Lebensdaten
1884 bis 1962
Geburtsort
Engter bei Osnabrück
Sterbeort
Frankfurt/Main
Beruf/Funktion
Germanist ; Volkskundler
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118795805 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schwietering, Julius

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Zitierweise

Schwietering, Julius, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118795805.html [15.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Heinrich Wilhelm (1852–99), ev. Pfarrer;
    M Luise Sievers ( 1916), T e. ev. Pfarrers;
    1) N. N., 2) 1929 Maria (Mia) Niesert (* 1907);
    1 S aus 1) ( 1944/45).

  • Leben

    S. besuchte Gymnasien in Clausthal und Göttingen. Nach dem Abitur 1903 studierte er ein Semester Jura in Freiburg (Br.), bevor er ein Studium der Germanistik, Anglistik, ev. Theologie und Volkskunde in Göttingen aufnahm, wo v. a. Moriz Heyne (1837–1906) und Edward Schröder (1858–1942) seine Lehrer waren. Nach seiner Promotion zum Dr. phil. 1908 bei Schröder (Singen u. Sagen, 1908) war S. seit 1909 wiss. Hilfsarbeiter, seit 1914 Assistent am Museum für Hamburg. Geschichte und beschäftigte sich in dieser Zeit intensiv mit Waffen- und Museumskunde. An der Univ. Hamburg 1921 für Germanistik habilitiert (Die Demutsformel mhd. Dichter, 1921, Neudr. 1970), ging er 1923 als Direktor an das Kunstgewerbe- und Historische Museum in Bremen und im Jahr darauf als ao. Professor für Dt. Sprache und Literatur nach Leipzig, wo er zudem einen Lehrauftrag für Volkskunde erhielt. Als Ordinarius für ältere Germanistik wirkte S. seit 1928 als Nachfolger Arthur Hübners (1885–1937) in Münster, seit 1932 als Nachfolger Hans Naumanns (1886–1951) in Frankfurt/M., seit 1938 wiederum in Nachfolge Hübners in Berlin, wo er zugleich Leiter der Altdt. Abteilung des German. Seminars wurde, und seit 1946 abermals in Frankfurt/M. (Dekan 1948). Nach der Emeritierung 1952 erhielt S. mehrere Gastprofessuren in den USA und wurde als erster Deutscher nach dem Krieg mit der Ehrendoktorwürde der Univ. Chicago geehrt (1952).

    Besondere Bedeutung über die Germanistik hinaus erwarb sich S. durch seinen interdisziplinären Forschungsansatz, der sprachund literaturwissenschaftliche Textanalysen mit volkskundlicher Realienkunde und theologischen Fragestellungen zu einer innovativen „soziologischen Volkskunde“ und Literatursoziologie verband. In seinem Hauptwerk, dem bis heute einschlägigen Handbuch „Die dt. Dichtung des Mittelalters“ (mehrere Lfgg. 1932–41, 21957), begründete er den inneren Zusammenhang des Mittelalters als eigenständiger Epoche durch die kontinuierliche Fundierung höfischer Dichtung in christlicher Frömmigkeit. In das Zentrum seiner Betrachtungen rückte S. hier seinen Begriff von „Gemeinschaft“, worunter er in Anlehnung an den Soziologen Alfred Vierkandt (1867–1953) eine „Kollektivpsyche“ verstand. Mit diesem Begriffsverständnis mißachtete der konservative S., der nicht Mitglied der NSDAP war, das völkische „Blut-und-Boden-Prinzip“.

    Auch durch wissenschaftsorganisatorische Arbeit errang S. anhaltendes Ansehen. So wurde er 1928 Gründungsvorsitzender der „Volkskundlichen Kommission für Westfalen“ in Münster, deren Aufbau er bis 1933 maßgeblich verantwortete und wo er als Beiratsmitglied des „Atlas der dt. Volkskunde“ sowie als Initiator des „Westfäl. Wörterbuchs“ und eines Volksliedarchivs gestaltend wirkte. 1939–45 stand er der Älteren Abteilung der Dt. Kommission an der Preuß. Akademie der Wissenschaften vor und folgte Julius Petersen (1878–1941) als Leiter der Arbeitsstelle „Dt. Wörterbuch“. Ebenfalls 1939 übernahm er von Schröder die Herausgeberschaft der „Zeitschrift für dt. Altertum und dt. Literatur“ (Bd. 76–91, 1939–61). Zur „Schwietering-Schule“, die S.s sozial-anthropologische Neuformulierung der Volkskunde und seinen literatursoziologischen Ansatz fortführte, zählen u. a. Mathilde Hain (1901–83), Bodo Mergell (1912–54) und Friedrich Ohly (1914–96).

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Wiss. Ges. an d. Univ. Frankfurt/M. (1934, 1. Vors. 1947–55); o. Mitgl. d. Preuß. bzw. Dt. Ak. d. Wiss (1939); korr. Mitgl. d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1940); Ehrenmitgl. d. Modern Language Association; Vors. d. Ges. f. dt. Philol.

  • Werke

    Zur Gesch. v. Speer u. Schwert im 12. Jh., 1912;
    Wesen u. Aufgaben d. dt. Volkskunde, in: DVjS 5, 1927, S. 748–65, Neudr. in: Volkskunde, Ein Hdb. z. Gesch. ihrer Probleme, hg. v. G. Lutz, 1958, S. 143–58;
    Der Tristan Gottfrieds v. Straßburg u. d. Bernhard. Mystik, 1943;
    Parzivals Schuld, Zur Religiosität Wolframs in ihrer Beziehung z. Mystik, 1946;
    Mystik u. höf. Dichtung im MA, 1960, 31972;
    Philol. Schrr., hg. v. F. Ohly u. M. Wehrli, 1969 (Biogr. v. F. Ohly, S. I–XXV;
    Bibliogr., S. 544–48;
    P);
    Hg.:
    Forsch. z. dt. Sprache u. Dichtung 1–11, 1931–43;
    Veröff. d. volkskundl. Komm. d. Provinzialinst. f. Westfäl. Landes- u. Volkskunde 1–4, 1931–33;
    Forsch. z. dt. Volkskunde 1, 1936;
    Nachlaß:
    Stadt- u. Univ.bibl. Frankfurt/M.;
    BA Berlin, ehem. Berlin Document Center.

  • Literatur

    M. Hain, in: Zs. f. Volkskunde 55, 1959, S. 276 f.;
    M. Bringemeier, in: Hess. Bll. f. Volkskunde 53, 1962, S. 214–16;
    H. Kuhn, in: Jb. d. Bayer. Ak. d. Wiss. 1963, S. 192–95 (P);
    F. Ohly, in: ZDA 92, 1963, S. 1–7 (W, P);
    P. Assion, in: Völk. Wiss., Gestalten u. Tendenzen d. dt. u. österr. Volkskunde in d. ersten Hälfte d. 20. Jh., hg. v. W. Jacobeit u. a., 1994, S. 50–61;
    A. Pilger, Germanistik an d. Univ. Münster, 2004;
    Frankfurter Biogr. (P);
    Kosch, Lit.Lex.3;
    Internat. Germanistenlex. (W, L).

  • Autor/in

    Stefan Jordan
  • Empfohlene Zitierweise

    Jordan, Stefan, "Schwietering, Julius" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 84-85 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118795805.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA