Lebensdaten
1852 bis 1933
Geburtsort
Nehren bei Tübingen
Sterbeort
Halle/Saale
Beruf/Funktion
Philosoph
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118625810 | OGND | VIAF: 56703773
Namensvarianten
  • Vaihinger, Johannes Carl Eugen
  • Vaihinger, Hans
  • Vaihinger, Johannes Carl Eugen
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Vaihinger, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118625810.html [10.08.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Georg (1802–79), ev. Pfarrer in N., Neustadt/Rems, Leonberg u. Canstatt;
    M Sophie (1822–1906), T d. Eugen Haug (1795–1874), ev. Pfarrer in Vöhringen, Erbstetten u. Degerschlacht;
    Urur-Gvm Balthasar Haug (1731–92), Schriftst., Hofpfalzgf., Lehrer Friedrich Schillers (s. NDB VIII);
    Ur-Gvm Carl Eugen Haug (1770–1821), Med.-Assessor, Dichter;
    11 Halb-Geschw;
    1889 Elisabeth, T d. Ernst Schweigger ( 1876?), Buchhändler in Berlin;
    1 S Carl Richard (1892–n. 1933), Elektrotechniker, n. Kriegsverletzung berufsunfähig, 1 T Erna (1895–1918 Freitod), Bildhauerin.

  • Leben

    Nach dem Abitur am Karls-Gymnasium in Stuttgart studierte V. seit 1870 Philosophie an der Univ. Tübingen und war Repetent am Tübinger Stift (Mitgl. d. Corps Borussia). 1874 wurde er bei Christoph v. Sigwart (1830– 1904) mit der preisgekrönten, aber ungedruckten Arbeit „Die neueren Theorien des Bewußtseins nach ihrer metaphysischen Grundlage und ihrer Bedeutung für die Psychologie“ zum Dr. phil. promoviert. 1874 setzte er sein Studium in Leipzig fort, u. a. seit dem Sommersemester 1875 bei Wilhelm Wundt (1832–1920). Hier leitete er den von Richard Avenarius (1843–96) gegründeten „Akademisch-philosophischen Verein“ und baute ihn v. a. durch Vortragsveranstaltungen zu einem weit über Leipzig hinaus bekannten interdisziplinären Diskussionszentrum aus. Im Sommersemester 1876 studierte V. u. a. bei dem Physiker Hermann v. Helmholtz (1821–94) und dem Logiker Eduard Zeller (1814–1908) in Berlin. Ein Jahr später habilitierte er sich bei Ernst Laas (1837–85) in Straßburg mit der Schrift „Logische Untersuchungen, 1. Teil: Die Lehre von der wissenschaftlichen Fiktion“. Das bisher nicht aufgefundene Werk war V.s eigener Darstellung zufolge identisch mit dem ersten Teil seiner „Philosophie des Als Ob“ (1911). Als Privatdozent bot V. seit 1877 Kurse über Logik, Platon und das Leib-Seele-Problem an der Univ. Straßburg an. Mit dem ersten Band seines „Commentars zu Kants Kritik der reinen Vernunft“ (1881; Bd. 2: 1892; 2 1922 u. Erg.bd., hg. v. R. Schmidt, Neudr. 1970) begründete er seinen Ruf als führender Kant-Experte.

    1883 folgte V. einem Ruf an die Univ. Halle (o. Prof. 1894), wo er 1896 mit den „Kant-Studien“ eine der bekanntesten philosophischen Zeitschriften begründete und seitdem herausgab. Im Kant-Jahr 1904 gründete er die „Kant-Gesellschaft“, die heute vermutlich größte wissenschaftliche Gesellschaft der Welt. V. beriet den preuß. Ministerialdirektor im preuß. Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten Friedrich Althoff (1839–1908) in philosophischen Fragen und unterstützte 1899 in mehreren Zeitungsartikeln (meist über Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“) den Friedensplan des russ. Zaren Nikolaus. 1906 mußte er sich wegen fortschreitender Erblindung vorzeitig emeritieren lassen. Obwohl auf fremde Hilfe angewiesen, gab er mit seinem Schüler Raymund Schmidt (1890–nach 1945) 1919–30 die „Annalen der Philosophie“ heraus, die in den ersten Heften den Untertitel „mit besonderer Rücksicht auf die Probleme der Als-ObBetrachtung“ trugen, und 1922–32 die „Bausteine zu einer Philosophie des Als Ob“. Ebenso der Fortführung von V.s philosophischem Ansatz diente die 1919 gegründete „Gesellschaft der Freunde der Philosophie des Als Ob“, die seit 1920 u. a. den „EinsteinVaihinger-Preis“ vergab und zu deren Jury Max v. Laue (1879–1960), Ernst v. Aster (1880–1948) und Moritz Schlick (1882–1936)|zählten. Die Gründe, warum V. nach dem 1. Weltkrieg verarmte und 1923 seine Bibliothek nach Japan verkaufen mußte, sind unklar.

    V. galt vielen als Kantianer, der er aber – zumindest im Sinne des Neukantianers Hermann Cohen (1842–1918) – bei aller KantVerehrung nie war. Sein Hauptwerk ist „Die Philosophie des Als Ob, System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivismus“ (1911), die zu V.s Lebzeiten zehn Auflagen erreichte, als gekürzte „Volksausgabe“ (1923, 2 1924) erschien und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Die voluminöse Schrift gilt als Begründung der Fiktionsphilosophie. V.s „idealistischer Positivismus“ steht in einer erkenntniskritischen Traditionslinie, die von Kant über Johann Heinrich Lambert, Friedrich Karl Forberg, Otto Friedrich Gruppe, Hermann Lotze, Friedrich Albert Lange und in gewisser Weise über manche Texte Friedrich Nietzsches (mit dem sich V. in seinem Werk „Nietzsche als Philosoph“, 1902, 5 1930, auseinandersetzte) zu V. und Fritz Mauthner (1849–1923) führt. Er wurde zum Ausgangspunkt u. a. für viele Sprachphilosophen des 20. Jh., aber auch führende Wissenschaftler anderer Disziplinen wie etwa Albert Einstein (1879–1955), Sigmund Freud (1856–1939) oder Gustav Radbruch (1878–1949) beschäftigten sich eingehend mit ihm.

  • Auszeichnungen

    A Gedenkplakette am Geb.haus, Nehren.

  • Werke

    W Hartmann, Dühring u. Lange, Zur Gesch. d. dt. Phil. im XIX. Jh., Ein krit. Essay, 1876;
    Die Philos. in d. Staatsprüfung, Winke f. Examinatoren u. Examinanden, Zugleich e. Btr. z. Frage d. phil. Päd., 1906;
    Der Atheismusstreit gegen d. Phil. d. Als Ob u. d. Kantische System, 1916;
    Pessimismus u. Optimismus v. Kantschen Standpunkt aus, 1924;
    Ist d. Philos. d. Als-Ob rel.feindlich?, in: Studier tillägnade Efraim Liljequist, hg. v. G. Asplin u. E. Åkeson, 1930, Bd. 2, S. 193–222;
    Autobiogr.: Wie d. Phil. d. Als Ob entstand, in: Die Dt. Phil. d. Gegenwart in Selbstdarst., hg. v. R. Schmidt, Bd. 2, 1921, S. 175–203;
    Mein Ll. in fünf Etappen, in: Berliner Börsenztg. v. 8. 8. 1924, Nachdr. in: Besinnung, Ill. Mschr. f. Dt. Kulturgut 1, 1925, S. 89–92;
    Bibliogr.: A. Weser, in: Willrodt, 1934 (s. L), S. 114–39;
    ders., Nachtrag, in: E. Bosshart, Die systemat. Grundlagen d. Päd. Eduard Sprangers, 1935, S. 176 f.;
    Bibliogr. u. W-Verz.: G. Simon, Chronologie H. V., Internetangebot d. Univ. Tübingen;
    Qu: Bibl. d. Hansestadt Bremen;
    Univ.archive Tübingen u. Halle/Saale;
    Geh. StA Berlin (Nachlaß Althoff).

  • Literatur

    L K. Sternberg, (Rez. zu V.s „Philos. d. Als Ob“, in: Kant-Stud. 16, 1911, S. 328–38;
    L. Fischer, Das Vollwirkliche u. d. Als-ob, 1921;
    H. Scholz, Die Rel.philos. d. Als-ob, Eine Nachprüfung Kants u. d. idealist. Positivismus, 1921;
    H. W. van d. Vaart Smit, H. V. en de Als-Of Philos., 1925;
    E. Adickes, Kant u. d. Als-Ob-Philos., 1927;
    G. Marchesini, La finzione nell’educazione e la pedagogia del come se, 1928;
    A. Seidel (Hg.), Die Philos. d. Als Ob u. d. Leben, FS H. V., 1932;
    H. Richtscheid, Das Problem d. phil. Skeptizismus, erörtert in Auseinandersetzung mit V.s Philos. d. Als Ob, 1935;
    K. C. Köhnke, Entstehung u. Aufstieg d. Neukantianismus, 1986;
    K. Ceynowa, Zw. Pragmatismus u. Fiktionalismus, H. V.s „Philos. d. Als Ob“, 1993;
    A. Wels, Die Fiktion d. Begreifens u. d. Begreifen d. Fiktion, Dimensionen u. Defizite d. Theorie d. Fiktionen in H. V.s Philos. d. Als Ob, 1997;
    D. Vaihinger, Auszug aus d. Wirklichkeit, Eine Gesch. d. Derealisierung v. positivist. Idealismus bis z. virtuellen Realität, 2000;
    R. Meyer u. G. Schenk, Neukantian. orientierte Philosophen, Bruno Bauch, Fritz Medicus, Paul Menzer, Alois Riehl u. H. V., 2001;
    E. Marí, La Teoría de las Ficciones, 2002;
    C. Corsi, H. V. (1852–1933) e la „Philos. d. Als Ob“, 2004;
    G. Simon, Leben u. Wirken V.s, in: Fiktion u. Fiktionalismus, Btrr. zu H. V.s „Philos. d. Als Ob“, hg. v. M. Neuber, 2014, S. 21–41; BBKL XII (W, L).

  • Portraits

    P Gem. v. F. Schaefler (verschollen), Abb. in: Kreis v. Halle 1, Juni/Juli 1931, S. 173

  • Autor/in

    Gerd Simon
  • Empfohlene Zitierweise

    Simon, Gerd, "Vaihinger, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 691-692 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118625810.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA