Lebensdaten
1818 bis 1865
Geburtsort
Ofen (Buda, seit 1872 Budapest)
Sterbeort
Döbling bei Wien
Beruf/Funktion
Arzt ; Gynäkologe
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118613138 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Semmelweis, Ignaz Philipp
  • Semmelweis, Ignác Fülöp
  • Semmelweis, Ign. Phil.
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Zitierweise

Semmelweis, Ignaz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118613138.html [11.12.2016].

CC0

Semmelweis, Ignaz Philipp (Ignác Fülöp)

Gynäkologe, * 1. 7. 1818 Ofen (Buda, seit 1872 Budapest), 13. 8. 1865 Döbling bei Wien, Wien, Schmelzer Friedhof Wien, 1891 nach Budapest, Medizingeschichtliches Museum Semmelweis, überführt. (katholisch)

  • Genealogie

    Aus seit d. 17. Jh. im Burgenland nachweisbarer Fam.; V Josef (1778–1846), Kaufm. in O., S d. Johann Peter (Petrus) (* 1751), übersiedelte um 1800 nach O., u. d. Anna Maria Lidl; M Teresia (1790–1844), T d. Philipp Müller, Wagenfabr., seit 1791 Bürger v. O., u. d. Maria Theresia Anderlin; UrurGvv Georg (1660/70–1725), in Sieggraben (Burgenland); Ur-Gvv Johann, übersiedelte um 1730 nach Eisenstadt (Burgenland); M Maria Weidenhofer; 5 B u. a. Josef (1811–60), Kolonialwarenhändler in Pest, Karl (1813–96), kath. Priester, Philipp (1814–66), Finanzbeamter, 3 Schw u. a. Julia (1815–1910, Peter Rath, Apotheker); – 1857 Julia Weidenhofer (* 1839); 5 K; Verwandter Kálmán Lehoczky-Semmelweis (1889–1967), Gynäkol. in Ungarn (s. Magyar életrajzi lex., 1967–81).

  • Leben

    Nach der Elementarschule besuchte S. 1829–35 das Gymnasium der Piaristen in Buda und ein Jahr das Gymnasium in Stuhlweißenburg (Székesfehérvár). 1835–37 studierte er an der Univ. Pest, seit 1837 zunächst Jura, ein Jahr später Medizin an der Univ. Wien. 1839/40 erneut in Pest, setzte er sein Studium 1841 in Wien fort. 1844 wurde S. Magister der Geburtshilfe und im selben Jahr mit einer biologischen Arbeit (Tractatus de vita plantarum) zum Dr. med. promoviert. 1845 folgte die Promotion zum Doctor chirurgiae. Danach arbeitete S. im Wiener Allgemeinen Krankenhaus an der von Joseph Škoda (1805–81) geleiteten Brustambulanz und an der Ausschlagabteilung von Ferdinand v. Hebra (1816–80). In dieser Zeit erlernte er Škodas Methode der „diagnosis per exclusionem“, erwarb sich Kenntnisse in den statistischen Methoden und widmete sich am Institut für Pathologische Anatomie von Karl v. Rokitansky (1804–78) systematischen Obduktionen, um Befunde von Patientinnen zu überprüfen. 1846 als Assistent an der 1. geburtshilflichen Universitätsklinik unter Johann Klein (1788–1856) angestellt, betrieb S., in der Tradition der Denk- und Untersuchungsmethoden Rokitanskys und Škodas, seine grundlegenden Studien zur Ätiologie des Kindbettfiebers.

    Nach dem Tod des mit ihm befreundeten Gerichtsmediziners Jakob Kolletschka (1803–47), der aufgrund einer Handverletzung beim Sezieren an Pyämie gestorben war, erkannte|S. bei einem Vergleich des Sektionsberichtes mit seinen eigenen Untersuchungen, daß Kolletschka die gleichen Krankheitssymptomen aufwies wie die an Kindbettfieber verstorbenen Mütter. Er analysierte die Sterbefälle an Kindbettfieber in der 1. und 2. Gebärabteilung des Wiener Allgemeinen Krankenhauses, die seit deren Gründung 1784 bzw. 1834 lückenlos erfaßt worden waren. In der 2. Abteilung wurden deutlich weniger Erkrankungen an Puerperalsepsis registriert als in der 1. Abteilung, an der Studenten im Anschluß an Leichensektionen praktischen Unterricht in Geburtshilfe erhielten. S. folgerte daraus, daß das Kindbettfieber eine septische Wundinfektion ist, die durch obduzierende Ärzte übertragen wird. Er empfahl als Prophylaxe strenge Hygienemaßnahmen, v. a. das Waschen der Hände mit einer Chlorkalklösung nach dem Verlassen des Seziersaals.

    Obwohl S. durch die von ihm im Mai 1847 eingeführte Chlorkalkwaschung die Müttersterblichkeit auf 1–2% verringern konnte, stellten sich Klein und andere führende Mediziner, wie Anton v. Rosas (1791–1855), Rudolf Virchow (1821–1902), Eduard Kaspar Jakob v. Siebold (1801–61), Friedrich Wilhelm Scanzoni v. Lichtenfels (1821–91) oder James Young S. Simpson (1811–70), gegen seine Theorie. Unterstützung fand S. dagegen bei namhaften Vertretern der Wiener Med. Fakultät, wie Škoda, Rokitansky und Hebra. Nachdem diese S. erfolglos zur Veröffentlichung seiner Ergebnisse gedrängt hatten, übernahm Hebra diese Aufgabe (F. v. Hebra, Höchst wichtige Erfahrungen über d. Ätiologie d. in Gebäranstalten epidem. Puerperalfieber, in: Zs. d. k. k. Ges. d. Ärzte zu Wien 4, 1847, S. 242–44, 5, 1849, S. 64 f.). S. selbst präsentierte erst am 15.5.1850 seine Theorie in einem Vortrag vor der „Gesellschaft der Ärzte“ in Wien mit dem Titel Über die Ursachen des Kindbettfiebers“. S.s Gegner verhinderten die Verlängerung seiner Assistenzzeit; auch die Verleihung der venia legendi wurde zunächst abgelehnt. Als dann 1850 seine Ernennung zum Dozenten für theoretische Geburtshilfe, allerdings beschränkt auf Phantom-Übungen und Demonstrationen, erfolgte, verließ er Wien und eröffnete eine Privatpraxis in Pest. Seit 1851 arbeitete er daneben als unbesoldeter Primararzt an der Entbindungsstation des dortigen St. Rochus-Spitals, 1855–65 wirkte er als o. Professor für theoretische und praktische Geburtshilfe sowie als Hebammenlehrer an der Univ. Pest. 1857 lehnte er einen Ruf nach Zürich ab. In Pest beschäftigte er sich auch mit der operativen Gynäkologie und führte erstmals eine Operation am Eierstock durch.

    Seit 1857 veröffentlichte er Fachbeiträge im ungar. „Orvosi Hetilap“ (Ärztliches Wochenblatt), die allerdings aufgrund der geringen Verbreitung nicht geeignet waren, seinen internationalen Widersachern entgegenzutreten. Mit seinen Erkenntnissen über die oft auch iatrogenen Ursachen der Puerperalsepsis zählt S. zu jenen Medizinern, die bereits in der vorbakteriologischen Ära die Grundlage zur erfolgreichen Bekämpfung infektiöser Erkrankungen schufen. Ende 1860 (mit Erscheinungsjahr 1861) erschien sein Buch „Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers“ (Neudr. 1912). Nachdem er auch mit diesem Werk, von manchen wegen der ungeschickten Datenpräsentation und stilistischer Mängel kritisiert, seine Widersacher nicht überzeugen konnte, wandte er sich in offenen Briefen an Siebold, Scanzoni und Joseph Späth (1823–1896) sowie an sämtliche Professoren der Geburtshilfe. 1865 erkrankte S. an einer schweren Depression und wurde ohne psychiatrisches Gutachten in die Niederösterr. Landesirrenanstalt in Wien verbracht, wo er nach kurzem Aufenthalt an einer Sepsis verstarb. Erst nach seinem Tod wurde S. als Pionier der Antisepsis und als „Retter der Mütter“ anerkannt und geehrt. Im engl. Sprachraum steht der Ausdruck „Semmelweis-Reflex“ für die Ablehnung einer Information oder einer wissenschaftlichen Entdeckung ohne vorherige Überlegung oder Überprüfung des Sachverhalts.

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Ges. d. Ärzte Wien; Med.gesch. Mus. S. im Geburtshaus mit Grab- u. Gedenkstätte (seit 1965); S. Univ. f. Med., Gesundheitswiss. u. Sport in Budapest (seit 1969); S. Frauenklinik d. Krankenanstalt Rudolfstiftung in Wien; S.-Gasse in Wien; I.-P.-S.-Forsch.preis d. Dt. Ges. f. Krankenhaushygiene (seit 1997); S. Society Internat. (seit 2003).

  • Werke

    Zwei offene Briefe an v. Siebold u. Scanzoni, 1861; Zwei offene Briefe an Späth u. Scanzoni, 1861; Offener Brief an sämtl. Professoren d. Geburtshilfe, 1862; Ges. Werke, hg. u. z. T. aus d. Ungar. übers. v. T. v. György, 1905, Nachdr. 2007.

  • Literatur

    ADB 33; I. Fischer, in: Gesch. d. Geburtshilfe in Wien, 1909, S. 285–307; W. J. Sinclair, S., His Life and his Doctrine, 1909; M. Neuburger, in: Wiener Med. Wschr. 68, 1918, Sp. 1173–1178 (P); J. Antall, Wien u. Budapest im Lebenswerk S.s, ebd. 132, 1982, S. 161–67; F. P. Murphy, I. P. S., An annotated bibliography, in: Bull. of the History of Medicine 20, 1946, S. 653–707; L. Schönbauer, Das med. Wien, Gesch., Werden, Würdigung, 21947, S. 275–97 (P); E. Lesky, I. P. S. u. d. Wiener Med. Schule, in: SB d. Österr. Ak. d. Wiss., Phil.-hist. Kl. 245, 1964; G. Silló-Seidl, Die Wahrheit über S., Das Wirken d. gr. Arzt-Forschers u. sein tragischer Tod im Licht neu entdeckter Dokumente, 1978; H. Wyklikky, in: J. Jung (Hg.), Österr. Porträts, 1985, S. 256–71; M. Skopec, I. P. S., Die Bedeutung seiner Erkenntnis, in: Kunst d. Heilens, Ausst. Kat., 1991, S. 692–97; C. Putnam, in: W. F. Bynum u. H. Bynum (Hg.), Dict. of Medical Biogr. V, 2007, S. 1133–35 (W-Verz., P); The New Enc. Britannica X, 2007, S. 627 f.; Wurzbach; BLÄ; Pagel (P); DSB; Hist. Lex. Wien; ÖBL; Ärztelex.; Personenlex. Österr. (P); – Qu Med. Univ. Wien; Österr. Nat.bibl.; Österr. StA, Allg. Verw.archiv; Univ. Wien, Univ.bibl., Archiv; Semmelweis-Mus., Budapest.

  • Portraits

    Marmorstatue v. A. Strobl, 1906 (Budapest, Elisabeth-Platz); Bronzerelief v. Charlemont, 1908 (Wien, Spitalgasse); Büste v. R. Schmidt, 1944 (Wien, Bastiengasse); Reliefbüste v. A. Hrdlicka, 1967 (Wien, Arkadenhof d. Univ.); S.-Münzen u. -Plaketten in Ungarn, u. a. v. L. Beran, 1906 u. 1908; J. Remenyi, 1918, 1958 u. 1968; G. Szanto, 1925; A. Kiss Nagy, 1965 u. L. Csontos, 1968; in Österr. v. T. Pesendorfer, 2008; Sonderbriefmarken in Ungarn 1965, Österr. 1965, BRD 1956 u. DDR 1968.

  • Autor

    Bruno Bauer
  • Empfohlene Zitierweise

    Bauer, Bruno, "Semmelweis, Ignaz" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 239-241 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118613138.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Semmelweis, Ignaz Philipp

  • Leben

    Semmelweis: Ignaz Philipp S. wurde geboren am 1. Juli 1818 zu Ofen; aus einer wohlhabenden Familie stammend, besuchte er zuerst die Normalschule und das Gymnasium zu Ofen und ging mit 19 Jahren auf die Universität Wien, in der Absicht, Jurisprudenz zu studiren. Diese Absicht gab er jedoch auf, nachdem er mit Freunden den anatomischen Vorlesungen in Wien beigewohnt hatte und trat zur Medicin über, indem er theils in Pest, theils in Wien studirte und 1844 auf Grund eines Examens und der Dissertation "de vita plantarum" in Wien promovirte. Nach beendeten Studien bewarb er sich um eine Assistentenstelle an der ersten Gebärklinik des Wiener allgemeinen Krankenhauses, welche ihm provisorisch für die Sommermonate des Jahres 1846 übertragen wurde. Die enorme Sterblichkeit der Wöchnerinnen, welche damals auf jener Abtheilung 15% betrug, machte einen unauslöschlichen Eindruck auf sein Gemüth und er constatirte eine Reihe von Thatsachen bei derselben, welche gegen miasmatisch-epidemische Einflüsse, also gegen die zu jener Zeit gültigen ätiologischen Anschauungen sprachen und ihn bereits zu der Ansicht brachten, daß eine vorzugsweise auf die erste Abtheilung beschränkte, also eine Art endemischer Ursache vorhanden sein müsse. Im Begriff, nachdem er jene Stelle verlassen, eine wissenschaftliche Reise nach Dublin zu machen, erhielt er durch die plötzliche Berufung von Breit nach Tübingen, eine definitive Anstellung als Assistent derselben Abtheilung für das Frühjahr 1847 und ging zunächst zu seiner Erholung auf kurze Zeit nach Venedig. Als er kaum sein neues Amt angetreten hatte, starb der pathologische Anatom Kolletschka in Wien an einer Leichenvergiftung. Die Ergebnisse der Section desselben, welche vollständig mit denjenigen im Puerperium verstorbener Wöchnerinnen übereinstimmten, waren es, welche S. zuerst zu der Ueberzeugung brachten, daß das Puerperalfieber auch eine Art von Leichenvergiftung sei. Er führte infolge dessen, um die fauligem Stoffe an den Händen der Aerzte zu zerstören, Waschungen mit Chlorwasser oder Chlorkalk ein, wodurch die Sterblichkeit der Wöchnerinnen sehr erheblich sank. Schon im Herbste 1847 machte er dann die Beobachtung, daß eine größere Anzahl Gebärender tätlich inficirt worden war, weil man sie gleich nach der Exploration einer mit Medullarkrebs des Uterus behafteten Parturiens, ohne vorher die Hände gehörig mit Chlorwasser gereinigt zu haben, untersucht hatte. Er kam ferner zu der Ueberzeugung, daß auch durch die Luft eine Infection stattfinden könnte und daß sogar eine Art von Selbstinfection vorkomme; beide jedoch, wie er ausdrücklich betonte, sehr selten. Es ist also durchaus unrichtig, wenn auch|in neueren Biographien von S. behauptet wird, (s. Gurlt-Hirsch, Biograph. Lexikon Bd. V, 359), daß er in etwas einseitiger Weise die puerperale Sepsis auf Uebertragung des sogenannten Leichengiftes zurückgeführt habe. Rokitansky, Skoda und Hebra traten für die Lehre von S. ein und letzterer verglich sie bereits mit der Erfindung Jenner's. Skoda hielt einen Vortrag über dieselbe in der Wiener Akademie der Wissenschaften und diese beauftragte Brücke mit S. zusammen, durch weitere Thierexperimente, welche letzterer bereits mit dem Uterussecret puerperalkranker Frauen und jauchiger Flüssigkeiten bei Kaninchen mit positiven Resultaten ausgeführt hatte, diese Frage nochmals zu prüfen. Während nun Routh die Lehre von S. von Wien nach England importirte und 1848 und 1849 mündlich und schriftlich verbreitete, während G. A. Michaelis und Arneth entschieden von der Richtigkeit derselben überzeugt waren und letzterer mit Helm, Chiari und Rokitansky bei Gelegenheit eines Vortrages von S. über dieses Thema in der Gesellschaft der Aerzte zu Wien im Frühjahr 1850 für S. eintrat, mißlangen leider die von letzterem und Brücke angestellten Thierexperimente und eine Reihe sehr hervorragender Gynaekologen, voran Kiwisch, Scanzoni und Seyfert, sprachen sich gegen seine Theorie aus. Man beschuldigte S. sogar, durch die Erhebung und Veröffentlichung seiner statistischen Daten Denunciationen begangen zu haben; er mußte 1849 seine Assistentenstelle aufgeben und kehrte 1850 nach Pest zurück. Hier wurde er zunächst Primararzt der geburtshülflichen Abtheilung des St. Rochusspitales und im J. 1855 Professor ordinarius und Director der geburtshülflichen Klinik. Inzwischen fanden von Zeit zu Zeit Discussionen über seine Theorie in wissenschaftlichen Gesellschaften statt: so 1851 und 1868 in der Académie de médécine de Paris, ferner in Kiel und Kopenhagen, bei denen sich wiederum hervorragende Geburtshelfer wie Dubois, Litzmann, Levy, C. Braun ganz gegen, oder nur sehr bedingt für dieselbe aussprachen; S. publicirte darauf seine Ansichten in ungarischer Sprache im Orvosi hetilap 1858—60 ausführlich und gab endlich im J. 1861 sein größtes Werk: "Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers" in deutscher Sprache heraus. Während aber zahlreiche Autoren wie Virchow, Spiegelberg, Hecker, Schwarz sich sofort gegen diese Anschauungen aussprachen, begannen andere Forscher die Sache ernstlich zu prüfen und mancher wurde bereits durch eine Reihe auffälliger Beobachtungen ein stiller Anhänger von S.; aber es dauerte doch recht lange, bis die Semmelweis'sche Theorie durchdrang und leider hat S. selbst den Sieg seiner Lehre nicht mehr erlebt. S. war durch die vielen Gegner, die er fand, aufs höchste erregt und machte dieser Erregung durch mehrere offene Briefe an v. Siebold, Scanzoni, Späth und sämmtliche Professoren der Geburtshülfe Luft, in welchem sich seine beginnende geistige Umnachtung schon nicht mehr verkennen ließ (1861/1862); gleichwohl blieb er noch bis zum Sommer 1865 im Amt, dann wurde er jedoch in die Irrenanstalt nach Doebling bei Wien verbracht, wo er am 13. August 1865 an Blutvergiftung starb, welche er durch eine Operation bei einem Neugeborenen sich zugezogen hatte.

    Das größte Verdienst dieses Mannes besteht darin, daß er nicht nur die Art der Uebertragung des Giftes auf die Kreissenden durch Finger, Geräthschaften, Instrumente u. a. nachwies, und daß die Infection durch die Lust und die Selbstinfection und Praedisposition von untergeordneter Bedeutung seien, sondern daß er auch genaue Vorschriften über die Vermeidung der Infection und die Zerstörung des Giftes gab. So wird man ihn zu allen Zeiten zu den größten Wohlthätern der Menschheit rechnen und stets das traurige Schicksal beklagen müssen, welches ihm beschieden war. Seit dem Jahre 1857 war S. mit der Tochter eines angesehenen Kaufmanns verheirathet, die durch Herzensgüte|und heiteres Temperament ausgezeichnet, ihm ein glückliches Familienleben schuf und drei Kinder schenkte. S. selbst war wegen seiner persönlichen Eigenschaften bei seinen Lehrern und Studiengenossen sehr beliebt, seine Bescheidenheit, sein anspruchsloses Wesen und kindlich naive Denkungsweise, seine Anhänglichkeit an seine Freunde, sein uneigennütziges Streben und freimüthiges Auftreten war bekannt, und wenn irgend einer so hätte er wohl ein glücklicheres Loos in der Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen und großartigen Entdeckung verdient, während die Mehrzahl seiner Fachgenossen doch erst durch die Pasteur'schen Entdeckungen und die darauf gegründeten Lister'schen Lehren endlich auch zur vollen Anerkennung seiner Verdienste gelangt sind. Aber wie Hegar, dem wir diese Lebensskizze größtentheils entlehnt haben, mit Recht sagt, ist "der Werth und das Verdienst einer jeden neuen Wahrheit um so größer, je weiter sie über das Niveau der zur Zeit ihrer Entdeckung herrschenden Ansichten und Lehren hinausgeht". Das that nun die Lehre von S. in hohem Grade und die Zeit ist hoffentlich nicht mehr fern, wo auch diesem Märtyrer der Wissenschaft einmal ein ehernes Denkmal gesetzt wird.

    • Literatur

      A. Hegar, J. P. Semmelweis: Sein Leben und seine Lehre. Freiburg i. B. 1882. — Bruck, Jakob Ignaz Philipp Semmelweis. Wien und Teschen 1887.

  • Autor

    F. Winckel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Winckel, Franz von, "Semmelweis, Ignaz" in: Allgemeine Deutsche Biographie 33 (1891), S. 704-706 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118613138.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA