romane G.s, Unterss. z. antihöf. Richtung im Werk d. Dichters, Diss. Bonn 1957 (ungedr);
    G. Rohrbach, Figur u. Charakter, Strukturuntersuchungen an G.s Simplicissimus, 1959;
    E. Sander, Versuch e. erläuternden G.-Bibliogr., Mag.-Arb. Münster 1962 (ungedr.);
    W. Welzig, Beispielhafte Figuren, Tor, Abenteurer u. Einsiedler bei G., 1963;
    C. Heselhaus, Der abenteuerl. Simplicissimus, in: Der dt. Roman I, hrsg. v. B. v. Wiese, 1963;
    G. Weydt, Apophthegmata Teutsch, Über Ursprung u. Wesen d. „Simplician. Scherzreden“, in: Festschr. f. J. Trier, 1964;
    ders., Planetensymbolik im barocken Roman, Versuch e. Entschlüsselung d. „Simplicissimus Teutsch“, Vortrag vor IVG, Amsterdam 1965.

  • Portraits

    Die Frage porträtähnl. Darst. G.s ist umstritten, vgl. A. Bechtold, G. - Bildnisse, in: Der Winkelhaken, Bll. f. d. Hundert 2, in 1 Jb., 1916 (mit Abb.);
    M. Koschlig, Edler Herr v. G., Neue Funde z. Selbstdeutung d. Dichters, in: Jb. d. dt. Schillerges. 4, 1960 (auf Titelbl. d. „Ratio Status“ v. 1670).

  • Autor/in

    Günther Weydt
  • Empfohlene Zitierweise

    Weydt, Günther, "Grimmelshausen, Hans Jakob Christoph von" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 89-92 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118542273.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Grimmelshausen: Johann Jacob Christof v. G. Dies ist, wie Hermann Kurz (Spiegel 1837, 19) festgestellt hat, der eigentliche Name des unter verschiedenen Verstecken auftretenden Schriftstellers. Seine angenommenen Namen sind: Samuel Greifenson von Hirschfeld, German Schleifheim von Sulsfort, Philarchus Grossus von Trommenheim, Signeur Meßmahl, Michael Regulin von Sehmsdorff, Erich Stainfels von Grufensholm, Simon Lengfrisch von Hartenfels, Israel Fromschmidt von Hugenfelß, Melchior Sternfels von Fuchshaim. Wenn sich diese Namen anagrammatisch nahezu mit Christof von Grimmelshausen decken, so erscheinen auch andere Pseudonyma, wie Sylvander,|Urban von Wurmsknick auf Sturmdorf etc. Ueber sein äußeres Leben ist wenig bekannt. Er ist nicht in Mainz, wie man vermuthete, sondern wahrscheinlich in Gelnhausen geboren. Noch weniger sicher läßt sich das Jahr seiner Geburt feststellen; einige setzen 1622, andere spätestens 1625 an. Am 25. Januar 1635 ward er von den Hessen aufgegriffen und that in früher Jugend Kriegsdienste. Seit dem zehnten Jahre erscheint er als Musketier. Am Schlusse des dreißigjährigen Kriegs war er ungefähr 26 Jahre alt. Einzelne Punkte, die er in jener Zeit besucht hat, wie Offenburg und Philippsburg, sind ziemlich sicher. Am Kriege hat er mit wahrer Lust theilgenommen. Manchfache Reisen, in vielen Gegenden Deutschlands, in der Schweiz, in Böhmen, in Niederland und Frankreich verschafften ihm reiche Menschenkenntniß und Lebenserfahrung. Spätestens 1667 wurde er bischöflicher Schultheiß in Renchen, im jetzigen großherzoglich badischen Amt Oberkirch. Bürgerlicher und armer Abkunft hat er später den Adel erworben. Vielleicht stammt der Name Grimmelshausen auch erst aus jener Zeit, wo er den offenen Helm und ein Wappen erhielt. K. Chr. Becker vermuthet, er habe zu den bei der Zerstörung von Gelnhausen vertriebenen Burgmannen gehört, was ihm später eine höhere Stellung erleichtert hätte. In vorgerückteren Jahren sehen wir ihn in hoher Achtung und in Verbindung mit bedeutenden Familien stehen, worunter die Schauenburg, Crailsheim, Fleckenstein besonders genannt werden. Er starb am 17. August 1676. Seine Kinder waren bei seinem Tode alle in Renchen anwesend. Dort ist seine Spur noch später zu finden. Sein Wohnhaus war das jetzige Gasthaus zum Adler daselbst. Aus dem Kirchenbuche in Renchen ergeben sich noch einzelne Nachweise über seine Familie. Seine Frau hieß Katharina Henninger; 1669 gebar sie ihm eine Tochter; 1675 starb ihm ein Sohn. Noch im J. 1711 kommt in Renchen ein Hauptmann und Postmeister Christof v. G. vor. — Die in der Jugend versäumten Studien muß G. in späteren Jahren mit Erfolg nachgeholt haben, so daß er im Todtenbuche von Renchen als Mann von großem Geist und Gelehrsamkeit bezeichnet werden konnte. Wenn ihm auch ein streng methodisches Wissen fehlte, so beurkunden ihn doch seine Schriften als ausgestattet mit manchfaltigen Kenntnissen, in alten und neuen Sprachen, in der Rechtswissenschaft, Theologie, Mathematik, Astronomie. Bewandert ist er in älterer und neuerer deutscher Dichtung und Sage, dem Heldenbuch, den Volksbüchern, den Meistersängern, besonders Hans Sachs, Fischart, Schupp, Moscherosch, Logau, Zinkgreff, Weise, der Litteratur der Schwänke und Novellen, selbst Italiens und Frankreichs. Bei allem geistigen Streben bleibt G. in der Schranke seiner Zeit befangen in Bezug auf das Zauberwesen und verwandten Aberglauben, wenn auch zuweilen die Skepsis in der Form der Ironie durchzubrechen scheint. In seinen kirchlichen Ansichten steht G. auf freier Warte über den Spaltungen der Zeit. Er ist ein entschiedener Christ, aber „weder petrisch, noch paulisch"; durch seine Werke geht ein warmer Zug christlich-sittlicher Gesinnung und die Friedenssehnsucht nach allgemeiner Vereinigung der Nachfolger Christi. Als Protestant geboren und erwachsen, an Luthers Bibel genährt, lebte und schrieb er in protestantischem Geiste, wenn er auch später vielleicht, durch äußere Verhältnisse veranlaßt, sich bestimmen ließ, zur katholischen Confession zu halten. Doch ist ein Uebertritt keineswegs beglaubigt und die dafür geltend gemachten Gründe durch K. Chr. Becker (Mittheilungen des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde in Frankfurt a. M., 1861, Bd. 2, Nr. 1, S. 57 ff.) entkräftet. Die Vermuthung, daß er wirklich übergetreten sei, stützt sich vornehmlich auf den Umstand, daß er in späteren Jahren als Schultheiß von Renchen im Dienste des Bischofs von Straßburg (Egon von Fürstenberg) angestellt war, worauf aber kein zwingender Schluß auf seinen Katholicismus zu gründen ist.|Ebenso wenig beweist der Eintrag seines Todes in das Renchener Kirchenbuch durch den katholischen Pfarrer, der wohl mit dem angesehenen Beamten auf freundlichem Fuße verkehrte und in den damals noch weniger scharf getrennten Verhältnissen leicht zu einer duldsamen Behandlung veranlaßt sein konnte. Neben seinem amtlichen Berufe (die 1667 entworfene Mühlenordnung ist noch vorhanden) waren seine späteren Lebensjahre besonders durch seine schriftstellerische Thätigkeit in Anspruch genommen, welche sich auf dem Gebiete des Romans und der Satire in großer Fruchtbarkeit entfaltete. Grimmelhausens frühere Schriften bewegen sich noch in den alten Bahnen; dem „Fliegenden Wandersmann nach dem Monde", 1659 erschienen, liegt ein französisches Original zu Grunde. Der erste Versuch des Verfassers im Roman nach dem Modestil seiner Zeit ist „Der keusche Joseph“ (1667); dazu die Fortsetzung „Des keuschen Josephs Dieners Musai Lebenserzählung“. Es ist eine weitere Ausführung der biblischen Geschichte, die in jener Zeit auch von Philipp v. Zesen behandelt wurde. Aus dem gleichen J. 1667 stammt „Der stolze Melcher“, die Geschichte eines reichen Bauernsohnes, der sich hat verleiten lassen, französische Kriegsdienste gegen Holland zu nehmen, und krank und verarmt heimkehrt. Das Hauptwerk aber und die Frucht seiner eigensten Dichterkraft ist der „Abenteuerliche Simplicissimus“ von German Schleifheim von Sulsfort, zuerst 1669 erschienen. Der Dichter stellt sich hier mitten in seine Zeit und schildert, sichtlich an eigene Erlebnisse anknüpfend und ziemlich genau dem Gang der Geschichte folgend, die Zustände seines Vaterlands während des verheerenden Krieges. Bei der Dürftigkeit urkundlicher Nachrichten über den Verfasser liegt die Versuchung nahe, in den Schicksalen des Simplicissimus das Leben Grimmelshausens in wesentlichen Ereignissen und Wendungen dargestellt zu sehen und das Buch als eine Art Autobiographie und Selbstbekenntniß zu betrachten. Man wird in dieser Annahme bestärkt durch die Geheimthuerei, womit der Verfasser seinen Namen in Anagrammen versteckt. Je mehr er dieser Maske vertraute, um so sicherer durfte er in der Erzählung dem wirklichen Gange seiner Erlebnisse folgen. Aber genauere Vergleichung der Abenteuer des Simplicissimus mit den geschichtlich beglaubigten Thatsachen mahnt zur Vorsicht in Verwerthung des Romans für die Biographie des Verfassers. Litterarisch betrachtet, führte G. mit dem „Simplicissimus" den Vagabundenroman in das Deutsche ein. Der Geist der Mendoza, Aleman und Cervantes weht hier, aber in ganz deutscher Luft. Man hat vermuthet, daß auf die Anlage des Ganzen der Plan von Wolframs „Parcival" nicht ohne Einfluß gewesen sei; doch ist die Aehnlichkeit beider Dichtungen nicht über die allgemeinsten Entwickelungspunkte hinaus durchzuführen. Darin jedesfalls sind sich beide Werke gleich, daß der Plan mit großer Kunst durchdacht und ausgeführt ist. Später wurde dem Simplicissimus, sicherlich gegen die ursprüngliche Absicht, noch ein sechstes Buch und mehrere Continuationen beigefügt. Dieses sechste Buch ist bedeutsam als älteste deutsche Robinsonade, vor Robinson Crusoe. Außer den später angefügten „Continuationen" schließen sich auch einige weitere Romane zunächst an den Simplicissimus an: 1) „Die Lebensbeschreibung der Landstörzerin Courasche", 1670, einer Gefährtin des Simplicissimus, welche ihn mit ihrer Liebe und einer Frucht derselben beglückt und dadurch zur Flucht nöthigt, das Bild einer frechen landfahrenden Dirne. 2) „Der seltsame Springinsfeld, d. i. Lebensbeschreibung eines frischen, tapfern Soldaten, nunmehro aber ausgemergelten, abgelebten Landstörzers samt seiner wunderlichen Gaukeltasche“, 1670, aber nach der „Courasche“, geschrieben. Springinsfeld begleitet den Simplicissimus auf seinen Kriegsfahrten und ist auch mit der Courasche als ihr Strohmann verbunden. Diese beiden unter einander nahe zusammenhängenden Schriften, dem Inhalte nach manchfach anwidernd,|sind von hohem Werthe als treffende Sittenschilderungen aus jener wilden Zeit der Auflösung und Verwüstung nach dem Kriege. 3) „Das wunderbarliche Vogelnest“ (1672) führt wieder in die Zeit nach dem Kriege ein. Mehrere novellistische Stoffe sind darin durch die Fiction von einem unsichtbar-machenden Vogelneste zusammengehalten, das die wechselnden Besitzer zu abenteuerlichen Unternehmungen veranlaßt. Das Ganze ist mit viel Humor und großer Kunst dargestellt. Eine der köstlichsten volksthümlichen Erzählungen ist die vom „Ersten Bärenheuter“, dessen erste Ausgabe von 1670 nun nachzuweisen ist (ein Exemplar im Besitze von Herrn W. Seibt in Frankfurt a. M.), ein heiteres Märchen. Im gleichen Jahr 1670 ist erschienen „Des abenteuerlichen Simplicissimi ewig währender Calender“. Simplicissimus erscheint darin als Kalendermann, der über Alles in das Kalenderwesen, Sterndeuten, Wetterprophezeien u. dgl. einschlagende, zum Theil mit überlegener Laune, berichtet. Im Stile der älteren Zeit gehalten ist „Dietwalds und Amelinden anmuthige Lieb- und Leidsbeschreibung“ (1670), eine romantische Liebesgeschichte, deren Abenteuer an den „Wilhelm von England“ von Chrestien von Troyes und an die Geschichte Magelonens erinnern, und der Roman „Proximus und Lympida“ (1672). Der „Deutsche Michel“ (1673) ist besonders als Ausdruck der vaterländischen Gesinnung des Verfassers von Bedeutung, zunächst gegen die Sprachverderber gerichtet, die in den extremen Gegensätzen der Sprachmengerei und des Purismus lächerlich gemacht werden. Auch aus andern Schriften ist seine warme Vaterlandsliebe und sein weiter politischer Blick ersichtlich, wornach ihm eine Vorahnung der einstigen staatlichen Einigung und Macht Deutschlands zu Theil ward; im „Simplicissimus“ ist in phantastischem Zusammenhang ein künftiger deutscher Held prophezeit, der den Universalfrieden bringen und die Religionen vereinigen werde. Das „Galgenmännlein“ (1673) ist lehrreich über das Zauberwesen der Zeit und des Dichters Verhältniß zu demselben. Von 1683 an erschienen Sammelausgaben seiner Schriften. Von neueren ist zu nennen die kritische Ausgabe des Unterzeichneten, für den litterarischen Verein in Stuttgart in 4 Bänden gedruckt 1854—62; die von Heinrich Kurz, Leipzig 1863 f., 4 Bände, auf unrichtiger Werthung der alten Ausgaben beruhend; die von Julius Tittmann, Leipzig 1877, 2 Bände, mit Modernisirung der Sprache; alle drei Ausgaben mit Abhandlungen und Erläuterungen ausgestattet. Mit Recht ist G. kürzlich von L. Geiger ein Schriftsteller ersten Ranges und der bedeutendste deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts genannt worden, der gründlich das Vorurtheil besiegt, daß jene Zeit nichts Beachtenswerthes in diesem Gebiete hinterlassen habe. Die simplicianischen Schriften sind mit großer Kunst geschrieben, durch reizvollen Humor belebt und durch genaue Schilderung der staatlichen und geselligen Verhältnisse lehrreich und anziehend. Selbst in den Fortsetzungen des Hauptwerkes zeigt sich das große Talent des Culturhistorikers, die üppige Phantasie des Dichters, die sittliche Absicht des Schriftstellers, der nicht reizen und verführen, sondern gewinnen und die Wahrheit in einer Weise sagen wollte, in der sie gerne gehört und angenommen wird.

  • Autor/in

    Adelbert , v. Keller.
  • Empfohlene Zitierweise

    Keller, Adelbert von, "Grimmelshausen, Hans Jakob Christoph von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 9 (1879), S. 696-699 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118542273.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA