Lebensdaten
1880 bis 1975
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Philosoph
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118715410 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kraft, Victor

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Zitierweise

Kraft, Victor, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118715410.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Josef (* 1848), Bürgerschuldir. in W.;
    M Marie Nikodemus (* 1859), Arbeitslehrerin;
    Johanna Wolf;
    1 T.

  • Leben

    K. legte 1899 die Reifeprüfung mit Auszeichnung ab und begann anschließend das Studium der Geschichte und Geographie an der Wiener Universität, doch führte ihn bald|sein enzyklopädisches und philosophisches Interesse über diese Fächer hinaus. Ende 1903 erwarb er mit einer Dissertation „Die Erkenntnis der Außenwelt“ den Doktorgrad der Philosophie und vervollständigte sodann seine Bildung durch ein Semester an der Universität Berlin, wo er vor allem Dilthey, Simmel und Wölfflin hörte. Da zunächst keine besoldete Stelle im akademischen Lehrkörper verfügbar war, trat K. 1912 in den Dienst der Wiener Universitätsbibliothek ein, wo er jahrzehntelang mit dem Referat Philosophie betraut war. Seine philosophischen Bemühungen fanden in dem Buch „Weltbegriff und Erkenntnisbegriff“ (1912) ihren Niederschlag, das zugleich auch die Grundlage für die Habilitation bei Adolf Stöhr (als Referenten), Friedrich Jodl und Alois Höfler diente. Nach der Verleihung der venia legendi im April 1914 führte K. seine Forschungen auf den Gebieten der Erkenntnislehre, Wissenschaftstheorie und Methodologie fort und faßte die Ergebnisse in seinem Werk „Die Grundformen der wissenschaftlichen Methoden“ zusammen, das 1925 erschien. Im selben Jahr erhielt er den Titel außerordentlicher Professor.

    Seine streng wissenschaftliche Auffassung der Philosophie führte K. auch zu engen Kontakten mit dem „Wiener Kreis“, der sich damals um Moritz Schlick bildete, doch hielt er – vor allem auf Grund seiner gediegenen kulturwissenschaftlichen Vorbildung – kritische Distanz zu verschiedenen Einseitigkeiten und Radikalismen dieser Gruppe. Während manche Neopositivisten eine theoretische Befassung mit Wertfragen überhaupt ablehnten, veröffentlichte er 1937 mit seinen „Grundlagen einer wissenschaftlichen Weitlehre“ eine Behandlung dieser Problematik vom Standpunkt des Empirismus.

    Unter dem Nationalsozialismus verlor K. 1938 seine Lehrbefugnis und wurde als Bibliothekar vorzeitig in den Ruhestand versetzt, da seine Frau jüdischer Abstammung war. 1945 rehabilitiert, wurde er 1947 planmäßiger außerordentlicher Professor für Philosophie und 1950 Ordinarius (1952 Emeritierung). Von den beruflichen Verpflichtungen entlastet, entfaltete er, dem seine geistige Spannkraft bis zu seinem Tod erhalten blieb, eine reiche und fruchtbare wissenschaftliche Tätigkeit. Während der erzwungenen Ruhepause unter dem Nationalsozialismus entstand die Untersuchung „Mathematik, Logik und Erfahrung“, die 1947 erschien, und 1950 folgte eine knappe und klare, vor allem auch für die Prüfungskandidaten bestimmte „Einführung in die Philosophie“ sowie das Werk „Der Wiener Kreis“, das bald als klassische Darstellung des Neopositivismus geschätzt und in mehrere Sprachen übertragen wurde. Seine vielleicht bedeutendste Leistung ist die „Erkenntnislehre“ (1960). Später hat er die zentralen Probleme seines Lebenswerkes immer wieder neu durchdacht und dabei ältere Auffassungen zum Teil revidiert, so in den „Grundlagen der Erkenntnis und Moral“ (1968) sowie den Neuauflagen einiger seiner älteren Werke, besonders der „Grundformen der wissenschaftlichen Methoden“. Dazu kommt eine Reihe von Aufsätzen, deren letzten er noch am Tage vor seinem Tode abgeschlossen hat.

    Die Bedeutung K.s liegt in der Weite seines die Natur- und Kulturwissenschaften umfassenden Horizontes, in der nüchternen Klarheit seines Denkstils und vor allem in seiner wissenschaftlichen Grundhaltung, welche die philosophischen Probleme – allem Dogmatismus abhold – in rational diskutierbarer Form behandelt. Sein „konstruktiver Empirismus“, der ältere Fehler dieser Richtung zu vermeiden sucht, erscheint als durchaus vereinbar mit dem realen Ablauf der Wissenschafts- und Philosophiegeschichte, in der K. eine selbständige Position einnimmt.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Österr. Ak. d. Wiss. (1954).

  • Literatur

    E. Topitsch (Hrsg.), Probleme d. Wiss.theorie, Festschr. f. V. K., 1960 (W);
    F. Kainz, in: Alm. d. Österr. Ak. d. Wiss. f. d. J. 1975, 1976, S. 519-57 (W-Verz., P).

  • Autor/in

    Ernst Topitsch
  • Empfohlene Zitierweise

    Topitsch, Ernst, "Kraft, Victor" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 654 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118715410.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA