Wiese, Leopold von

Lebensdaten
1876 – 1969
Geburtsort
Glatz (Kłodzko, Niederschlesien)
Sterbeort
Köln
Beruf/Funktion
Jurist ; Nationalökonom ; Soziologe ; Volkswirt
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118632604 | OGND | VIAF: 56680396
Namensvarianten

  • Wiese und Kaiserswaldau, Leopold Max Walter von
  • Wiese, Leopold
  • Wiese, Leopold von
  • Wiese und Kaiserswaldau, Leopold Max Walter von
  • Wiese, Leopold
  • L. v. W.
  • Wiese, Leopold O.
  • Wiese, Leop. von
  • Wiese, L. von
  • Kaiserswaldau, Leopold von W. und
  • Wiese und Kaiserswaldau, Leopold von
  • Wiese-Kaiserswaldau, Leopold von
  • Kaiserswaldau, Leopold Max Walter von Wiese und
  • Kaiserswaldau, Leopold von Wiese und
  • Wiese und Kaiserwaldau, Leopold Max Walter von
  • Wiese, Leopold v.
  • L.v.W.
  • Wiese und Caiserswaldau, Leopold Max Walter von
  • wiese und kaiserswaldau, leopold max walther von
  • Caiserswaldau, Leopold von W. und
  • Wiese und Caiserswaldau, Leopold von
  • Wiese-Caiserswaldau, Leopold von
  • Caiserswaldau, Leopold Max Walter von Wiese und
  • Caiserswaldau, Leopold von Wiese und
  • Wiese und Caiserwaldau, Leopold Max Walter von

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Zitierweise

Wiese, Leopold von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118632604.html [03.02.2026].

CC0

  • Wiese, Leopold Max Walther von

    | Soziologe, * 2.12.1876 Glatz (Kłodzko, Niederschlesien), † 11.1.1969 Köln, ⚰ Köln, Melaten-Friedhof. (evangelisch)

  • Genealogie

    Aus seit d. 13. Jh. nachweisbarer schles. Adelsfam. (de Pratis, de Prato, Wyse, We[h]se, v. der Wysa, v. Wiese u. Beinamen v. Geyersperg, Wangotha, Kaiserswaldau u. a.);
    V Benno (1842–85), aus Grünberg (Niederschlesien), preuß. Hptm., Kompagniechef im Inf.-Rgt. Nr. 18 (Gleiwitz), S d. Emil (1807–81), aus Kalisch (Westpr.), 1848–73 Bgm. in Sprottau (Niederschlesien), 1854–55 Abg. d. Preuß. Abg.hauses (s. Biogr. Hdb. Preuß. Abg.haus II), u. d. Adele Scheurich (1812–1872), aus Klein Tinz (Niederschlesien);
    M Anna (1855 – n. 1900), aus Rothenburg (Oberlausitz), T d. August v. Rabenau (1814–85), auf Bertelsdorf b. Lauban, u. d. Ida Krumbholz (* 1829);
    Ur-Gvv Kaspar Siegfried (1777–1855), preuß. Reg.rat;
    1) Münster 1902 1917 Johanna (Hanna) (1878–1968), Malerin, T d. Paul Frhr. v. Gersdorff (1844–1906), aus Rothenburg (Oberlausitz), preuß. Oberamtmann, Deichhptm., Pächter d. Domäne Kloster Jerichow (Altmark), Deichhptm., Bgm. in Langenlonsheim/Nahe, u. d. Luise v. Plotho (1852–1936), 2) 1919 1925 Daisy Findlay (* 1899), aus Hamburg, 3) 1925 oder 1926 Nathalie Garetzeloff (* 1900), aus Tiflis;
    4 K 1 S aus 1) Benno (s. 2), 1 T aus 1) Ursula Guggenheim-v. W. u. K. (Ps. Renate Welling,Sybille Hilton) (1905–2002, Werner Johannes Guggenheim, 1895–1946, aus St. Gallen, Schriftst., Übers., Dramaturg in St. Gallen, 1931–46 Präs. d. Ges. Schweizer Dramatiker, s. L), Schausp., Lektorin, Übers., Schriftst., 1973–78 Präs. d. Ges. Schweizer Dramatiker (s. L);
    1 T aus 2) Ingeborg (* 1920, 1] Harald v. Schönberg, 1914–45 ⚔, Major, 2] N. N.), 1 T aus 3) Ossana (* 1926), Dr. phil., Slawistin, Lektorin f. slaw. Sprachen an d. Univ. Münster;
    E Cordelia Guggenheim (1935–1963), Psychol., Tänzerin, Schausp., Fernsehansagerin;
    Tante-m d. Ehefrau Elisabeth (Else) v. Plotho (1853–1952, 1873 1887 Armand Léon Baron v. Ardenne, 1848–1919, kath., 1863 luth., preuß. Gen.lt., Mil.hist., s. GHdA Frhrl. Häuser XI, 1979, S. 296), Vorbild f. Theodor Fontanes Romanfigur Effi Briest (s. Magdeburger Biogr. Lex.).

  • Biographie

    Nach dem Schulbesuch in einem preuß. Kadettenkorps und Abitur 1898 in Görlitz studierte W. an der Univ. Berlin Nationalökonomie, v. a. bei Gustav Schmoller (1838–1917), von dem er 1902 zum Dr. phil. promoviert wurde. Anschließend arbeitete er als wiss. Sekretär am Institut für Gemeinwohl in Frankfurt/M. und im Berliner Büro für Sozialpolitik. 1905 habilitierte er sich in Berlin, erhielt dort eine Privatdozentur für wirtschaftliche Staatswissenschaften und lehrte als Professor an der Kgl. Akademie in Posen. 1908 nahm er eine Professur für Volkswirtschaftslehre und Gewerbeökonomie an der TH Hannover an und wechselte 1912 als Studiendirektor der Kurse für allgemeine Fortbildung und Professor an die Akademie für kommunale Verwaltung in Düsseldorf. Nach der Berufung an die Handelshochschule Köln 1915 erhielt er 1919 eine o. Professur für Wirtschaftliche Staatswissenschaften und Soziologie an der neugegründeten Univ. Köln und damit – neben Franz Oppenheimer (1864–1943) und Max Scheler (1874–1928) – einen der ersten dt. Lehrstühle für das Fach Soziologie. In Köln wurde W. 1919 zugleich Mitdirektor des städtischen Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften (Leitung Soziolog. Abt., seit 1934 Soziolog. Seminar, heute Inst. f. Soziol. u. Soz.psychol. [ISS] d. Univ. Köln) und 1921 Gründungsherausgeber der „Kölner Vierteljahrshefte für Sozialwissenschaften“ bzw. seit 1923/24 der „Kölner Vierteljahrshefte für Soziologie“, bis heute als „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“ (KZfSS) eine der wichtigsten soziologischen Zeitschriften im dt.sprachigen Raum. 1922 wurde W. Schriftführer der 1909 gegründeten „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“ (DGS). 1933 forcierte er den Versuch der „Selbstgleichschaltung“ der DGS durch Anpassung an den Nationalsozialismus, was zu deren Spaltung in verschiedene Lager mit divergierenden Vorstellungen von einer NSkonformen Wissenschaft und ihrer inneren Blockierung sowie zur Absetzung ihres Präsidenten Ferdinand Tönnies (1855–1936) führte, der SPD-Mitglied und erklärter Gegner des Nationalsozialismus war. Unter Tönnies’ Nachfolger Hans Freyer (1887–1969) trat die DGS während der NS-Zeit nicht mehr öffentlich in Erscheinung. Nachdem das Kölner Institut für Sozialwissenschaften 1934 aus finanziellen Gründen geschlossen wurde und die Kölner Vierteljahrshefte ihr Erscheinen einstellen mußten, nahm W., unter Beibehaltung seiner Kölner Professur, 1934/35 die Carl-Schurz-Professur an der Univ. Wisconsin und 1935 eine Gastprofessur an der Harvard Univ. wahr. Anschließend kehrte W., der kein Mitglied der NSDAP wurde, nach Köln zurück und setzte seine Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität fort.

    Nach der von ihm initiierten raschen Re-Etablierung der DGS 1946 war W. bis 1955 deren Präsident und gab 1948–55 wieder die KZfSS heraus. 1949 emeritiert, wurde er 1954 Vizepräsident der International Sociological As|sociation (ISA), deren Gründung 1949 er mit vorangetrieben hatte.

    Durch seine prägende Rolle in der DGS und seine Installierung der Soziologie und Empirischen Sozialforschung in Köln, aus der dann unter seinem Lehrstuhlnachfolger René König (1906–1992) die „Kölner Schule der Soziologie“ hervorging, beteiligte sich W. maßgeblich an der akademischen Institutionalisierung der Soziologie als eigenständiger Disziplin und ihrer Professionalisierung in Deutschland und war kontinuierlich über die wechselnden politischen Verhältnisse hinweg als Soziologe tätig. Dies beruhte neben der gestiegenen Nachfrage nach empirischer soziologischer Expertise auch auf W.s politisch opportunistischem Agieren: So kritisierte er in seinem Vorwort zu Ignaz v. Döllingers „Die Juden in Europa“ (1924) den Antisemitismus scharf, schlug aber 1933 dem Vorstand der DGS mit Erfolg vor, „nicht-arische“, politisch verfolgte und emigrierte Personen von der DGS-Mitgliedschaft auszuschließen und durch regimetreue Mitglieder zu ersetzen.

    Auf dem ersten Nachkriegssoziologentag 1946 erklärte W. die NS-Zeit in Deutschland als „heimtückischen Überfall“ und „metaphysisches Geheimnis …, an das der Soziologe nicht zu rühren vermag“ (Die gegenwärtige Situation, soziolog. betrachtet, in: Dt. Ges. f. Soziol. (Hg.), Verhh. d. 8. Dt. Soziologentages v. 19.–21. Sept. 1946 in Frankfurt a. Main, 1948, S. 20–40, hier S. 29), was in der Fachgeschichtsschreibung häufig als Beginn einer langjährigen Tabuisierung der NS-Soziologie angesehen wird.

    Mit Georg Simmel (1858–1918), dessen Kategorien er aufgriff, zählt W. zu den Begründern der Anfang des 20. Jh. das Fach dominierenden „Formalen Soziologie“, einer besonderen Betrachtung der Figuration sozialer Beziehungen, aus der er in den 1920er Jahren seine „Beziehungslehre“ als „allgemeine Soziologie“ entwickelte (Allg. Soziol. als Lehre v. d. Beziehungen u. Beziehungsgebilden d. Menschen, T. 1: Beziehungslehre, 1924, ⁴1966, T. 2: Gebildelehre, 1929). Aus W.s „Beziehungslehre“, die vor 1933 bedeutend war, in der NS-Zeit aber keine Relevanz mehr hatte, entstand auch nach 1945 keine eigene theoretische Schule. Als seine prominentesten Schüler gelten Hanna Meuter (1889–1964), Karl Gustav Specht (1916–1980) und Howard S. Becker (1928–2023).

  • Auszeichnungen

    |Dr. iur. h. c. (Köln 1946);
    Mitgl. d. Ak. d. Wiss. u. d. Lit., Mainz (1949);
    Dr. rer. pol. h. c. (Mainz 1951);
    Ehrenbürger d. Stadt Köln (1965).

  • Werke

    |Staatssozialismus, 1916;
    Der Liberalismus in Vergangenheit u. Zukunft, 1917;
    Soziol., Gesch. u. Hauptprobleme, 1926, ⁸1967;
    Das Dorf als soz. Gebilde, 1928;
    Beziehungslehre, in: A. Vierkandt (Hg.), Hdwb. d. Soziol., 1931, S. 66–81;
    Homo sum, Gedanken z. e. zus.fassenden Anthropol., 1940;
    Ethik in d. Schauweise d. Wiss. v. Menschen u. v. d. Ges., 1947, ²1960;
    Soziometrik, in: Kölner Zs. f. Soziol. u. Soz.psychol., H. 1, 1948, S. 23–40;
    Gesellschaftl. Stände u. Klassen, 1950;
    Erinnerungen, 1957 (Autobiogr.);
    Das Ich u. d. Kollektiv, 1967;
    W-Verz.: R. Müller, Internetseiten d. Archivs f. d. Gesch. d. Soziol. in Österr., Univ. Graz;
    Nachlaß: bis mindestens 1964 im Inst. f. Soziol. u. Soz.psychol., Köln, seitdem verschollen.

  • Literatur

    |L. H. A. Geck u. a. (Hg.), Stud. z. Soziol., Festgabe f. L. v. W., Bd. 1, 1948;
    H. v. Alemann, L. v. W. u. d. Inst. f. Soz.wiss. in Köln 1919–1934, in: W. Lepenies (Hg.), Gesch, d. Soziol., Bd. 2, 1981, S. 349–89;
    C. Klingemann, Szenen e. mißlungenen Selbstgleichschaltung, Die Dt. Ges. f. Soziol. u. d. NS, in: ders., Soziol. im Dritten Reich, 1996, S. 11–32;
    ders., Kölner Soziol. während d. NS, ebd., S. 52–70;
    ders., Soziol. u. Pol., Soz.wiss. Expertenwissen im Dritten Reich u. in d. frühen westdt. Nachkriegszeit, 2009;
    S. van Dyk u. A. Schauer, „… daß die offizielle Soziol. versagt hat“, Zur Soziol im NS, d. Gesch. ihrer Aufarbeitung u. d. Rolle d. DGS, ²2014;
    H. Borggräfe u. S. Schnitzler, Die Dt. Ges. f. Soziol. u. d. NS, in: M. Christ u. M. Suderland (Hg.), Soziol. u. NS, 2014, S. 445–79;
    U. Dörk, Die frühe Dt. Ges. f. Soziol., in: St. Moebius u. A. Ploder (Hg.), Hdb. d. Gesch. d. dt.sprach. Soziol., Bd. 1, 2017, S. 809–28;
    S. Schnitzler, Die Dt. Ges. f. Soziol. z. Zeit d. NS, ebd., S. 849–65;
    St. Moebius, Die Gesch. d. Soziol. im Spiegel d. Kölner Zs. f. Soziol. u. Soz.psychol. (KZfSS), in: Soziol.gesch. im Spiegel d. Kölner Zs. f. Soziol. u. Soz.psychol., Sonderh. d. Kölner Zs. f. Soziol. u. Soz.psych. 56, 2017, S. 3–44;
    K.-S. Rehberg, Mythen d. Kontinuität u. Diskontinuität, Die Kölner Soziol. u. d. Nat.soz., o. J. (unveröff. Ms.);
    Internat. Soziologenlex.;
    Killy;
    Hann. Professoren (P);
    Enz. Philos. Wiss.theorie;
    Schles. Lb. VII, S. 329–39 (P); unveröff. Notizen aus d. Projekt „Die Gesch. d. Dt. Ges. f. Soziol. als Organisationsgesch., Von d. soz.wiss. Diskursnetzwerken d. Gründerjahre bis 1989“, 05/2012 bis 09/2018 am Kulturwiss. Inst. Essen;
    zu Ursula: T. Hoffmann, Im Galopp, U. v. W.s ges. kl. Werke „Alles schon dagewesen“, in: NZZ v. 26.7.2000, S. 32;
    ebd. v. 6.5.2002;
    Kosch, Theater-Lex.;
    Kosch. Lit.-Lex.³;
    Theaterlex. Schweiz;
    HLS;
    zu Werner Johannes Guggenheim: Kosch. Lit.-Lex.³;
    Theaterlex. Schweiz;
    HLS.

  • Porträts

    |Photogrr. (Ullstein Bild).

  • Autor/in

    Sonja Schnitzler
  • Zitierweise

    Schnitzler, Sonja, " Wiese, Leopold Max Walther von" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 97-98 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118632604.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA