Lebensdaten
1919 bis 2003
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Graz
Beruf/Funktion
Sozialphilosoph ; Philosoph ; Soziologe
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118623338 | OGND | VIAF: 24614269
Namensvarianten
  • Topitsch, Ernst
  • Tōpitchu, E.

Biografische Lexika/Biogramme

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Zitierweise

Topitsch, Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118623338.html [24.09.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Franz (1888–1952), Hauptschullehrer in W., S d. Franz u. d. Maria Straßer;
    M Johanna (1886–1977), Volksschullehrerin, später -dir., T d. Franz Huppmann u. d. Rosalia Stuböck;
    Graz 1976 Gertrude (1922–87), Hotelmanagerin, T d. Richard Nowotny Edler v. Glanwehr (1896–1975), Dr. jur., Notar in Friesach (Kärnten) u. Hartberg (Steiermark), u. d. Anna Maria Schönegger; kinderlos;
    Gvv d. Ehefrau Carl Nowotny Edler v. Glanwehr (1841–1912), k. u. k. Oberst.

  • Leben

    Nach der Matura am Akademischen Gymnasium in Wien 1937 studierte T. – unterbrochen von Wehr- und Kriegsdienst 1938–45 sowie kurzzeitiger amerik. Kriegsgefangenschaft – Klassische Philologie, Philosophie, Geschichte und Soziologie in Wien. Seine wichtigsten Lehrer waren der Pädagoge Richard Meister (1881–1964), der Sprachphilosoph Friedrich Kainz (1897–1977), der Soziologe und kath. Sozialreformer August Maria Knoll (1900–63), der wohl Anstöße zur späteren Beschäftigung T.s mit dem Werk Hans Kelsens gab, sowie der Kulturphilosoph und Wissenssoziologe Alois Dempf (1891–1982), der T.s Interesse auf Max Weber lenkte. Wegweisend wurde auch T.s Studium von Sigmund Freuds Analyse von Kultur und Religion sowie die Beschäftigung sowohl mit dem Logischen Empirismus und der Analytischen Philosophie (die zu persönlichen Kontakten u. a. mit Victor Kraft, Philipp Frank, Carl Gustav Hempel, Karl R. Popper und Hans Albert führte), als auch mit dem Werk von Konrad Lorenz, v. a. mit dessen Variante der genetischen Erkenntnistheorie. T.s Beschäftigung mit Fragen der Ideologiekritik wiederum wurde v. a. durch die Kontakte zu Hans Kelsen, dessen einschlägige Abhandlungen er edierte (Aufss. z. Ideol.kritik, 1964, 2. Aufl. u. d. T. Staat u. Naturrecht, Aufss. z. Ideol.kritik, 1989), aber auch zu Stanisław Ossowski und Leszek Kołakowski gefördert.

    Nach der Promotion zum Dr. phil. mit der Arbeit „Mensch und Geschichte bei Thukydides“ 1946 legte T. 1947/48 die Lehramtsprüfung für Höhere Schulen in Latein, Griechisch und Philosophie ab. Seit 1948 war er als Assistent am Phil. Institut der Univ. Wien tätig. 1951 habilitierte er sich bei Meister mit der Schrift „Das Problem der Wertbegründung“. In die Habilitationszeit fiel T.s Beschäftigung mit der wissenssoziologisch inspirierten Kritik an konservativen Naturrechtsvorstellungen, mit Max Weber und dem Historismus. 1953/54 forschte T. für ein Projekt über Strukturen menschlicher Weltauffassung an der Univ. Harvard, 1955 war er Gastprofessor in Hamburg. Seit 1956 ao. Professor an der Univ. Wien, wechselte T. 1962 als o. Professor für Soziologie nach Heidelberg, bevor er 1969 einem Ruf an das Institut für Philosophie der Univ. Graz folgte (em. 1989).

    In seinem Frühwerk war T. bestrebt, Grundmotive von Weltanschauungen aus den sozialen Strukturen und Aktivitäten sowie den Produkten handwerklich-künstlerischer Tätigkeit zu erklären. In einer meist unbewußten Merkmalsübertragung werde die Welt „soziomorph“, „technomorph“ oder „biomorph“ gedeutet (Society, Technology, and Philosophical Reasoning, in: Philosophy of Science 21, 1954, S. 275–96). Hier komme auch der Vorgang von Projektion und (meist normativer) Retrojektion ins Spiel, wenn z. B. der Kosmos soziomorph als ein von einem Herrschergott regierter Staat verstanden wird und in Rückbeziehung dieser Projektion dann der menschliche Staat als Abbild dieses sozio-kosmischen Urbildes gilt (Vom Ursprung u. Ende d. Metaphysik, 1958, 2 1972).

    In der zweiten Schaffensperiode wandte sich T. vorwiegend dem Individuum und der „Seele“ zu, wobei neben den bereits im Frühwerk erwähnten Leitvorstellungen auch die ekstatisch-kathartischen Praktiken mit dem ihnen inhärenten Schema von „Fall und Erlösung“ in seinen Gesichtskreis traten (Seelenglaube u. Selbstinterpretation, in: Archiv f. Philos. 9, 1959, S. 1–36). Die dritte Phase seines Schaffens ist durch die Erörterung methodologischer Fragen der Geistes- und Sozialwissenschaften bestimmt, zunächst v. a. durch die nach der Eigenart von „Leerformeln“ – ein Begriff, dessen Geschichte eng mit T.s Œuvre verknüpft ist (Über Leerformeln, Zur Pragmatik d. Sprachgebrauches in Philos. u. pol. Theorie, in: Probleme d. Wiss.theorie, FS Victor Kraft, hg. v. E. T., 1960, S. 233–64). Ferner bezog T. nun auch die Ergebnisse der biologischen Verhaltensforschung in seine weltanschauungsanalytische Konzeption ein (Phylogenetische u. emotionale Grundlagen menschl. Weltauffassung, in: Saggi Filosofici 9, 1962, S. 1–31). Eine vierte Phase ist charakterisiert durch Erörterungen des Wertproblems in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie allgemein durch die Analyse eines mit Wissenschaftsanspruch auftretenden ideologischen Denkens (Sozialphilosophie zw. Ideol. u. Wiss., 1961, 3 1971). Daran schloß sich T.s Kritik an linken und rechten Spielarten des Hegelschen Idealismus sowie an jenen – auch von erheblichen Teilen der Studentenbewegung unterstützten – Varianten des Marxismus, die nicht mehr als sozialökonomische Erklärungsverfahren, sondern bloß als Heilslehren und Herrschaftsideologien anzusehen waren (Die Soz.philos. Hegels als Heilslehre u. Herrschaftsideol., 1967, 2 1981; Die Freiheit d. Wiss. u. d. pol. Auftrag d. Univ., 1968, 2 1969).

    In einer fünften Phase wandte sich T. mit dem von ihm als Hauptwerk angesehenen Band „Erkenntnis und Illusion“ (1979, 2 1988) der Zusammenfassung seiner Gedanken zur Weltanschauungsanalyse zu, als deren Ausgangs- und Schlüsselpunkt er die langsame Verselbständigung des Erkennens gegenüber anderen Formen unserer Weltauffassung ansah. Nach und nach träten die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Sein und Sollen, Tatsachenaussage und Werturteil hervor. Damit werde jene vermeintliche Einheit von Erklärung und werthaft-normativer Deutung des Universums unhaltbar, die das menschliche Denken lange Zeit nahezu unangefochten beherrscht hatte. In seiner sechsten Schaffensperiode herrschten im Schrifttum von T. ideologiekritische Betrachtungen zum Verhältnis von Macht und Moral vor, welches nahezu in allen Phasen seines Schaffens den Hintergrund der Überlegungen bildete. Er konkretisierte es nun an der Vorgeschichte des dt.-sowjet. Kriegs 1941. In seinem kontrovers diskutierten Buch „Stalins Krieg“ (1985, 3 1998, engl. 1987, poln. 1996) veranschaulichte er, was ein moralisch garnierter Usurpationswille auch im wissenschaftlichen Zeitalter zu bewirken vermag.

    T. sah sich Zeit seines Wirkens vielfältiger Kritik aus dem gesamten philosophischen Spektrum von Marxisten bis zu christlichen Existentialisten ausgesetzt, wobei v. a. seine Analysen des stillschweigend erfolgten Wandels sog. ewiger Werte, seine angeblich zu einer Verquickung von Genese und Geltung führende Erkenntnistheorie, sein „reaktionäres“ Verständnis der Universität als eines von externen politischen Einflüssen freizuhaltenden Raums sowie die vermeintlich durch ihn erfolgte Relativierung der dt. Schuld am Krieg gegen die Sowjetunion angegriffen wurden.

    T.s auf sehr unterschiedliche Bereiche bezogene Analysen der menschlichen Weltauffassung zeichnet eine originäre Verbindung von philosophischer Ideengeschichte, Wissenssoziologie sowie Erkenntnis- und Wissenschaftslogik aus, aber auch eine mit Klarheit verbundene sprachliche Eleganz. Außerhalb des dt. Sprachraums traf seine Weltanschauungsanalyse v. a. in Italien, Polen und Japan auf Resonanz. Man hat Illusionsminderung, ja Desillusionierung als T.s Generalintention bezeichnet. Diese Kennzeichnung ist zutreffend, aber nicht zureichend, da er es als „eine hervorragende Aufgabe einer wirklich kritisch-emanzipatorischen Wissenschaft“ und zumal der intellektuellen Redlichkeit ansah, „die Illusionisten aufzuklären, die Hypokriten zu entlarven, die präsumptiven Opfer zu warnen und so die Freiheit zu schützen“ (Gottwerdung u. Rev., Btrr. z. Weltanschauungsanalyse u. Ideologiekritik, 1973, S. 217).

    Zu T.s Schülern im weiteren Sinne zählen, wie auch Teile ihres Schrifttums bekunden, u. a. die Philosophen, Soziologen und Historiker Dariusz Aleksandrowicz, Werner Becker, Hubert Kiesewetter, Claus Mühlfeld, Richard Münch, Kurt Salamun, Michael Schmid, Hermann Josef Schmidt, Gerhard Streminger und Karl Acham.

  • Auszeichnungen

    A Mitgl. d. Inst. Internat. de Philos., Paris (1960) u. d. Österr. Ak. d. Wiss. (1974); – Goldenes Ehrenzeichen d. Landes Steiermark (1988, mit Stern 1994); Ehrenmedaille d. Bundeshauptstadt Wien in Gold (1989).

  • Werke

    W u. a. Logik d. Soz.wiss., 1965, 121993 (Hg.);
    Werturteilsstreit, 1979 (Hg. mit H. Albert);
    Stud. z. Weltanschauungsanalyse, hg. v. W. Baum, o. J. [1996];
    Neue Erkenntnisse, Erg.h. z. 3. überarb. Aufl. v. „Stalins Krieg“, 2000;
    Im Irrgarten d. Zeitgesch., Ausgew. Aufss., 2003;
    Überprüfbarkeit u. Beliebigkeit, Die beiden letzten Abhh. d. Autors, mit e. wiss. Würdigung u. e. Nachruf, hg. v. K. Acham, 2005 (P);
    Bibliogr.: G. Bernhard u. a. (Hg.), Bibliogr. Geisteswiss. Fak., Karl-Franzens-Univ. Graz, 1986, S. 47–54;
    dies. (Hg.), Bibliogr. II Geisteswiss. Fak., Karl-Franzens-Univ. Graz, 1990, S. 16 f. (bis 1990); T. Binder u. a. (Hg.), Bausteine z. e. Gesch. d. Philos. an d. Univ. Graz, 2001, S. 572–74 (1990–2000); E. T., Überprüfbarkeit u. Beliebigkeit (s. o.), S. 79–83 (nach 2000).

  • Literatur

    L J. Habermas, Der befremdl. Mythos, Reduktion oder Evokation, in: Philos. Rdsch. 6, 1958, S. 215–28;
    ders., Machtkampf u. Humanität, in: FAZ v. 12. 12. 1970, erneut in: ders., Kultur u. Kritik, Verstreute Aufss., 1973, S. 371–77;
    H. Naumann, Weltanschauungskritik, in: FAZ v. 17. 5. 1958;
    M. Rieser, The Noetic Models of Mythology and Metaphysics, in: Journ. of the Hist. of Ideas 21, 1960, S. 300–08;
    C. Schmitt, Pol. Theol. II, 1970, Kap. I,3;
    P. Strasser, Weltanschauungskritik u. Weltanschauungsgenese, Bemm. z. E. T., Gottwerdung u. Rev., in: Conceptus 24, 1974, S. 75–81 u. Nachtrag S. 16;
    J. Kahl, Positivismus als Konservatismus, Eine phil. Stud. z. Struktur u. Funktion d. positivist. Denkweise am Beispiel E. T., 1976;
    K. Salamun (Hg.), Soz.philos. als Aufklärung, FS E. T., 1979 (P);
    ders., in: K. Acham (Hg.), Kunst u. Geisteswiss. aus Graz, 2009, S. 665–79 (P);
    G. Gillessen, Der Krieg d. Diktatoren, Wollte Stalin im Sommer 1941 d. Dt. Reich angreifen?, in: FAZ v. 20. 8. 1986;
    D. N. Smith, Review of „Stalin’s War […]“ by E. T. […], in: The Journ. of Hist. Review 8, 1988, S. 222–24;
    B. Pietrow-Ennker (Hg.), Präventivkrieg? Der dt. Angriff|auf d. Sowjetunion, 22000;
    K. Acham, in: Kölner Zs. f. Soziol. u. Soz.psychol. 55, 2003, S. 409–12;
    ders., in: Alm. d. Österr. Ak. d. Wiss. 153, 2003, S. 523–38;
    Aufklärung u. Kritik, Zs. f. freies Denken u. humanist. Philos., Sonderh. 8, 2004, Schwerpunkt E. T.;
    H. Kleiner, E. T. u. sein schwieriger Weg z. ideologiekrit. Weltanschauungsanalyse, in: K. Acham (Hg.), Rechts-, Soz.- u. Wirtsch.wiss. aus Graz, 2011, S. 151–89 (P);
    Die dt. Philos. im 20. Jh., Ein Autorenhdb., hg. v. Th. Bedorf u. A. Gelhard, 2013, S. 291–93;
    Personenlex. Österr.;
    Drüll, Heidelberger Gel.lex., Heidelberger Gelehrtenlex. IV;
    Österr. Gesch.wiss. 20. Jh.; Kosch, Lit.-Lex.3

  • Autor/in

    Karl Acham
  • Empfohlene Zitierweise

    Acham, Karl, "Topitsch, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 348-350 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118623338.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA