Wollweber, Ernst
- Lebensdaten
- 1898 – 1967
- Geburtsort
- (Hann.) Münden
- Sterbeort
- Berlin(-Ost)
- Beruf/Funktion
- Minister für Staatssicherheit der DDR
- Konfession
- -
- Namensvarianten
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- Wollweber, Fritz Karl Ernst
- Stein( Tarnname)
- Behrend( Tarnname)
- Wollweber, Ernst
- Wollweber, Fritz Karl Ernst
- Stein( Tarnname)
- stein
- Behrend( Tarnname)
- behrend
- Wollweber, Fritz Carl Ernst
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Wollweber, Fritz Karl Ernst (Tarnname unter anderem Stein, Behrend)
| Minister für Staatssicherheit, * 29.10.1898 (Hann.) Münden, † 3. 5.1967 Berlin(-Ost), ⚰ Berlin-Friedrichsfelde, Zentralfriedhof.
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Genealogie
V Carl (1867 – vermutl. 1926, ⚭ 1920/21 Luise Scheifler, verw. Knauf, 1879–1958), Tischler in H. M., Mitgründer d. Holzarbeiter-Verbands ebd., S d. Jacob (1829–89 Suizid im Gefängnis);
M Elise Marie Wilhelmine (Lina) Ilse, Dienstmagd, seit 1915 getrennt lebend v. Carl W., 1918 geschieden, unehel. T d. N. N. Stichtenot(h) (1866–1946);
2 B →August (* 1892), Karl (1903–68), 3 Schw Else (* 1894), Sophie (* 1896), Marie (* 1901), 2 Halb-B Alfred (1921–86), Herbert (1923–43);
– ⚭ wahrsch. Moskau 1935 ⚮ n. 1945 →Ragnhild (1910–64, ⚭ 2] →Rolf Biering, 1908–75, Schiffsmakler), aus Kristiania (Oslo), T d. →Hans Emil Wiik (1868–1943), aus Oslo, u. d. Marie Kathinka Josefine Hansen (1872–1962), 2) 1960 →Erika Mandtke, verw. Kühn (1925–2014), Stenotypistin, Lehrerin, 1943 Mitgl. d. NSDAP, 1946 d. SED, 1951 Mitarb. v. W. im Min. f. Verkehrswesen d. DDR, 1957–60 wiss. Mitarb. an d. Forsch.anstalt f. Schiffahrt, Wasser- u. Grundbau Berlin(-Ost), 1963–68 Lektorin im Transpress Verlag f. Verkehrswesen,, 1968–80 wiss. Mitarb. im Kulturmin. d. DDR, Hauptverw. Verlage u. Buchhandel, ⚯ →Clara (* 1900, ⚯ →August Creutzburg, 1892–1941, KPD-Funktionär, erschossen in d. UdSSR), in d. UdSSR inhaftiert, T d. →Albert Vater (1859–1923), Mitbegründer d. KPD. -
Biographie
W. wuchs in einer Arbeiterfamilie unter schwierigen sozialen Verhältnissen auf, besuchte bis 1912 die ev. Knabenvolksschule in Münden und war früh in der sozialistischen Arbeiterjugend aktiv. 1912–16 arbeitete er als Schiffsjunge, Ende 1916 wurde er zum Kriegsdienst als Sprengvormann auf einem U-Boot eingezogen. An den revolutionären Ereignissen 1917/18 war er beteiligt, zunächst als Vertrauensmann von U-Boot-Besatzungen, dann im Nov. 1918 in Kiel im Soldatenrat. Nach der Entlassung aus der Marine ging er im Febr. 1919 nach Berlin, wo er von →Wilhelm Pieck (1876–1960) als Wanderredner der KPD verpflichtet wurde. Im April 1919 war er Mitgründer und Vorsitzender der KPD in Münden sowie Mitglied der KPD-Bezirksleitung Niedersachsen.
W. verdiente seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs; bereits 1920 verstand er sich als Berufsrevolutionär. Geschult wurde er, zusammen mit →Max Hoelz (1889–1933), von →Otto Rühle (1874–1943) in der 1. KPD-Reichsparteischule. 1919/20 war W. 2. Vorsitzender des Gewerkschaftskartells Münden. An der Arbeitererhebung gegen den Kapp-Putsch 1920 beteiligte er sich. 1921 wurde er KPD-Bezirkssekretär von Hessen-Waldeck, Mitglied des KPD-Zentral-Ausschusses und fuhr 1922 nach Moskau zum IV. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale, wo er u. a. →Lenin und →Trotzki traf. 1923 Mitglied des zentralen Revolutionskomitees der KPD, bereitete er als militärpolitischer Leiter der KPD im Bezirk Hessen-Waldeck den gewaltsamen Umsturz vor, der im Oktober scheiterte. Seitdem agierte er unter wechselnden Decknamen, so 1923 in Thüringen als „Stein“. 1924 militärpolitischer Leiter in Schlesien, hatte er hier Spitzel zu enttarnen und damit die KPD-Bezirksleitung abzusichern. 1924 wurde er verraten, verhaftet und im Dez. 1925 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. 1926 begnadigt, wurde er im selben Jahr Instrukteur des ZK der KPD in Schlesien. 1928–32 war er Abgeordneter im Preuß. Landtag, 1929/30 auch im Provinziallandtag Niederschlesien. In den ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der KPD im Herbst 1928 stand er auf der Seite →Ernst Thälmanns (1886–1944), was 1929 zu seiner Ernennung zum Sekretär der Bezirksleitung in Schlesien führte. Ende 1930 nach Berlin in das Reichskomitee der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) beordert, wurde W. 1932 Reichsleiter des kommunistischen Einheitsverbands der Seeleute, gehörte zum Sekretariat der von der Komintern gesteuerten „Internationale der Seeleute und Hafenarbeiter“ und wurde mit dem Aufbau eines Geheimapparats beauftragt. Nov. 1932 bis März 1933 war W. Abgeordneter im Reichstag. 1933 ging W. ins Exil und war in Kopenhagen Vertreter der Auslandsleitung der KPD. Ein gescheiterter Versuch der Gestapo, ihn zu entführen, erregte internationale Aufmerksamkeit. 1934 wechselte W. nach Moskau zur Roten Gewerkschafts-Internationale (Profintern) und wurde nach Leningrad versetzt, wo er 1934/35 den internationalen Seemannsklub leitete, dessen Aufgabe in der ideologischen Beeinflussung von Seeleuten und Rekrutierung von Agenten bestand. 1936 beauftragte ihn sowjet. Dienststellen mit Spezialaufgaben. Nur ganz wenige sowjet. oder dt. Funktionäre wie Pieck oder →Walter Ulbricht (1893–1973) waren eingeweiht. Diese „Wollweber-Organisation“ ist bis heute mythenbeladen: Sie agierte in acht Ländern und hatte hunderte Mitarbeiter. W., eine der von der Gestapo meistgesuchten Personen, arbeitete unter dem Decknamen Ernst Behrend. Allein in Norwegen, wo er sich seit 1936 überwiegend aufhielt und zur Tarnung mit der norweg. Kommunistin →Ragnhild Wiik verheiratet war, umfaßte die Organisation rund 200 Personen. Hier wurden mehr als 110 Aktionen an Frachtschiffen durchgeführt, um diese fahruntüchtig zu machen und z. B. Waffenlieferungen an die Franco-Truppen in Spanien zu verhindern. Weitere starke Gruppen existierten in den Niederlanden und Dänemark.|W. organisierte auch Waffenlieferungen für die Republikaner in Spanien.
Nach der Besetzung Norwegens durch Deutschland floh W. nach Schweden, wo er im April 1940 beim Grenzübertritt verhaftet wurde.
Das dt. Auslieferungsersuchen war erfolglos, da W. 1938 die dt. Staatsbürgerschaft aberkannt worden war. Er erhielt in Schweden eine dreijährige Haftstrafe wegen Sprengstoffdiebstahls und Paßvergehens. 1944 wurde W., nachdem er die sowjet. Staatsbürgerschaft erhalten hatte, von einem sowjet. Flugzeug in die Sowjetunion ausgeflogen. In Norwegen und Schweden gab es nach 1945 parlamentarische Untersuchungen zur „W.-Organisation“, die entgegen Spekulationen in der Literatur nach 1945 nicht mehr aktiv war.
Im März 1946 kehrte W. nach Deutschland zurück, arbeitete 1946–50 in der SBZ als Generaldirektor des Schiffahrtsamts und 1950–53 als Staatssekretär im Ministerium für Verkehrswesen der DDR mit der Hauptaufgabe, die Binnenschiffahrt wiederaufzubauen. Nach dem Sturz des Ministers für Staatssicherheit, →Wilhelm Zaisser (1893–1958), wurde W., der als Mann Moskaus galt, 1953 dessen Nachfolger (1953–55 Staatssekr., dann Min.). 1954 wurde W. in das ZK der SED gewählt. Im Herbst 1956 zählte er mit →Karl Schirdewan (1907–1998), den er seit 1929 aus Breslau kannte, zu den innerparteilichen Gegnern Ulbrichts. Im Nov. 1957 trat W. vom Amt als Minister für Staatssicherheit zurück, offiziell aus gesundheitlichen Gründen. Er und Schirdewan wurden 1958 aus dem ZK ausgeschlossen. W. wurde zudem seit 1957 vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) beobachtet, das irrtümlich glaubte, ein Netzwerk feindlicher Kommunisten entdeckt zu haben. Er diktierte seiner Frau →Erika seine Erinnerungen bis 1948, die diese nach W.s Tod an →Erich Honecker (1912–1994) und das MfS übergab, die an einer Veröffentlichung nicht interessiert waren. Eine wissenschaftliche Edition ist in Vorbereitung.
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Auszeichnungen
|VVO in Gold (1954).
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Werke
|Parole: „Feuer’ raus!“, in: Jb. d. Schiffahrt 1968, S. 28–31;
Vor 50 J., Des Kaisers Kuli stand auf, ebd. 1967, S. 36–38;
Lenin kam z. dt. Delegation, in: Einheit, Zs. f. Theorie u. Praxis d. Wiss. Sozialismus 12, 1957, H. 11, S. 1459–61;
Aus Erinnerungen, Ein Porträt Walter Ulbrichts, hg. v. W. Otto, in: Btrr. z. Gesch. d. Arb.bewegung 32, 1990, S. 350–78;
– Nachlaß: BA (SAPMO);
StadtA Hann. Münden;
Kaderakte im Komintern-Archiv, Moskau. -
Literatur
|L. Borgersrud, Die W.-Organisation u. Norwegen, 2001;
ders., Fiendebilde W., Svart propaganda i kald krig, 2001;
R. Engelmann, in: D. Krüger u. A. Wagner (Hg.), Konspiration als Beruf, 2003, S. 179–206;
M. F. Scholz, Wollweberligan, E. E., in: K. Bosdotter (Hg.), Faror för staten av svåraste slag, 2012, S. 240–53;
C. Margain, L’Internationale des gens de la mer (1930–1937), Diss. Le Havre 2015 (unveröff.);
R. Heidenreich u. a., Geheimdienstkrieg in Dtld., 2016. -
Porträts
|Photogrr. (BA, Bilddatenbank).
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Autor/in
Ilko-Sascha Kowalczuk -
Zitierweise
Kowalczuk, Ilko-Sascha, "Wollweber, Fritz Karl Ernst (Tarnname unter anderem Stein, Behrend)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 491-493 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142969.html#ndbcontent