Lebensdaten
1880 bis 1968
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Meldorf (Holstein)
Beruf/Funktion
Pädagoge ; Schriftsteller
Konfession
evangelisch-freikirchlich
Normdaten
GND: 118575376 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Luserke, Martin
  • Luserke, M.

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Zitierweise

Luserke, Martin, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118575376.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Carl Friedrich Wilhelm (1851–1931), aus Schlesien, Zimmermann, dann Architekt in B.;
    M Amalie Elisabeth Lindhorst (* 1855), aus Westfalen;
    Wickersdorf 1908 Annemarie (1878–1926), T d. preuß. Oberstlt. Paul Vincent Gerwien (1843–1923) u. d. Julie Elisabeth Riese;
    3 S, 1 T.

  • Leben

    L. besuchte die Knabenschule der Herrnhuter Brüdergemeine in Berlin, dann deren Pädagogium in Niesky (Oberlausitz). Dort war er 1900-05 als Elementarlehrer und Erzieher tätig. 1905 studierte er ohne Abschluß in Jena Mathematik und Philosophie, bereiste Frankreich und Italien und wurde 1906 Lehrer an dem von Hermann Lietz gegründeten Deutschen Landerziehungsheim Haubinda (Thüringen). Seit Herbst 1906 war er Lehrer und Erzieher an der von Paul Geheeb und Gustav Wyneken gegründeten Freien Schulgemeinde Wickersdorf (Thüringen), nach Ausscheiden Geheebs (1909) und Wynekens (1910) mit kriegsbedingter Unterbrechung bis 1925 deren Leiter. Jahrelange persönliche und sachliche Differenzen vor allem mit Wyneken führten zur Sezession in Wickersdorf; L. gründete am 1.5.1925 mit Rudolf Aeschlimann, Fritz Hafner, Paul Reiner und anderen die „Schule am Meer“ auf der Nordseeinsel Juist. Nach Auseinandersetzungen mit der Hitler-Jugend wurde die Schule 1934 geschlossen; L. befuhr hinfort als freier Schriftsteller mit einem Wohnboot die Nord- und Ostseeküste. 1939 wurde er in Meldorf (Holstein) ansässig und war zuletzt an der dortigen Gelehrtenschule (Gymnasium) als Lehrbeauftragter für Laienspiel tätig.

    L., bekannt geworden vor allem als Erzähler, Schriftsteller, Theoretiker und Praktiker des Amateurtheaters, gehörte zu den führenden Persönlichkeiten der deutschen Reformpädagogik. Im Lietzschen Landerziehungsheim fand er die Gegenwelt zur eigenen Kindheit und Jugend, die er als „autoritätsgläubig“ und „von einer strengen Religion durchkältet“ beschrieb. Geprägt von seinen akademischen Lehrern Ernst Haeckel, Rudolf Eucken und Wilhelm Rein sowie von Hermann Lietz, entwickelte er neu-idealistische Vorstellungen von „naturhafter Erziehung“ als „Heranbildung von Gesinnung“. L., selbst ein sensibler Erzieher mit vielseitiger künstlerischer Begabung, verknüpfte in der Praxis von Wickersdorf und Juist grundlegende Forderungen der Reformpädagogik: Koedukation der Geschlechter, Kooperation von Lehrern, Schülern und Eltern in der „Schulgemeinde“, Abbau der Lehrerautorität, wissenschaftliche Eigenarbeit der Schüler, Ergänzung des theoretischen Unterrichts durch musische und handwerkliche Ausbildung, lebensreformerische Ernährung und körperliche Abhärtung. Prägend wurde auch die Gemeinschaftsidee der Jugendbewegung. Beim Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner (1913) stellte L. als Festredner die Jugendphase als „Zeit der Sammlung“ und der geistigen Reifung „in der Stille“ heraus und begab sich so in Gegensatz zu Forderungen nach einer jugendbewegt-revolutionären „Jugendkultur“. Die progressive pädagogische Praxis L.s gründete freilich auf mythischem, völkischem Denken, berief sich auf eine „ganzheitliche deutsche Geistesart“ und geriet so in die Nähe antiintellektualistischer und nationalsozialistischer Ideologie. Trotz der programmatischen Betonung des „Deutschtums“ seiner Schule und der späteren Vereinnahmung L.s als Vorläufer der „gesunden volkserzieherischen Totalität“ des Nationalsozialismus verhinderten die Maximen von persönlicher Autonomie und vom Eigenwert der Jugend die Integration der „Schule am Meer“ in das NS-Erziehungssystem.

    Herausragende pädagogische Leistung L.s war die Einführung des darstellenden Spiels („Laienspiel“) in die Schul- und Jugendarbeit bei bewußter Abgrenzung gegen das professionelle Theater. Nach dem Vorbild Shakespeares entwickelte er eine neue Form des „Bewegungsspiels“ unter Einbeziehung des Raumes und der Zuschauer, entstanden zumeist nach dem „Bauhüttenprinzip“ in der Zusammenarbeit von Autor und Spielern. Theater sollte dabei nicht „Illusionstheater“ oder „Kunsterlebnis“ sein, auch nicht ästhetisches „Spiel“ im Sinne Schillers, sondern „Urerlebnis der menschlichen Bewußtwerdung im Lichte der neuen Zusammenordnung von bewußten und unbewußten Tatbeständen im Seelenleben“. Leitmotiv wurde die Selbstfindung und Selbstverwirklichung durch Selbstbetätigung („agitur ergo sum“). Die praktische Ausbildung von Spielleitern und eigene „Spielfahrten“ mit Shakespeare-Stücken dienten der Verbreitung dieser künstlerischen und pädagogischen Idee besonders in Kreisen der Jugend- und der Laienspielbewegung.

    L. hat, neben zahlreichen theoretischen Schriften zum Theater, rund 60 Spiele und Bearbeitungen verfaßt, vor allem Grotesken, Komödien und Märchenspiele („Fünf Komödien und Fastnachtsspiele aus der Freien|Schulgemeinde Wickersdorf“, 1912; „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“, 1936/51). Seine Romane (u. a. „Hasko, Ein Wassergeusenroman“, 1935/86; „Obadjah und die ZK 14“, 1937), Novellen und Erzählungen („Zeitgeschichten“, 1925/62; „Seegeschichten“, 1932/60; „Windvögel in der Nacht“, 1936/83; „Am Rande der bewohnbaren Welt“, 1976), erschienen in zahlreichen Einzel- und Sammelausgaben, sind spürbar von der Kunst des mündlichen Erzählens geprägt, die L. 1905 in der Bretagne kennengelernt hatte. Sie kreisen zumeist um mythologische, historische und zeitgenössische Ereignisse auf See und im Küstenland. Mit Abenteuer-, Indianer- und Spukgeschichten wurde L. auch zu einem einflußreichen Jugendbuchautor, der idealisierend an schöpferische Kräfte und kameradschaftliche Bewährung im Kampf gegen irdische und übersinnliche Mächte appelliert und sich so der Gedankenwelt der Jugendbewegung stark verbunden zeigt. Für „Hasko“ wurde ihm 1935 der erste Literaturpreis der Stadt Berlin verliehen.

  • Werke

    Weitere W u. a. Die Freie Schulgemeinde Wikkersdorf, 1910, 21913;
    Über d. Tanzkunst, 1912, 21920;
    Schulgemeinde, Der Aufbau d. neuen Schule, 1919, 21920;
    Shakespeare-Aufführungen als Bewegungsspiele, 1921;
    Schule am Meer, Ein Buch vom Wachsen dt. Jugend geradeaus vom Ursprünglichen bis ins Letzte, 1925, 21930;
    Die Grundlage dt. Sprachbildung, 1925;
    Jugend- u. Laienbühne, 1927;
    Landnahme u. Weiterfahrt, in: Die neue Literatur 37, 1936, S. 313-321 (autobiogr.);
    Reise zur Sage, 1940 (autobiogr.);
    Pan-Apollon-Prospero, 1957;
    Agitur ergo sum? Versuch e. morpholog. Deutung d. Ur-Zusammenhangs v. Theater u. Bewußtsein, hrsg. v. H. Giffei, 1974.

  • Literatur

    M. Kießig, M. L., Gestalt u. Werk, Versuch e. Wesensdeutung, 1936 (W-Verz., P);
    F. L. Pelgen, Das Laienspiel u. d. Spielweise M. L.s, 1957 (W-Verz.);
    K. Schwarz, Bibliogr. d. dt. Landerziehungsheime, 1970, S. 92-104, 235-37, 249-56 (W-Verz., ohne erzähler. Werk);
    H. Kupffer, Gustav Wyneken, 1970;
    H. Giffei, M. L. u. d. Theater, 1979;
    K. Sydow, Die Lebensfahrt e. gr. Erzählers, in: Jb. d. Archivs d. dt. Jugendbewegung 12, 1980, S. 167-86. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Kiel, Schleswig-Holstein. Landesbibl.; Witzenhausen, Burg Ludwigstein, Archiv d. dt. Jugendbewegung (Nachlaß G. Wyneken, Akten M. L.); Juist, Heimatmus., Haus Siebje (Dokumentation M. L.).

  • Portraits

    Gem. (Burg Ludwigstein).

  • Autor/in

    Winfried Mogge
  • Empfohlene Zitierweise

    Mogge, Winfried, "Luserke, Martin" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 533 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118575376.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA