Lebensdaten
1839 bis 1908
Geburtsort
Dinslaken/Niederrhein
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
preußischer Ministerialbeamter ; Hochschulreformer
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118644890 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Althoff, Friedrich Theodor
  • Althoff, Friedrich
  • Althoff, Friedrich Theodor

Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Althoff, Friedrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118644890.html [11.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Friedrich Theodor Althoff, Domänenrat aus westfälischer Beamten- und Pfarrerfamilie (bäuerlichen Ursprungs) der Grafschaft Mark;
    M Julie, T des preußischen Etats- und Kriegsministers von Buggenhagen;
    Marie Ingenohl ( 16.11.1925) aus Neuwied.

  • Leben

    A. besuchte das Gymnasium in Wesel und die Universität in Bonn, wo er Jurisprudenz studierte und als Korpsstudent mehrfach in Konflikt mit den akademischen Behörden geriet. Als Assessor war er an rheinischen Gerichten tätig, und noch bevor er in Köln seine Praxis als Advokat aufnahm, hat der Krieg von 1870 die entscheidende Wende seiner Lebensbahn gebracht. Er trat 1871 in die Verwaltung der neu erworbenen Reichslande ein und wurde Franz von Roggenbach zugeteilt, der damals als kaiserlicher Kommissar beauftragt war, in Straßburg die neue deutsche Universität zu gründen. A. hat die Vorarbeiten geleistet, die Berufungen durchgeführt, er ist 1872 auch in den Lehrkörper aufgenommen worden, als außerordentlicher Professor in der juristischen Fakultät, und es wurde dem jungen, schon sehr verdienten Beamten auch der Dr. jur. h. c. verliehen. Er war aber dauernd in der Verwaltung tätig, 1880 ist er zum Ordinarius befördert worden, seine einzige literarische Leistung ist aus den Regierungsgeschäften erwachsen. Der vorzüglich Bewährte wurde 1882 als Geheimer Regierungsrat und Vortragender Rat in das preußische Kultusministerium berufen und mit dem Universitätsreferat betraut.

    In Straßburg, als Verwaltungsbeamter wie als Professor, hatte A. Gelegenheit gehabt, an der werdenden neuen Universität sich mit allen Fragen des akademischen Lebens vertraut zu machen. Die seltene Chance, eine deutsche Universität ganz neu zu schaffen, sie zu benutzen zu einer geistigen Tat, konnte Roggenbach nicht wahrnehmen, wie er gehofft hatte. Eine wahre Neugestaltung mußte, wenn sie überhaupt möglich war, nur von Berlin ausgehen. Und so hat denn Roggenbach 1882 dem nach Berlin abgehenden jüngeren Mitarbeiter die Universitätsreform als die große Aufgabe empfohlen, die vor ihm lag. A. ist nicht der große Reformator der deutschen Universitäten geworden, seine Arbeit kann nicht mit der entsprechenden Leistung Wilhelm von Humboldts verglichen werden. Es fehlte am Ende des Jahrhunderts der große Kreis von Denkern und Reformern, der an seinem Anfang brauchbare Ideen geliefert hatte, und in den Zeitverhältnissen war nichts gegeben, was das Gesetz des Beharrens und die Widerstände der Interessen hätte überwinden können. Hier war sogar einer so starken, eigenmächtigen und illusionslosen Persönlichkeit wie A. die Grenze gezogen. Er ist von 1882 bis 1907 der entscheidende Mann im preußischen Kultusministerium gewesen; schon in seiner Eigenschaft als Chef der Hochschulabteilung hat er maßgebenden Einfluß genommen auf die Führung der preußischen Kulturpolitik mitsamt ihren Auswirkungen auf das Reich, seit 1897 war er Ministerialdirektor und übernahm dabei auch die Abteilung für die höheren Schulen. Es bleibt dabei sein Verdienst, daß er mit neuen Praktiken der Verwaltung Schäden bekämpft und fruchtbare Einrichtungen für die Wissenschaft geschaffen hat.

    A. ging davon aus, daß der innere Wert einer wissenschaftlichen Institution vornehmlich von den Persönlichkeiten der Gelehrten abhängt. Er hat mit dem Brauch des liberalen Zeitalters gebrochen, daß die Regierung bei den Berufungen nur einfach die Vorschlagslisten der Fakultäten ausführte. Er entschied nicht willkürlich, aber doch selbständig auf Grund der vielseitigen Informationen. Gerne verhandelte er auch mit jungen aufstrebenden Talenten, stellte sie auf die Probe und förderte sie von sich aus; er bemühte sich, neuen und verkannten wissenschaftlichen Anschauungen Raum zu geben. Dies alles war ungewohnt und brachte ihm viele und starke Feindschaften ein. Das „System A.“ wurde ein Schreckgespenst, Parlamente und Zeitungen wurden in Bewegung gesetzt, die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr erklärt, die Methoden des Referenten als unwürdig gebrandmarkt. A. hat demgegenüber zum Ausdruck gebracht, daß bei der Berufung auf|einen so hohen Posten wie den eines Universitätsprofessors die wissenschaftlichen und staatsmännischen Gesichtpunkte gleich wichtig seien und daß über beide unmöglich eine Fakultät in letzter Instanz entscheiden könne.

    Sicherlich lebte in A. ein starker persönlicher Drang, Macht zu besitzen und auszuüben; er war eine autoritäre Natur. Er wirkte aber auch in einer Zeit, wo der Liberalismus überall in Europa im Niedergang war, neue Probleme und das Anwachsen der Geschäfte eine straffe Führung notwendig machten und selbst demokratische Staaten nicht mehr auf eine starke Bürokratie verzichten konnten. Dies gab auch den Monarchen im Deutschland Wilhelms II. noch einmal eine große Chance, wenn ihre Verwaltung sich von sachlichen Gründen leiten ließ. Daß dies bei A. der Fall gewesen ist, kann heute nicht mehr bestritten werden. Er hatte - und auch dies bezeugt seine ungewöhnliche Position - den unmittelbaren Vortrag beim Kaiser. A. diente uneigennützig dem Staate und der Wissenschaft zugleich, er hielt es für seine Pflicht, mitzuhelfen, daß tüchtige akademische Lehrer und durch diese der wissenschaftliche Nachwuchs und die Männer der Praxis - Juristen, Ärzte, Gymnasiallehrer von hoher Qualität - herangezogen wurden, damit der Jugend, den Kranken, dem ganzen Volke geholfen werde; die Motive der Nächstenliebe, der Menschlichkeit und Gerechtigkeit treten aus seinen Briefen und seinem Wirken ebenso stark hervor, wie die der staatlichen und seiner persönlichen Autorität. Daß die akademischen Lehrkörper mit äußerster Sorgfalt und unter vielfacher Kontrolle ergänzt wurden, war aber in seinem Ressort die Voraussetzung von allem. Seine Menschenkenntnis hat es nur selten dazu kommen lassen, daß er sich für einen minder Geeigneten einsetzte. Dies haben gerade die größten Gelehrten seiner Zeit - Felix Klein, Adolf von Harnack und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf, Robert Koch und Emil Behring - anerkannt und sind auf seine Seite getreten. Die Versöhnung der Reichslande wurde dringend. A., der Protestant, kannte aus seiner rheinischen Heimat das ganze Gewicht der konfessionellen Frage. Ihm fiel zu, an der Universität Straßburg eine katholisch-theologische Fakultät und einen katholischen Lehrstuhl der Geschichte einzurichten. Hiergegen richtete sich 1901 eine große, von Theodor Mommsen geleitete Protestaktion.

    Die Kliniken und die medizinischen Laboratorien lagen A. besonders am Herzen. Doch auch die Institute für Mathematik und theoretische Naturwissenschaften, zumal in Göttingen, verdankten ihm vieles. Unzählige andere große und kleine wissenschaftliche Unternehmungen wurden eingeleitet und lebensfähig erhalten. Daß Münster eine Universität, Breslau und Danzig Technische Hochschulen und Posen eine Akademie erhielten, war seiner Arbeit zu danken. Er ging dabei mit dem politischen Ressort zusammen. Vor allem die Grenzlandarbeit im deutschen Osten war ein mächtiges Motiv. Mit einem bis dahin in Deutschland unbekannten Aufwand wurden die Stätten der Forschung aufgebaut und auch bei den privaten Geldgebern eifrig geworben. Unter der Ägide des Staatsbeamten wurde nun auch in Deutschland der Bund von Wissenschaft und Kapitalismus geschlossen. Es war gewiß ein Verfahren, das im alten Deutschland unbekannt gewesen war, wenn nun im Namen der Wissenschaft bei Bankdirektoren und Industriekapitänen vorgesprochen wurde. Aber es geschah durch einen Staatsbeamten, der die vielen guten Beziehungen, die er also knüpfte, niemals für sich genutzt hat.

    A. hat auch in den Streit um die Neugestaltung der höheren Lehranstalten eingegriffen, auf die ihn bereits Roggenbach besonders hingewiesen hatte. In der damals heißumkämpften Frage der Gleichberechtigung zwischen den drei höheren Schulgattungen hat A. mit der Verteidigung des Gymnasialmonopols begonnen und ist zuletzt entschieden für die Gleichberechtigung eingetreten. Auch sein letztes Werk, die Eingliederung des höheren Mädchenschulwesens und des Frauenstudiums in die höhere Schule und in die Universität hat schwierige Fragen noch in der Schwebe gelassen.

    Als A. 1907 aus dem Amte schied und im folgenden Jahr starb, da hatte das wissenschaftliche Deutschland allen Grund dem Manne zu danken für viele Einrichtungen, die ohne ihn nicht zustande gekommen wären. Man bereitete ihm das Ehrengrab im Botanischen Garten zu Dahlem, den er auf dem Boden der alten Domäne errichtet hatte: in omnibus caritas steht auf dem Grabmal zu lesen und bezeichnet treffend das letzte Motiv dieses unermüdlichen Wirkens. Die Probleme einer in tiefen sozialen Wandlungen begriffenen Zeit waren zu zahlreich und zu schwierig; niemand wurde ihrer Herr. Auch A. hat dies nicht ändern können; und auch die Opposition gegen Kaiser und Wilhelminismus ist unfruchtbar und hohl geblieben. Hieran zu erinnern ist notwendig, um die geschichtliche Bedeutung A.s richtig zu bemessen.

  • Werke

    Slg. d. in Elsaß-Lothringen geltenden Gesetze, hrsg. v. F. A., R. Förtsch, A. Keller u. A. Leoni, Bd. 1-3, Straßburg 1880–81;
    Aus F. A.s Jugendzeit,|f. seine Freunde zusammengestellt v. Marie Althoff, 1910 (Erinnerungen, als Ms. gedr.), ebenso: Straßburger Zeit, 1914. Berliner Zeit, 1918 (vgl. dazu Sachse, S. VI).

  • Literatur

    R. Lüdicke, Die preuß. Kultusminister u. ihre Beamten 1817-1917, 1918;
    A. Sachse, F. A. u. sein Werk, 1928 (auf persönl. Beziehungen u. Auswertung d. Nachlasses beruhend, P); Qu.: Nachlaß im Geh.
    Staatsarchiv in Berlin-Dahlem (Ber. darüber b. Sachse, S. V);
    F. Schmidt-Ott, Erlebtes und Erstrebtes, 1951.

  • Portraits

    Marmorbüste (Göttingen, Sitzungssaal d. Ak. d. Wiss.);
    A.-Plakette v. E. Deitenbeck;
    s. a. Sachse, S. 62.

  • Autor/in

    Franz Schnabel
  • Empfohlene Zitierweise

    Schnabel, Franz, "Althoff, Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 222-224 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118644890.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA