Witte, Gunther

Lebensdaten
1935 – 2018
Geburtsort
Riga
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Fernsehredakteur ; Dramaturg ; Produzent ; Drehbuchautor
Konfession
-
Namensvarianten

  • Witte, Gunther
  • Witte, Gunter

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Zitierweise

Witte, Gunther, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142917.html [16.01.2026].

CC0

  • Witte, Gunther

    | Fernsehredakteur, Dramaturg, Produzent, Drehbuchautor, * 26.9.1935 Riga, † 16.8.2018 Berlin, ⚰ Berlin, Alter Luisenstädtischer Friedhof.

  • Genealogie

    V Egon ( n. 1964, 2] 1944 N. N.), Dipl.-Chemiker, Pharmazeut in B., um 1939 umgesiedelt n. Ketschendorf b. Fürstenwalde, ab 1948 in B.;
    M Helga v. (Trotta gen.) Treyden (?) (1907–42), aus R.;
    seit 1944 Stief-M N. N.;
    1 Schw Hannelore Henrion (* 1941), Dr. med., Kinderärztin in B., 1 Halb-Schw Anita ( N. N. Smythe) ;
    1960 N. N.

  • Biographie

    W. kam um 1939 gemeinsam mit seiner Familie als Umsiedler zunächst nach Posen (im damals besetzten Polen), dann in die Nähe Berlins. Mit sieben Jahre Halbwaise, besuchte er in Ketschendorf (heute Fürstenwalde-Süd) bei Berlin die Schule und wuchs dort mit Schwester und Halbschwester bei der Großmutter auf. Nach dem Krieg zog die Familie nach Ost-Berlin. 1953 begann W. an der Humboldt-Univ. ein Studium der Germanistik mit dem Unterfach Theaterwissenschaft, das er 1957 mit dem Staatsexamen abschloß. Trotz Eintritt in die FDJ und einer eher positiven Einstellung den sozialistischen Idealen gegenüber trat W. nicht in die SED ein. Noch 1957 erhielt er eine Dramaturgieassistenz am Theater in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) unter dem Intendanten Paul Herbert Freyer (1920–1983). Anfang der 1960er Jahre wurden W. die Rückkehr an die Universität wie auch die Möglichkeit zur Promotion durch eine Institutsassistenz in Aussicht gestellt; gemeinsam mit seiner Frau entschloß er sich jedoch 1961, wenige Wochen vor dem Bau der Berliner Mauer, in den Westen zu fliehen. Nach kurzem Aufenthalt im Flüchtlingslager Marienfelde und einer Zwischenstation in Frankfurt/M. erhielt das Paar in München eine Sozialwohnung. Nachdem sich keine Möglichkeit ergab, am Theater zu arbeiten, versuchte W. es beim Fernsehen und arbeitete kurzzeitig als freier Lektor für die Bavaria. Auf Empfehlung von Hans Gottschalk (1926–2010), der hier als Dramaturg und Autor tätig war, bewarb W. sich beim WDR. Von dem Dramaturg Hartwig Schmidt (* 1924) zunächst auf Probe eingestellt, erlangte W. 1963 eine Festanstellung. Unter der Leitung von Günter Rohrbach (* 1928), die innerhalb des Senders nach dem zuvor gängigen Vorbild des Theaters zur stärkeren Anlehnung an das Kino führte, begann W. 1965 die Eigenproduktionen des WDR zu betreuen. Im Bereich des Fernsehspiels kam es zur Zusammenarbeit mit Wolfgang Menge (1924–2012), Herbert Asmodi (1923–2007) und Peter Beauvais (1916–1986), später mit Bernhard Wicki (1919–2000), Wolfgang Petersen (1941–2022), Volker Schlöndorff (* 1939) und Hans W. Geißendörfer (* 1941). Ende der 1960er Jahre geriet der Sender durch die Unterhaltungsoffensive des ZDF unter starken Konkurrenzdruck, insbesondere durch die Eigenproduktion „Der Kommissar“ (1969–1976). Von Rohrbach beauftragt, entwickelte W. ein neues Konzept für eine Krimiserie in der Nachfolge von „Stahlnetz“ (1958–68), das die föderalen Strukturen der ARD aufgreifen und im Titel die jeweilige Stadt als Ort des Geschehens tragen sollte – eine Idee, die später verworfen|wurde. Der von W. entworfene „Tatort“ nahm damit das Konzept einer von ihm in den 1950er Jahren rezipierten Hörfunk-Reihe des Rias mit dem Titel „Es geschah in Berlin“ (1951–72) auf, die real geschehene Verbrechen fiktionalisiert aufbereitete. Dieses Projekt einer neuen Krimireihe, die einen Kommissar in den Mittelpunkt stellte, realistisch erscheinen und über einen regionalen Bezug verfügen sollte, konnte erst im zweiten Anlauf die Verantwortlichen des Senders überzeugen. Schließlich begann mit dem Fernsehfilm „Taxi nach Leipzig“, der, noch unabhängig von der „Tatort“ -Reihe gedreht, am 29.11.1970 in der ARD ausgestrahlt wurde, eine über 50 Jahre andauernde Erfolgsgeschichte. In den folgenden Jahren unterstützte W. maßgeblich die Filmproduktionen des Neuen dt. Films, die im Rahmen des Film-Fernseh-Abkommens und dem Konzept des sog. Amphibienfilms entstehen sollten. Mit Rohrbachs Wechsel zur Bavaria 1979 übernahm W. die Position des verantwortlichen Leiters des Fernsehspiels im WDR, das er bis dahin zu einer tonangebenden Talentschmiede ausgebaut hatte (Die verlorene Ehre der Katharina Blum, n. d. Erz. v. H. Böll, Regie: V. Schlöndorff u. M. v. Trotta, 1975; Die Konsequenz, n. d. Roman v. A. Ziegler, Regie: W. Petersen, 1977). In den 1980er Jahren geriet das Fernsehspiel auch intern unter Druck, ausgelöst durch das neue Konkurrenzmedium Video und die Akteure des Privatfernsehens. Eine Verkürzung der Sendezeit des „Tatorts“ auf 60 Minuten konnte W. verhindern; zur Position und möglichen Zukunft des Fernsehspiels äußerte er sich auch publizistisch. W. unterstützte Geißendörfer bei der Entwicklung einer neuen Dauerfamiliensendung nach dem brit. Vorbild „Coronation Street“ (1960 ff.); der Name der Serie, „Lindenstraße“ (1985–2020), wurde von W. beigesteuert. Entscheidenden Anteil hatte er am Zustandekommen von Produktionen wie „Nikolaikirche“ (1995) nach dem gleichnamigen Roman von Erich Loest (1926–2013), „Der Trinker“ 1995 nach Hans Fallada (1893–1947) sowie „Der Laden“ (3 T., 1998) nach Erwin Strittmatter (1912–1994), des weiteren an der „Bubi-Scholz-Story“ (2 T., 1998), „Klemperer–Ein Leben in Deutschland“ (12 T., 1999) und zuletzt an „Jahrestage“ (4 T., 2000) nach dem gleichnamigen Romanzyklus von Uwe Johnson (1934–1984). 1998 ging W. in den Ruhestand und zog nach Berlin.

  • Auszeichnungen

    |Besondere Ehrung d. (Adolf-)Grimme-Preises (2001);
    Ehrenmitgl. d. Dt. Filmak. (2007);
    Bambi Ehrenpreis d. Jury (2013).

  • Werke

    Weitere W Die Dubrow-Krise, 1969;
    Die Ratten, 1969;
    Eine Rose f. Jane, 1970;
    Die Verrohung d. Franz Blum, 1974;
    Die Eroberung d. Zitadelle, 1977 (Drehbuch);
    Das zweite Erwachen d. Christa Klages, 1978;
    Phantasten, 1979;
    Berlin Alexanderplatz, 1980;
    Schrr.: Verteidigung d. Besitzstandes oder Aufbruch zu neuen Ufern? Das Fernsehspiel–Stand u. Perspektive, in: Brauchen Fernsehspiel u. Hörspiel e. neue Dramaturgie?, hg. v. d. Dramaturg. Ges., mit Btrr. v. G. W. u. a., 1986, S. 13–27.

  • Literatur

    |E. Netenjakob, Strategie u. stille Leidenschaft, Ein Porträt d. Dramaturgen u. WDR-Fernsehspiel-Chefs G. W., in: Funkkorr. 39, 1998, S. 10–19;
    U. Spies, Der Kommissar war schuld, „Tatort Lindenstraße“, G. W. gebührt d. Grimme-Preis, in: FAZ v. 20.3.2001 (P);
    M. Hanfeld, „Tatort“ -Erfinder G. W. gestorben, in: FAZ v. 20.8.2018 (P);
    Interviews: E. Wenzel, Das scharfe Schwert d. Realitätsbezogenheit, Interview mit G. W., in: ders. (Hg.), Ermittlungen in Sachen TATORT, Recherchen u. Verhöre, Protokolle u. Beweisfotos, 2000, S. 26–32;
    „Menge war ein Visionär.“, G. W. im Gespräch mit L. Gotto u. W. Hagen, in: G. S. Freyermuth u. L. Gotto (Hg.), Der Televisionär, Wolfgang Menges transmediales Werk, Krit. u. dok. Perspektiven, 2016, S. 540–49;
    – K. M. Heinz, WDR Geschichte(n), Eine Zeitreise in 14 Interviews, G. W., WDR Fernsehen v. 24.8.2018 (P).

  • Autor/in

    Tobias Haupts
  • Zitierweise

    Haupts, Tobias, "Witte, Gunther" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 322-323 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142917.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA