Lebensdaten
1781 bis 1848
Beruf/Funktion
Philosoph ; Mathematiker ; Aufklärer in Böhmen
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118513117 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Bolzano, Bernard

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Zitierweise

Bolzano, Bernard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118513117.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Bernard (1737–1816), von Como nach Prag eingewanderter Kunsthändler, durchdrungen von den Lehren der deutschen Aufklärung;
    M Cäcilie Maurer (1753–1821), aus Prager Kaufmannsfamilie.

  • Leben

    Von Leibniz und Wolff ausgehend, mit Kant kritisch sich auseinandersetzend, wurde B. bereits als Philosophiestudent im Selbststudium ein origineller Denker. Vor allem erkannte er früh mit genialem Blick die Notwendigkeit, daß die Extension mathematischer Forschung im 18. Jahrhundert durch Intensität|zusammengefaßt werden müsse. B. wäre zweifellos ein bedeutender Mathematiker geworden, wenn er sich ganz diesem Fach gewidmet hätte. Aber er studierte 1800 Theologie und wurde 1805 Professor für Religionswissenschaften an der Universität Prag.

    B. war nicht nur Lehrer, sondern gleichzeitig auch Erzieher seiner Schüler. Seine sonntäglichen „Erbauungsreden“ prägten Generationen von tschechischen und deutschen Studenten in Böhmen. In der nationalen Frage, die schon damals die Gemüter zu erregen begann, vertrat B. den Standpunkt des aufgeklärten Landespatriotismus, der nur den deutschen und tschechischen Volksstamm kannte, die beide die böhmische Nation bilden. Das Trennende muß hinter dem Gemeinsamen zurücktreten. Im Elternhaus und in der josefinischen Schule zum Dienst für das allgemeine Wohl angehalten, wurde dieser Gedanke Leitstern für Leben und Denken B.s. Sein oberstes Sittengesetz lautete: Handle stets so, daß du optimal dem allgemeinen Wohl dienst. Die Lebensgrundsätze, die er stets lehrte und vorlebte, waren: „Befördere das allgemeine Wohl“; „Glücklich sein und glücklich machen, das ist unsere Bestimmung“ und „Fortschreiten soll ich“.

    B. glaubte in seinen Vorlesungen über Religionswissenschaft rein vernunftsmäßig nachweisen zu können, daß die katholische Religion die denkbar beste sei. Religion war für ihn „der Inbegriff aller Wahrheiten, die zur Beförderung der Tugend und Glückseligkeit dienen.“ Zu seiner neologischen Betrachtung von Religion und Offenbarung kamen seine in den Erbauungsreden vorgetragenen demokratischen Auffassungen vom Staat und von der sozialen Gerechtigkeit in ihm. Sie widersprachen den herrschenden Kreisen der Restauration in Österreich aufs höchste. So wurde B. zu Ende 1819 der Prozeß gemacht. Doch am Ende des fünfjährigen Prozesses blieb er moralischer Sieger, da der Erzbischof von Prag, vor dem der kirchliche Prozeß geführt wurde, von der guten Gesinnung B.s überzeugt war. B. wollte immer gläubiger Katholik sein. Diese Auffassung wurde auch nicht durch die Indizierung seines „Lehrbuches der Religionswissenschaft“, das in 4 Bänden 1834 ohne sein Wissen von Schülern herausgegeben wurde, erschüttert. Da es ihm nach seiner Entfernung vom Lehrstuhl durch den Kaiser (1819) versagt war, die Religionswissenschaft vorzutragen, wendete er sich, bei Wohltätern im abgelegenen Techobus (Frau Hoffmann) lebend, zunächst der Logik zu. Diese war ihm keineswegs Selbstzweck, sondern die Grundlage für jede Wissenschaft, also auch für die Religionswissenschaft und die Mathematik. Sein System der Logik, das etwa 1830 druckfertig war, erschien 1837 als „Wissenschaftslehre“ (21914 bis 1915, 31929-31). In vier Bänden bot B. darin in eindringender Verdeutlichung der Begriffe eine völlig neue Logik und verfocht gegen Kant die Feststellung objektiver Sätze, Wahrheiten und Vorstellungen, die unabhängig vom Bewußtsein Gültigkeit haben, in welchem sie auftreten. Die am Ende des 19. Jahrhunderts entstehende Logistik und Phänomenologie sind wesentlich von der Wissenschaftslehre B.s angeregt. - Ununterbrochen setzte sich B. mit Leibniz auseinander, von dem er in seinem Philosophieren ausging. Dessen Monadologie übernahm er weitgehend, lehnte aber als Determinist die „praestabilierte Harmonie“ ab. Die Substanzlehre von Leibniz wird die Grundlage seiner tiefsinnigen Betrachtungen in der „ Athanasia oder Gründe für die Unsterblichkeit der Seele“ (1827, 21838, 31882). Es ist das einzige Werk, das während seiner Lebenszeit Erfolg hatte.

    Seit dem Herbst 1841 dauernd wieder in Prag, leitete B. die philosophische und die mathematische Sektion der Böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften. Mehrere ästhetische und mathematische Arbeiten erschienen in deren Abhandlungen. Zum Begriff und über die Einteilung des Schönen hat er manches gesagt, was heute noch Beachtung findet. Gern hätte B. seine philosophisch unterbaute Darstellung der Mathematik in einem großen Werk zusammengefaßt. Aber es blieb bei Bruchstücken, da seine Kräfte nach einer schweren Krankheit im Winter 1842/43 gebrochen waren. Doch auch schon die keineswegs noch völlig erschlossenen Bruchstücke sind von großer Bedeutung. Auf dem Fundamentalsatz B.-Weierstraß ist die Analysis des Unendlichen begründet und die erste Konstruktion einer in ihrem Definitionsbereich nirgends differenzierbaren stetigen Funktion. Durch die klare Herausarbeitung der die unendlichen Mengen charakterisierenden Eigenschaften, wie insbesondere die Äquivalenz der unendlichen Mengen mit einer echten Teilmenge, die B. noch paradox nannte, ging er die ersten Schritte auf dem Wege zur Mengenlehre. Diese erwies sich nicht nur philosophisch, sondern auch für die Entwicklung der modernen Mathematik als hoch bedeutsam. So wird selbstverständlich, daß B.s „Paradoxien des Unendlichen“ (1847 konzipiert, nach seinem Tode 1851 herausgegeben) immer wieder neu aufgelegt wurden (21889, 31920, englisch London 1950). B., „der böhmische Leibniz“, gehört zu jenen Denkern, die heute noch lebendig sind. Seine Sozialutopie „Vom besten|Staate“ erschien erst 1932 und 1933 in zwei Ausgaben. B. wurde von Husserl als „einer der größten Logiker aller Zeiten“ deklariert.

  • Werke

    Weitere W Lebensbeschreibung (Selbstbiogr.), 1836, Wien 21875 (P);
    Üb. d. Begriff d. Schönen, Prag 1843;
    Was ist Philos.?, Wien 1849 (P);
    Philos. d. Math., 1926;
    Funktionenlehre, Prag 1930;
    Zahlentheorie, Prag 1931;
    Nachlaß (Tschech. Nat.-mus. u. Univ.-Bibl. Prag, Österr. Nat.-Mus. Wien).

  • Literatur

    ADB III;
    O. Stolz, B. B.s Bedeutung in der Gesch. d. Infinitesimalrechnung, in: Math. Ann. 18, 1881, S. 255-79;
    J. Baumann, Dedekind u. B., in: Ann. d. Naturphilos. 7, 1908, S. 444 ff.;
    H. Bergmann, Das philos. Werk B. B.s, 1909 (W);
    G. Gotthard, B.s Lehre vom „Satz an sich“ in ihrer methodol. Bedeutung, 1909;
    H. Hahn, B. u. seine Auffassung d. Unsterblichkeit, in: Philos. Jb. 29, 1916;
    J. Gotthardt, Das Wahrheitsproblem in d. philos. Lebenswerk B. B.s, Diss. Münster 1918;
    F. Pfeiffer, B.s Logik u. d. Transzendenzproblem, Diss. Zürich 1922;
    A. v. Pauler, Grundlagen d. Philos., 1925;
    ders., Logik, 1929;
    H. Fels, Die Philos. B.s, in: Philos. Jb., 1926/27;
    ders., B. B., Sein Leben u. sein Werk, 1929 (W);
    W. Stähler, Das Unsterblichkeitsproblem in d. Philos. B.s, 1928;
    ders., B. B.s Paradoxien in d. Politik, 1933;
    S. Theobald, Die Bedeutung d. Math. f. d. log. Unterss. B. B.s, Diss. Bonn 1928;
    E. J. Winter, B. u. sein Kreis, 1933;
    ders., Der Briefwechsel B.-Exner, Prag 1935;
    ders., Der Josephinismus u. seine Gesch., 1943, S. 276-350;
    ders., Der B.-Prozeß, 1944;
    ders., B.-Brevier, Wien 1947;
    ders., Leben u. geistige Entwicklung d. Sozialethikers u. Mathematikers B. B., 1949 (W, L);
    E. Franzis, Der pädagog. Gehalt d. Lehren B.s, 1934;
    L. Waldschmitt, B.s Begründung d. Objektivismus in d. theoret. u. prakt. Philos., 1937;
    Y Bar-Hillel, B.s Propositional Logic, in: Archiv f. math. Logik u. Grundlagen-F, 1952, H. 1/3, S. 305-38;
    K. Svoboda, B.s Ästhetik, in: Abhh. d. tschech. Ak. d. Wiss. Prag, 1954;
    Überweg IV (W, L);
    Ziegenfuß I (W, L).

  • Portraits

    Gem. v. F. Horcicka, 1824 (Privatbesitz), Abb. in: Dt. Arbeit 8, 1908, H. 2;
    Lithogr. v. J. Kriehuber nach Gem. v. H. Hollpein (1839);
    Lithogr. v. Thaddäus Mayer, 1846;
    Rave, 1949.

  • Autor/in

    Eduard Winter
  • Empfohlene Zitierweise

    Winter, Eduard, "Bolzano, Bernard" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 438-440 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118513117.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Bolzano: Bernhard B., philosophischer Denker, geb zu Prag 5. Oct. 1781, ebendaselbst gestorben 18. Dec. 1848, beschäftigte sich frühzeitig mit Mathematik, für die er lebenslang besondere Vorliebe beibehielt, und deren bildenden Einfluß er so hoch stellte, daß er zu behaupten gewohnt war, ein|schwacher Mathematiker werde niemals ein starker Philosoph werden. Er wählte gegen den Willen seines Vaters aus Beruf und Neigung den geistlichen Stand, und betrieb während der Vorbereitung auf denselben seine wissenschaftliche Ausbildung so eifrig, daß er im Jahre seiner Priesterweihe (1805) auch schon zum Doclor der Philosophie promovirte und unter Einem zum Professor der Religionswissenschaft an der Hochschule zu Prag ernannt wurde, nachdem er das ihm gleichfalls angebotene Lehramt der Mathematik um jenes anderen willen, welches er wünschte und erhielt, ausgeschlagen hatte. Es widerfuhr ihm indeß, daß seine Lehrthätigkeit bereits in ihrem Beginne als neologisch und heterodox beargwohnt und angeklagt wurde; die ihm damals schon drohende Absetzung wurde durch seinen humanen und aufgeklärten Gönner, den Prager Erzbischof Fürst Salm-Salm abgewendet, der eigens nach Wien reiste, um sich zu Bolzano's Gunsten zu verwenden. Demzufolge übte er nun durch 15 Jahre sein Lehramt unbehindert aus; im J. 1820 aber wurde er plötzlich seines Amtes entsetzt und durch Polizeimaßregeln in seiner schriftstellerischen Thätigkeit gehemmt. Diese Maßnahmen hingen mit den Ergebnissen einer Untersuchung zusammen, welche gegen Bolzano's Schüler und Freund, den Seminardirector Dr. Fesl in Leitmeritz eingeleitet worden war, und zur Folge hatte, daß auch dieser seines Amtes enthoben wurde. Ohne Zweifel war das Einschreiten gegen diese beiden, sonst höchst ehrenwerthen und achtungswürdigen Männer auf wohlbegründete Indicien gestützt; Fesl hatte sich überdies gewisser Unklugheiten schuldig gemacht, die in dem damaligen Polizeistaate Oesterreich und bei dem Mißtrauen der Regierungen gegen den Geist der studirenden Jugend doppelt verfehlt waren, so unschädlich sie vielleicht auch an sich gewesen sein mochten. Genug, B. wurde in das Geschick Fesl's hineingezogen und erschien sogar als der moralische Urheber dessen, was im Leitmeritzer Seminare vorgegangen und vorgefunden worden war; er konnte somit nicht länger in seinem amtlichen Wirkungskreise belassen werden, und es scheint in der That, daß die Einwirkung des damaligen sächsischen Rationalismus auf ihn sein Denken in so manchen Punkten des kirchlichen Bekenntnisses auf schiefe oder unzulängliche Anschauungs- und Vorstellungsweisen hingelenkt hatte, denen er in den mit ihm vorgenommenen kirchlichen Verhören nicht entsagen wollte. Er lebte von da größtentheils auf dem Landgute seines treuen Freundes Joh. Hoffmann in Techobuz bei Prag, wodurch seine kärgliche, auf eine dürftige Pension angewiesene äußere Existenz bedeutend erleichtert wurde. Im J. 1841 begab er sich wieder nach Prag zurück, um bei seinem Bruder zu leben; namhafte Geldunterstützungen, welche ihm in diesen letzten Jahren seines Lebens durch den Grafen Leo Thun zuflossen, setzten ihn in den Stand, nunmehr auch sein Bücherbedürfniß in ausgiebigerer Weise zu befriedigen. Nach seinem letzten Willen kam sein nachgelassener Büchervorrath an den Grafen Leo Thun zurück, der ihn dem wendischen Seminar zuwies. B. war seit dem Beginne seiner Wirksamkeit eine hochgeachtete Persönlichkeit, und sein Mißgeschick wendete ihm die vielseitigsten Sympathien zu; seiner Kirche war und blieb er treu ergeben, auf den Namen eines Theologen mochte er wol selbst keinen Anspruch machen. Obwol Philosoph von Profession, wollte er doch von Speculation im eigentlichen Sinne des Wortes nichts wissen, und hatte gegen die damaligen Vertreter derselben, namentlich gegen Schelling und Hegel viel einzuwenden. Im Uebrigen war er ein klarer, besonnener Denker und Freund einer methodisch geregelten Untersuchung, die er nur in einer ermüdenden, zur Tiefe seines Denkinhaltes nicht im Verhältniß stehenden Breite auszuführen liebte. Dies gilt wenigstens von seiner „Wissenschaftslehre“ in 4 Bänden (1837) — wol sein Hauptwerk, aber schon dadurch für den philosophischen Denkstandpunkt des Verfassers charakteristisch, daß die Wissenschaftslehre nichts anderes, als eben nur eine neue Darstellung der|Logik sein will. Wer übrigens weiß, daß in dem damaligen Oesterreich eine über das logistische Denken hinausgreifende Philosophie theils nicht gekannt, theils mit entschiedener Ungunst angesehen wurde, wird sich nur darüber wundern, daß Bolzano's in seiner Art treffliches und vom damaligen österreichischen Standpunkt gewiß auch ganz unverfängliches Werk im eigenen Heimathlande so wenig Beachtung fand, und daß denn gar nie daran gedacht wurde, einen Mann von so entschiedener Leistungsfähigkeit und vielseitiger Bildung, der überdies ein eben so loyaler Unterthan war, als er wegen der Lauterkeit und Exemplarität seines Wandels und seiner Gesinnung geachtet und geehrt war, in irgend einer geeigneten Weise zu rehabilitiren, und für die Zwecke des Unterrichtes und der akademischen Jugendbildung fruchtbringend zu verwerthen. B. hat außer seiner Wissenschaftslehre eine große Zahl anderer Schriften philosophischen, religionswissenschaftlichen und mathematischen Inhaltes hinterlassen; er zog auch die Probleme der Aesthetik in den Bereich seiner Untersuchung, und wendete den Vorgängen im öffentlichen kirchlichen Leben seiner Zeit seine aufmerksame Theilnahme zu.

    • Literatur

      Vgl. Wurzbach's Biogr. Lex.

  • Autor/in

    Werner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Werner, "Bolzano, Bernard" in: Allgemeine Deutsche Biographie 3 (1876), S. 116-118 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118513117.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA