Lebensdaten
1914 bis 1979
Geburtsort
Hamburg
Sterbeort
Celle
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Romancier ; Essayist ; Übersetzer
Konfession
evangelisch,konfessionslos
Normdaten
GND: 118608703 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schmidt, Arno Otto
  • Schmidt, A.
  • Schmidt, Arno Otto
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Zitierweise

Schmidt, Arno, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118608703.html [26.07.2016].

CC0

Schmidt, Arno Otto

Romancier, Essayist und Übersetzer, * 18.1.1914 Hamburg, 3.6.1979 Celle, Bargfeld (Kreis Celle), Garten d. Wohnhauses. (evangelisch, seit etwa 1932 konfessionslos)

  • Genealogie

    V Friedrich Otto (1883–1928), aus Halbau (Schlesien), Glasschleifer, Soldat, zuletzt Polizei-Oberwachtmeister in H.; M Klara Gertrud Ehrentraut (1894–1973), aus Lauban (Schlesien); 1 Schw Lucy (1911–77, Rudi Kiesler, Textilkaufm.), emigrierte n. New York (USA); – Lauban (Luban) 1937 Alice Murawski (1916–83), Sekr. (s. L); kinderlos.

  • Leben

    Nach der Kindheit in einem als geistig eng und materiell ärmlich empfundenen Elternhaus im Hamburger Arbeitervorort Hamm und dem Tod des Vaters wuchs S. in der niederschles. Kleinstadt Lauban auf. Der Besuch der Oberrealschule in Görlitz seit 1928 weckte in ihm, der früh die Literatur als Rückzugsmöglichkeit und Gegenwelt erfuhr, ein lebenslanges Interesse an Naturwissenschaften, Mathematik sowie fremden Kulturen und Religionen. Nach dem Abitur 1933 trat S. im Folgejahr eine kaufmännische Lehre in einem Textilwerk in Greiffenberg an, wo er seil 1937 als Buchhalter arbeitete. 1940 wurde er zur Artillerie eingezogen und versah nach einem Dolmetscherlehrgang Schreibstubendienst im Elsaß, seit 1942 in Norwegen. Im Febr. 1945 wurde er an die Westfront versetzt, geriet in Gefangenschaft und wurde im Dez. 1945 Dolmetscher in einer engl. Hilfspolizeischule in Benefeld (Lüneburger Heide). Als diese 1946 schloß, wurde S. arbeitslos und entschied sich auf der schmalen Basis einiger zwischen 1937 und 1942 entstandener unveröffentlichter Erzählungen, freier Schriftsteller zu werden. Auf Anregung von Alfred Andersch (1914–80) und Ernst Kreuder (1903–72) schrieb S. für seinen Lebensunterhalt bis weit in die 1960er Jahre hinein für Radio und Zeitungen|und übersetzte Romane aus dem Englischen (u. a. Evan Hunter, James F. Cooper, Wilkie Collins, Stanislaus Joyce, Edgar Allan Poe, Edward Bulwer-Lytton).

    1949 erschien sein erstes Buch „Leviathan“. In der Titelgeschichte entwarf S. vor dem Hintergrund des Kriegsendes sein von Schopenhauer und der Gnosis beeinflußtes Bild einer von einem Dämon geschaffenen bösartigen Welt, aus der sich der Mensch allenfalls retten kann durch Auflehnung gegen ihren Schöpfer und dessen Weltmechanismus von Fortpflanzen und Töten. Die Literaturkritik nahm dieses Debut positiv auf, doch das Publikum war irritiert von den düsteren Texten, die in ihrem Assoziations- und Bilderreichtum, ihrer Sprunghaftigkeit und ihrer Sprachintensität an den Expressionismus anknüpften. Früh zeigte sich eine Diskrepanz zwischen wirtschaftlichem Mißerfolg und Anerkennung bei Kollegen und Kritikern.

    1950 wurden S. und seine Frau als mittellose Flüchtlinge nach Gau-Bickelheim (Rheinhessen) umgesiedelt (Die Umsiedler, 1953), 1951 zogen sie nach Kastel b. Saarburg. Wegen seiner Erzählung „Seelandschaft mit Pocahontas“ wurde S. 1955 der Verbreitung von Pornographie und Gotteslästerung angeklagt und zog fluchtartig um in das von ihm für liberaler gehaltene Darmstadt, wo das Verfahren nach einem Gutachten von Hermann Kasack (1896–1966) 1956 eingestellt wurde. In Darmstadt lernte S. den Maler Eberhard Schlotter (* 1921) kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft sowie eine gegenseitige thematische und formale Beeinflussung verband. 1958 zog der nur in Ruhe und Einsamkeit produktive S. nach Bargfeld b. Celle in die „ihm gemäße“ Heidelandschaft Norddeutschlands. Hier lebte er 1965-69 in völliger Zurückgezogenheit während der Niederschrift seines Hauptwerks „Zettel's Traum“, das 1970 als Faksimile des 1330 mehrspaltige DIN-A-3-Seiten zählenden Originaltyposkripts erschien. Der Romanessay über Werk und Leben E. A. Poes untersucht mit Mitteln, die auf der Freudschen Psychoanalyse aufbauen, die „Lagerung der Worte im Gehirn“ und entwirft eine Sprachtheorie, welche die unbewußte sexuelle Unterfütterung von Texten durch doppeldeutige Wortkerne (von S. „Etyms“ genannt) postuliert. Das auf die Publikation einsetzende große Medienecho machte S. und den Titel seines Buchs über den Kreis seiner Lesergemeinde hinaus bekannt. – Er starb 1979 an den Folgen eines Hirnschlags.

    S. war einerseits experimentierfreudiger Avantgardist, der für eine realistisch-humoristische Darstellung von moderner Innen- und Außenwelt eigene Prosaformen entwickelte (Diskontinuitätserfahrung, „musivisches Dasein“, „längeres Gedankenspiel“, dargelegt in den Essays „Berechnungen I u. II“, in: „Rosen & Porree“, 1959). Andererseits reihte er sich selbst in zahlreichen literaturhistorischen Arbeiten (zumeist Dialoge f. d. Rundfunk, gesammelt u. a. 1965 in „Die Ritter vom Geist“) in eine lange Tradition ein, die von Lukian über Klopstock, Wieland, Fouqué, Tieck, Scott und Poe bis zu Stramm, Döblin und Joyce reichte. Der positiven Kritik, die S. erhielt, standen wütende Verrisse gegenüber: S.s Bücher provozierten mit ihren formalen Kühnheiten und ihrem als politisch links verstandenen Antimilitarismus und Atheismus. Vom Charakter her Einzelgänger, vermied S. Kontakte zu Kollegen; Einladungen der „Gruppe 47“ und des „PEN-Clubs“ lehnte er stets ab. Seine Literatur war nicht schulbildend, wenngleich viele jüngere Autoren bekannt haben, von S. beeinflußt worden zu sein (z. B. Jurek Becker, Rolf Dieter Brinkmann, Christoph Hein, Walter Kempowski, Peter Rühmkorf, Hans Wollschläger). Nahezu sein gesamtes Werk wurde ins Englische, viele seiner Bücher auch ins Französische, Spanische, Italienische und Ungarische übersetzt.

  • Auszeichnungen

    Gr. Lit.preis d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung (1951); Fontane-Preis d. Stadt Berlin (1964); Ehrengabe f. Lit. d. Kulturkreises im Bundesverband d. dt. Ind. (1965); Goethe-Preis d. Stadt Frankfurt/M. (1973); A.-S.-Stiftung, Bargfeld (seit 1981); Ges. d. A.-S.-Leser (seit 1986).

  • Werke

    Weitere W Brand's Haide, 1951;  Aus d. Leben e. Fauns, 1953;  Das steinerne Herz, 1956;  Die Gel.rep., 1957;  Fouqué u. einige seiner Zeitgenossen, 1958;  Kaff auch Mare Crisium, 1960;  Sitara u. d. Weg dorthin, 1963;  Kühe in Halbtrauer, 1964;  Die Schule der Atheisten, 1972;  Abend mit Goldrand, 1975;  – Bargfelder Ausg. d. Werke A. S.s, 16 Bde. u. 4 Briefbde., hg. v. d. A.-S.-Stiftung, 1986 ff.;  – Bibliogrr.: H.-M. Bock, Bibliogr. A. S. 1949-1978, 21979;  K.-H. Müther, Bibliogr. A. S. 1949-1991, 1992 (mit laufenden Erg.lfgg.);  R. Weninger, A. S. Bibliogr., 1995 (krit. Bibliogr. d. Sekundärlit.): |

  • Nachlaß

    Nachlaß: A.-S.-Stiftung, Bargfeld.

  • Literatur

    W. Martynkewicz, A. S., 1992 (P);  E. Krawehl (Hg.), Porträt e. Klasse, 1982 (P);  B. Rauschenbach u. J. P. Reemtsma (Hg)., „Wu Hi?“, A. S. in Görlitz Lauban Greiffenberg, 1986 (P);  W. Albrecht, A. S., 1998;  Alice Schmidt, Tageb. aus d. J. 1954, hg. v. S. Fischer, 2004 (P)Hamburg. Biogr. I (P)LThKMunzingerKosch, Lit.-Lex.3 (W, L)Killy;  Metzler Autoren-Lex. (P);  – Periodika:  Bargfelder Bote, Materialien z. Werk A. S.s, seit 1972;  Zettelkasten, Jb. d. Ges. d. A.-S.-Leser, seit 1984;  Hh. z. Forsch., seit 1992.

  • Portraits

    Bronzebüste v. G. Schlotter, 1980 (A.-S.-Stiftung, Bargfeld), Abb. in: Der Rabe, Nr. 12, Herbst 1985;  zahlr. weitere Porträts in: Eberhard Schlotter & A. S., „Viele gem Einsame Wege“, hg. v. d. Eberhard Schlotter Stiftung Hildesheim, 1989;  Dichterbilder v. Walther v. d. Vogelweide bis Elfriede Jelinek, hg. v. F. Möbus u. F. Schmidt-Möbus, 2003.

  • Autor

    Bernd Rauschenbach
  • Empfohlene Zitierweise

    Rauschenbach, Bernd, "Schmidt, Arno" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 177-179 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118608703.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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