Zuckmayer, Eduard

Lebensdaten
1890 – 1972
Geburtsort
Nackenheim (Rheinhessen)
Sterbeort
Ankara
Beruf/Funktion
Musikpädagoge ; Pianist ; Dirigent ; Komponist
Konfession
katholisch
Namensvarianten

  • Zuckmayer, Eduard

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Zitierweise

Zuckmayer, Eduard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz143060.html [24.03.2026].

CC0

  • Zuckmayer, Eduard

    | Musikpädagoge, Pianist, Dirigent, Komponist, * 3.8.1890 Nackenheim (Rheinhessen), † 2.7.1972 Ankara, ⚰ Ankara. (katholisch)

  • Genealogie

    V Carl (1864–1947), aus Laubenheim b. Mainz, Fabr. v. Weinflaschenkapseln in N., S d. Jacob Josef (1837–1916), aus Mainz, Dr. iur., RA ebd., JR, u. d. Klara Thekla Berninger (1842–1914);
    M Amalie (1869–1954, jüd., 1883 ev.), T d. Eduard Goldschmidt (1842–1919, 1883 ev.), aus Bingen/Rhein, Kaufm., Red. d. „Dt. Weinztg.“, Kirchenrat in Mainz, u. d. Rosalia Can(n)stadt (1843–1917, jüd., 1883 ev.);
    Ur-Gvv N. N., Bes. d. Rheinmühle b. Laubenheim;
    Ov Joseph (Josef) (1861–1919), aus Bodenheim b. Mainz, Dr. iur., RA, Pol., 1899 Stadtverordneter in Mainz, 1908–18 Mitgl. d. 2. Kammer d. LT d. Ghzgt. Hessen (s. Lengemann, MdL Hessen; Hess. Biogr.), Friedrich (1875–1923), aus Mainz, Dr. phil., JR, zuletzt in Hannover;
    B Carl (s. 2);
    Ankara 1947 Gisela (Gi, Gisi) Schönfeld (1905–1985, 1] Heinrich Max Franz Westphal,* 1900, aus Stolp, Pommern, Kaufm., 2] N. N. Günther, 3] 1933–34 Walter Jockisch, 1907–70, Dr. phil., Päd., Dramaturg, Librettist, Opernregisseur u. -intendant, s. Theaterlex. Schweiz, 1961 Grete Weil, geb. Dispeker, 1906–99, Schriftst., s. NDB 27), Schausp., Schriftst., emigrierte 1938 in d. Türkei, remigierte 1950 n. Dtld., wanderte danach in d. USA aus;
    Stief-T Michaela (Michele) Jockisch (* 1933, Richard Schenkirz, Photogr.), emigrierte mit ihrer M 1938 in d. Türkei, remigrierte 1950 mit ders. n. Dtld., wanderte danach in d. USA aus.

  • Biographie

    Z. wuchs in einem musikliebenden Elternhaus auf und erhielt, nachdem sich früh seine überdurchschnittliche musikalische Begabung zeigte, im Alter von sechs Jahren Klavierunterricht. 1900 zog die Familie nach Mainz um, wo Z. das humanistische Gymnasium besuchte. Erste Kompositionen datieren aus dem zwölften Lebensjahr, mit 16 Jahren wurde Z. von Fritz Volbach (1861–1940) in Musiktheorie unterrichtet. Nach dem Abitur begann er 1908 ein Jurastudium in München, wechselte hier aber bereits nach drei Monaten zu Musik und Musikwissenschaft und ging im Herbst 1909 nach Berlin, wo er Privatunterricht in Klavier und Komposition bei Robert Kahn (1865–1951) und James Kwast (1852–1927) erhielt. Parallel dazu war er in Bonn immatrikuliert, studierte in Köln Klavier bei Lazzaro Uzielli (1861–1943) und Dirigieren bei Fritz Steinbach (1855–1916). 1914 erwarb Z. die Konzertreife als Dirigent und Pianist und trat eine Stelle als Kapellmeister am Mainzer Stadttheater an. Ebenso wie sein Bruder Carl meldete er sich bei Kriegsbeginn als Freiwilliger und wurde Ende 1914 einberufen. Im Okt. 1918 an der Westfront schwer verwundet, nahm er nach seiner Genesung 1919 seine Konzerttätigkeit als Pianist und Dirigent wieder auf und zog nach Frankfurt/M. 1920 lernte er Paul Hindemith (1895–1963) kennen und brachte dessen Sonate in D op. 11,2 zusammen mit dem Geiger Max Strub (1900–1966) zur Uraufführung.

    Durch die Inflation in finanzielle Schwierigkeiten geraten, folgte Z. 1923 der Berufung durch Hans Rosbaud (1895–1962) als Lehrer für Klavier, Theorie und Musikgeschichte an die Städtische Musikhochschule in Mainz.

    Dort gründete er im selben Jahr eine „Gesellschaft für neue Musik“, welche die Pflege alter und zeitgenössischer Musik und besonders eine neue Musizierhaltung zum Ziel hatte. Der Kontakt zur Jugendmusikbewegung und zu dem Musikpädagogen Fritz Jöde (1887–1970) bestärkte Z. in seiner wachsenden Distanz gegenüber dem zeitgenössischen Konzertbetrieb, der ihm einseitig auf Virtuosität und einen passiven Konsum von Musik ausgerichtet schien. 1925 ging er als Musikerzieher an die von dem Reformpädagogen Martin Luserke (1880–1968) gegründete „Schule am Meer“ auf der Nordseeinsel Juist. Hier leitete Z. verschiedene Sing- und Musikgruppen und komponierte Kantaten und Lehrstücke für die Schule. Zum Lehrkörper auf Juist gehörte seit 1930 auch Walter Jockisch, durch den Z. seine spätere Ehefrau Gisela kennenlernte.

    Nachdem sich unter dem Druck der drohenden „Gleichschaltung“ durch die Nationalsozialisten die Schule Ostern 1935 auflöste, wechselte Z. an die Odenwaldschule bei Oberhambach. Im Aug. 1935 wurde er jedoch aufgrund der jüd. Herkunft seiner Mutter aus|der Reichskulturkammer ausgeschlossen und verlor seine Lehrerlaubnis. In dieser Situation erhielt er durch Hindemith das Angebot, im Auftrag der türk. Regierung an der Reformierung der Musikausbildung in der Türkei mitzuarbeiten.

    Im April 1936 traf Z. in Ankara ein und war zunächst als Leiter des Schülerorchesters der Musiklehrerschule (Musiki Muallim Mektebi) tätig. Mit der Eröffnung des Konservatoriums im Herbst 1936 (Ankara Devlet Konservatuvari/ADK) übernahm er auch die Chorleitung der dortigen Schauspiel- und Opernabteilung und den Madrigalchor. Außerdem war er Pianist des von Ernst Praetorius (1880–1946) geleiteten Sinfonieorchesters. Auf Empfehlung Hindemiths fanden neben Z. und Praetorius weitere dt. Musiker, die zur Emigration aus Deutschland gezwungen worden waren, in der Türkei eine neue Wirkungsstätte, darunter Carl Ebert (1887–1980) als Leiter der Theater- und Opernabteilung sowie Licco Amar (1891–1959) als Lehrer einer Violinund Kammermusikklasse. Mit Amar und dem Cellisten Martin Bochmann (1914–1983) gründete Z. ein Klaviertrio, außerdem konzertierte er auch als Klaviersolist und Dirigent. Hindemith lebte selbst nicht dauerhaft in der Türkei, sondern entwickelte sein Reformkonzept auf drei Türkeireisen zwischen 1935 und 1937. Für die praktische Umsetzung dieser Pläne war Z. als sein Stellvertreter maßgeblich verantwortlich und gab entsprechende Lehrbücher heraus. 1938 wurde die Musiklehrerausbildung in die neu eröffnete Hochschule, das Gazi Egitim Enstitüsü (GEE, „Freiheitskämpfer-Erziehungs-Institut“), in Ankara verlegt und Z. deren Leiter. Bis 1970 bildete er hier fast 600 Musiklehrer aus. Ab 1938 lebte auch Z.s Lebensgefährtin mit ihrer Tochter in der Türkei, doch konnte das Paar aufgrund rechtlicher Schwierigkeiten erst 1947 heiraten.

    Als die Türkei 1944 die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abbrach, wurden Z. und seine Familie in Kırşehir (Zentralanatolien) festgesetzt, wogegen sein in den USA lebender Bruder Carl und Hindemith vergeblich beim türk. Staatspräsidenten protestierten. Zusammen mit anderen Internierten gründete Z. in Kırşehir einen Chor, mit dem er vorwiegend geistliche Werke einstudierte und am Pfingstfest 1945 die Messe „Perpetuum canoneum“ von Palestrina zur Aufführung brachte. Nach Aufhebung der Internierung im Jan. 1946 kehrte Z. in seine alten Positionen am Gazi-Institut zurück und lehrte 1946–53 auch Musiktheorie am Konservatorium in Ankara. Angebote von dt. Musikhochschulen und eine dauerhafte Rückkehr nach Deutschland lehnte er ab, um sein Lebenswerk in der Türkei zu vollenden, und blieb auch, als 1950 seine Ehefrau mit ihrer von Z. adoptierten Tochter nach Deutschland zurückkehrte.

    Seit 1953 widmete sich Z. ausschließlich der Lehrtätigkeit am GEE, unternahm mit den von ihm geleiteten Studentenchören Konzertreisen in türk. Provinzen und verbreitete so europ. Musik und Mehrstimmigkeit im ganzen Land. Für begabte Schüler organisierte er Stipendien in der Bundesrepublik Deutschland, so z. B. für den Geiger Ömer Can, Erdogan Okyay, Assistent Z.s am GEE, die Musikpädagogen Akif Saydam und Ali Ucan sowie den Dirigenten Hikmet Şimşek (1924–2001). Erst 1970, im Alter von 80 Jahren, zog Z. sich aus der Leitung des GEE zurück und arbeitete bis zu seinem Tod nur noch als privater Musiklehrer.

    Bedeutung hat Z. besonders als Musikpädagoge erlangt und als solcher eine ganze Generation von Musiklehrern in der Türkei geprägt. Bis in die 1980er Jahre wurde der Musikunterricht an türk. Gymnasien von Z.s Richtlinien bestimmt. Sein Ziel war dabei nicht die einseitige Förderung westeurop. Musik in der Türkei, sondern eine Verbindung europ. und türk. Musik, die er durch die Übertragung dt. Lieder ins Türkische und die mehrstimmige Bearbeitung türk. Volkslieder zu erreichen suchte. Sehr rasch hatte Z. die türk. Sprache erlernt und pflegte ein enges Verhältnis zu seinen Schülern, die er für dt. Volkslieder ebenso wie für Madrigale, die Musik J. S. Bachs und Hindemiths begeisterte. – Bei seinem Tod wurde ihm die gesamte Juli-Ausgabe der türk. Musikzeitschrift „Filarmoni“ mit Nachrufen gewidmet. Anläßlich seines 20. Todestages fand 1992 in Ankara eine Tagung über „Musikerziehung in der Türkei und in Deutschland und Eduard Zuckmayer“ statt.

  • Auszeichnungen

    |E. K. I u. II;
    Wüllner-Preis d. Stadt Köln (1914).

  • Quellen

    Qu Briefe an Carl Z. im Nachlaß Carl Z. (DLA) (teilw. zitiert in: S. Demren, 2000, s. L); Briefe mit Zeitgenossen u. a. im Nachlaß Musikverlag Schott in d. Staatsbibl. Preuß. Kulturbes., Berlin; – Nachlaß: Landeshauptarchiv Koblenz (5 Mappen, u. a. Komp.).

  • Werke

    |u. a. Schrr.: Paul Hindemith (16. 11. 95–28. 12. 63), Zur Erinnerung an d. Tätigkeit d. großen Menschen, Musikers u. Erziehers in d. Türkei 1935–37, in: Mitt. d. Dt.-Türk. Ges., H. 55, Febr. 1964, S. 1–3;
    Komp.: u. a. Jorinde u. Joringel, Ein Spiel n. d. Märchen d. Brüder Grimm v. Hans Salm, 1926;
    Pfingstkantate, 1930;
    Herbst-Kantate n. Worten v.|Martin Luserke f. kl. u. gr. Chor mit Begleitung v. Instrumenten, 1932;
    Kameradschaft, Kantate n. Worten aus d. „Grashalmen“ v. Walt Whitman, 1932;
    Türk. Volkstänze, in: Pro Musica Bll., Nr. 15, o. J.;
    Türk Atasözleri Üzerine onbir Kanonlar [Elf Kanons über türk. Sprichwörter], 1947;
    Fünf Dinge, 1964;
    Türk. Weisen, in: Komm mit ins klingende Neuland, 1968;
    Überss. zahlr. dt. Volkslieder ins Türk.

  • Literatur

    |G. Bär, Prof. E. Z., in: Dt.-Türk. Ges. e. V. Bonn, Mitt. H. 48, 1962, S. 11–13 (P);
    K. Laqueur, E. Z. 75 Jahre, ebd. H. 62, 1965, S. 1 f.;
    C. Zuckmayer, Als wär’s e. Stück v. mir, Horen d. Freundschaft, 1966, bes. S. 204 f., 296 ff. u. 608 (P);
    M. u. G. Oransay, Çag˘das¸ seslendiricilerimiz ve küg˘yazarlarımız, 1969;
    K. L., Nachruf E. Z. z. Gedächtnis, in: Dt.-Türk. Ges. e. V. Bonn 88, 1972, S. 1–2;
    C. Zimmermann-Kalyoncu, Dt. Musiker in d. Türkei im 20. Jh., 1985, bes. S. 115–37 (W-Verz. S. 137);
    H. Widmann, Exil u. Bildungshilfe, Die dt.sprachige akad. Emigration in d. Türkei n. 1933, Mit e. Bio-Bibliogr. d. emigrierten Hochschullehrer im Anhang, 1973, bes. S. 133–45, S. 223 u. S. 293;
    U. Bopp u. F. Stauder, Carl Z. u. Nackenheim, 1988;
    J. Cremer u. H. Przytulla, Exil Türkei, Dt.sprachige Emigranten in d. Türkei 1933–1945, ²1991 (P);
    S. Demren, „… und ich danke Gott, bei den Türken zu sein!“, E. Z. in Ankara, in: Z.-Jb., Bd. 3, 2000, S. 481–504;
    T. Krach, Carl Z. u. d. Mainzer Verwandtschaft, ebd., Bd. 12, 2013/14, S. 195–210;
    W. Gruhn, „… und wir sind immer noch im Aufbruch.“, E. Z., Musiker u. Päd. im Umbruch d. Jugendbewegung, in: Forum Musikpädagogik, Musikpädagog. Forsch. berr., Bd. 6, 1993, 1994, S. 450–65;
    Carl Z.–Paul Hindemith, Briefwechsel, hg. v. G. Nickel, 1998;
    A. Uçan, E. Z. ve Cumhuriyet Müzik Eg˘itimi, Aramızdan Ayrılıs¸ının Kırkıncı Yılında (E. Z. u. d. türk. Musikpädagogik, Zum 40. Todestag), 2012 (P);
    Roman: S. Lüpkes, Die Schule am Meer, 2020;
    Lex. d. Juden in d. Musik, 1940 (tendentiös);
    Heuer;
    BHdE II;
    MGG;
    BMLO;
    LexM;
    Dok.film v. B. Trottnow, E. Z., Ein Musiker in d. Türkei, 2015.

  • Porträts

    |Photogr., E. Z. im Kreis seiner Fam. in Mainz, um 1906/07 (Archiv Zuckmayer), Abb. in: C. Zuckmayer, Als wär’s e. Stück v. mir, 1966 (s. L), 1966, S. 79.

  • Autor/in

    Marion Brück
  • Zitierweise

    Brück, Marion, "Zuckmayer, Eduard" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 764-766 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz143060.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA