Lebensdaten
1869 bis 1947
Geburtsort
Bremen
Sterbeort
Hamburg
Beruf/Funktion
Architekt ; Stadtplaner
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118611585 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schumacher, Friedrich Wilhelm
  • Schumacher, Fritz
  • Schumacher, Friedrich Wilhelm
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Zitierweise

Schumacher, Fritz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118611585.html [17.07.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus seit Mitte d. 15. Jh. in B. nachweisbarer Kaufleute-, Ratsherren- u. Pfarrerfam., zu der u. a. Albert (1661–1743), Pastor an St. Ansgar in B., dessen S Heinrich Gerhard (1695–1766), Bgm. in B., u. Isaac (1780–1853), Dr. iur., Bgm. in B., zählen;
    V Hermann (1839–90), Dr. iur., RA in B., 1866-72 Syndikus d. Handelskammer ebd., Gen.sekr. d. Ges. z. Rettung Schiffbrüchiger, dt. Min.resident 1872-74 in Bogotá u. 1883-86 in Lima, 1874-83 dt. Gen.konsul in New York, Vf. v. hist. Arbb. z. brem. u. amerik. Gesch., Nachlaß in d. Landesbibl. Oldenburg (s. ADB 33; Brem. Biogr. d. 19. Jh.), S d. Hermann (1808–87), Richter u. Senator in B., u. d. Johanna Elisabeth Krüger (1809–56/57), aus B.;
    M Therese (1846–1915), T d. Johann Wilhelm Grote (1800–47), aus kurz vor 1624 nach B. eingewanderter Fam., Kaufm. in B., u. d. Christine Leontine Heise (1812–43);
    B Hermann (1868-1952, ⚭ Edith, * 1884, T d. Ernst Zitelmann, 1852–1923, Prof. d. bürgerl. Rechts in Bonn, GJR, Dr. iur. h. c., 1918/19 Rektor, s. DBJ V, Tl.; Die Rechtswiss. d. Gegenwart in Selbstdarst., I, 1924, S. 177-214; Kosch, Lit.-Lex.3; Dt. u. europ. Juristen aus neun Jhh., 41996; E. Wendt, Stettiner Lb., 2004, S d. Conrad Zitelmann, 1814–89, Schriftst., Geh. Reg.rat, s. ADB 45), Dr. iur., Dr. phil., Dr. rer. pol. h. c., 1899 ao. Prof. d. Staatswiss. in Kiel, 1901 f. Handelswiss. an d. Städt. Handelshochschule in Köln, 1904 o. Prof. d. Staatswiss. in Bonn, 1906/07 Ks.-Wilhelm-Prof. an d. Columbia Univ. (New York), 1917 in Berlin, 1918-24 Hg. v.Schmollers Jb.“, Vf. e. Autobiogr. „Ein Leben in d. Weltwirtsch.“, 1949 (Typoskr. im German. Nat.-mus., Nürnberg) (s. L);
    N Edith (* 1910, Erich Kuby, 1910–2005, Journ., Schriftst.), Elisabeth (1914–98, Werner Heisenberg, 1901–76, Prof. d. Physik, Nobelpreis 1932/33, s. Pogg. VI-VIII; NDB VIII*).

  • Leben

    S. wuchs in Bogotá (1872–74) und New York (1874–83) auf und kehrte 1883 mit den Eltern nach Bremen zurück, wo er das Gymnasium besuchte (Abitur 1889). Zunächst für Mathematik und Naturwissenschaften an der Univ. München eingeschrieben, studierte er seit 1890 Architektur an der TH München (v. a. bei Friedrich v. Thiersch), 1892 an der TH Charlottenburg; die Diplomprüfung legte er 1893 in München ab. Danach war er bis 1896 im Atelier von Gabriel v. Seidl tätig, 1896-1901 Mitarbeiter am Stadtbauamt Leipzig (Hugo Licht; u. a. Neubau Rathaus Leipzig). Studienreisen führten ihn nach Frankreich, Italien, England, Belgien und in die Niederlande. 1901 wurde S. als ao. Prof. an die TH in Dresden berufen (1903 o. Prof. ebd.).

    In diesen Jahren entstanden einige Villen, u. a. in Wuppertal-Barmen, Berlin und Schreiberhau (1906/08 für Werner Sombart); nur das Krematorium in Dresden-Tolkewitz (1908/11) und die Handelshochschule in Leipzig (1908) weisen auf die späteren Großbauten in Hamburg voraus. Allerdings hatten die 1899 entstandenen „Studien“ mit kolossalisch-monumentalen Phantasieentwürfen (u. a. zu Denkmalbauten für R. Wagner u. F. Nietzsche) großen Eindruck hinterlassen (1904 Goldmedaille b. d. Weltausst. in St. Louis). 1906 übernahm S. Organisation und Bauten für die III. Deutsche Kunstgewerbeausstellung in Dresden; als einer der Initiatoren des Deutschen Werkbundes hielt er 1907 die Gründungsrede über die „Wiedereroberung einer harmonischen Kultur“.

    Im März 1909 wurde S. zum Leiter des Hochbauwesens der Baudeputation nach Hamburg berufen (seit Sept. 1909 Baudir.). Infolge abgelehnter auswärtiger Rufe konnte er seine Zuständigkeit 1918 auf sämtliche Hamburger Staatsbauten (auch die des Ingenieurwesens) erweitern.

    Nachdem S. 1919 den Wettbewerb für die Neugestaltung des ehemaligen Kölner Festungsgürtels für sich entschieden hatte, wurde er 1920-23 beurlaubt und in Köln zum Beigeordneten gewählt. Im Aug. 1923 kehrte er als Oberbaudirektor nach Hamburg zurück (wo er krankheitsbedingt seine Tätigkeit für ein Jahr unterbrechen mußte).

    S. war offiziell nie Leiter des gesamten Staatsbauwesens. Die formale Reichweite seines Amtes wurde jedoch weit übertroffen durch die persönliche Autorität, die ihm über den Hochbau hinaus für den Städtebau und die Landesplanung seitens des Senats, der Bürgerschaft, der Behörden und der Öffentlichkeit bald nach Einsetzen seiner Tätigkeit eingeräumt wurde. Nach 1924 war S. de facto „der“ Oberbaudirektor des Stadtstaates. Die 1932 verfügte Versetzung in den Ruhestand wegen Erreichung der Altersgrenze wurde zunächst ausgesetzt, am 3.5.1933 jedoch abrupt und ohne Begründung vollzogen.

    S.s Entwürfe für Hamburg umfaßten alle öffentlichen Bauaufgaben der Stadt und gaben die Leitbilder für die bauliche Entwicklung der folgenden Jahrzehnte vor. Bis zum 1. Weltkrieg war die Gestaltung seiner zahlreichen Bauten geprägt von frei und komplex entwickelten traditionalistischen Elementen ohne jeden Eklektizismus. Mit den noch in Dresden entworfenen Hochbauten des neuen Stadtparkes in Hamburg-Winterhude demonstrierte er sein organisches planerisches Konzept, das auf der Erfüllung sozialer Aufgaben im Einklang mit einer Zusammenhänge stiftenden Architektur beruhte; diese, funktional wie ästhetisch im städtischen Maßstab gehalten, verband bewußt ortstypische Gestaltungselemente mit Grünplanung und Raumgestaltung sowie mit plastischen Kunstwerken.

    Schon während des 1. Weltkriegs war S. maßgeblich an der Reform der Hamburger Wohnungsbaugesetzgebung (Kleinwohnungsgesetz in seiner Fassung von 1917) beteiligt, in deren Folge städtische mehrgeschossige Mietshäuser modernen Zuschnitts entstanden. Nach dem Krieg bestimmte er die städtebaulichen Rahmenbedingungen für das private Bauen, die den Hamburger Neubauvierteln ihren bis heute im Stadtbild wirksamen einheitlichen Charakter vermittelten. Die in Hamburg seit 1905 verbindlich werdende Backsteinbauweise griff er auf und entwickelte sie zum modernen Backsteinbau“; gleichzeitig führte er das flexible „modellmäßige Planen“ ein. Zur Ausbildung eines organischen städtebaulichen Gefüges der Gesamtstadt wie der einzelnen Quartiere entwickelte er „Grünzüge“ in zusammenhängenden Systemen sowie eine hierarchisch aufgefächerte Verkehrsplanung.

    Mit der „Dulsberg-Siedlung“ und der „Jarrestadt“ als Höhepunkten entstand zwischen 1925 und 1932 nach seinen Vorstellungen die „Wohnstadt Hamburg“. Seine eigenen Entwürfe, besonders für Schulen, steuerten die gemeinschaftsbildenden Zentren und künstlerischen Höhepunkte bei. S.s Entwurfsmaximen wurden jetzt betont „sachlich“, seine Bauten bewahrten aber dennoch kompositorische und bildhafte Qualität, in ihren Backsteinfassaden auch dekorative Phantasie.

    Darüber hinaus entfaltete S. eine reiche schriftstellerische Tätigkeit. Seine Bücher und Beiträge in Fachzeitschriften wie in populären Blättern betreffen die Geschichte von Architektur und Stadtplanung ebenso wie Kritik und Theorie vom Kunstgewerbe bis zum Städtebau; v. a. legte er die ihn beim Planen und Bauen leitenden Ideen offen. Diese konsequente Bereitschaft, über sein Tun Rechenschaft abzulegen und die Öffentlichkeit dafür zu gewinnen, kennzeichnet sein Selbstverständnis in außergewöhnlicher Weise.

    S. gehört zu den bedeutendsten Gestalten der Hamburger Kulturgeschichte und zu den wichtigsten dt. Städtebauern und Architekten der Reformbewegung zwischen Historismus und klassischer Moderne. Auf dogmatische Positionen – sei es der konservativ-revolutionäre norddt. Backsteinexpressionismus oder die moderne Avantgarde – reagierte er distanziert. In seiner Haltung sozial und liberal, reflektiert geschichtsbewußt und auf neue Argumente und Erfindungen neugierig, war er im Entwurf beweglich, taktvoll und schöpferisch. Man wird ihm wohl besonders dann gerecht, wenn man ernst nimmt, daß gerade er sich der historischen Dynamik und des experimentellen Charakters der Kultur seiner Zeit in jeder Hinsicht bewußt war.

    S.s Einfluß auf die Baukultur des 20. Jh. kann kaum überschätzt werden. Durch institutionelle und persönliche Kontakte sowie durch seine Publikationen und nicht zuletzt die große Ausstrahlung seiner Bauten wirkte S. weit über Hamburg hinaus; die durch ihn erreichte städtebauliche Qualität dieser Großstadt wird bis heute als mustergültig anerkannt. Von Ansehen und Qualität der Leistung S.s zeugt nicht zuletzt, daß seine Schulen und Wohnviertel nach den schweren Zerstörungen des 2. Weltkriegs weitgehend nach den ursprünglichen Entwürfen wiederhergestellt und sogar rekonstruiert wurden. Während ältere Wohnviertel weitestgehend überplant wurden, stehen sie inzwischen großenteils unter Denkmalschutz.

  • Auszeichnungen

    zahlr. Ehrungen u. Mitgliedschaften, u. a. korr. Mitgl. d. Royal Inst. of British Architects (R.I.B.A.) (1927), d. American Inst. of Architects u. d. Bundes Dt. Architekten; Senator d. Dt. Ak., München; Ehrenmitgl. d. Ak. d. Künste in Wien u. Dresden; ao. Mitgl. d. Ak. d. Bauwesens, Berlin; o. Mitgl. d. Freien Dt. Ak. d. Städtebaues; Dr.-Ing. E. h. (TH Braunschweig 1917); Dr. med. h. c. (Köln 1924); Dr. techn. h. c. (TH Brünn 1925); Goethe-Medaille f. Kunst u. Wiss. (1939); – Fritz-Schumacher-Allee in Hamburg-Langenhorn (seit 1920); Fritz-Schumacher-Preis (seit 1961).; Fritz-Schumacher-Ges. (seit 1994).

  • Werke

    Weitere W u. a. Davidwache 1913/14;
    Lotsenhaus Seemannshöft 1913/14;
    Finanzbehörde 1919/26;
    zahlr. Volksschulen, u. a. Berne 1929/30, Lämmersieth 1929/31;
    Walddörferschule in Volksdorf 1929/31;
    Krematorium auf d. Hauptfriedhof Ohlsdorf, 1930/32;
    W-Verz.:
    D. Schädel u. a., Kommentiertes Verz. d. Werke F. S.s, in: H. Frank (Hg.), F. S., Reformkultur u. Moderne, 1994, S. 192-299;
    D. Schädel, Inventar erhaltener Originalpläne u. -
    zeichnungen v. F. S., 2001, S. 289-97 (356 Nennungen);
    Mss. im StA Bremen u. im StA Hamburg;
    Schrr.
    u. a. Studien: Zwanzig Kohlezeichnungen in Lichtdruck, Leipzig 1899;
    Im Kampfe um d. Kunst, Btrr. zu architekton. Zeitfragen, 1899;
    Wie d. Kunstwerk Hamburg nach d. großen Brande entstand, Ein Btr. z. Gesch. d. Städtebaus, 1920;
    Das baul. Gestalten, in: Architekton. Komp., 1926, S. 5-63;
    Das Werden e. Wohnstadt, Bilder v. neuen Hamburg, 1932, Neudr. 1984 (Nachw. v. H. Hipp);
    Strömungen in dt. Baukunst seit 1800, 1935;
    vollst. Verz.
    d. Schrr. in: W. Kayser (s. L), 1984;
    Autobiogr.:
    Stufen d. Lebens, Erinnerungen e. Baumeisters, 1935;
    Träumereien, Ernste u. heitere Gedankenspiele, 1939;
    Selbstgespräche, Erinnerungen u. Betrachtungen, 1949.

  • Literatur

    u. a. F. Ahlers-Hestermann, Dem Andenken F. S.s, Eine Rede, 1948;
    G. Oelsner, Gedenkrede z. Enthüllung d. Bronze-Reliefs d. 1947 verstorbenen Oberbaudir. Prof. Dr.-Ing. E. h. Dr. med. h. c. Dr. techn. h. c. F. S. am 25. Nov. 1952 im Kaminsaal d. Bremer Rathauses, 1952;
    W. Kayser, F. S., Architekt u. Städtebauer, Eine Bibliogr., 1984;
    W. Durth, Dt. Architekten, Biogr. Verflechtungen 1900-1970, 1985;
    D. Nicolaisen, Studien z. Architektur in Hamburg 1910-1930, 1985;
    E. H. Teague, F. S., A Bibliography, 1985;
    T. N. Dahle, Architekten, F. S., 1990;
    H. Hipp, F. S.s Hamburg, Die reformierte Großstadt, in: V. M. Lampugnani u. R. Schneider (Hg.), Moderne Architektur in Dtld. 1900 bis 1950, Reform u. Tradition, Ausst.kat. Dt. Architekturmus. Frankfurt a. M., 1992, S. 151-83;
    D. Schädel (Hg.), Zur Aktualität d. Ideen v. F. S., F.-S.-Colloquium 1990, Tagung am 2. u. 3. Nov. 1990 in Hamburg, 1992;
    H. Frank (Hg.), F. S., Reformkultur u.|Moderne, 1994 (W-Verz.);
    M. F. Fischer (Hg.), F. S., Hamburger Staatsbauten 1909-1919/21, Eine denkmalpfleger. Bestandsaufnahme, 1995;
    D. Löbert, F. S. (1869 bis 1947), Reformarchitekt zw. Tradition u. Moderne, 1999;
    S. Kleinschulte, F. S., Das Gebäude d. Finanzbehörde am Gänsemarkt, 2001;
    Schrr.reihe
    d. Arbeitsgruppe bzw. d. Ver. F.-S.-Kolloquium, 1990 ff., u. a. Von d. Reformidee F. S.s zur Wohnstadt d. Zukunft, 2000;
    Rhdb. (P);
    ThB;
    Vollmer;
    Brem. Biogr.;
    Dict. of Art;
    Professoren TU Dresden;
    Hamburg. Biogr. II (P); – zu Hermann ( 1952):
    Rhdb.;
    Brem. Biogr.;
    FAZ v. 7.10.1952;
    N. Goldschmidt, H. S., Nur e. weiterer Erbe Schmollers oder d. erste Ordoliberale?, Anmerkungen zu e. „missing link“ zw. d. Historischen u. Freiburger Schule, in: Hist. Schulen, hg. v. J. G. Backhaus, 2005, S. 53-93.

  • Portraits

    Radierung v. L. Gf. v. Kalckreuth, aus d. Zyklus „Hamburger Köpfe“ d. „Künstlernothilfe“, 1916, Abb. in: W. Kayser, 1984 (s. L), Abb. 2;
    Gem. v. H. Stegemann, 1927 (Hamburg, Kunsthalle);
    Foto, 1934 (Hamburg, Landesmedienzentrum), Abb. in: Rhdb. u. Hamburg. Biogr. II;
    Gem. v. F. Ahlers-Hestermann, Öl/Lwd., 1944 (Hamburg-Langenhorn, Fritz-Schumacher-Schule);
    Bronzerelief v. C. Rilke-Westhoff, 1947 (Bremen, Neues Rathaus).

  • Autor/in

    Hermann Hipp
  • Empfohlene Zitierweise

    Hipp, Hermann, "Schumacher, Fritz" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 736-739 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118611585.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA