Lebensdaten
1885 bis 1967
Geburtsort
Raudnitz (Böhmen)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Filmregisseur
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118942387 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Pabst, Georg Wilhelm
  • Pabst, G. W.
  • Pabst, Wilhelm

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Zitierweise

Pabst, Georg Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118942387.html [12.11.2019].

CC0

  • Genealogie

    V August (1853–1926), Eisenbahnbeamter, S d. Franz Stephan (* 1821) u. d. Josefa Thekla Hawel (* 1831);
    M Elisabeth (Ella) (1864–1953), T d. Ferdinand Noë (* 1825) u. d. Aloysia Culik (* 1827);
    Schw Viola Broda (1883–1971), Schausp. in W.;
    Berlin-Wilmersdorf 1924 Gertrude (Trude) (1899–1993), T d. Georg Wilhelm Hennings, Uhrmacher in Schwerin, u. d. Sophie Luise Tessmann;
    2 S, Peter (1924–92), Redakteur d. Bayer. Rundfunks in München, Michael (* 1941), Galerist u. Kunsthändler in München; N 2. Grades Václav Havel (* 1936), Schriftst., Staatspräs. d. Tschech. Republik.

  • Leben

    P., der in Wien aufwuchs, begann nach der Realschule 1902 ein Ingenieurstudium, das er aber abbrach, um Schauspieler zu werden. 1906 trat er erste Engagements in St. Gallen und Zürich an und wechselte 1910 an das Deutsche Volkstheater in New York, wo er auch als Regisseur tätig war. Während des 1. Weltkriegs war er in Frankreich interniert und ging nach Kriegsende zu Bühnen in Wien und Prag. 1921 erhielt P. über den Regisseur Carl Froelich (1875–1953) erste Kontakte zur Filmindustrie. Er wirkte als Filmdarsteller und Drehbuchautor, bevor er 1923 mit „Der Schatz“ – noch ganz dem filmischen Expressionismus verpflichtet – als Regisseur debütierte. Nach einem Zeitschriftenroman von Hugo Bettauer und einem Drehbuch von Willy Haas entstand 1925 der Film „Die freudlose Gasse“ mit Greta Garbo und Asta Nielsen in den Hauptrollen, in dem P. einen realistischen Bilderbogen Wiens während der Inflationszeit entwarf. Dieser Film, von der Zensur heftig angefeindet und wegen „entsittlichender Tendenzen“ mit Schnittauflagen belegt, begründete P.s Ruf als Regisseur der Neuen Sachlichkeit und als Exponent eines sozial engagierten Kinos.

    Mit „Geheimnisse einer Seele“ (1925/26) drehte P. den ersten sog. psychoanalytischen Film, ein Versuch, die Lehren Freuds zu popularisieren. Nach einem Roman von Ilja Ehrenburg entstand 1927 „Die Liebe der Jeanne Ney“, ein „Russenfilm“ im amerik. Stil, worin der politische Hintergrund der russ. Revolution jedoch gegenüber den Elementen des Unterhaltungsfilms zurücktritt. P. schärfte mit diesem Film seine inszenatorische Handschrift: Er löste seine Szenen in viele einzelne Einstellungen und Kamerabewegungen auf, die er virtuos miteinander montierte, und setzte jeden Schnitt auf eine Bewegung. Mit „Die Büchse der Pandora“ (1928/29, nach den Bühnenstücken „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ von Frank Wedekind) und „Tagebuch einer Verlorenen“ (1929, nach dem gleichnamigen Trivialroman von Margarete Boehme) zeigte sich P. als Regisseur einer kalten Moderne ebenso wie als Inszenator des illustrativ Trivialen. In beiden Filmen, in denen die amerik. Schauspielerin Louise Brooks seine kongeniale Partnerin war und auch einen neuen Frauentyp kreierte, changiert P.s Dramaturgie und Inszenierungsstil zwischen Decouvrierung und Entertainment. P. zeigt sich als konservativer Avantgardist, als Ingenieur, der mit technisch kühlem Blick Welt und Gesellschaft registriert, den sexuellen Konnotationen und Verwirrungen der Zeit kritisch nachspürt, der aber immer auch der Alten Welt und ihren Normen verhaftet bleibt.

    Der pazifistische Film „Westfront 1918“ (1930), P.s erster Tonfilm, prangert die Grausamkeit des modernen Kriegs an und warnt vor einer neuen Kriegsgefahr. „Kameradschaft/La Tragédie de la mine“ (1931) – wieder ein pazifistisches Bekenntnis, ein Plädoyer für die Versöhnung mit Frankreich und für die internationale Solidarität der Arbeiter – setzte diese Argumentation in die Gegenwart von 1931 fort. Man sprach damals vom „roten Pabst“. 1930/31 inszenierte P. in einer zweisprachigen Version „Die 3-Groschen-Oper/L'Opera de quat'sous“ nach Bertolt Brecht und Kurt Weill. Um diese Verfilmung kam es zu einem aufsehenerregenden Rechtsstreit mit Brecht, der den Prozeß verlor.

    1932 drehte P. in Nordafrika den Film „Die Herrin von Atlantis“ (franz.: „L'Atlantide“, engl.: „The Mistress of Atlantis“), ein pessimistisch-melancholisches Wüstenmärchen, vielleicht auch ein Ausweichen vor der immer bedrohlicher werdenden Wirklichkeit in Deutschland. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, arbeitete P. in Frankreich an „Don Quichotte“, ein versteckter und verkannter Film in seinem Œuvre, in dem er kaum verschlüsselt für Menschlichkeit und Phantasie plädiert. Der Film, der mit den Aufnahmen brennender Bücher endet, die sich als unzerstörbar erweisen, enthält damit einen deutlichen Kommentar zur Zeit. P, nun selber ein „chevalier errant“, entschied sich für das Exil. Bis 1939 drehte er einige franz. Filme, die allerdings über ihr Genre kaum hinausweisen. Dazwischen realisierte er einen Film in den USA (A Modern Hero, 1934). 1939 bereitete P. von Österreich aus, nun Teil des Deutschen Reiches, seine Flucht in die USA vor. Vom Kriegsausbruch überrascht und durch Krankheit behindert,|verfolgte er diesen Plan nicht weiter, sondern blieb und arbeitete in Nazi-Deutschland, was ihm den Ruf eines Opportunisten einbrachte. Seine Filme „Komödianten“ (1940/41, über die Schauspielerin Karoline Neuber) und „Paracelsus“ (1942/43), zwei aufwendig in Szene gesetzte Historienbilder, galten dem nationalsozialistischen Regime als willkommenes kulturelles Aushängeschild.

    Nach Kriegsende setzte sich P. in seinen Filmen mit Nazismus, Antisemitismus und dem Widerstand gegen Hitler auseinander: „Der Prozeß“ (1947/48) behandelt – gleichermaßen pathetisch wie naiv – ein Pogrom im Ungarn des späten 19. Jh., „Der letzte Akt“ (1954/55) thematisiert in vehement-verrückter Kolportage die letzten Tage Hitlers in der Reichskanzlei, „Es geschah am 20. Juli“ (1955) zeichnet das fehlgeschlagene Attentat Stauffenbergs auf Hitler fast dokumentarisch nach. Daneben entstanden Melodramen, die künstlerisch kaum mehr an P.s Filme der 20er und 30er Jahre heranreichten; nur in „Geheimnisvolle Tiefe“ (1949) zeigte sich noch einmal die Kraft der Bilderwelt des Regisseurs, eines privaten Universums zwischen konservativer Geisteshaltung und avantgardistischer Ästhetik. Nach schwerer Erkrankung Mitte der 50er Jahre konnte P. keine Filme mehr realisieren. 1963 machte das Filmmuseum München erstmals nach dem Krieg wieder auf P.s Werk aufmerksam. Die historische Retrospektive der Internat. Filmfestspiele Berlin leitete 1997 mit restaurierten und rekonstruierten Fassungen seiner Filme eine Neubewertung seines Werks ein.|

  • Auszeichnungen

    Ehrenring d. Stadt Wien (1948J; Bundesfilmpreis (1963); österr. Prof. (1965).

  • Werke

    Weitere W Im Banne der Kralle, 1921 (Regie: C. Froelich;
    Darsteller);
    Der Taugenichts, 1921/22 (Regie: ders.;
    Drehbuch, Regieassistenz);
    Luise Millerin, 1922 (Regie: ders.;
    Drehbuch, Regieassistenz);
    Gräfin Donelli, 1924;
    Man spielt nicht mit d. Liebe, 1926;
    Abwege, 1928;
    Die weiße Hölle vom Piz Palü, 1929 (Regie mit A. Fanck);
    Moral um Mitternacht, 1930 (Regie: M. Sorkin: Künstl. Oberleitung);
    Prix de beauté (Miss Europe)/Price of Beauty/Miss Europa (Der Schönheitspreis)/Premio di Bellezza, 1929/30 (Regie: A. Genina;
    Idee mit R. Clair);
    Skandal um Eva, 1930;
    Du haut en bas, 1933;
    Cette nuit-là, 1933 (Regie: M. Sorkin: Künstler. Oberleitung);
    Mademoiselle Docteur, 1936;
    Le Drame de Shanghai, 1938;
    L'Esclave blanche, 1938/39 (Regie: M. Sorkin: Künstler. Oberleitung);
    Jeunes filles en detresse, 1939;
    Der Fall Molander, 1944/45 (unvollendet);
    Ruf aus d. Äther (Ruf aus d. Äther/Piraten d. Berge). 1948/49 (Regie: G. C. Klaren;
    Künstler. Oberleitung, Produzent);
    1-2-3 Aus! (Meisterspringer), 1949 (Regie: J. A. Hübler-Kahla;
    Produzent);
    Duell mit d. Tod (Duell mit d. Tod/Der Eid d. Prof. Romberg/Am Rande des Lebens), 1949 (Regie: P. May;
    Drehbuch, Produzent);
    La Voce del silenzio/La Voix du silence (Männer ohne Tränen [Aus der Bahn geworfen]), 1952;
    Cose da pazzi, 1953;
    Das Bekenntnis d. Ina Kahr, 1954;
    Rosen f. Bettina, 1955/56;
    Durch d. Wälder, durch d. Auen, 1956.

  • Literatur

    N. Efimov, G. W. P., 1936;
    L. Geseck (Hg.), G. W. P, Filmkunst Nr. 18, 1955 (Sonderh.);
    G. Bachmann (Hg.), Six Talks on G. W. P., 1955;
    R. S. Joseph (Hg.), Der Regisseur G. W. R., 1963;
    F. Buache, G. W. P., 1965;
    B. Amengual, G. W. P, 1966 (Filmo- u. Bibliogr.);
    C. F. Cuenca, G. W. R, 1967;
    Y. Aubry u. J. Pétat, G. W. P., 1968;
    L. Atwell, G. W. P., 1977 (Filmo- u. Bibliogr.);
    F. Salina, Immagine e fantasma, La psicoanalisi nel cinema di Weimar, G. W. P./K. Abraham/H. Sachs, Geheimnissee. Seele, 1979;
    E. Groppali, G. W. R., 1983;
    G. Schlemmer, B. Riff u. G. Haberl (Hg.), G. W. P, 1990;
    E. Rentschler, The Films of G W. P., 1990 (Filmo- u. Bibliogr.);
    H. Barth, Psychagog. Strategien d. film. Diskurses in G. W. P.s „Kameradschaft“, 1990;
    H. Kappelhoff, Der möblierte Mensch, G. W. P. u. d. Utopie d. Sachlichkeit, 1995;
    G. M. Grabowska u. R. Prokurat (Red.), G. W. P., 1995;
    H. Belach, H.-M. Bock (Hg.), Kameradschaft, Drehbuch v. Vajda/Otten/Lampel zu G. W. P.s Film von 1931, 1997;
    W. Jacobsen (Hg.), G. W. P, 1997 (Filmo- u. Bibliogr.);
    Cine-Graph.

  • Autor/in

    Wolfgang Jacobsen
  • Empfohlene Zitierweise

    Jacobsen, Wolfgang, "Pabst, Georg Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 737-738 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118942387.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA