Lebensdaten
1860 bis 1944
Geburtsort
Waltershausen bei Gotha (Thüringen)
Sterbeort
Wässerndorf bei Würzburg
Beruf/Funktion
Historiker
Konfession
evangelische Familie
Normdaten
GND: 118721461 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kehr, Paul Fridolin
  • Kehr, Paul
  • Kehr, Paul Fridolin
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Orte

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Zitierweise

Kehr, Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118721461.html [10.12.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Karl (1830–85), Dr. phil. h. c., Schulrat u. Seminardir. in G. (s. L), S d. Holzhauers Johann in Goldbach b. Gotha u. d. Anna Maria Döbel;
    M Pauline (1835–1922), T d. Horndrechslers Daniel Andrae in Ruhla u. d. Henriette Schenk;
    B Huldreich (s. Gen. 1), Hans (1862–1916), Dr. med., Prof., Chirurg in Halberstadt (Gallenchirurg, K.scher Wellenschnitt) (s. L), Karl Andreas ( 1903), Historiker (s. DW);
    - Brüssel 1908 Doris (1885-1979), T d. Albert vom Baur u. d. Clara Goecke;
    2 S, 1 T, u. a. Gudila (* 1913, Götz Frhr. v. Pölnitz, 1906–67, Prof. d. Gesch.);
    N Eckart (s. 1).

  • Leben

    Die Wesenszüge, die K.s Leben und Werk bestimmt haben, prägten sich früh aus. Schon den Schüler des Halberstädter Domgymnasiums (1873–79) fesselten die mittelalterlichen Geschichtsquellen, und dieses Interesse verband sich bald mit einer – sogar emotional getönten – Hinneigung zu Rom und Italien. K. erwarb 1883 in Göttingen den Doktorgrad mit einer Untersuchung über Hermann von Niederaltaich, aber die entscheidende Formung erfuhr er in Wien bei Theodor Sickel. Er nahm 1884-85 am Kursus des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung teil, kam in Sickels Begleitung 1885/86 erstmals zu Forschungsarbeiten nach Rom und wirkte 1886-88 an der Monumenta-Edition der Diplome Ottos II. und Ottos III. mit. Zum Diplomatiker geschult, siedelte er dann nach Marburg über und habilitierte sich 1889 mit einer umfänglichen Spezialstudie über die Urkunden Ottos III. (erschienen 1890). Er wurde 1893 außerordentlicher Professor für Hilfswissenschaften in Marburg, 1895 Ordinarius in Göttingen. Die wissenschaftliche Frucht dieser Jahre stellt sich vor allem im Merseburger Urkundenbuch (erschienen 1899) und in Zeitschriftenaufsätzen zum 8. Jahrhundert dar. Aber trotz des beruflichen Erfolges fand K. zeitlebens nie zu einer inneren Bindung an die Universität, weder als Lernender noch als Lehrender. Was er, nicht zum wenigsten nach den Wiener Erfahrungen, suchte und wollte, war die großzügig konzipierte, organisierte und dirigierte, von Forschungsinstituten getragene gelehrte Arbeit, vornehmlich an urkundlichen Quellen. Vor der Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen (Mitglied seit 1895) entwickelte er 1896 den Plan einer diplomatischen Edition der päpstlichen Urkunden und Briefe bis zum Einsetzen der Vatikanischen Register im Jahre 1198.

    Dieses Unternehmen ist K.s zentrales Lebenswerk geworden und hat sein weltweites Ansehen begründet. Das Material mußte aus den Empfängerarchiven der gesamten lateinischen Christenheit zusammengetragen werden, womit K. selber in Italien einsetzte. Es genügte nicht, die zutage getretenen, bisher unbekannten Texte von Fall zu Fall bekannt zu machen („Papsturkunden in Italien“, zahlreiche Hefte der Göttinger Nachrichten von 1896 an), angesichts des Umfangs, den K. selber zunächst unterschätzt hatte, erwies es sich als geboten, der eigentlichen Edition, die damit in weite Ferne rückte, landschaftliche Regestenwerke in Gestalt einer „Italia, Germania etc. pontifica“ vorzuschalten. In der finanziellen Sicherung dieser Arbeiten durch staatliche, kirchliche und private Zuwendungen bewährte sich das Organisationstalent K.s, der – anders als viele seiner Kollegen – zu Friedrich Althoff, dem Berliner Wissenschaftsdezernenten, in ein enges Vertrauensverhältnis getreten war und starken kulturpolitischen Einfluß gewann. K. war am Ziel seiner Wünsche, als er 1903 die Universität verlassen und die Leitung des Preußischen Historischen Instituts in Rom übernehmen konnte. Er baute diese seit 1888 bestehende Arbeitsstelle zu einer Forschungs- und Ausbildungsstätte großen Stils aus, mit reicher Bibliothek, mit Stipendien für junge Gelehrte, mit einem sehr weit gezogenen Aufgabenkreis in vielseitigem Kontakt mit italienischen Gelehrten. K. selber, dessen beispiellose Arbeitskraft jetzt zu voller Entfaltung kam, konzentrierte sich auf die Papstregesten und brachte von 1906 bis 1914 die Bände I-VI 2 der „Italia pontificia“ heraus. Um die gleiche Zeit bereiste Wilhelm Wiederhold (1873–1931, siehe Literatur) in K.s Auftrag die Südhälfte Frankreichs („Papsturkunden in Frankreich“, 7 Hefte der Göttinger Nachrichten, 1906–13), während Albert Brackmann die „Germania pontificia“ in Gang brachte (I, 1911).

    Der Ausbruch des Krieges, in den 1915 auch Italien eintrat, erzwang den Abbruch dieses vielseitigen Wirkens, K. mußte Rom verlassen. In Berlin aber wurde er noch 1915 als Nachfolger Reinhold Kosers zum Generaldirektor der preußischen Staatsarchive berufen. Er führte dieses unmittelbar dem Ministerpräsidenten unterstehende Amt sowohl mit fester wie mit leichter Hand über schwierige Jahre hin, besonders auf die wissenschaftliche Ausbildung der Archivare bedacht, aber ohne selber in den Verwaltungsgeschäften aufzugehen. Inmitten gewandelter Verhältnisse steigerte sich seine Autorität, aber auch seine Aktivität über das ohnehin einflußreiche Hauptamt hinaus, und es entstand ein wahres Imperium der Gelehrsamkeit. Noch während des Krieges übernahm K. das neuerrichtete Kaiser Wilhelm-Institut für deutsche Geschichte und leitete, nach einem von ihm selber schon früher entwickelten Plan, die Ausarbeitung einer ‚Germania sacra' ein. Nach anfänglichem Widerstreben fand sich die Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica 1919 bereit, K. – ebenfalls in der Nachfolge Kosers – zum Vorsitzenden zu wählen. Unter seiner aktiven Mitwirkung spielten sich seit 1921 auch die Kontakte mit Italien wieder ein, er blieb nebenamtlich-kommissarischer Direktor des 1924 wieder eröffneten Instituts in Rom, das er jährlich für einige Zeit aufsuchte und allmählich weiter ausbaute.

    Durch all diese Ämter ließ sich K. nicht daran hindern, mit neuem Schwung die Arbeiten an den Papstregesten wieder aufzunehmen. Er erfreute sich dabei verständnisvoller, auch materieller Förderung durch den neuen Papst Pius XI., den früheren Präfekten der Mailänder Ambrosiana und der römischen Vaticana. Aus den Zuwendungen des Papstes errichtete er 1931 die Pius-Stiftung mit Sitz in Zürich, deren Erträge dem Papsturkundenwerk über schwere Notjahre hinweghalfen. Schon 1923 und 1925 waren weitere Bände von K.s „Italia pontificia“ erschienen (VII 1, 2), auch Brackmanns „Germania pontificia“ schritt voran (II 1, 2: 1923/27; III: 1935). Während Carl Erdmann, Johannes Ramackers (1906–65, siehe Literatur) und Walther Holtzmann in K.s Auftrag Portugal, Frankreich und England bereisten, erweiterte er selber, von Pius XI. persönlich ermuntert, sein Arbeitsfeld nach Spanien; in raschem Zuge gab er 1926 und 1928 Archiv- und Fundberichte über Katalonien, Aragon und Navarra heraus. Dem Warschauer Historikertag von 1933 konnte er eine trotz aller Rückschläge stolze Bilanz des Papsturkundenwerkes vorlegen.

    Den Monumenta, die allmählich gleichfalls die Folgen von Krieg und Inflation überwanden, hatte K. 1924 eine neue Unterkunft im Gebäude der Berliner Staatsbibliothek verschafft, aber erst nach dem Tode Bresslaus (1926) kehrte er selber zu den Diplomata zurück. Als Generaldirektor der Staatsarchive trat er 1929 in den Ruhestand, behielt dagegen die Leitung der Monumenta und des römischen Instituts noch bis 1936 bei. Ganz für die Forschung freigeworden, schloß er 1931 den von Bresslau begonnenen Band der Urkunden Heinrichs III., 1935 den 8. Band der „Italia pontificia“ ab und hatte sich unterdes sogar wieder einem neuen Vorhaben zugewandt. Der Tod Mühlbachers (1903) und Tangls (1921) und die Ungunst der Zeitverhältnisse hatten die Karolingerreihe der Monumenta nach dem 1. Bande (1906, bis 814 reichend) ins Stocken gebracht. K. nahm sich dieser Abteilung an, konzentrierte die Arbeit aber in Abweichung vom ursprünglichen Plan auf die ostfränkische, die „deutsche“ Linie. Seine von Ludwig dem Deutschen bis zu Arnolf reichenden Diplomatabände (1934, 1937, 1940) und Kanzleistudien haben mit dem steten Blick auf die „vorliterarische Geschichte“ auch der im Original erhaltenen Urkunden und mit der nuancierenden Analyse der Kanzleien entschieden über Sickel hinausgeführt und neue, verfeinerte Maßstäbe für die Diplomatik gesetzt.

    Darstellende Geschichtsschreibung lag K. nicht, aber er darf keineswegs als der einflächige Typ des bloßen Urkundeneditors und Regestenautors im engen Wortsinne verstanden werden. In großer Zahl verteilen sich vielmehr über Jahrzehnte hin eindringliche Begleitstudien – zur päpstlichen Kanzlei, zu Unteritalien, zu Spanien, zu Heinrich III. und vielen anderen –, die ebenso wie die Abhandlungen über die spätkarolingischen Kanzleien von punktuellen Ansätzen aus zu wesentlichen historischen Einsichten vorstoßen. Es bleibt gewiß dabei, daß K. in Interessen und Leistung einseitig war, aber in dieser Einseitigkeit repräsentiert sich, was die scharfsinnig-quellennahe Gelehrsamkeit dieser Generationen geschaffen hat.

    K. gab sich in Wort und Brief als ein Grandseigneur von kühler, oft mokanter Wesensart, in der eine ausgeprägte Individualität sich mit dem durchaus typischen positivistischen Habitus seines Zeitalters verbunden hatte. So wie sein gelehrtes Schaffen von allen politischen Umbrüchen unberührt blieb, so blieb er selber zeitlebens unberührt von der geistigen Welt, die aus seinen Papsturkunden sprach. Ihm, dem – nach eigenen Worten – „ziemlich unchristlichen, skeptischen Gelehrten von wenig sehenswerter protestantischer Provenienz“, war die eigene, mehr oder minder wertfreie gelehrte Forschung eine Art von Religionsersatz. Es entsprach dieser inneren und äußeren Neutralität, daß er sich von aufklärerischem Vorurteil und konfessionellem Affekt freihielt, aber auch sein positives Verhältnis zum Papsttum ging kaum hinaus über die Faszination des genuinen Historikers durch eine die Jahrhunderte übergreifende, von geistiger Autorität bestimmte Institution und über eine innere Affinität zu kultiviert-aristokratischer Formenwelt inmitten eines sich immer plebejischer gebärdenden Zeitalters – all dies bei einer sehr persönlichen, in beiderseitiger gelehrter Liberalität wurzelnden Freundschaft mit Pius XI. Menschlich nahe gekommen sind ihm unter gleichaltrigen und jüngeren Fachgenossen nur wenige, er war im allgemeinen mehr gefürchtet als beliebt, er konnte herrisch und rücksichtslos sein, aber auch wer Grund hatte, K. gram zu sein, konnte ihm seine Bewunderung, ja seine Verehrung nicht versagen, denn selbst wenn man nüchtern in Rechnung stellt, daß er – vor allem in den späten Jahren – die mühsame Feinarbeit gern auf rasch wechselnde Mitarbeiter abwälzte, bleibt seine über alle Modeströmungen erhabene und bis ins hohe Alter fortgesetzte Leistung einmalig.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Ak. d. Wiss. in Göttingen, Berlin, München u. Wien, d. Acc. dei Lincei, Acc. pontificia di archeol. in Rom, Ac. de la Hist. in Madrid, d. Friedenskl. d. Pour le mérite; Geh. Oberregierungsrat.

  • Werke

    Weitere W u. a. (abschließende Bibliogr. fehlt), nahezu vollst. Verz. in: SB d. Preuß. Ak. d. Wiss., 1934, Nr. 16, zu ergänzen: Vier Kapitel aus d. Gesch. Kaiser Heinrichs III., in: Abhh. d. Preuß. Ak. d. Wiss., 1930, Nr. 3 (Neudr. 1963 als Anhang zu: E. Steindorff, Jbb. d. Dt. Gesch., Heinrich III., Bd. 2): Die Kanzleistud., ebd., 1932, Nr. 1, 1933, Nr. 1, 1936, Nr. 8, 1939, Nr. 4 u. 16, dazu NA 50, 1935, S. 1-105;
    Ital. Erinnerungen, in: Vorträge d. Kaiser Wilhelm-Inst. im Palazzo Zuccari 21, 1940 (im Plauderton gehallen).

  • Literatur

    W. Holtzmann, in: DA 8, 1951, S. 26-58;
    ders., Das Dt. Hist. Inst. in Rom, in: Arbeitsgemeinschaft f. Forschung d. Landes Nordrhein-Westfalen 46, 1955;
    K. Brandi, in: Jb. d. Ak. d. Wiss. zu Göttingen 1944–60, 1962, S. 134-50 (Nachruf, gehalten wohl 1945);
    G. Tellenbach, Zur Gesch. d. Preuß. Hist. Inst. in Rom 1888-1936, in: Qu. u. Forschungen aus ital. Archiven u. Bibl. 50, 1971, S. 382-419 (P);
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  • Nachlaß

    Nachlaß im Dt. Zentral-Archiv, Merseburg, Zentraldirektion d. MG, München u. Dt. Hisl. Inst., Rom. - Zur Geneal.: M. Kehr, in: Geneal. 17, 1968; - zu V Karl:ADB 51; E. Müller, in: Mitteldt. Lb. I, 1926 (L, P); R. Barth, in: Thür. Erzieher, 1966; M. Kehr, in: Geneal. 18, 1969; - zu B Hans: W. Pincus, in: Mitteldt. Lb. II, 1927 (L, P); Fischer; - zu J. Ramackers: O. Vasella, in: HJb. 86, 1966; - zu W. Wiederhold: C. Borchers, in: Niedersächs. Jb. 8, 1931.

  • Portraits

    Phot. (München, Zentraldirektion d. MG).

  • Autor/in

    Theodor Schieffer
  • Empfohlene Zitierweise

    Schieffer, Theodor, "Kehr, Paul" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 396-398 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118721461.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA