Lebensdaten
1870 bis 1961
Geburtsort
Geisa (Rhön)
Sterbeort
Goldern (Berner Oberland)
Beruf/Funktion
Pädagoge
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118689967 | OGND | VIAF: 109394766
Namensvarianten
  • Geheeb, Paul Hermann Albert Heinrich
  • Geheeb, Paul
  • Geheeb, Paul Hermann Albert Heinrich
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Zitierweise

Geheeb, Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118689967.html [13.08.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Adalbert (1842–1909), Apothekenbes., Moosforscher (s. L), S d. Apothekenbes. Theodor in G. u. d. Minna Calmberg;
    M Adolfine (1840–84), T d. Albert Calmberg (1807–83), Oberamtsrichter, Mitgl. d. hess. 2. Kammer, u. d. Christiane Schäfer;
    B Reinhold (1872–1937), Chefredakteur d. „Simplizissimus“;
    Vt Adolf Calmberg (1837–87), Prof. d. Sprache u. Lit. am Seminar in Küsnacht, Dramatiker (s. Kosch, Lit.-Lex.);
    1) Nürnberg 1906 ( 1909) Helene (1860–1948), Sängerin, T d. Chrstn. Merck, Bez.ger.arzt in Landshut, u. d. Emilie Michaelis, 2) um 1919 Edith, T d. Zellstoffindustr. Max Cassirer in Berlin (s. NDB III*); Vt d. 2. Frau Ernst Cassirer ( 1945), Philosoph (s. NDB III), Bruno Cassirer ( 1941), Verleger (s. NDB III), Paul Cassirer ( 1926), Kunsthändler u. Verleger (s. NDB III), Kurt Goldstein (* 1878), Neurologe; kinderlos.

  • Leben

    G. wollte ursprünglich Naturwissenschaftler werden. Im Elternhaus erwuchs seine Freude am pflegenden Umgang mit Pflanze und Tier, die ihn sein Leben lang begleitete und die sich auch auf die behutsam stille Weise seines Umgangs mit Kindern übertrug. Der frühe Tod der Mutter riß ihn aus dieser harmonischen Welt. Nach der Reifeprüfung und der Militärzeit begann er das Studium|der Theologie, das ihn aber auch weit in die Bereiche der philosophischen und der medizinischen Fakultät hineinführte. Er studierte in Berlin und Jena (1893 theologische, 1899 philosophische Staatsprüfung in Religion und orientalische Sprachen). Schon als Student nahm er lebhaft an den aufbrechenden Reformbestrebungen dieser Jahre teil. Leidenschaftlich setzte er sich im Kampf gegen den Alkoholismus ein. Er wanderte und spielte mit den Kindern der Berliner Arbeiterviertel, er nahm an der Arbeiter- und Frauenbewegung stärksten Anteil und war durch viele menschliche Beziehungen mit den führenden Männern und Frauen dieser Zeit verbunden.

    Vor diesem Hintergrund wurde G. zum Erzieher. Schon 1893/94 war er Mitarbeiter an den Trübnerschen Anstalten bei Jena. Hermann Lietz, den er schon als Student kennengelernt hatte, zog ihn 1902 an sein Landerziehungsheim Haubinda, dessen Leitung er übernahm, als Lietz selber nach Bieberstein ging. 1906 gründete er zusammen mit Gustav Wyneken die Freie Schulgemeinde Wickersdorf. Wieder führte die Verschiedenheit der Charaktere zur Trennung. 1910 begründete G. mit seiner Frau Edith die Odenwaldschule in Oberhambach bei Heppenheim an der Bergstraße, die Anstalt, die als sein eigentliches Lebenswerk gelten kann, eine der kompromißlosesten freien Schulen in Deutschland, die ganz von seinem Geist geprägt ist.

    G. war kein aktiv fortreißender Führer, wie manche andern Erziehergestalten dieser Zeit, er wirkte vielmehr still und fast unmerklich durch eine Atmosphäre des Vertrauens und der Ehrfurcht vor der Eigenart jedes einzelnen Menschen, in der sich die Kinder in ihrer Individualität entwickeln konnten. Die weit geöffnete Duldsamkeit für alle Formen der Menschheit schuf einen Sammelpunkt, in dem sich Kinder der verschiedenen Völker und Religionen im Einklang zusammenfinden konnten. Besonders eng waren immer die Beziehungen zur industriellen Kultur, in deren Bereich auch eine eigene Schule in seinem Geist entstand. Lebhaft setzte sich G. für die uneingeschränkte Koedukation ein, weil ihm nur in der polaren Ergänzung der grundsätzlich gleichberechtigten Geschlechter eine volle Entfaltung des Kindes möglich schien. Ausdruck dieses freiheitlichen Geistes war auch die Organisation des Unterrichts, das sogenannte Kurssystem. Es gab keine festen Klassen, sondern die Kinder durften, bei monatlichem Wechsel, ihre Kurse selbst wählen, so daß immer drei (2 Vollkurse und 1 Kurzkurs) nach einem täglich gleichen Plan nebeneinander liefen. Sie konnten auch ganz auf einen Kurs verzichten, um unter Anleitung eines Lehrers frei zu arbeiten. So wurde das bei den üblichen Stundenplänen verwirrende Nebeneinander der Fächer vermieden, außerdem konnte das einzelne Kind den Schwerpunkt seiner Arbeit nach eigener Neigung bestimmen und in den verschiedenen Fächern verschieden weit fortschreiten.

    Als 1933 die politischen Ereignisse G. zur Emigration zwangen, gründete er im selben Geist, nur von vornherein stärker auf eine die Völker übergreifende Menschheit und das gleichberechtigte Nebeneinander der Kulturen bezogen, die Ecole d'Humanité, die nach einigem Suchen in Goldern im Berner Oberland ihre Heimstätte fand. Dort ist G. in hohem Alter, bis zuletzt im lebendigen Umgang mit seinen Kindern, gestorben. Die Ehrenpromotion der Tübinger Philosophischen Fakultät hat zu seinem 90. Geburtstag nachgeholt, was er als Student versäumt hatte, als er die zur Promotion ersparten Mittel zur Betreuung eines Trinkers hingab.

  • Werke

    Die Odenwaldschule, Ihre geistigen Grundlagen u. ihr Aufbau, in: Dt. Schulversuche, hrsg. v. F. Hilker, 1924 (darin A. Ilgner üb. d. Aufbau).

  • Literatur

    E. Huguenin, Die Odenwaldschule, aus d. Franz. übertragen v. E. Hirschberg, 1926 (P);
    Die Idee e. Schule im Wechsel d. Zeit, Festschr. f. P. G. z. 80. Geb.tag u. z. 40j. Bestehen d. Odenwaldschule, hrsg. v. E. Cassirer, E. Liesegang, M. Weber-Schäfer, 1950 (P);
    Erziehung z. Humanität, P. G. z. 90. Geb.tag, hrsg. v. E. Cassirer, W. Edelstein, W. Schäfer, 1960;
    Erziehung u. Wirklichkeit, Festschr. z. 50j. Bestehen d. Odenwaldschule, hrsg. v. Kreis d. Förderer d. Odenwaldschule, 1960 (P);
    W. Schäfer, P. G. Mensch u. Erzieher, Aus d. dt. Landerziehungsheimen IV, 1960 (W, L). - Zu V Adalbert: Karl Müller, in: Berr. d. Dt. Botan. Ges. 27, 1909, S. (84)-(91) (W, P).

  • Autor/in

    Otto Friedrich Bollnow
  • Empfohlene Zitierweise

    Bollnow, Otto Friedrich, "Geheeb, Paul" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 131-132 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118689967.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA