Lebensdaten
1838 bis 1906
Geburtsort
Düsseldorf
Sterbeort
Lichterfelde bei Berlin
Beruf/Funktion
Politiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118600400 | OGND | VIAF

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Zitierweise

Richter, Eugen, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118600400.html [18.11.2017].

CC0

  • Genealogie

    V Adolf Leopold (1798–1876), aus Sagan, preuß. Mil.arzt, Med.hist., zuletzt in D., 1833 Mitgl. d. Leopoldina (s. ADB 28; BLÄ), S e. preuß. Mil.arztes;
    M N. N., wohl T d. Peter Wilhelm Maurenbrecher (1777–1861), letzter Inh. d. Postprivilegs in D., nach d. Verstaatlichung 1806 ghzgl. berg. Beamter, seit 1817 Oberpostdir. in D. (s. ADB 20; NDB 16*);
    Om (?) Romeo Maurenbrecher (1803–43), o. Prof. f. Staatsrecht in Bonn (s. NDB 16);
    1901 N. N. ( 1] Ludolf Parisius, 1827–1900, Kreisrichter in Gardelegen, Schriftst., Volksliedersammler u. Redakteur in B., 1874-77 u. 1881-87 MdR, s. BJ V, Tl.; Kosch, Biogr. Staatshdb.; Mitteldt. Gedenktage 1977; Biogr. Hdb. Preuß. Abg.haus I; Killy); 1 Adoptiv-S.

  • Leben

    Nach dem Besuch des Gymnasiums in Koblenz begann R. 1856 in Bonn das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften, das er 1857/58 in Heidelberg fortsetzte, wo er insbes. durch Robert v. Mohl (1799–1875) und|den Nationalökonomen Karl Heinrich Rau (1792–1870) geprägt wurde. 1858/59 nach Berlin gewechselt, schloß R. 1859 in Bonn das Studium mit dem Auskultatorexamen ab, 1861 folgte das Referendarexamen. Nachhaltiger als sein Studium beeinflußten R. die Konzeptionen des genossenschaftlichen Liberalismus, die er als Mitglied im „Kongreß dt. Volkswirte“ seit 1859 und in der Begegnung mit Hermann Schulze-Delitzsch (1808–83) kennenlernte. Seine Abhandlung „Über die Freiheit des Schankgewerbes“ (1862), in der R. die restriktive und gesetzlich nicht eingegrenzte Praxis der preuß. Gewerbepolizei kritisierte, führte zum Konflikt mit der Regierung in Düsseldorf, wo er seit 1861 – anfangs Regierungsreferendar mit zwischenzeitlicher Tätigkeit als kommissarischer Landrat im Kreis Mettmann – wirkte. 1862 wurde R.s Autorschaft an der anonym publizierten „Magdeburger Spukgeschichte“ bekannt, einer Satire über den konservativen Verein in Magdeburg, wo R. inzwischen bei der Regierung tätig war. Aufgrund der guten Beziehungen seines Vaters zu Innenminister v. Jagow wurde die drohende Entlassung abgewendet, R. begegnete aber nach dem Assessorexamen 1864 bei der Suche nach einer Stelle in der preuß. Verwaltung massiven Widerständen, die in der Verweigerung der Bestätigung seiner Wahl zum Bürgermeister von Neuwied gipfelten. Ohne Bezügezusage nach Bromberg versetzt, nahm R. schließlich im Okt. 1864 seinen Abschied. Nach einem kurzen Engagement als Hilfsarbeiter bei der Magdeburger Feuerversicherungsgesellschaft 1865 zog er 1866 als freier Journalist nach Berlin, wo er sich ganz der Politik zuwandte und zu einem der ersten dt. Berufspolitiker wurde. 1867 gehörte er für die Fortschrittspartei dem Konstituierenden Reichstag des Norddt. Bundes an, 1869-1905 dem preuß. Abgeordnetenhaus. 1871 erlangte R. das Reichstagsmandat für Schwarzburg-Rudolstadt, 1874-1906 vertrat er den Wahlkreis Hagen-Schwelm, das einzige linksliberale Reichstagsmandat außerhalb Berlins. 1869 durch die fundierte Studie „Das preuß. Staatsschuldwesen und die preuß. Staatspapiere“ publizistisch hervorgetreten, machte R. Finanzfragen, v. a. das parlamentarische Budgetrecht, zum Schwerpunkt seiner Tätigkeit. Später traten insbes. die Bekämpfung der Militärpolitik und des Antisemitismus hinzu. Seine überragende Fachkompetenz und seine rhetorischen Fähigkeiten machten ihn rasch zum führenden Repräsentanten der Fortschrittspartei. 1875 trat R. nach dem Tod Leopold Frhr. v. Hoverbecks an die Spitze der Reichstagsfraktion. Er untermauerte seine führende Position mit einer umfangreichen Publizistik, in der sich zugleich auch der Übergang der politischen Kultur von der Honoratiorenpolitik zum politischen Massenmarkt widerspiegelte. So erschienen etwa 1878-81 allein 49 Broschüren aus R.s Feder. Die 1879-1903 entstandenen „ABC-Bücher“, die in lexikalischer Form innenpolitische Themen dokumentierten und kommentierten, wurden auch für die Publizistik anderer Parteien zum Vorbild. Gemeinsam mit Ludolf Parisius gründete R. 1882 den wöchentlich erscheinenden „Reichsfreund“, der bis 1884 eine Auflage von 23 000 Exemplaren erreichte. Trotzdem konnte R. die zunehmende parlamentarische Schwächung der Fortschrittspartei ebensowenig verhindern wie die Fusion 1884 mit den von Heinrich Rikkert (1833–1902) geführten Sezessionisten zur Dt.-Freisinnigen Partei. Allerdings gelang es ihm schnell, den Vorsitz im sog. „Siebenerausschuß“, dem exekutiven Führungsorgan der neugegründeten Partei, zu erlangen; zudem schuf er sich 1885 durch die Gründung der „Freisinnigen Zeitung“ ein Sprachrohr. Sein Machtstreben ließ jedoch innerparteiliches Konfliktpotential entstehen, das sich 1890 in seiner vorübergehenden Entfernung aus dem Siebenerausschuß entlud. Zum endgültigen Bruch nutzte R. 1893 die Beratungen über die Militärvorlage Caprivis, in deren Verlauf sich die Partei in die künftig von R. beherrschte Freisinnige Volkspartei und die von Heinrich Rickert geführte Freisinnige Vereinigung spaltete. Aus einer Position unbedingter Ablehnung staatlicher Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft heraus wandte R. sich ebenso gegen die zusehends interventionistische Orientierung von Bismarcks Politik seit 1879, wie schon seit seiner Jugendzeit gegen die sozialdemokratische Programmatik; in seiner Polemik „Sozialdemokratische Zukunftsbilder – frei nach Bebel“ (1891) warnte er nachdrücklich vor einer staatlichen Diktatur als Konsequenz einer sozialistischen Revolution. Zu konstruktivem gesetzgeberischen Wirken war R. lediglich beim Abbau von Staatlichkeit bereit, wie 1880/81 in Preußen, wo er ein von Bismarck aus taktischen Gründen unterstütztes Steuererlaßgesetz initiierte. Umgekehrt versagte er der Steuerreformkonzeption von Johannes v. Miquel (1828–1901) seine Zustimmung, weil er eine unkontrollierbare Ausweitung von Staatsmacht befürchtete. Hier wie auch sonst beschränkte er sich in der Kompromißlosigkeit seiner Ablehnung auf die Rolle des „Reichskritikus“ (F. Naumann) und trug dadurch dazu bei, daß der Linksliberalismus im|politischen Gefüge des Kaiserreiches zunehmend in die Isolation geriet.

  • Werke

    Weitere W Die wirtschaftl. Bestrebungen v. Schulze-Delitzsch im Gegensatz zu d. soz.dem. Irrlehren v. Lassalle, 1862;
    Die neuen Zoll- u. Steuervorlagen, statist, beleuchtet v. Abg. E. R., 1879;
    Der lib. Urwähler oder was man z. Wählen wissen muß, Pol. Handbüchlein nach d. ABC geordnet, 1879;
    ABC-Buch f. freisinnige Wähler, 2., durch Nachtrag bis Juli 1881, vermehrte Aufl. 1881;
    Neues ABC-Buch f. freisinnige Wähler, Ein Lex. parl. Zeit- u. Streitfragen, 3. vollst. umgearbeiteter Jg., 1884;
    Pol. ABC-Buch, Ein Lex. parl. Zeit- u. Streitfragen, 4. Jg. 1885, 5. Jg. 1889, 6. Jg. 1890 (bis zu diesem Jg. anonym), 7. Jg. 1892, 8. Jg. 1896, 9. Jg. 1898, 10. Jg. 1903;
    Jugenderinnerungen, 1892;
    Im alten RT, Erinnerungen, I, 1894, II, Jan. 1877 bis Nov. 1881, 1896. – Hg.: Der Reichsfreund (1882–91);
    Freisinnige Ztg. (seit 1885).

  • Literatur

    A. Hinrichsen, Das lit. Dtld., 21891;
    F. Neubert (Hg.), Dt. Zeitgenossenlex., 1905;
    RT-Hdb. XI, 1903;
    M. Harden, R. u. Bismarck, in: Die Zukunft 54, 1906, S. 415-32;
    F. Naumann, in: Hilfe 12, 1906, Nr. 11, wieder in: ders., Werke, V, Schrr. z. Tagespol., 1967, S. 372-76;
    F. Rachfahl, in: BJ 10, 1908, S. 280-304, in erweiterter Form abgedr. als: E. R. u. d. Linksliberalismus im Neuen Reiche, in: Zs. f. Pol. 5, 1912, S. 261-374;
    T. Barth, Pol. Portraits, 1923, S. 83-86 (P);
    R. Eickhoff, Pol. Profile, Erinnerungen aus vier J.zehnten, 1927, S. 9-39 (P);
    H. Pachnicke, Führende Männer im alten u. neuen Reich, 1930;
    L. Ullstein, E. R. als Publizist u. Hg., Ein Btr. z. Thema Parteipresse, 1932;
    H. Röttger, Bismarck u. E. R. im RT 1879–90, 1932 (Diss.);
    H. Kullnick, Berliner u. Wahlberliner, 1960;
    Th. Nipperdey, Die Organisation d. dt. Parteien vor 1918, 1961, S. 196-204, 207-224;
    I. S. Lorenz, E. R., Der entschiedene Liberalismus in wilhelmin. Zeit 1871 bis 1906, 1981 (W-Verz.);
    G. Seeber, E. R., Liberalismus im Niedergang, in: ders. (Hg.), Gestalten d. Bismarckzeit, II, 1986, S. 302-24;
    H.-P. Goldberg, Bismarck u. seine Gegner, Die pol. Rhetorik im ksl. RT, 1998, S. 160-250 (P);
    R. Raico, Die Partei d. Freiheit, Stud. z. Gesch. d. dt. Liberalismus, 1999;
    A. Thier, Steuergesetzgebung u. Vfg. in d. konstitutionellen Monarchie, Staatssteuerreformen in Preußen 1871-1893, 1999, S. 87 mit Anm. 66, 249-68, 447-87, 593-623;
    Kürschner, Lit.-Kal., Nekr. 1901-1935, 1936;
    Biogr. Hdb. Preuß. Abg.-haus I;
    K.-D. Weber, in: Demokratische Wege;
    M. Matthiesen, in: DBE. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: BA (Nachlaß Richter).

  • Autor

    Andreas Thier
  • Empfohlene Zitierweise

    Thier, Andreas, "Richter, Eugen" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 526-528 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118600400.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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