Wollschläger, Hans

Lebensdaten
1935 – 2007
Geburtsort
Minden (Westfalen)
Sterbeort
Bamberg
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
evangelisch
Namensvarianten

  • Wollschläger, Hans

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Zitierweise

Wollschläger, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142968.html [15.01.2026].

CC0

  • Wollschläger, Hans

    | Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber, * 17.3.1935 Minden (Westfalen), † 19.5.2007 Bamberg, Königsberg in Bayern. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Hermann (1908–87), ev. Pfarrer, 1934 in M., 1937 in Herford, 1956 in Essen-Rellinghausen, 1959–73 Mil.dekan d. Ev. Mil.seelsorge in Bonn, Vf. e. Autobiogr. (s. W), S d. Arnim (1871–1947), ev. Pfarrer in Westerkappeln, 1927–34 Sup. in Tecklenburg, u. d. Adele Schultz;
    M Gertrud Woydt (1903–1989);
    3 jüngere Geschw;
    1) um 1957 1957 N. N., 2) Bamberg 1962 Monika Ostrowsky (1940–2015), 1961–70 Sekr. d. Karl-May-Verl. in B. (s. W);
    1 S aus 2) Andreas (* 1973).

  • Biographie

    W. besuchte die Bürgerschule Stiftberg, seit 1946 das humanistische Friedrichs-Gymnasium in Herford. 1949/50 erteilte ihm der Organist Arno Schönstedt (1913–2002) Klavier- und Orgelunterricht. Nach dem Abitur 1955 studierte W. Kirchenmusik an der Nordwestdt. Musikakademie in Detmold, u. a. Komposition bei Wolfgang Fortner (1907–1987), und nahm privaten Dirigierunterricht bei Hermann Scherchen (1891–1966). 1957 schloß er das Studium mit dem A-Examen ab und lebte seitdem als freier Schriftsteller und Übersetzer in Bamberg; bis 1970 war er freier Mitarbeiter des dort ansässigen Karl-May-Verlags. 1969 gehörte er zu den Mitbegründern der Karl-May-Gesellschaft (stellv. Vors. seit 1971).

    Am E.T.A.-Hoffmann-Gymnasium in Bamberg unterrichtete W. 1973–75 Musik, an der dortigen Universität hatte er 2002 eine Poetik-Professur inne. 1998 übersiedelte er von Bamberg in das nahegelegene Dörflis (heute zu Königsberg in Bayern).

    Seit 1963 trat W. zunächst vornehmlich als Übersetzer aus dem Englischen hervor (u. a. J. Baldwin, D. Barthelme, W. Faulkner, R. Chandler, D. Hammett); mit Arno Schmidt (1914–1979) übersetzte er Werke von E. A. Poe (4 Bde., 1966–73, gekürzte Neuausg., 5 Bde., 1994, zahlr. Einzelausgg.). Seiner Übertragung eines Kapitels aus James Joyces „Finnegans Wake“ (in: J. Joyce, Anna Livia Plurabelle, 1970, 1982) folgte die erste und bislang einzige Neuübersetzung des „Ulysses“ seit 1927 (in: J. Joyce, Frankfurter Ausg. 3, 2 Bde., hg. v. F. Senn, 1975, ²1976, mehrere Einzelausgg.), mit der W. bei der Kritik und in der Wissenschaft große Anerkennung fand; eine wissenschaftlich bearbeitete Neuausgabe (hg. v. H. Beck, 2018) erschien aus urheberrechtlichen Gründen nur in geringer Auflage.

    W.s frühe Beschäftigung mit Leben und Werk Gustav Mahlers (1860–1911) sowie editorische und organisatorische Tätigkeiten für die Internationale Gustav Mahler-Gesellschaft Ende der 1950er Jahre fanden ihren Nieder|schlag in einer Reihe von Aufsätzen (Der andere Stoff, Fragmente zu G. Mahler, hg. v. Monika Wollschläger u. G. Wolff, 2010) und stellten die Verbindung zu Theodor W. Adorno (1903–69) her. Seit den 1950er Jahren beschäftigte sich W. auch mit Karl May (1842–1912), v. a. mit dessen Spätwerk. 1965 veröffentlichte W. eine Biographie (u. d. T. Karl May, Grundriß e. gebrochenen Lebens, 1976, ²1977, 2004, hg. v. K. Hoffmann, 1990, Neuausg. 2004) und war seit 1987 Mitherausgeber einer historisch-kritischen Werkausgabe. Er gab Friedrich Rückerts (1788–1866) „Kindertodtenlieder“ (1988, 1993) und eine historisch-kritische Rückert-Ausgabe (Schweinfurter Ed., hg. mit R. Kreutner, 8 Bde., 1998–2007) heraus. In „Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem, Geschichte der Kreuzzüge“ (1973, Neuausg. 2003, ²2006, zuerst in: Kirche u. Krieg, hg. v. K. Deschner, 1970, S. 201–336 u. 496–512), „Die Gegenwart einer Illusion, Reden gegen ein Monstrum“ (1978, erw. Neuausg., hg. v. Monika Wollschläger, 2012) und „Tiere sehen dich an oder Das Potential Mengele“ (1990, erw. Neuausg., 2002) setzte W. sich kritisch mit den Kreuzzügen und der Kirche als Institution auseinander und trat für Tierrechte ein.

    Neben dieser thematisch vielseitigen, von Sigmund Freuds (1856–1939) und Wilhelm Reichs (1897–1957) Psychoanalyse beeinflußten Essayistik gehört zu W.s Werk der bereits seit 1959 in einer ersten Fassung entstandene experimentelle Roman „Herzgewächse oder der Fall Adams“ (1982, ³1997, erw. Neuausg., hg. v. Monika Wollschläger, 2011), den W. für sein Hauptwerk hielt; von einem angekündigten zweiten Teil erschien lediglich das kurze erste Kapitel „Enuma elisch“ (1987, wieder in: Herzgewächse [ … ], 2011). W.s Essayistik steht stilistisch in der Tradition von Karl Kraus (1874–1936), während sein Roman Einflüsse von Poe, Joyce und Arno Schmidt zeigt. Von der übersetzerischen Zusammenarbeit, dem gemeinsamen Interesse an Karl May und der zeitweiligen Freundschaft mit Schmidt zeugt ein umfangreicher Briefwechsel (A. Schmidt, Briefe, Bd. 4: Der Briefwechsel mit H. W., hg. v. G. Damaschke, 2018 [Biogramm W.s]).

  • Auszeichnungen

    |Förderpreis d. Landes NRW f. junge Künstler (1968);
    Lit.preis (1976) u. Friedrich-Baur-Preis (2005) d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste;
    Dt. Jugendlit.preis (1977);
    Arno-Schmidt-Preis (1982);
    Kulturpreis d. Stadt Nürnberg (1982);
    Stipendium d. Dt. Lit.fonds (1986);
    Preis d. Henning-Kaufmann-Stiftung z. Pflege d. Reinheit d. dt. Sprache (1988);
    E.T.A.-Hoffmann-Preis d. Stadt Bamberg (1989);
    Dr. phil. h. c. (Bamberg 1990);
    Ehrengabe d. Dt. Schillerstiftung Weimar (1995);
    Berganza-Preis (1997);
    BVK am Bande (2000);
    Kulturpreis d. Bayer. Landesstiftung (2001);
    Friedrich-Rückert-Preis d. Stadt Schweinfurt (2003);
    August-Gf.-v.-Platen-Preis d. Stadt Ansbach (2007);
    Mitgl. d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung (1983), d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste u. d. PEN-Zentrums d. Bundesrep. Dtld.

  • Werke

    Weitere W Von Sternen u. Schnuppen, Bei Gelegenheit einiger Bücher, Rezensionen u. Zensuren, 1984, erw. Neuausg., 2 Bde., 2006;
    In diesen geistfernen Zeiten, 1986, Neuausg. 1988;
    Dies Irae, 1994;
    Bannkreis d. besseren Heimat, Rede z. 450-J.-Feier d. Friedrichs-Gymn. Herford, 1994, Neuausg. 2002;
    Wiedersehen mit Dr. F., Beim Lesen in letzter Zeit, 1997;
    Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh [ … ], 2001;
    Moments musicaux, Tage mit TWA, 2005;
    Hg.: Jb. d. Karl-May-Ges., 1975–2007 (Mithg.);
    Karl Kraus-Lesebuch, 1980, Neuausgg. 1987, 1992;
    Karl Mays Werke, 1987 ff. (Mithg. bis 1998);
    Karl May, „Zürcher Ausg.“, 33 Bde., 1992, 1996;
    Die Insel u. einige andere Metaphern f. A. Schmidt, 2008;
    „Wie man wird, was man ist“, Sinfonietta domestica f. Kammerorchester, Autobiogr. Schrr., 2009;
    Annäherung an den Silbernen Löwen, Lesensarten zu Karl Mays Spätwerk, 2016 (mit G. Wolff);
    H. W.-Lesebuch, zus.gest. v. M. Girke, 2016;
    Schrr. in Einzelausgg., 10 Bde., seit 2002 hg. v. Monika Wollschläger, 2008–16 hg. mit G. Wolff;
    Tonträger: H. W. liest Ulysses, Tonkassette, 1982;
    H. W. liest „Wir in effigie“ aus „Herzgewächse“, Tonkassette, 1984;
    H. W. liest Karl Kraus, Tonkassette, 1988;
    H. W. liest „Rückerts ist der Orient [ … ]“, CD, 2005;
    Nachlaß: Staatsbibl. Bamberg;
    zu Hermann: Feldmaus sucht ihr Schlupfloch, Ein Seelsorger erlebt d. Krieg, 1976, ²1979 (Autobiogr.).

  • Literatur

    |A.-Schmidt-Stiftung (Hg.), A.-Schmidt-Preis f. H. W., 1982;
    R. Schweikert (Hg.), H. W., 1995 (W, L, P);
    W. Segebrecht (Hg.), H. W., Bamberg, 1995;
    ders. (Hg.), Auskünfte v. u. über H. W., 2002 (P);
    A. Weigel, Ruckworts gegen d. Strom der Zeilen, Lese-Notizen zu H. W.s „Herzgewächse [ … ]“, 1992, 1994;
    G. Graf, Über d. Briefwechsel zw. A. Schmidt u. H. W., 1997;
    Anderrede vom Weltgebäude herab, H. W. z. Gedächtnis, 2007;
    C. Lercher, Hey, Jack! Wo steckst du? Der Über-Maler H. W. u. seine Übers.konzeption, 2013;
    KLG;
    Killy;
    Kosch, Lit.-Lex.³;
    KLL;
    Mitt. v. G. Damaschke (München);
    Internetpräsenz seit 2007 erstellt v. Th. Körber u G. Damaschke (W, L, Texte W.s);
    Tonträger: W. Gödden, „Es ist schon e. selbstmörderisches Gewerbe“, A. Schmidt u. H. W., Hörcollage, CD, 2017.

  • Porträts

    |Radierung u. 4 Zeichnungen v. E. Schlotter, 1984–92, Abb. in: Schweikert, s. o.;
    Zeichnungen v. E. Schlotter, o. J., Abb. in: Segebrecht, s. o., u. v. H. Wuttig, 1984, Abb. in: Lit.archiv Sulzbach-Rosenberg (Hg.), Prov. ist e. Möglichkeit, Zehn J. Lit.archiv, 1987, u. in: Segebrecht, 1995;
    Zeichnung „A. Schmidt u. H. W.“ v. F. W. Bernstein, 1989, Abb. in: Schweikert, 1995, u. in: Segebrecht, 2002 (beides s. L).

  • Autor/in

    Thomas Diecks
  • Zitierweise

    Diecks, Thomas, "Wollschläger, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 490-491 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142968.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA