Lebensdaten
1878 bis 1945
Geburtsort
Königsberg (Preußen)
Sterbeort
Hollywood
Beruf/Funktion
Schauspieler ; Regisseur ; Theaterleiter
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118557491 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Jessner, Leopold
  • Jeßner, Leopold
  • Jessner, Leopold

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Zitierweise

Jeßner, Leopold, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118557491.html [20.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus Gel.- u. Ärztefam.;
    Ov Samuel (1859–1929), Dr. med., Facharzt f. Dermatol. (s. BLÄ);
    N Max (* 1887), Prof. d. Dermatol. in Breslau bis 1933.

  • Leben

    Seine Bühnenlaufbahn begann J. als Schauspieler; er kam über das Stadttheater Cottbus (1897/98), später als Mitglied des Berliner „Gesamtgastspiels“ an das Deutsche Theater in Breslau zum Dr. Heine-Ensemble. Hier wurde er zum ersten Male mit der entscheidenden Rolle der Regie konfrontiert. Nach einem Jahr als Schauspieler und Regisseur beim „Ibsen-Theater“ führte J.s Weg über Engagements am Deutschen Theater in Hannover, am Residenztheater in Dresden (1903/04) zum Thaliatheater nach Hamburg. Seit 1908 dort Oberregisseur, konnte er sich vor allem für die Werke von Ibsen, G. Hauptmann, Holz, Gorki und Wedekind einsetzen. Für die Sommermonate 1911-14 übernahm er die künstlerische Leitung der Hamburger Volksschauspiele, die von der Zentralkommission für das Arbeiterbildungswesen der Gewerkschaften veranstaltet wurden. Seit 1915 war J. Leiter des Neuen Schauspielhauses in Königsberg mit erweiterten Vollmachten als Geschäftsführer. Sein Spielplan bevorzugte moderne Dramatiker und Uraufführungen. Außerordentliche Schauspieler konnte das Theater in dieser Zeit nicht engagieren. J. legte in den 4 Jahren seiner Tätigkeit in Königsberg mit seinen Hamburger Erfahrungen bereits die künstlerischen Grundlagen für seine dramaturgischen Bearbeitungen und den Inszenierungsstil seiner späteren Tätigkeit. 1919 als Intendant des Staatsschauspiels nach Berlin berufen, gelang es ihm, in kurzer Zeit aus dem ehem. Hoftheater das erste repräsentative Staatstheater der Weimarer Republik zu entwickeln. Aus politischen und künstlerischen Gründen berufen, mußte J. später aus den gleichen Gründen demissionieren. Als überzeugter Republikaner und Sozialdemokrat setzte er sich für ein Zeittheater ein, das politisch, aber niemals partei-politisch ausgerichtet war. Sein Spielplan zeigte in erster Linie Klassiker in zeitgenössischer Interpretation, Werke lebender Dichter, Versuche junger Autoren, aber auch Unterhaltungsstücke. Jede Einseitigkeit wurde vermieden. Sein Ensemble hat er sich bilden und erziehen müssen, die wichtigste Entdeckung war der Schauspieler Fritz Kortner.

    J. inszenierte statt der bloßen Fabel eines Stückes stets die Idee der Fabel. Seine Bühnenräume waren meist stufenförmig gegliedert (im allgemeinen als J.sche Treppe bezeichnet), nicht naturalistisch, sondern stilisiert. Mit seiner Inszenierung von Schillers „Wilhelm Tell“ (12.12.1919) begann ein neuer Abschnitt der Regiekunst in Deutschland. Die bevorzugten Mitarbeiter als Gestalter der neuen szenischen Räume waren in diesen Jahren Emil Pirchan, Cesar Klein, Traugott Müller, Caspar Neher und Teo Otto; seine wichtigsten Regisseure waren Jürgen Fehling und Erich Engel. Für J. war die Besetzung eines Stückes bereits die halbe Regieleistung. Eine dramaturgische Funktion erfuhr, der rhythmischen Gliederung des Bühnenraumes entsprechend, die Musik (Pauken). Als Theaterleiter war J. nach anfänglichen Erfolgen glücklos. Bald geriet die Führung seiner Intendanz in den Wirbel parteipolitischer Streitigkeiten (J.-Krise), bedingt auch durch die politische Entwicklung der Weimarer Republik. 1929 wurde sein Vertrag als Intendant in einen Regievertrag umgewandelt. Die Inszenierung von Billingers „Rosse“, am 1.3.1933, war J.s letzte künstlerische Arbeit am Staatstheater. Als Jude war er zur Emigration gezwungen und ging zuerst nach England. Dort gründete er mit einem Schweizer Bankier die Filmgesellschaft „Jesba“, hatte jedoch keinen Erfolg. – Bereits 1919 hatte J. zum ersten Male eine Filmregie übernommen, 1921 mit Henny Porten, Fritz Kortner und W. Dieterle den aufsehenerregenden Streifen „Die Hintertreppe“ gedreht und später Filmfassungen von Wedekinds „Erdgeist“ und Schillers „Maria Stuart“ geschaffen. 1935 ging J. nach Palästina und inszenierte dort den „Kaufmann von Venedig“ und 1936 „Wilhelm Tell“; beide Inszenierungen brachten ihm jedoch nicht die gewünschte Anerkennung und vor allem keine neue Arbeitsmöglichkeit. 1937 gelang es J., nach Amerika zu emigrieren. In Hollywood vorwiegend bei Metro-Goldwyn-Mayer als Lektor tätig, war er jedoch bald wieder ohne Beschäftigung. Pläne für ein Buch über seine Theatererfahrungen konnten nicht verwirklicht werden. 1942 wurde J. amerikan. Staatsbürger. Bei der Reorganisation der deutschen Theater nach dem 2. Weltkrieg sollte er im amerikan. Außenministerium eine entsprechende Aufgabe erhalten. Das verhinderte jedoch sein Tod.

    J. war neben Max Reinhardt, Jürgen Fehling, Erich Engel, Erwin Piscator, Karl-Heinz Martin, Heinz Hilpert, Richard Weichert und Otto Falckenberg in den 20er Jahren einer der künstlerisch produktivsten, anregendsten und umstrittensten Regisseure und Theaterleiter der deutschen Bühne. Für viele Jahre wurde auf seiner Bühne der Expressionismus zur Wirklichkeit.

  • Literatur

    K. Th. Bluth, L. J., 1928;
    F. Ziege, L. J. u. d. Zeit-Theater, 1928;
    H. Ihering, Reinhardt, J., Piscator od. Klassikertod?, 1929;
    H. Müllenmeister, L. J., Gesch. e. Regiestils, Diss. Köln 1956 (ausführl. Bibliogr.);
    D. Dablet, L. J. et Shakespeare, in: Revue d'Hist. du Théâtre 16, 1965;
    Kosch, Theater-Lex.

  • Autor/in

    Rolf Badenhausen
  • Empfohlene Zitierweise

    Badenhausen, Rolf, "Jeßner, Leopold" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 427-428 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118557491.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA