Wicki, Bernhard
- Lebensdaten
- 1919 – 2000
- Geburtsort
- Sankt Pölten (Niederösterreich)
- Sterbeort
- München
- Beruf/Funktion
- Schauspieler ; Regisseur ; Photograph ; Musiker ; Fotograf ; Filmregisseur ; Schriftsteller
- Konfession
- katholisch
- Normdaten
- GND: 118767682 | OGND | VIAF: 29729081
- Namensvarianten
-
- Wicki, Bernhard
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- Benrath, Martin
- Bergman, Ingrid
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- Braun, Harald
- Brynner, Yul
- Fassbinder, Rainer Werner
- Frisch, Max
- Gründgens, Gustaf
- Handke, Peter
- Hesse, Hermann
- Kohlhaase, Wolfgang
- Käutner, Helmut
- Käutner, Helmut
- Mastroianni, Marcello
- Moreau, Jeanne
- Mühe, Ulrich
- Pabst, Georg Wilhelm
- Pulver, Liselotte
- Qualtinger, Helmut
- Quinn, Anthony
- Roth, Joseph
- Schenk von Stauffenberg, Claus Graf
- Ucicky, Gustav
- Wajda, Andrzej
- Wenders, Wim
- Zanuck, Darryl F.
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Wicki, Bernhard
| Schauspieler, Regisseur, Photograph, * 28.10.1919 Pölten (Niederösterreich), † 5.1.2000 München, ⚰ München, Nymphenburger Friedhof. (katholisch)
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Genealogie
V →Bernhard Emil (1885–1967), aus Kriens (Kt. Luzern), Ing., techn. Dir. u. Teilh. v. Maschinen- u. Papierfabriken in Köthen (Anhalt), S d. →Aloys (1858 –|1931), Gießer in Zürich-Seebach, u. d. Anna Bischof (1854–1917);
M Melanie Helene (1897–1985), T d. →Franz Kleinhapl, k. u. k. Straßenmeister in St. P., u. d. Helene Karolina Mudera;
Schw Liselotte Helene Hilda (1922–2000, ⚭ N. N. Fürthauer, Arzt in Pfarrwerfen, Pongau, Salzburger Land);
– ⚭ 1) Grünwald b. München 1945 →Agnes (1919–94), aus Frankfurt/M., Schausp., u. a. Dt. Kritikerpreis 1957, Goldener Bildschirm 1960 u.1961, Gr. BVK 1975 (s. Munzinger; Theaterlex. d. Schweiz), T d. Ludwig Fink (1891–1961), aus Schöllenbach (Odenwald) u. d. Anna Cäcilie Klotz (1892–1946), aus Mömlingen b. Miltenberg, 2) 1995 →Elisabeth (* 1944, ⚭ 1] Günter Endriss), aus Eger, Schausp., 2000 Gründerin u. Vorstand d. „Bernhard Wicki Gedächtnis Fonds“ in M., der seit 2002 d. „Bernhard Wicki Filmpreis–Die Brücke–Friedenspreis d. Dt. Films“ bzw. seit 2012 d. „Friedenspreis d. Dt. Films–Die Brücke“ verleiht (s. L, P), T d. →Han(n)s Oett(e)l († n. 1959), Schausp., u. d. →Ulla Christ, Schausp. -
Biographie
Nach dem Abitur 1938 in Bad Warmbrunn (Schlesien, heute Cieplice Śląskie-Zdrój) wollte W. ursprünglich Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik in Breslau studieren, entschied sich dann aber für eine Ausbildung an der Schauspielschule des Staatstheaters Berlin, nachdem er dort von →Gustaf Gründgens (1899–1963) aufgenommen worden war. Wegen Zugehörigkeit zum kommunistischen Flügel der vom NS-Regime verbotenen „Bündischen Jugend“ verbrachte er seit Herbst 1938 eine zehnmonatige Haftstrafe im KZ Sachsenhausen und stand danach unter polizeilicher Aufsicht. 1939 setzte er das Schauspielstudium am Wiener Max Reinhardt Seminar fort. Sein Bühnendebüt gab er 1940 am Schloßtheater Schönbrunn in der Titelrolle von Goethes „Urfaust“. In der Puschkin-Verfilmung „Der Postmeister“ (1940) von →Gustav Ucicky (1899–1961) trat W. als Statist auf. Es folgten erste Bühnenengagements in Freiberg (Sachsen), Bremen, wo er auch inszenierte, und in München. Im Frühjahr 1945 konnte er sich in die Schweiz absetzen; dort spielte er am Schauspielhaus Zürich und am Stadttheater Basel.
Nach Deutschland zurückgekehrt, wurde W. 1950 Ensemblemitglied des Münchner Staatstheaters. Daneben war er (bis 1960) als freiberuflicher Photograph tätig. Seine erste Filmrolle erhielt er in „Der Fallende Stern“ (1950) von →Harald Braun (1901–1960). Seine Mitwirkung in →Helmut Käutners (1908–1980) „Die letzte Brücke“ (1954) als jugoslaw. Partisan, der eine dt. Krankenschwester entführt, brachte ihm den schauspielerischen Durchbruch. Danach war er in zahlreichen Kinofilmen u. a. als Künstler, Arzt und Offizier zu sehen – so verkörperte er →Claus Schenk Gf. v. Stauffenberg (1907–44) in „Es geschah am 20. Juli“ (1955) von →Georg Wilhelm Pabst (1885–1967). Abermals mit →Helmut Käutner (und →Liselotte Pulver, * 1929, als Partnerin) entstand „Die Zürcher Verlobung“ (1957). In Käutners Film „Monpti“ (1957) arbeitete W. als Regie-Volontär. Daraufhin realisierte er seinen ersten eigenen Film „Warum sind sie gegen uns?“ (1958), eine semi-dokumentarische Studie über Jugendliche unterschiedlicher sozialer Herkunft in der westdt. Wirtschaftswundergesellschaft.
Einer großen Öffentlichkeit bekannt wurde W. durch seine zweite Regiearbeit „Die Brücke“ (1959). Der Film über das sinnlose Sterben einer Gruppe von Gymnasiasten, die in den letzten Tagen des 2. Weltkriegs am Rande einer dt. Kleinstadt eine ohnehin zur Sprengung vorgesehene Brücke verteidigen soll, wurde wegen seiner pazifistischen Haltung gerühmt, stieß wegen drastischer Gewaltdarstellungen aber auch auf Widerspruch.
Entstanden an realen Schauplätzen, erhielt „Die Brücke“ zahlreiche Auszeichnungen (u. a. eine Oscar-Nominierung) und gilt heute als eines der bedeutendsten Werke des dt. Nachkriegskinos. „Die Brücke“ beförderte W.s Laufbahn als Schauspieler und Regisseur. →Michelangelo Antonioni engagierte ihn neben →Jeanne Moreau und →Marcello Mastroianni als Hauptdarsteller seines Films „La Notte“ (1960). Für die Hollywood-Produktion „The Longest Day“ (dt. Der längste Tag, 1962) über die Landung der Alliierten in der Normandie inszenierte W. die in Deutschland spielenden Episoden.
Für denselben Produzenten →Darryl F. Zanuck drehte W. als Regisseur „The Visit“ (dt. „Der Besuch“, 1964) mit →Ingrid Bergman und →Anthony Quinn sowie den Kriegsfilm „Morituri“ (1965) mit →Marlon Brando und →Yul Brynner. Zurück in Deutschland, plante W. Romanverfilmungen u. a. von →Hermann Hesse, →Max Frisch und →Peter Handke, die jedoch, z. T. wegen mangelnder Finanzierung, nicht realisiert wurden.
Anfang der 1970er Jahre begann W., Fernsehfilme zu inszenieren. Mit →Helmut Qualtinger (1928–1986) entstand „Das falsche Gewicht“, mit →Martin Benrath (1926–2000) „Karpfs Karriere“ (beide 1971). Nach einem Hörspiel des Autors →Wolfgang Kohlhaase (1931–2022) drehte W. in den DEFA-Studios von Potsdam-Babelsberg „Die Grünstein-Variante“ (1984).
Auch die Verfilmung von →Alfred Anderschs (1914–1980) Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ (1987) entstand als Kooperation mit der DEFA an Schauplätzen in der DDR.|Daneben trat W. weiter als Schauspieler auf: in Kinofilmen wie „Despair“ (1977) von →Rainer Werner Fassbinder (1945–1982), „Eine Liebe in Deutschland“ (1983) von →Andrzej Wajda oder „Paris-Texas“ (1984) von →Wim Wenders (* 1945). Aber auch in TV-Reihen wie „Alpensaga“ (1980), „Der Alte“ oder „Derrick“ war W. gelegentlich zu sehen. Nach fast zehnjähriger Entwicklung drehte er 1986–88 sein Alterswerk „Das Spinnennetz“; basierend auf dem gleichnamigen Roman von →Joseph Roth (1894–1939), beschreibt der Film den Aufstieg eines Kriegsheimkehrers (gespielt von →Ulrich Mühe, 1953–2007), der sich Anfang der 1920er Jahre einem rechtsextremen Geheimbund anschließt, um politische Gegner auszuspionieren. Dabei erweist er sich als skrupelloser Karrierist, dessen Weg ihn in die NS-Bewegung führt. Mit dieser dreistündigen Arbeit zeichnete W. ein vielschichtiges Porträt der frühen Weimarer Republik mit einer durch die Fronterfahrung brutalisierten Generation junger Männer, die zu Protagonisten des Nationalsozialismus wurden.
W., dessen Leben von eigenen Erfahrungen in der NS-Diktatur geprägt war, befaßte sich in seinem Werk immer wieder mit Menschen in extremen existentiellen Situationen. In suggestiven Bildern verdichtete er Geschichte zu Geschichten über Menschen mit zuweilen obsessiv ausgetragenen Konflikten und Widersprüchen. „Immer geht es um Identität, um Selbstverlust oder Selbstfindung, um Gelingen oder Scheitern von Lebensentwürfen“ (Hermann Barth). Im dt. Nachkriegskino nimmt W. eine Ausnahmestellung ein: Als Schauspieler und Regisseur auch international tätig, bahnte er mit dem radikalen Gestus seiner Arbeiten dem jungen, westdt. Autorenfilm der 1960er Jahre den Weg; als Angehöriger einer Vätergeneration verhalf er ein Jahrzehnt nach Kriegsende dem dt. Film zu weltweiter Anerkennung und gehört auch mit seinen späteren Werken zu den maßgeblichen Filmgrößen der Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung.
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Auszeichnungen
|über 50 internat. Film- u. Fernsehpreise, u. a. Academy Awards, Oscar-Nominierungen als bester ausländ. Film f. „Die Brücke“ (1960) u. „Das Spinnennetz“ (1989);
Golden Globe f. „Die Brücke“ (1960);
Dt. Filmpreis, Filmband in Gold (1976);
BVK 1. Kl. (1982);
Helmut-Käutner-Preis d. Stadt Düsseldorf (1986);
Bayer. Filmpreis (1989);
Bayer. Verdienstorden (1992);
Ufa-Ehrenpreis (1992);
München leuchtet (1999);
Österr. Ehrenkreuz f. Wiss. u. Kunst I. Kl. (2000);
– Bernhard Wicki Gedächtnis Fonds, München (seit 2001). -
Werke
Weitere W u. a. Photoarbeiten: B. W.–Zwei Gramm Licht [Photographien aus zehn Jahren], hg. v. G. Ramseger, mit e. Vorw. v. F. Dürrenmatt, 1960;
B. W.–Fotografien, Pinakothek d. Moderne, München, Niederösterr. Landesmus., St. Pölten, Dt. Filmmus., Frankfurt/M., Ausst.kat. hg. v. I. Graeve Ingelmann, 2005. -
Literatur
L W. Zeindler, Maßlos u. unerbittlich in seinem Kunstwollen, in: NZZ v. 22.10.1999 (P);
H.-D. Seidel, Das wahre Gewicht, in: FAZ v. 28.10.1999 (P);
M. Althen, Das Gewicht d. Welt, in: SZ v. 28.10.1999 (P);
– Nachrufe: H.-D. Seidel, Ein Verlierer, der nie versagt hat, in: FAZ v. 6.1.2000 (P);
H.-G. Pflaum, Das richtige Gewicht d. Welt, in: SZ v. 7.1.2000 (P);
–Sanftmut u. Gewalt, Der Regisseur u. Schausp. B. W., Biogr., Filmogr., Essays, Interview, hg. v. Filmfestival Nordrhein-Westfalen, mit e. Vorw. v. R. Fischer u. Btrr. v. H. Abich, H. Barth, F. Dürrenmatt, A. Kluge u. a., 1991 (zahlr. Abb., P);
R. Blank, Jenseits der Brücke, B. W., Ein Leben f. d. Film, 1999 (zahlr. Abb., P);
A. Weber (Hg.), Er kann fliegen lassen, Gespräche u. Texte über B. W., 2000;
P. Zander, B. W., 2005 (zahlr. Abb.);
Elisabeth Endriss-Wicki, Die Filmlegende B. W., Verstörung – u. e. Art v. Poesie, 2007 (zahlr. Abb.);
dies., B. W., Leben mit e. Filmgenie, 2010;
– Munzinger;
HLS;
Theaterlex. d. Schweiz (P). -
Porträts
|Photogrr. v. F. Hug, 1977, Abb. in: SZ v. 28.10.1999, u. v. E. v. Schwichow u. I. Ohlbaum aus d. frühen 1990er Jahren;
– Dok.film: Verstörung – u. e. Art v. Poesie, Die Filmlegende B. W., 2007, Buch u. Regie: Elisabeth Wicki-Endriss, Produktion: Wicki Film, BR, u. a. mit Maximilian Schell, Michael Mendl u. Klaus Maria Brandauer. -
Autor/in
Friedemann Beyer -
Zitierweise
Beyer, Friedemann, "Wicki, Bernhard" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 26-28 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118767682.html#ndbcontent