Lebensdaten
1855 bis 1936
Geburtsort
„Op de Riep“ bei Oldenswort (Halbinsel Eiderstedt)
Sterbeort
Kiel
Beruf/Funktion
Soziologe ; Nationalökonom ; Philosoph ; Professor für Staatswissenschaft in Kiel
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118623095 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Tönnies, Ferdinand Julius
  • Tönnies, Julius
  • Normannus (Pseudonym)
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Tönnies, Ferdinand, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118623095.html [25.11.2020].

CC0

  • Genealogie

    V August (1822–83), Marschbauer d. Haubarges „Op de Riep“ b. O. im dän. Hzgt. Schleswig, ab 1864 im Kgr. Preußen;
    M Ida (1826–1915), wohl T d. Johann August Mau (* 1777), 1807 Prediger in Propsteierhagen (Holstein), 1821 in Schönberg (Holstein), theol. Schriftst. (s. Hamberger/Meusel; E. Alberti, Lex. d. Schleswig-Holstein-Lauenburg. u. Eutin. Schriftst. …, 1867–68);
    3 B Gert Cornils Johannes (1851–1928), Landwirt in Garding, 1898–1903 Mitgl. d. RT (Nat.liberale Partei) f. d. Wahlkr. Prov. Schleswig-Holstein 4, 1908–18 Mitgl. d. Preuß. Abg.hauses, Mitgl. d. Provinzial-LT Schleswig-Holstein, Wilhelm Theodor (1853–1925), Landwirt, August Karl Christian (1864–1909), RA in Husum, 3 Schw Elisabeth (1857–1949), Ida (1860–1921), Louise (1861–1922);
    1894 Marie Sieck (?) (1865–1937), aus Kirchmühl, Gut Grünhaus (Ostholstein) (s. L), T e. Pächters;
    3 S Gerrit (1898–1979, ⚭ Dita Jebens, 1959), Dr. phil., Chemiker, Leiter d. biochem. Abt. d. Krebsforsch.inst. d. Univ. Philadelphia (Pennsylvania, USA), Jan Friedrich (1902–70, Elfriede Balden, 1903–74, Malerin, s. P), Dr.-Ing., Erfinder, Hirnforscher, Fabr. in Freiburg (Br.), Kuno (1907–63, ⚭ Gisela v. Schewe, * 1916), RA in Eutin, 2 T Franziska (1900–97, Rudolf Heberle, 1896–1991, aus Lübeck, Dr. sc. pol., PD f. Soziol. in K., 1938 aus pol. Gründen entlassen, Prof. d. Soziol. an d. Louisiana State Univ. in Baton Rouge, Louisiana, USA, Dr. phil. h. c., Kiel 1965, Dr. sc. pol. h. c., Kiel 1980, s. K. Wittebur, Die dt. Soziologie im Exil 1933–1945, 1991; Internat. Soziologenlex.; BHdE II), Sozialarb. (s. L), Carola (1904–78);
    Vt (?) August Mau (1840–1909), Archäol. (s. NDB 16);
    Gr-N Harro Schulze-Boysen (1909–42), Widerstandskämpfer (s. NDB 23).

  • Leben

    Als Sohn eines Großbauern wuchs T. zunächst im ländlichen Milieu, seit 1864 in der Kleinstadt Husum auf. Noch als Gymnasiast der dortigen „Gelehrtenschule“ arbeitete er als Korrekturgehilfe des Dichters Theodor Storm (1817–88), der in Husum Landvogt und Amtsrichter war, und mit dem er eine lebenslange Freundschaft pflegte. Im Alter von 16 Jahren absolvierte T. das Abitur und nahm ein Studium der Klassischen Philologie, Philosophie, ev. Theologie, Archäologie und Kunstgeschichte zuerst in Straßburg und danach in Jena auf, wo er Mitglied der Burschenschaft „Arminia auf dem Burgkeller“ wurde. Nach dem Militärdienst als EinjährigFreiwilliger 1874/75 setzte er sein Studium an den Univ. Leipzig bei Wilhelm Wundt (1832–1920) sowie in Bonn, Kiel und Tübingen fort. Unter den Pseudonymen „Julius Tönnies“ und „Normannus“ publizierte er erste Schriften und wurde 1877 über das Orakel des Ammon im Fach Alte Philologie an der Univ. Tübingen zum Dr. phil. promoviert.

    Das Familienvermögen ermöglichte es T., 1877–81 ausgedehnte Privatstudien zu unternehmen, v. a. in England, wo er sich auf Anregung seines Freundes, des Pädagogen und|Philosophen Friedrich Paulsen (1846–1908), mit Thomas Hobbes beschäftigte, als dessen dt. Wiederentdecker T. gilt. 1878/79 wirkte er am „Kgl. Preuß. Statistischen Bureau“ in Berlin mit und wurde Schüler von Ernst Engel (1821–96), Richard Böckh (1824–1907) und Adolph Wagner (1835–1917). Nach dem abgebrochenen Versuch, sich in Leipzig zu habilitieren, ging er nach Kiel, wo er sich 1881 mit der Unterstützung des Philosophen Benno Erdmann (1851–1921) mit zwei Arbeiten (Anmm. über d. Philos. d. Hobbes; Gemeinschaft u. Ges.) habilitierte. 1887 publizierte er sein Buch „Gemeinschaft u. Gesellschaft, Abhandlung des Communismus und des Socialismus als empirische Culturformen“ ( 8 1935, seit 2 1912 mit d. Untertitel Grundbegriffe d. reinen Soziol.).

    Nach seiner Heirat zog T. mit seiner Familie nach Hamburg, seine Studien zu den Ursachen des Hamburger Hafenarbeiterstreiks von 1896/97 trugen ihm das Mißtrauen der preuß. Hochschulverwaltung ein. 1898 übersiedelte T. mit der Familie nach Altona, 1901 nach Eutin im ghzgl. oldenburg. Holstein. 1909 zum ao. Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an die Univ. Kiel berufen, wirkte er 1910–13 als Honorarprofessor, wurde 1913 Ordinarius, 1916 auf eigenen Wunsch emeritiert und 1917 zum Geheimen Regierungsrat ernannt. 1920 war T. aufgrund der Inflation gezwungen, sein Haus in Eutin zu verkaufen und nach Kiel zu ziehen, wo er seit 1921 einen besoldeten Lehrauftrag für Soziologie übernahm. Wegen seines Beitritts zur SPD 1930, seiner Mitgliedschaft im „Republikanischen Richterbund“ und der „Liga für Menschenrechte“ sowie seiner mehrfach und öffentlich geäußerten Kritik am Heraufkommen der NSDAP verlor er 1933 seine Kieler Lehrbefugnis und wurde unter Streichung seiner Bezüge am 26. 9. 1933 endgültig aus dem Beamtenverhältnis entlassen. Drei Jahre später verstarb er in großer Verarmung und Isolation.

    T. entwickelte das Theorem des Gegensatzes von „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ als ideengeschichtliche Synthese und als begriffliche Konstruktion, die den gedanklichen Kern seines gleichnamigen Werks bildet. Ungeachtet einer Vielzahl von teilweise umfangreichen Arbeiten zu psychologischen, anthropologischen und sprachtheoretischen Themen wurde er schon zu Lebzeiten v. a. als Autor dieses Hauptwerks bekannt.

    T.s Bedeutung für den Aufbau der wissenschaftlichen Soziologie in Deutschland gründet sich, neben seiner literarischen Produktion, hauptsächlich auf seine vielfältigen Aktivitäten für die Begründung und Systematik der Soziologie als Einzelwissenschaft. Von seinem Vortrag über „Das Wesen der Soziologie“ (1907) führt eine kontinuierliche Gedankenlinie bis zu seinem zusammenfassenden Spätwerk, der „Einführung in die Soziologie“ (1931). Dabei legte er einen kategorialen Rahmen zugrunde, bei dem er die Unterscheidung von „reiner“ (begriffskonstruktiver), „angewandter“ (historischer) und „beschreibender“ (empirischer) Soziologie durchzusetzen versuchte. Sein Buch „Kritik der öffentlichen Meinung“ (1922) geht aus von einer funktionalen Analogie von öffentlicher Meinung in der modernen Gesellschaft und Religion in den traditionalen Gemeinschaften. In seinen historischen Untersuchungen, v. a. in dem erst 1935 abgeschlossenen „Geist der Neuzeit“, bemühte T. sich darum, die Anwendbarkeit seiner beiden Grundbegriffe „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ auf die Gegenwart zu belegen.

    Die größte öffentliche Wirkung hatte T. als derjenige Gelehrte, der national und international für die neue Disziplin „Soziologie“ wahrgenommen wurde. Bereits nach seiner Teilnahme an der Weltausstellung in St. Louis 1904 zählte er zum Beraterkreis des „American Journal of Sociology“, er gehörte zu den Mitbegründern der 1909 ins Leben gerufenen „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“, deren erster Vorsitzender er bis 1933 war. Unterstützt vom preuß. Kultusminister Carl Heinrich Becker (1876–1933), baute er die Soziologie als Lehrfach an der Univ. Kiel auf und lieferte mit seinen Schriften wesentliche Bausteine für das Studium der Soziologie an anderen dt. Universitäten.

    Ungeachtet seiner Verdienste um die institutionelle Etablierung der Soziologie gehört T. zu jenen Gelehrten, die zwar in ihrer Zeit erfolgreich waren, jedoch nicht von bleibender Wirkung im Wissenschaftsbetrieb der nationalen oder internationalen Soziologie wurden. Auch seine ehemaligen Schüler, namentlich sein Schwiegersohn Rudolf Heberle (1896–1991), konnten seinem Werk keine anhaltende wissenschaftliche Rezeption verschaffen. Unbestritten ist, daß noch der USamerik. Soziologe Talcott Parsons (1902–79) seine theoretischen Konzepte ganz wesentlich auf dem von T. entwickelten Gemeinschafts-Gesellschafts-Gegensatz aufgebaut hat. Die Arbeiten von Shmuel Noah Eisenstadt (1923–2010), Ulrich Beck (1944–2015) und Anthony Giddens (* 1938) belegen die Nachwirkung der von T. entwickelten Begriffsdichotomien.|

  • Auszeichnungen

    A Dr. iur. h. c. (Hamburg 1921, Bonn 1927); finn. Freiheitskreuz III. Kl.; Verdienstkreuz f. Kriegshilfe; F. T.-Ges. (seit 1956).

  • Werke

    Weitere W T.-Gesamtausg. (TG), 24 Bde., 1998 ff., hg. v. L. Clausen u. a.;
    Ausgew. Texte, 2008 ff., hg. v. R. Fechner u. A. Bammé;
    Materialien d. F. T.Arb.stelle am Inst. f. Technik- u. Wiss.forsch. d. Alpen-Adria-Univ. Klagenfurt, 10 Bde., 2008–12;
    Nachlaß: Schleswig-Holstein. Landesbibl., Kiel.

  • Literatur

    L R. König, Die Begriffe Gemeinschaft u. Ges. b. F. T., in: Kölner Zs. f. Soziol. u. Soz.psychol. 7, 1955, S. 348–420;
    A. Bellebaum, Das soziol. System v. F. T. unter besonderer Berücksichtigung seiner soziograph. Unterss., 1966;
    ders., in: Klassiker d. soziol. Denkens, Bd. 1, hg. v. D. Käsler, 1976, S. 232–67;
    E. G. Jacoby, Die moderne Ges. im soz.wiss. Denken v. F. T., 1971;
    D. Käsler, Soziol. Abenteuer, 1985, S. 74–86;
    Hundert J. „Gemeinschaft u. Ges.“, F. T. in d. internat. Diskussion, hg. v. L. Clausen u. C. Schlüter, 1990 (P);
    R. Uhlig, Vertriebene Wissenschaftler d. Christian-Albrechts-Univ. z. Kiel (CAU) n. 1933, 1991;
    C. Bickel, F. T., 1991;
    ders., F. T., Gemeinschaft u. Ges., in: Hauptwerke d. Soziol., hg. v. D. Kaesler u. L. Vogt, 22007, S. 420–25;
    ders., in: Klassiker d. Soziol., Bd. I, 62012 hg. v. D. Kaesler, S. 132–46;
    A. Bammé (Hg.), F. T., 1991;
    R. Fechner, F. T., W.-Verz., 1992;
    P.-U. Merz-Benz, Tiefsinn u. Scharfsinn, F. T.s begriffl. Konstruktion d. Soz.welt, 1995;
    G. Rudolph, Die phil.-soziol. Grundpositionen v. F. T., 1995;
    F. Osterkamp, Gemeinschaft u. Ges., 2005;
    U. Carstens, Lieber Freund Ferdinand, 2008;
    ders. F. T., Friese u. Weltbürger, 22013; Biogr. Lex. Schleswig-Holstein VI, 1982 (Qu, L
    , P);
    BBKL XII (W, L);
    Hamburg. Biogr. I (P);
    zur Fam.: Franziska Heberle, Mein Leben ist e. Wunder! Erinnerungen an meine Mutter Marie Tönnies, geb. Sieck, in: Tönnies-Forum 10, 2001, H. 1, S. 3–82.

  • Portraits

    P u. a. Radierung v. E. Orlik; Ölgem. v. Elfriede Tönnies; Kohlezeichnung v. K. Lassen, 1926 (alle Husum, Nissen-Haus)

  • Autor/in

    Dirk Kaesler
  • Empfohlene Zitierweise

    Kaesler, Dirk, "Tönnies, Ferdinand" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 323-325 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118623095.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA