Lebensdaten
1867 bis 1935
Geburtsort
Resicza (Banat)
Sterbeort
Vevey (Schweiz)
Beruf/Funktion
Kunstschriftsteller ; Kunsthistoriker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118732641 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Meier, Julius
  • Graefe, Julius Meier-
  • Meier Graefe, Julius
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Zitierweise

Meier-Graefe, Julius, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118732641.html [04.12.2016].

CC0

Meier-Graefe, Julius

Kunstschriftsteller, * 10.6.1867 Resicza (Banat), 5.6.1935 Vevey (Schweiz).

  • Genealogie

    V Eduard M. (s. 1); M Marie Graefe (s. Gen. 1); B Max (s. 2); – 1) Anna Braunbarth (1875–1963) aus Berlin, 2) 1925 Annemarie Epstein (jüdisch) ( 2] Hermann Broch, 1951, Schriftsteller, Kulturphilosoph, s. NDB II); 1 S aus 2).

  • Leben

    M. verbrachte seine Jugendzeit unter dem starken Eindruck seines Vaters, den er später in dem Roman „Der Vater“ (1932) beschrieb. Nach dem Abitur 1886 absolvierte er zunächst ein Volontariat in einer Maschinenfabrik und studierte dann seit 1888 Ingenieurwissenschaften an der Univ. München. 1889 verbrachte er Gastsemester an den Universitäten Zürich und Lüttich und versuchte sich in ersten literarischen Arbeiten. 1890 siedelte M. nach Berlin über, wo an der Universität neben Treitschke und Simmel auch der Kunsthistoriker Herman Grimm zu seinen Lehrern zählte. Sein erster Roman „Nach Norden“ erschien 1893. Ihm folgten 1895 „Der Fürst“ und „Prinz Lichtenarm“, eine Romanfolge über das Liebesleben im 19. Jh. In dieser Zeit schloß er Bekanntschaft mit O. J. Bierbaum, Strindberg, Toulouse-Lautrec und Munch. Über Munch verfaßte er 1894 seine erste kunstkritische Studie. 1895 gründete M. gemeinsam mit Bierbaum und R. Dehmel die Zeitschrift „Pan“, aus deren Redaktion er aber bereits nach einem Jahr wegen Meinungsverschiedenheiten, namentlich in Bezug auf die Moderne, ausschied. Nach diesem Bruch zog M. nach Paris, wo er die aktuellsten Tendenzen der bildenden Kunst kennenlernen wollte und sie zu beschreiben beabsichtigte, um eigene Kategorien für die Deutung moderner Kunst zu gewinnen. Anfänglich war er hier im Galeriewesen und im Kunsthandel tätig, worin er sich bald als versierter Kenner erwies. 1899 gründete er gemeinsam mit Henry van de Velde die „Maison Moderne“, ein bis zur Schließung 1903 führendes Zentrum des zeitgenössischen Designs und Kunsthandwerks. Auch mit Peter Behrens, dem herausragenden Protagonisten der Verbindung von Kunst und Alltagskultur, verband ihn eine enge Freundschaft. 1900 begann er mit der Niederschrift seines ambitioniertesten Werks, der „Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst“ (1904, erw. Fassung 1914/15), deren endgültige, mehrbändige Fassung 1924 vorlag (Neuaufl. hrsg. v. H. Belting, 1987). Diesem Geschichtsentwurf der Malkunst des ausgehenden 19. Jh. liegt eine rein aus dem Künstlerischen entwickelte Argumentation zugrunde. Es ist demnach der Versuch, den Gang der Kunst in einer ihrer vielfältigsten Perioden formanalytisch zu sichten. Da M. der Kunst in Frankreich den Tatsachen entsprechend eine herausragende Stellung einräumte, sah er sich zunehmend dem Vorwurf ausgesetzt, gegen das „Deutsche“ in der Kunst zu polemisieren. Es gelang ihm auch nicht, seine Gegner zu Sachlichkeit zu verpflichten, indem er etwa in seinen wiederholten Würdigungen des Werkes von Hans v. Marées, über den er die bis heute gültige Monographie verfaßte (1909), betonte, daß nicht nationale Beweggründe, sondern allein Fragen der Kunst seine Auseinandersetzung bestimmten. 1905 hatte M. in einer Streitschrift „Der Fall Böcklin“ wirkungsvoll versucht, den festgefahrenen Kunstgeschmack des wilhelminischen Deutschlands für die im Nachbarland aufbrechenden Tendenzen zu öffnen und den franz. Neuerungen die in seinen Augen bessere Tradition der deutschen Kunst zur Seite zu stellen. Ausdruck dieses Bemühens war die maßgeblich durch ihn bestimmte „Jahrhundertausstellung“ deutscher Kunst in der Berliner Nationalgalerie 1906. Sie versammelte Kunstwerke, die bislang aus dem offiziellen Kunstbetrieb ausgegrenzt geblieben waren, und ließ einer ganzen Generation von Malern die lange überfällige Anerkennung zukommen. Auch die Werke von Caspar David Friedrich traten hier erstmals an eine größere Öffentlichkeit. M.s Hinwendung zur Kunst des späten 19. Jh. in Frankreich brachte ihn in der Folge zu Monographien über nahezu jeden bedeutenden Künstler des Impressionismus. Wenn seine Haltung zu diesem Künstlerkreis auch distanzierter war, als seine Kritiker erkennen wollten, so sah er hier doch die vorzüglichste Gelegenheit, im Malerischen neue Wege zu beschreiten. Andere Kunstlandschaften haben M. nur gelegentlich zu beschäftigen vermocht, wiewohl er mit seiner „Span. Reise“ (1910, Neudr. 1985) die iber. Halbinsel für eine ganze Generation entdeckte und unter den Engländern William Hogarth mit einer eigenen Werkmonographie (1907) würdigte. 1916 gründete M. die Marées-Gesellschaft, die in Graphikmappen Faksimile-Drucke alter Meister neben den Lithographien zeitgenössischer Künstler verbreitete.

    M.s Schriften versuchen, das Wesen der Entstehung der Kunstwerke nachzuzeichnen und so gleichsam am Schaffensprozeß teilzunehmen. Die zeitgenössische Kritik warf ihm Feuilletonismus und impressionistischen Sprachstil vor, übersah jedoch die Systematik, mit der er das unübersichtliche Panorama der Kunst des späten 19. und frühen 20. Jh. zu ordnen verstand. Mit den Impressionisten war für ihn der Glanzpunkt und das Ende dieser Entwicklung bezeichnet. Dem Streiter für die Moderne blieb die Avantgarde des frühen 20. Jh. fremd, Kubismus und Expressionismus wollte er als legitime Erben der von ihm zuvor proklamierten Erneuerung nicht anerkennen. In den 20er Jahren wurde es zunehmend stiller um M., nur gelegentlich meldete er sich noch mit Reminiszenzen an sein früheres Werk zu Wort. Seit 1930 lebte er in Frankreich, wo er ein Jahr vor seinem Tod die franz. Staatsbürgerschaft erhielt.

  • Werke

    Weitere W zur Kunst: Corot u. Courbet, 1905, 21911; Impressionisten, 1907; Die Großen Engländer, 1908; Hans v. Marées I-III, 1909/10, Nachdr. 1987; Paul Cézanne, 1910, mehrere Neuaufl. bis 1932; Renoir, 1910, erw. 1929, 21986; Vincent van Gogh, 1921; – belletrist. Werke: Adam u. Eva (Drama), 1909; Orlando u. Angelika (Puppenspiel), 1912; Wohin treiben wir?, 1913; Der Tschainik (Erz.), 1918; Heinrich d. Beglücker (Lustspiel), 1918; Geständnisse meines Vetters (Novelle), 1923.

  • Literatur

    C. Einstein, M. u. d. Kunst nach d. Kriege, in: Das Kunstblatt, 1923, H. 6, S. 185 ff.; K. Moffett, M. as Art Critic, in: Stud. z. Kunst d. 19. Jh. 19, 1973, S. 183-93 (W-Verz., L, P); U. Kultermann, Der Kritiker selbst, in: Zeitmagazin, Sept. 1985 (P); A. Beyer, Nachwort zu: J. M., Renoir, 21986; H. Belting, Nachwort zu: J. M., Entwicklungsgesch. d. Modernen Kunst, 1987 (P); Rhdb. (P); Kosch, Lit.-Lex.

  • Portraits

    Gem. v. Edvard Munch, 1894 (Oslo, Nat.mus.), Lovis Corinth, 1925 (Paris, Musée d'art moderne), beide abgebildet b. K. Moffett (s. L), Eugen Spiro, 1912 (Nürnberg, Germ. Nat.mus.), Leo v. König, 1931, 1935 (Kaiserslautern, Pfalzgal.).

  • Autor

    Andreas Beyer
  • Empfohlene Zitierweise

    Beyer, Andreas, "Meier-Graefe, Julius" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 646 f. [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118732641.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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