Lebensdaten
1867 bis 1922
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Politiker ; Reichsaußenminister
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118598430 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hartenau, W., Pseud.
  • Rathenau, Walter

Orte

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Zitierweise

Rathenau, Walther, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118598430.html [24.10.2017].

CC0

  • Genealogie

    V Emil (s. 1); M Mathilde Nachmann; ledig.

  • Leben

    Nach dem Abitur 1885 am Kgl. Wilhelms-Gymnasium in Berlin studierte R. Physik, Chemie und Philosophie in Berlin und Straßburg; 1889 mit einer Dissertation über „Die Absorption des Lichts in Metallen“ promoviert, schloß er ein polytechnisches Studium an der TH München an. Mit einem Industriepraktikum bei der „Aluminium-Industrie-AG“ in Neuhausen (Schweiz) begann R. 1892 seine Laufbahn in der von seinem Vater begründeten AEG, für die er als Fachmann für Elektrochemie 1893 den Aufbau der Elektrochemischen Werke in Bitterfeld übernahm, um dort die Entwicklung elektrolytischer Verfahren zur industriellen Erzeugung von Aluminium, Kalciumkarbid und Acytelengas voranzutreiben. In den Folgejahren mit der Errichtung weiterer elektrochemischer Werke und Versuchen zur elektrischen Kraftübertragung befaßt, wurde R. 1899 in den Vorstand der AEG berufen, in dem er die Verantwortung über die Abteilung für Zentralstationen erhielt. 1902 wechselte er für fünf Jahre als Geschäftsinhaber unter der Direktion Carl Fürstenbergs (1850–1933) zur Berliner Handels-Gesellschaft, der Hausbank der AEG und wurde 1904 in den Aufsichtsrat der AEG berufen (1912 Vors.).

    Beim zielstrebigen Aufstieg in die Wirtschaftselite des Kaiserreichs bewahrte R. eine teils gesuchte, teils erzwungene Distanz zur wilhelminischen Gesellschaft und wurde zum kritischen Beobachter seiner Zeit. Jahrzehntelang zwischen geschäftlichen und künstlerischen Neigungen schwankend, trat er als Industrieorganisator und Inhaber einer Vielzahl von Aufsichtsratsmandaten ebenso hervor wie als umfassend gebildeter Intellektueller und vielgelesener Sozialphilosoph, aber auch als begabter Laienmaler und Schöpfer künstlerischer Entwürfe für sein selbstentworfenes Haus in Berlin-Grunewald und ein 1909 in Freienwalde (Mark) erworbenes Hohenzollernschlößchen. R. verband unternehmerisches Handeln, politisches Wollen und kulturelle Reflexion in einer seine Mitwelt oft irritierenden Weise und nicht ohne Rückschläge. Als Jude wurde er nach seiner Militärdienstzeit 1890/91 bei den preuß. Gardekürassieren nicht zum Reserveoffiziersexamen zugelassen und nach dem Rücktritt von Reichskanzler Bernhard v. Bülow 1909 auch in seinem Bemühen um eine politische Karriere im Lager der Nationalliberalen behindert, die er als Begleiter des Staatssekretärs im neugegründeten Reichskolonialamt, Bernhard Dernburg, auf zwei Informationsreisen nach Dt.-Ostfrika und Dt.-Südwestafrika 1907/08 begonnen hatte. Die Doppelrolle eines elitären Außenseiters, der zwar 1895 bei der jüd. Gemeinde Charlottenburg seinen „Austritt aus dem Judenthume“ beantragte, aber nie rechtsgültig vollzog und auch nicht zum christl. Glauben übertrat, führte R. an die Seite von Maximilian Harden (1861–1927), in dessen 1892 gegründeter Wochenzeitschrift „Die Zukunft“ er – zunächst unter Pseudonym – eine Vielzahl feuilletonistischer Betrachtungen besonders zu wirtschaftlichen und ethischen Fragen veröffentlichte. Unter ihnen erregte ein 1897 von antisemitischen Zügen nicht freier Assimilationsaufruf unter dem Titel „Höre, Israel!“ erhebliches Aufsehen, schon bevor R. seine gesammelten „Zukunft“-Essays als „Impressionen“ (1902) und „Reflexionen“ (1908) unter eigenem Namen erscheinen ließ.

    In den folgenden Jahren wuchs R. in die Stellung eines der Kultur der Kaiserzeit durch vielfältige Verbindungen und Freundschaften – etwa mit Gerhart Hauptmann, Harry Gf. Kessler, Ernst Troeltsch, Fritz v. Unruh, Frank Wedekind und Stefan Zweig – verbundenen homme de lettres hinein. Seine 1912/13 publizierten Bücher „Kritik der Zeit“ und „Zur Mechanik des Geistes oder Vom Reich der Seele“, die die Gegenwart als Mechanisierungszeitalter deuteten und in spekulativer Weise durch einen Übergang von der materiellen Welt des „Intellekts“ zu einer ideal gerichteten Welt der „Seele“ überwunden wissen wollten, trafen den Ton seiner Zeit, nicht zuletzt auch in ihrer rassisch argumentierenden Scheidung von Furcht- (oder Zweck-) und Mutmensch. Bereits 1911 hatte R. zugleich seinen antijüd. Affront von 1897 mit einem Aufsatz korrigiert, der das Versagen des preuß. Staates bei der politischen Integration der dt. Juden angriff und den Untergang der auf dem Machtausschluß des liberalen Bürgertums beruhenden und im Glauben an „pseudogerman. Ausschließlichkeit“ befangenen Herrschaftsklasse in Deutschland|prophezeite. Der nach nationaler Weltgeltung strebenden Politik des wilhelminischen Zeitalters setzte R. das Programm einer mitteleurop. Zollunion als Kernstück einer „solidarischen Zivilisation“ entgegen, das ihn zum Vordenker einer zivilgesellschaftlichen Alternative zur machtstaatlichen Antwort auf die Krise der klassischen Moderne macht.

    Seine geschäftlichen Erfolge als „Konzern-Architekt“, mit denen R. aus Rationalitätsgründen auf eine gemischtwirtschaftliche Kartellisierung der dt. Elektrizitätsindustrie und die Schaffung eines „Reichselektrizitätsmonopols“ hinarbeitete, trugen zum weiteren Aufstieg der AEG bei. Bei Ausbruch des Kriegs 1914 erkannte R. die unzureichende wirtschaftliche Vorbereitung Deutschlands und regte eine zentrale Erfassung und Verwaltung kriegswichtiger Rohstoffe an. Daraufhin zum Abteilungsleiter im preuß. Kriegsministerium ernannt, schuf er binnen kurzem eine Mammutbehörde, die die gesamte dt. Industrie einer an den Bedürfnissen der Kriegführung orientierten Beaufsichtigung unterwarf und damit seinen wirtschaftspolitischen Ordnungsvorstellungen stark entgegenkam, ihm aber auch den Vorwurf der Verquickung von Kriegsdienst und Konzerninteressen eintrug. Im März 1915 schied R. aus dem Kriegsrohstoffamt aus und kehrte zur AEG zurück. Nach dem Tod seines Vaters im selben Jahr scheiterte er in seinem Bemühen, dessen Nachfolge anzutreten, und wurde statt dessen zum „Aufsichtsratspräsidenten“ der AEG mit Sondervollmachten bestellt.

    Nach einem Zerwürfnis mit Erich Ludendorff, den er 1915/16 zeitweilig beraten hatte, zog R. sich für die Zeit des Kriegs aus öffentlichen Ämtern zurück. Er versuchte fortan v. a. durch Memoranden und persönliche Kontakte – etwa in der „Dt. Gesellschaft 1914“ und in der „Mittwochsgesellschaft“ – politischen Einfluß zu nehmen und entwickelte 1917 in einer vielbeachteten Schrift „Von kommenden Dingen“ seine Vision eines „Volksstaates“, indem er für eine grundlegende soziale Bewußtseinsveränderung warb und eine Gesellschaft skizzierte, in der Klassenschranken aufgehoben, erblicher Reichtum abgeschafft und die industrielle Produktion zentral organisiert würde. Ungeachtet seines politischen Weitblicks, der ihn schon im Aug. 1914 mit der Sorge vor einer Kriegsniederlage erfüllt hatte, isolierte R. sich bei Kriegsende mit einem Aufruf zur Volkserhebung, der auf eine Verbesserung der dt. Verhandlungsposition bei den Friedensverhandlungen zielte, im kriegserschöpften Deutschland aber als Durchhalteparole eines Kriegsverlängerers aufgenommen wurde. In der Novemberrevolution spielte R. keine Rolle. Er wurde auch nicht in die erste Sozialisierungskommission berufen, der er mit wirtschafts- und gesellschaftstheoretischen Entwürfen vorgearbeitet hatte. Ebenso mißlang der Versuch, mit dem Demokratischen Volksbund eine eigene Partei zu gründen. Die DDP, der er daraufhin beitrat, verweigerte ihm einen Listenplatz zur Nationalversammlung.

    R. zog sich erneut auf das Feld der politischen Publizistik zurück und veröffentlichte in rascher Folge eine Reihe von Schriften, die seine wirtschafts- und sozialpolitischen Zukunftsvorstellungen entwickelten. Doch erst als das Erstarken gegenrevolutionärer Strömungen die Schwäche des demokratischen Lagers sichtbar machte, fanden R.s Vorstellungen in politischen Kreisen breiteren Widerhall. 1920 wurde er in die Zweite Sozialisierungskommission berufen und als Sachverständiger in Reparationsfragen hinzugezogen, die nach dem Versailler Friedensvertrag zum Angelpunkt der dt. Außenpolitik wurden, um im Mai 1921 als Wiederaufbauminister in das 1. Kabinett Wirth einzutreten. Mit dem Wiesbadener Abkommen zur Umwandlung dt. Reparationsschulden in Sachlieferungen erreichte R. nach zähen Verhandlungen mit seinem franz. Amtskollegen Loucheur einen ersten Erfolg für seine politische Strategie, Deutschland von den Versailler Kriegsfolgen nicht gegen, sondern gemeinsam mit den alliierten Siegermächten zu entlasten. Der Rückzug der DDP aus der Regierung zwang ihn im Okt. 1921 zum Rücktritt. In den folgenden Monaten wirkte R. im Auftrag Reichskanzler Wirths als Sachverständiger für Wirtschaftsfragen – u. a. als Leiter der dt. Delegation bei den Reparationsverhandlungen in Cannes- und wurde Ende Jan. 1922 zum Außenminister ernannt.

    In den knapp sechs Monaten seiner Amtszeit gelang es R. auf der Konferenz von Genua im April/Mai 1922, das Dt. Reich aus der außenpolitischen Isolierung zu lösen. Doch geriet seine Verständigungspolitik schnell in eine Sackgasse. Gerade der von ihm nur zögerlich betriebene Ausgleich mit Sowjetrußland, der am Rande der Genueser Konferenz in Rapallo paraphiert wurde, ließ Deutschland zwar mit einem Überraschungscoup auf die internat. Bühne zurückkehren, isolierte es aber gleichzeitig erneut von den Westmächten und zerstörte so endgültig die Grundlagen einer Verständigungspolitik, die bereits mit der Ablösung des kompromißbereiten franz. Ministerpräsidenten Briand durch Poincaré im Jan. 1922 massiv erschüttert worden war.

    Am 24.6.1922 wurde R. auf der Fahrt in das Auswärtige Amt in Berlin-Grunewald von zwei nationalistischen Attentätern aus einem fahrenden Auto heraus erschossen. Sie gehörten der „Organisation Consul“ (O. C.) an, einem paramilitärischen Wehrverband unter Führung des Marineoffiziers Hermann Ehrhardt (1881–1971). Das Attentat auf R., der während seiner Ministerzeit auf der nationalistischen bzw. völkischen Rechten als Jude und „Erfüllungspolitiker“ stärksten Anfeindungen ausgesetzt war, war Teil einer mit dem Überfall auf Philipp Scheidemann am 4.6.1922 begonnenen Anschlagsserie, mit deren Hilfe die O. C. die Republik destabilisieren wollte. Rasch erlassene Republikschutzvordnungen und schnelle Fahndungserfolge der Polizei zerschlugen die logistische Struktur der O. C. und verhinderten eine weitere Eskalation.

    Der die Öffentlichkeit stets polarisierende R. wurde postum als Märtyrer der Republik gewürdigt und in der Weimarer Republik durch zahlreiche Gedenkzeichen geehrt, bevor das NS-Regime das Andenken an ihn zu tilgen suchte. Nach 1945 wurde er geschichtspolitisch in Ost und West vereinnahmt und in der DDR als Vorkämpfer der dt.-sowjet. Verständigung geehrt, während die Bundesrepublik ihn v. a. als Opfer von fanatischem Antisemitismus und politischem Extremismus würdigte. Im Kontext der sozialliberalen Entspannungspolitik kehrte der „Weg von Rapallo“ für kurze Zeit in die öffentliche Aufmerksamkeit zurück, und mehr als R.s gesellschaftspolitische Erwägungen finden seine wirtschaftsethischen Forderungen auch heute noch Aufmerksamkeit. Unabhängig von der konjunkturellen Schwankungen unterworfenen Rezeption seiner Schriften, kommt R. bleibender Rang ebenso als Mittler zwischen Politik, Wirtschaft und Kultur zu wie als Verkörperung der vielfältigen Verwerfungen und Spannungslinien in der Epoche des krisenhaften Übergangs vom wilhelminischen Kaiserreich zur Weimarer Republik|.

  • Auszeichnungen

    Walther Rathenau Stiftung (1923, 1934 zwangsweise aufgelöst); Walther Rathenau Ges. (1928, 1934 aufgelöst, 1974 unter Vors. v. Theodor Eschenburg neu begr.); Walther Rathenau Stift Gemeinnützige GmbH (1919, 1939 aufgelöst, 1991 neu begr.).

  • Werke

    Weitere W Zur Kritik d. Zeit, 1912; Die neue Wirtsch., 1918; Ges. Schrr. in fünf Bdn., 1918; Der Kaiser, Eine Betrachtung, 1919; Der neue Staat, 1919; Kritik d. dreifachen Rev., 1919; Die neue Ges., 1919; Ges. Reden, 1924; Briefe, 3 Bde., 1926-30; Schrr. aus Kriegs- u. Nachkriegszeit (Nachgelassene Schrr.), 1928; Ges. Schrr. in sechs Bdn., 1929; Pol. Briefe, 1929; Tageb. 1907-1922, hg. v. H. Pogge-v. Strandmann, 1967; Gesamtausg. in sechs Bdn. (bereits ersch.: II: Hauptwerke u. Gespräche, hg. v. E. Schulin, 1977; VI: W. R. - Maximilian Harden, Briefwechsel 1897-1920, hg. v. H. D. Hellige, 1983; in Vorbereitung: I: Schrr. d. wilhelmin. Zeit [1881-1914], hg. v. H. D. Hellige u. A. Jaser; III: Schrr. d. Kriegs- u. Rev.zeit [1914-1919], hg. v. W. Michalka; IV: Schrr. d. Zeit d. Weimarer Rep., hg. v. J. Hentzschel; V: Briefe, hg. v. A. Jaser, C. Picht u. E. Schulin.

  • Literatur

    E. Federn-Kohlhaas, W. R., Sein Leben u. Wirken, 1927 (P); H. Gf. Kessler, W. R., Sein Leben u. sein Werk, 1928 (P); E. Gottlieb, W.-R.-Bibliogr., 1929; W. Frank, „Höre Israel!“, Harden, R. u. d. moderne Judenfrage, 1939; W. Orth, W. R. u. d. Geist v. Rapallo, Größe u. Grenzen e. dt. Bürgers, 1962; R. Kallner, Herzl u. R., 1976; E. Schulin, W. R., Repräsentant, Kritiker u. Opfer seiner Zeit, 1979 (Neuausg. 1992) (P); P. Berglar, W. R., Ein Leben zw. Philos. u. Pol., 1970 (Neuausg. 1987); T. Buddensieg u. a., Ein Mann vieler Eigenschaften, W. R. u. d. Kultur d. Moderne, 1990; H. Wilderotter (Hg.), Die Extreme berühren sich, W. R. 1867-1922, 1993 (P); D. Heimböckel, W. R. u. d. Lit. seiner Zeit, Stud. zu Werk u. Wirkung, 1996; H. F. Loeffler, W. R., Ein Europäer im Ks.reich, 1997; M. Sabrow, Die verdrängte Verschwörung, Der Rathenau-Mord u. d. dt. Gegenrev., 1998; ders., Die Macht d. Mythen, W. R. im öff. Gedächtnis, Sechs Essays, 1998; Th. Rohkrämer, Eine andere Moderne? Zivilisationskritik, Natur u. Technik in Dtld. 1880-1933, 1999; U. Mader, Emil u. W. R. in d. elektrochem. Ind. (1888–1907), Eine hist. Studie, 2000.

  • Portraits

    Ölgem. v. E. Munch, 1907, 2 Fassungen (Berlin, Märk. Mus., u. Bergen, Rasmus Meyers Samlinger); Büste v. H. Hahn, 1908, Abb. in: Die Extreme berühren sich, 1993 (s. L); Selbstbildnis, Pastell, nach 1909 (heute im Bes. d. Walther Rathenau Ges., ausgest. in Schloß Freienwalde).

  • Autor

    Martin Sabrow
  • Empfohlene Zitierweise

    Sabrow, Martin, "Rathenau, Walther" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 174-176 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118598430.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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