Lebensdaten
1902 bis 1994
Geburtsort
Wien
Sterbeort
London
Beruf/Funktion
Philosoph
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118595830 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Popper, Karl
  • Popper, Karl Raimund ((bis 1964/65))
  • Popper, Karl R.
  • mehr

Objekt/Werk(nachweise)

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der GND - familiäre Beziehungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Popper, Sir Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118595830.html [19.06.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Simon Siegmund Carl (1856–1932, jüd., später ev.), aus Raudnitz/Elbe (Böhmen), Dr. iur., Hof- u. Ger.advokat in W., engagierte sich f. d. Asylver. f. Obdachlose u. f. Kinderasyl Humanitas, S d. Israel (1821–1900), u. d. Anna Loewner (um 1828–1910);
    M Jenny (1864–1938, jüd., später ev.), T d. Max Schiff (1829–1903), Textilkaufm. in W., u. d. Karoline Schlesinger (1839–1908);
    2 Schw Dora (1893–1932), Oberschullehrerin, Anna Lydia Day (1898–1975), emigierte in d. Schweiz, Schriftst.;
    - Wien 1930 Josefine Anna (1906–85, kath.), T d. Josef Henninger (1849–1923), Oberlehrer in W., u. d. Josefine Gußl (1871-um 1949); kinderlos.

  • Leben

    Nach Abbruch der Gymnasialausbildung 1918 (Matura 1922 nachgeholt) besuchte P. Vorlesungen an der Univ. Wien (u. a. Math., Philos., Physik, Psychol.; reguläres Studium|seit 1922), übte Gelegenheitsarbeiten sowie soziale Tätigkeiten aus (insbes. in d. Erziehungsberatungsstellen Alfred Adlers), absolvierte eine Tischlerlehre (1922–24), studierte Kirchenmusik am Wiener Konservatorium (1922/23) und erwarb 1924 die Lehrbefähigung für Grundschulen. Danach arbeitete er als Erzieher und Sozialarbeiter in einem Hort für sozial gefährdete Kinder, war 1925-27 Mitglied des Pädagogischen Instituts der Stadt Wien und engagierte sich für die Schulreformbewegung. Nach seiner Promotion in Psychologie 1928 bei Karl Bühler (Zur Methodenlehre d. Denkpsychol., ungedr.) erwarb er 1929 die Lehrbefähigung für Hauptschulen in Mathematik und Physik und wurde 1930 Hauptschullehrer in Wien. Seit 1922 stand er in Kontakt mit Mitgliedern des „Wiener Kreises“, insbesondere mit Moritz Schlick, Rudolf Carnap, Victor Kraft und Herbert Feigl, gehörte dem Kreis jedoch selbst nicht an. Philosophisch wurde P. auch durch Heinrich Gomperz beeinflußt. 1935/36 erhielt P. Vortragseinladungen nach England. 1937 emigrierte er nach Neuseeland, wo er bis 1945 Dozent am Canterbury University College war. Seit 1946 erhielt er auf Vermittlung von Friedrich August v. Hayek die Stelle eines Readers an der London School of Economics and Political Science; von 1949 bis zu seiner Emeritierung 1969 war er dort Professor für Logik und wissenschaftliche Methode.

    P. war in erster Linie Wissenschaftstheoretiker. Sein Hauptwerk „Logik der Forschung“ (1934 mit d. J.angabe 1935, 101994, engl. 1959, 101980), das in Auseinandersetzung mit dem logischen Empirismus Ludwig Wittgensteins und des Wiener Kreises sowie mit der Transzendentalphilosophie Kants entstand, verstand P. als Beitrag „Zur Erkenntnistheorie der modernen Naturwissenschaft“ (Untertitel d. 1. Aufl.). Es gelang ihm jedoch später, seinen wissenschaftstheoretischen Ansätzen eine allgemeinere Form zu geben, die ihn über die Wissenschaftstheorie hinaus zu einem richtungweisenden Philosophen machte, dessen Thesen die öffentliche Meinung beeinflußten. Für diese Gesamtorientierung hat P. den Terminus „Kritischer Rationalismus“ geprägt, der sich international als Bezeichnung für auf P.s Idee kritischer Prüfung basierende methodologische, wissenschaftliche und politische Ansätze durchgesetzt hat.

    In der „Logik der Forschung“, die P. bis zu seinem Lebensende vielfach durch Fußnoten und Anhänge erweiterte, schließt er an David Humes Kritik des Induktionsprinzips an und entwickelt eine Methodenlehre empirischer Wissenschaften, wonach wissenschaftliche Forschung nicht auf einer wie immer gearteten „induktiven“, sondern auf der „hypothetisch-deduktiven Methode“ beruht. Danach werden wissenschaftliche Theorien nicht durch Verallgemeinerung aus beobachteten Regelmäßigkeiten gewonnen und verifiziert, sondern als zunächst ungesicherte Hypothesen der Falsifikation durch Beobachtung oder Experiment ausgesetzt. Wissenschaftliche Methode besteht also nach P. im systematisch angelegten Versuch, Theorien zu verwerfen. Wissenschaftliche Theorien bewähren sich, wenn sie Falsifikationsversuchen widerstehen. Das Falsifikationsprinzip als grundlegender methodologischer Ansatz wird von P. zugleich als Abgrenzungskriterium zwischen Erfahrungswissenschaft und Metaphysik verstanden. An der Verwerfung von Theorien als Grundlage eines rationalen, methodisch kontrollierten Wissensfortschritts hat P. auch gegen Einwände (z. B. v. Thomas S. Kuhn) festgehalten, die den rationalen Charakter wissenschaftlicher Revolutionen bestritten haben.

    Die Idee des Theorienwandels durch Falsifikation und Revision erweiterte P. seit 1961 zu einer allgemeinen Theorie der Evolution des Wissens (Objective Knowledge, An Evolutionary Approach, 1972, 1979, dt. 1973, 1994) und versuchte damit, eine Brücke zu schlagen zwischen einem Verständnis biologischer Evolution als „Problemlösung“ durch Versuch und Irrtum und wissenschaftlichem Fortschritt durch Revision von Theorien. Ganz allgemein ersetzt im späteren Werk P.s der Begriff der „Kritik“ den wissenschaftstheoretischen Begriff der „Falsifikation“. Die Idee des Verfahrens der „kritischen Prüfung“ von Theorien läßt sich dabei nach P. auch in Bereichen außerhalb der Erfahrungswissenschaft im engeren Sinne anwenden und konstituiert die Idee des „Kritischen Rationalismus“ als einer allgemeinen Theorie des theoretischen Räsonnierens, das nicht auf der Idee von Begründung, sondern auf der Idee von Verwerfung und Kritik aufbaut (Conjectures and Refutations, The Growth of Scientific Knowledge, 1963, dt. Teilbd. I, 1994, Teilbd. II, 1998).

    Zu einem umfassenden Ansatz, der auch praktisches Raisonnieren umfaßt, wird der Kritische Rationalismus durch Einbeziehung der politischen Philosophie, durch die P. ursprünglich in der breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist. Sein diesbezügliches Hauptwerk „The Open Society and its Enemies, das 1945 nach Vermittlung von Ernst Gombrich erschien (51966, dt. Bd. I, 1957, Bd. II, 1958, 71992), begründete (zunächst u. v. a. im engl.sprachigen Bereich) P.s Ruf als Theoretiker des politischen Liberalismus. P. propagiert hier die Idee einer „offenen“ Gesellschaft, in der Individuen für persönliche Entscheidungen selbst verantwortlich sind und gesellschaftlichen Regelungen kritisch gegenüber stehen. In dieser als Auseinandersetzung mit den geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus und des Kommunismus verstandenen Staats- und Gesellschaftstheorie kritisiert er vor allem Platon, Hegel und Marx, die er als geistige Wegbereiter totalitärer Staatsformen und Diktaturen ansieht.

    Allgemein ist nach P. die in der politischen Philosophie vorherrschende Fragestellung „Wer soll herrschen?“ verfehlt und entspricht dem Begründungsdenken in der traditionellen Philosophie und Wissenschaftstheorie. Sie sollte nach P. aufgegeben werden zugunsten der Frage nach der politischen Institutionalisierung von Kritik in einer Weise, die die Folgen schlechter Herrschaft in Grenzen hält und insbesondere schlechte Herrscher loszuwerden erlaubt.

    In engem Zusammenhang mit P.s politischer Philosophie steht seine Sozial- und Geschichtsphilosophie (The Poverty of Historicism, in: Economica 11, 1944, S. 86-103, 119-37, 12, 1945, S. 69-89; Buchausg. 1957, Repr. 1991; dt. 1965, 61987), in der er die Idee von objektiven Gesetzen des weltgeschichtlichen Ablaufs und eines damit zusammenhängenden Utopismus kritisiert. An deren Stelle tritt bei P. die Vorstellung einer sich an kleinen, revidierbaren Schritten orientierenden Sozialtechnik, die einhergeht mit einer auf deduktiv-kritischer Methodologie beruhenden Sozialforschung. Die Anwendung der am Paradigma der Naturwissenschaften entwickelten Methodologie im Bereich der Sozialwissenschaften wurde von P. im Rahmen des „Positivismusstreits in der deutschen Soziologie“ (seit 1961) gegen Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule (insbes. Theodor W. Adorno u. Jürgen Habermas) vertreten - ein Disput, der die P.-Rezeption in Deutschland maßgeblich bestimmt hat. P. argumentiert hier insbesondere für die Trennung von Wissenschaft und Werturteil auch in den Sozialwissenschaften, während die Kritische Theorie einen praktischen Begründungsbegriff fordert. Als deutscher Vertreter des Kritischen Rationalismus ist dabei vor allem Hans Albert hervorgetreten.

    P. hat vieldiskutierte Beiträge zu anderen Grundproblemen der Philosophie geliefert, etwa in der Determinismus-Debatte (hier vertritt er e. prinzipiellen Indeterminismus von Naturabläufen u. d. prinzipielle Offenheit d. Zukunft f. freies Handeln) oder in der Philosophie des Geistes und der Diskussion des Leib-Seele-Problems (in der P. f. e. Trialismus von verschiedenen, aber kausal interagierenden drei Welten d. Physischen, Psychischen u. Geistigen eintritt). Für die Diskussion P.scher Ideen ist nicht nur die universelle Relevanz der von ihm geforderten Neuorientierungen verantwortlich, sondern auch P.s außerordentliche Fähigkeit zu klarer Darstellung und zu prägnanten Begriffsbildungen.|

  • Auszeichnungen

    Knight Bachelor (1965); Preis d. Stadt Wien f. Geisteswiss. (1965); Sonning Pries (Univ. Kopenhagen, 1973); Gr. Goldenes Ehrenzeichen d. Rep. Österr. (1976); Ehrenzeichen f. Wiss. u. Kunst d. Rep. Österr. (1980); Orden Pour le Merite f. Wiss. u. Künste (1980); Lucas-Preis (Univ. Tübingen 1981); Companion of Honour (1982); Gr. BVK mit Stern u. Schulterband (1983); Tocqueville-Preis (1984); Internat. Preis v. Katalonien (1989); Kioto-Preis (1992); Goethe-Medaille (1992); Otto-Hahn-Friedensmedaille (1993); Dr. h. c. mult.; Mitgl. zahlr. Ak. u. Ges. u. a. Fellow of the British Ac. (1958) and of the Royal Soc. (1976), Ehrenmitgl. d. American Ac. of Arts and Science (1966), Mitgl. d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung (1979), d. Europ. Ak. d. Wiss. u. Künste (1980) u. d. Österr. Ak. d. Wiss. (1982).

  • Werke

    Weitere W Die Logik d. Soz.wiss., in: Kölner Zs. f. Soziol. u. Soz.psychol. 2, 1962, S. 233-48, erneut in: Th. W. Adorno u. a., Der Positivismusstreit in d. dt. Soziol., 1969, Neudr. 1993, S. 103-23, u. in: K. R. P., Auf d. Suche nach e. besseren Welt (s. u.), S. 79-98;
    Intellectual Autobiography. in: P. A. Schlipp (Hg.), The Philosophy of K. P., 1974, S. 3-181. separat u. überarb.: Unended Quest, An Intellectual Autobiography, 1976, 1992, dt. 1979, 1994;
    Replies to My Critics. in: P. A. Schilpp (Hg.), The Philosophy of K. P., 1974, II, S. 961-1197;
    The Self and Its Brain, An Argument for Interactionism (mit J. C. Eccles), 1977. dt. 1982, 111994;
    Die beiden Grundprobleme d. Erkennistheorie, Aufgrund v. Mss. aus d. J. 1930–33, hg. v. T. E. Hansen, 1979, 21994;
    The Open Universe, An Argument for Indeterminism, From the Postscript to the Logic of Scientific Discovery, hg. v. W. W. Bartley, III., 1982 (= Bd. II d. Postscript z. „Logik d. Forsch.“, 1951-56 entstanden, bis 1962 überarbeitet);
    Quantum Theory and the Schism in Physics (From the Postscript to the Logic of Scientific Discovery, hg. v. W. W. Bartley III., 1982 (= Bd. III d. Postscript);
    Realism and the Aim of Science (From the Postscript to the Logic of Scientific Discovery, hg. v. W. W. Bartley III., 1983 [= Bd. I d. Postscript]);
    Auf d. Suche nach e. besseren Welt, Vorträge u. Aufss. aus|dreißig J., 1984, 61994, engl. 1992;
    P. Selections, hg. v. D. Miller, 1985 (W-Auszüge);
    The Myth of the Framework. In Defence of Science and Rationality, hg. v. M. A. Notturno, 1994;
    Knowledge and the Body-Mind Problem, in: Defence of Interaction, hg. v. M. A. Notturno, 1994;
    Alles Leben ist Problemlösen, Über Erkenntnis, Gesch. u. Pol., 1994, engl. 1999;
    The World of Parmenides, Essays on the Presocratic Enlightenment, hg. v. A. F. Petersen, 1999. – W-Verz.: T. E. Hansen, in: P. A. Schilpp (Hg.), The Philosophy of K. P., 1974, S. 1201-87 (kommentiert, mit Angabe unveröff. Mss. u. Überss.);
    Select Bibliography, in: K. R., Unended Quest (s. o.), neueste engl. Ausg. 1993 (Bibliogr. bis 1991), neueste dt. Ausg. 1994 (Bibliogr. bis 1984);
    Auswahlbibliogr. in: M. Geier, K. P., 1994, S. 146-51.

  • Literatur

    P. A. Schilpp (Hg.), The Philosophy of K. P., 2 Bde., 1974 (P);
    B. Magee, K. P., 1986, engl. 1973;
    E. Döring, K. R. P., 1987, 21992;
    L. Schäfer, K. R. P., 1988 (P);
    J. A. Alt, K. R. P., 1992;
    M. Geier, K. P., 1994 (P);
    D. Miller, in: Biographical Memoirs of Fellows - Royal Soc. London 43, 1997, S. 367-409 (P);
    J. Watkins, in: Proceedings of the British Ac. 94, 1997, S. 645-84 (P);
    H. Keuth (Hg.), K. P., Logik d. Forsch., 1998;
    ders., Die Philos. K. P.s, 2000;
    Internat. Nekr. 1994, hg. v. W. Gorzny, 1996;
    P. Schroeder-Heister, in: Enz. Philos. u. Wiss.theorie, III, 1995, S. 289-96;
    Metzler Philosophen-Lex., 1995 (P);
    BHdE II.

  • Autor/in

    Peter Schroeder-Heister
  • Empfohlene Zitierweise

    Schroeder-Heister, Peter, "Popper, Sir Karl" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 625-628 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118595830.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA