Lebensdaten
1884 bis 1941
Geburtsort
Jungen Kreis Schwetz (Westpreußen)
Sterbeort
Berlin-Frohnau
Beruf/Funktion
Dichter
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118728814 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Loerke, Oskar

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Loerke, Oskar, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118728814.html [17.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Julius Andreas (1849–1929), Hof- u. Ziegeleibes, in J., später Rentier in Graudenz, nach 1918 in Spremberg (Niederlausitz), S d. Gutspächters Andreas in J. u. d. Amalie Kunz;
    M Amanda Wilhelmine (1857–1939), T d. Hofbes. Karl Flindt u. d. Ernestine Luise Neumann.

  • Leben

    L., der schon früh musikalisch ausgebildet wurde, besuchte das Gymnasium in Graudenz. Als Eigenart des Heranwachsenden zeigte sich bald eine introvertierte Selbständigkeit. Eine zeitweilige Beziehung zu einer pietistischen Sekte hinterließ bleibenden)|Widerwillen gegen religiöses „Dogmenwesen“. Gegen Ende der Schulzeit schloß L. Freundschaft mit Hans Kyser, mit dem er erste literarische Versuche austauschte. Seit 1903 studierte er in Berlin Germanistik, Geschichte, Philosophie und Musik. In seinen damals einsetzenden Tagebüchern deuten sich allerdings Vorbehalte gegenüber der Beschränktheit des akademischen Lebens und dem universellen Anspruch der Wissenschaft an. L.s Weltanschauung entwickelte sich zu einer kritisch-pantheistischen Religiosität. Wegen einer im Sommer 1905 eintretenden Krankheit wurde L. im Wintersemester beurlaubt, fand sich aber Ende des Jahres wieder in Berlin ein und lernte im Januar 1906 seine spätere Lebensgefährtin Clara Westphal (1881–1953) kennen. 1907 erschien im Verlag S. Fischer die Erzählung „Vineta“. Obgleich L. zwei als Dissertationen geplante wissenschaftliche Arbeiten fertiggestellt hatte („Der Typ des deutschen Redefürsten“, „Die Philosophie Auguste Comtes“), verließ er im März 1907 die Universität ohne Abschluß und lebte bis 1914 als freier Schriftsteller. In diesen Jahren unternahm er mehrere Reisen: Harz und Samland 1908, Riesengebirge 1909, Paris 1910, Elsaß und Schwarzwald 1911, schließlich 1912 zusammen mit seinem Freund Marlin Beradt eine Fischdampferfahrt auf der Nordsee, deren Erlebnisse als Rahmengeschichte in den autobiographischen Roman „Oger“ (1921) eingegangen sind. Die Reisetagebücher geben interessante Einblicke in die poetischen Prozesse impressionistischer und frühexpressionistischer Erfahrung.

    Waren L.s erste Prosaarbeiten vom Impressionismus beeinflußt, so orientierte sich seine Lyrik zunächst an Stefan George („Sunt lacrimae rerum“, ungedr.), dann zunehmend an älteren Lyrikern. Entscheidend war die Förderung durch den Lektor des S. Fischer Verlages, Moritz Heimann, den L. 1909 kennengelernt hatte. 1911 kam der erste Gedichtband „Wanderschaft“ heraus. L. fand geistig-geselligen Anschluß in der „Donnerstagsgesellschaft“, in der sich Künstler und Schriftsteller, aber auch Politiker zum Gedankenaustausch zusammenfanden (u. a. E. Orlik, E. R. Weiß, M. Buber, G. Hauptmann, H. Stehr, W. Rathenau).

    Als erste Veröffentlichung dieser Gesellschaft erschien 1915 von L. ein schmaler Band „Gedichte“ (u. d. T. „Pansmusik“ wesentlich erweitert 1916 im S. Fischer-Verlag). Die Anerkennung durch diesen Kreis dürfte dazu beigetragen haben, daß der im November 1913 zum zweiten Mal verliehene Kleistpreis zur Hälfte an L. gegeben wurde. Wesentliche Eindrücke für das weitere lyrische Werk hinterließ die mit dem Preis verbundene Reise nach Algier und Italien von April bis Juni 1914. Anschließend nahm L. eine schlecht bezahlte Dramaturgenstellung beim Bühnenverlag Felix Bloch Erben an. Wegen eines Herzleidens wiederholt vom Kriegsdienst freigestellt, wurde L., der Pazifist war, im Juli 1917 zum Garnisondienst in Königsberg beordert, aber im September auf Antrag des S. Fischer-Verlags, bei dem er ins Lektorat eintreten sollte, wieder entlassen.

    Aus L.s Buchbesprechungen, angeregt durch seine Tätigkeit als Lektor, wurden oft bedeutende Essays; er veröffentlichte sie meist in der „Neuen Rundschau“, 1920-28 auch regelmäßig im „Berliner Börsen-Courier“. Herausgeberarbeit leistete er in diesen Jahren u. a. für Gerhart Hauptmann, der ihm freundschaftlich nähertrat, und für den 1925 verstorbenen Heimann. Unter der Last des Lektorats leidend, suchte L. einen Ausgleich in der Rezeption östlicher Weisheit (die Reden Buddhas, Goethes „West-östlicher Divan“, F. Rückerts Nachdichtungen oriental. Lyrik), vor allem aber in der Beschäftigung mit der Musik Bachs, über den er eine Monographie vorbereitete, die er aber nicht abschloß. 1922 veröffentlichte er den Bach-Aufsatz „Wandlungen eines Gedankens über die Musik und ihren Gegenstand“. 1935 ließ er die Schrift „Das unsichtbare Reich, Joh. Seb. Bach“ folgen, die lebhafte Zustimmung fand. Darin verbindet L. eine Art symbolistischer Werkanalyse mit dem Konzept einer säkularisierten Ästhetik, in der – nach Schopenhauers Vorschlag – „Zeit zum Raume verwandelt“ wird und so biographischhistorische Bestände in einem übergeschichtlichen, aber Geschichte nicht negierenden Bereich aufgehoben werden. 1938 setzte er mit dem Buch „Anton Brückner – Ein Charakterbild“ diese musikalisch-philosophische Arbeit fort.

    Neben der 1912 begonnenen Arbeit am „Oger“ und einer Reihe von 1908-19 veröffentlichten Novellen und Erzählungen entwickelte sich vor allem das jeweils als Folge von sechs Zyklen konzipierte „Siebenbuch“ des lyrischen Werks. Hatte „Wanderschaft“ 1911 mit impressionistischen Liedern und „Fragmenten von einer Bergreise“ in einem monistisch modifizierten franziskanischen Geist eingesetzt, so weist der Zyklus „Hinterhaus“ schon auf die folgenden Stadtzyklen voraus: In „Pansmusik“ 1916 steht die Auseinandersetzung mit Berlin neben der Öffnung für südliche und östliche Welten. Die arab.-afrikan. Welt war auch durch die Bildkunst des Malers Emil Orlik und durch dessen Motiv des musizierenden Bettlers für L. wichtig geworden. Die Musikthematik ist angeregt von Schopenhauers Metaphysik. „Die heimliche Stadt“ (1921) verarbeitet expressionistische Motive und Stilistika: die „Purpurlandschaft“ des Bluts, die trunkene Rede des kosmisch Entrückten, Erweckung aus nächtlichen Alpträumen werden mit modernen poetischen Mitteln der Synästhesie, der Verselbständigung der Metaphorik, der Ferne/Nähe-Vertauschung, der Sichtumkehr gestaltet („Das gelbe Pferd“). Erfolgt die Kritik der Stadt durch den Aufweis ihrer verborgenen Natürlichkeit (Zyklus „Das Waldherz der Stadt“), so greift das immer präsente Todesbewußtsein zunehmend in geschichtliche Bereiche zurück (Zyklus „Pompeji"). In den Binnenzyklen von „Der Längste Tag“ (1926) ist eine gnostisch intendierte Erlösungsstruktur angelegt: „Der magische Weg“ führt über „Die Zeit des Bösen“ und einen Seelen-„Süden“ zu offenen, religiös gedeuteten „Landschaften“, die in „Lager“ und „Ararat“ gipfeln. In „Atem der Erde“ (1930) werden die morgenländischen, nachchristlichen Vorstellungen um buddhistische Elemente erweitert. „Der Silberdistelwald“ (1934) verstärkt die gnostisch-kosmische Entrückung im Denkbild des Himmels und bezieht sich vor allem im Zyklus „Gericht“ zugleich kritisch auf das Zeitgeschehen. Rückgriffe auf Dichter des 30jährigen Krieges und die vorwegnehmende Darstellung der Situation Deutschlands als Gefängnis nehmen dem Werk jeden Schein bloßer Naturdichtung, auch wenn am Ende die Gegenwelt des „Gartens“ beschworen wird. 1936 artikuliert „Der Wald der Welt“ die Hoffnungen auf einen „natürlichen“ Fluchtweg aus einer inhumanen Gegenwart. L. versucht sein „Katakombenwort“ durch die „Unterwelt“ an die „Grundmächte“ zu richten und daraus die „Tröstungen“ einer ins Universelle aufgehobenen Leidenserfahrung zu gewinnen. Mit dem Versuch, die Dichtung durch die Aufnahme kosmischer Vorstellungen zu entgrenzen und sie zugleich durch die Darstellung der sinnlichen Wahrnehmung der Nähe an die unmittelbare Wirklichkeit zu binden, richtet er sich gegen eine anthropozentrische Betrachtung der Welt.

    L.s Wirkung auf Dichter war bedeutend größer als auf das literarische Publikum: Wilhelm Lehmann hat mit L. die Aufgabe geteilt, Dichtung als „Verstummen der menschlichen Eigensucht“ zu verstehen; bei Günter Eich wandelt sich L.s „naturische“ Schwermut in eine anarchistische; technische Mittel wie Dialogizität, Negationsmetaphorik, Wechsel von Kurz- und Langzeile werden bei Lyrikern wie Karl Krolow, Peter Huchel, Ernst Meister weitergeführt. Sieht man in L. den Gründer der bedeutenden „naturmagischen“ Schule der deutschen Lyrik des 20. Jh., so setzt ihn sein Widerstand gegen die politische Inhumanität doch von reinen Naturlyrikern ab; sein „Gespräch über Bäume“ war schon vor dem 3. Reich auch politisch zu verstehen.

    L., der seit Okt. 1926 Mitglied der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste war, wurde im Februar 1928 zu deren Sekretär gewählt. Trotz Zweifeln am Nutzen dieser Tätigkeit blieb er angesichts wachsender Zensurbestrebungen der späten Weimarer Zeit im Amt. 1928 enstand im Rahmen einer Vortragsreihe der Akademie der Beitrag „Formprobleme der Lyrik“, der, vergleichbar mit Gottfried Benns „Probleme der Lyrik“ (1951), noch heute als einer der wesentlichen theoretischen Aufsätze zur modernen Lyrik gilt. Die Repräsentations-, Organisations- und Lektüreverpflichtungen sowie die Auseinandersetzungen mit den auch in der Akademie an Einfluß gewinnenden Nationalsozialisten führten bald zu gesundheitlichen Beschwerden. Benn hat L. 1930 als Arzt betreut. Nähere Freundschaft verband L. mit Emil Orlik und Hermann Kasack. Die Freundschaft mit Kyser endete 1931 aus politischen Gründen. Im Zuge der Gleichschaltung der Akademie zwang man L. 1933, um seine Entlassung nachzusuchen. L.s Selbsteinschätzung wurde in dieser Zeit dadurch belastet, daß er sich trotz schwerer Bedenken nach anfänglicher Weigerung zur Unterschrift unter ein Treuegelöbnis für den Reichskanzler Hitler bereitfand, um eine Bedrohung des S. Fischer-Verlages abzuwenden. L., der sich schon in den Jahren vorher als Dichter an den Rand gedrängt sah, lebte nun zurückgezogen, vor allem mit der Förderung seines Gedichtwerkes befaßt und wieder häufiger musizierend in seinem 1930 erworbenen Haus in Frohnau. Zu seinem 50. Geburtstag erfuhr er eine unerwartete Rehabilitation durch die Gratulationen vieler Emigranten (u. a. Döblin und Thomas Mann) und der meisten der in „innerer Emigration“ lebenden Schriftsteller. Vor allem Hermann Kasack und Wilhelm Lehmann trugen dazu bei, daß L.s Werk nach dem Krieg weiterwirken konnte.

  • Werke

    Ausgg.: Gedichte u. Prosa, I u. II, 1958;
    Die Abschiedshand, hrsg. v. H. Kasack, 1949;
    Zeitgenossen aus vielen Zeiten, 1925;
    Das unsichtbare Reich, 1935;
    Anton Bruckner, 1938;
    Hausfreunde, 1939;
    Franz Pfinz, 1909;
    Der Turmbau, 1910;
    Neudrucke: Reden u. kleinere Aufsätze, hrsg. v. H. Kasack, 1957;
    Anton Bruckner, 1957;
    Das alte Wagnis d. Gedichts, zwei Essays, 1961;
    Gedichte, ausgew. v. G. Eich, 1963;
    Die sieben jüngsten J. d. Dt. Lyrik, Sonderdr. aus d. Jb. d. dt. Schillerges., hrsg. v. R. Tgahrt, 1964;
    Der Bücherkarren, Besprechungen im „Berliner Börsen-Courier“, 1920-28, hrsg. v. H. Kasack, 1965;
    Essays üb. Lyrik, 1965;
    Das Goldbergwerk, Erzz., 1965;
    Literar. Aufsätze, hrsg. v. R. Tgahrt, 1968;
    Gedanken üb. d. Krieg, in: Die Neue Rdsch., 1951, S. 82 ff.;
    Italienreise 1924, in: Die Neue Rdsch., 1954, S. 102 ff.;
    Tagebücher, 1903–39, hrsg. v. H. Kasack, 1956;
    Reisetagebücher, eingel. u. bearb. v. H. Ringleb, 1960;
    Dt. Geist, Ein Lesebuch aus zwei Jhh., hrsg. u. eingel. v. O. L., 2 Bde., 1940, neue erw. Ausg. 1953.

  • Literatur

    H. Kasack, O. L., Charakterbild e. Dichters, 1951 (P);
    H. Mehner, Die Verselbständigung d. Metaphorik in d. frühen Lyrik O. L.s, 1961;
    U. Dorn, Unterss. an d. Lyrik O. L.s, Naturbild als dichter. Weltbild, 1954;
    A. v. d. Goltz, Das Jean Paul-Bild O. L.s u. Beziehungen zw. O. L. u. Jean Paul, in: Die Bedeutung Jean Pauls f. Dt. Dichter d. 20. Jh., 1954, S. 190 ff. u. S. 223 ff.;
    C. Heselhaus, O. L. u. Konrad Weiß, Zum Problem d. lit. Nachexpressionismus, in: Der Dt.-unterricht, 1954, S. 28 ff.;
    ders., Dt. Lyrik d. Moderne v. Nietzsche bis Yvan Goll, Die Rückkehr z. Bildlichkeit d. Sprache, 1962;
    E. Naused, O. L. u. d. Musik, 1955;
    W. Lehmann, Wiedergeschenkter O. L. u. O. L., Portrait e. Lyrikers, in: ders., Sämtl. Werke II, 1962, S. 267-87;
    O. L., Eine Gedächtnisausst. z. 80. Geb.tag d. Dichters, Schiller-Nat.mus., 1964;
    R. Eppelsheimer, O. L., Zum Realitätsproblem d. Moderne, in: Lit.wiss. Jb. d. Görres-Ges. 5, 1964, S. 265-96;
    ders., Mimesis u. imitatio Christi bei L., Däubler, Morgenstern, Hölderlin, 1968;
    W. P. Schnetz, O. L., Leben u. Werk, 1967;
    W. Gebhard, O. L.s Poetologie, 1968;
    ders., Naturlyrik v. L. z. Ökolyrik, in: 9 Kapitel Lyrik, hrsg. v. G. Köpf, 1983;
    H. Nicolet, Die „verlorene“ Zeit, Unterss. z. Struktur d. Einbildungskraft O. L.s, 1969;
    R. Jung, Das Problem d. Dialogischen bei O. L., Unterss. z. frühen Lyrik, 1971;
    E. Lozza, Die Prosaepik O. L.s, 1972;
    A. Bruns, O. L.s Auseinandersetzung mit d. Lit. seiner Zeit bis z. Ende d. 1. Weltkriegs, 1972;
    M. Gregor-Dellin, Widerstand? Besichtigung e. Textslg., in: ders.: Im Za. Kafkas, 1979, S. 186-209;
    G. Heintz, Sunt lacrimae rerum, O. L.s Anfänge, in: Lit. in Wiss. u. Unterricht 13, 1980, S. 232-62;
    S. Vietta, Neuzeitl. Rationalität u. moderne lit. Sprachkritik, Descartes, Georg Büchner, Arno Holz, Karl Kraus, 1981;
    M. Samuelson-Koenneker, O. L., Le défi d'une poésie cosmique au XXème siècle, 2 Bde., 1982;
    O. L., Marbacher Kolloquium 1984, hrsg. v. R. Tgahrt, 1986.

  • Portraits

    Photos u. Zeichnungen in: O. L., Eine Gedächtnisausst., 1964, s. L.

  • Autor/in

    Walter Gebhard
  • Empfohlene Zitierweise

    Gebhard, Walter, "Loerke, Oskar" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 55-58 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118728814.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA