Lebensdaten
1878 bis 1945
Geburtsort
Magdeburg
Sterbeort
Ascona (Tessin)
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Dramatiker
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 118559427 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kaiser, Friedrich Carl Georg
  • Kai͏̈zer, Gkeornk

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Zitierweise

Kaiser, Georg, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118559427.html [25.07.2016].

CC0

Kaiser, Georg

Schriftsteller, * 25.11.1878 Magdeburg, 4.6.1945 Ascona (Tessin).

  • Genealogie

    V Friedrich, Versicherungskaufm.; M Antonie Anton; 1908 Margarete Habenicht; 2 S, 1 T.

  • Leben

    Nach Schulabschluß (Mittlere Reife) und einer bald wieder abgebrochenen Lehre als Buchhändler arbeitete K. in einem Ex- und Importgeschäft in Magdeburg. 1895 gründete er den literarischen Leseverein „Sappho“, dem er seine ersten, dem Naturalismus nahestehenden Dramen widmete. Diese literarischen Versuche befriedigten ihn so wenig, daß er 1898 ausbrach, um die „Wirklichkeit“ zu erleben. Er fuhr als Kohlentrimmer auf einem Frachtschiff nach Südamerika. 1898-1901 arbeitete er im Büro der AEG in Buenos Aires, erkrankte an Malaria und kehrte daraufhin nach Deutschland zurück. Die Heirat (1908) gab ihm anfangs den materiellen Rückhalt zu schriftstellerischer Arbeit. Durch leichtfertige Unterschlagungen kam er mit dem Gesetz in Konflikt. In einem dramatischen Prozeß (1921) verteidigte er sich selbst und suchte sich unter Berufung auf die Freiheiten des Dichters zu rechtfertigen. Nach der einjährigen Gefängnisstrafe lebte er in Grünheide bei Berlin. 1933, anläßlich der Uraufführung seines Dramas „Der Silbersee“, zu dem Kurt Weill die Songs geschrieben hatte, inszenierte die SA im Alten Theater in Leipzig einen Skandal, der zum Vorwand genommen wurde, ihm Publikationsverbot aufzuerlegen. Zu den im Mai 1933 verbrannten Büchern gehörten auch seine Werke. Vor einer Gestapo-Hausdurchsuchung gelang ihm 1938 die Flucht nach Amsterdam; bis zu seinem Tod lebte er dann im Exil in der Schweiz.

    Ca. 70 Dramen, etwa 140 Gedichte, einige Prosawerke, ein schmaler Band theoretischer und autobiographischer Aussagen – ein nicht geringer Teil erst postum veröffentlicht – liegen von K. vor. Zwar wird er heute kaum noch gespielt, doch ist er in den 20er Jahren der Dramatiker mit der höchsten Uraufführungsziffer gewesen und galt als der „Klassiker“ des Expressionismus. Unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkriegs erfuhren K.s Stücke eine Wiederbelebung auf der Bühne, weil die ursprünglich expressionistischen Forderungen nach der Erneuerung des Menschen, nach sozialer Gerechtigkeit und die Ablehnung von Gewalt und Krieg (Die Lederköpfe, 1928, Der Soldat Tanaka, 1940, Das Floß der Medusa, 1948) damals stärkere Resonanz fanden. Nachhaltig wirkt jedoch noch immer sein geradezu klassisch abstraktes Stück „Die Bürger von Calais“ (geschrieben 1914, uraufgeführt 1917, auf dem Umweg über Rilke von Rodin angeregt, weitgehend Froissarts „Chroniques de France“, um 1400, folgend). Die Forderung nach dem neuen Menschen wird hier am präzisesten vorgetragen: Opferbereitschaft und Selbstaufgabe des einzelnen zum Wohle einer größeren Einheit, hier der Stadt, erweist sich am Ende zwar als unnütz, bleibt aber sittlich so wirksam, daß sie die Auseinandersetzung mit Waffen aufhebt und den Sieger vor dem Opfer knien und die Selbstverwirklichung des Individuums im Tod akzeptieren läßt. Der knappen, auf wenige Stunden zusammengedrängten Handlung entsprechen eine äußerst komprimierte Sprache, dialektische Dialoge, Szenenreihung.

    In einer beinahe beängstigenden Fülle von Dramen versucht K., variierend und nuancierend, immer wieder solche Situationen zu konstruieren („Denkspieler“ hatte ihn B. Diebold 1924 genannt), die die Selbstbefreiung des Menschen herausfordern. „Meine szenischen Werke haben stets denselben Ausgangspunkt: Das Bedürfnis, diejenigen zu verteidigen, die im Schatten leben. Jeder Sache, die ich geschrieben habe, liegt das Gerechtigkeitsgefühl zugrunde“, schreibt er 1926 („Wie ein Theaterstück entsteht“). Doch in seinen Stücken bleibt die Sehnsucht nach dem „neuen Menschen“ in der sozialen Anklage stecken, die Forderung, der Entpersönlichung der Industriearbeiter entgegenzuwirken, scheitert an den Betroffenen selbst (Koralle, 1917, Gas I, 1918, Gas II, 1920). So reduziert sich der Wille nach gesellschaftlicher Veränderung sehr bald auf den Wunsch nach ganz privater Selbstverwirklichung. Der Kassierer in „Von morgens bis mitternachts“ (1912 geschrieben, 1917 uraufgeführt) ist ein Paradebeispiel für den von vornherein gescheiterten Versuch, als einzelner aus der sozialen Umklammerung auszubrechen, die Spielregeln der Gesellschaft außer acht zu lasen. Viele Dramen K.s versuchen diese Möglichkeit des Ichseins zu ermitteln (zum Beispiel Europa, 1915; Der Brand im Opernhaus, 1919; Napoleon in New Orleans, 1948). Mehrfach geübter Kunstgriff, um die Ambivalenz seiner Helden aufzudecken, ist die Einführung eines Doppelgängers (Kolportage, 1924; Zweimal Amphitryon, 1943 geschrieben, 1948 erschienen). Als konsequente Weiterführung erscheint die Konstruktion mehr oder weniger schizoider Situationen (Zweimal Oliver, 1926; Pygmalion, 1948), um die Selbstfindung eines einzelnen in der Entfremdung von der Wirklichkeit gleichsam auf die Spitze zu treiben. „Formung von Drama stellt den unerhörten Vorgang von Ballung und Energie dar“, definiert K. (Form und Drama, 1922). Gegen die weitausholende Sprache des Naturalismus und Impressionismus setzt er knappe, abstrakte Sätze, die zuweilen nur noch eine Reihung von Substantiven darstellen. Die Isolation des einzelnen wird stilistisch deutlich gemacht: Charaktere werden zu Symbolen verdichtet (Lederköpfe, Gelb- und Blaufiguren). K. produziert bewußt eine vom mathematischen Kalkül beherrschte Dramatik, nichts soll, wie er selbst schreibt, die Aufmerksamkeit von der Idee abziehen: „Die Definition für Kunst: Ausdruck der Idee, die unzeitlich-gegenwärtig ist. Nur mit den geringsten Mitteln, die die Störung der Erscheinungen auf ein Minimum reduzieren, bleibt sie darstellbar. Die Ordnung des Wirrwarrs von Figur und Natur in die immense Idee macht Kunst.“ Von hier aus ist es begreiflich, daß seinen Stücken Blutleere nachgesagt wurde, daß Unterhaltungsliteratur wie „Kolportage“ und das Volksstück „Nebeneinander“ viel erfolgreicher waren als die anspruchsvoll gemeinten Ideendramen wie die „Gas“-Trilogie. Theatergeschichtlich ist K. dennoch durchaus einflußreich gewesen: seine knappen Szenenreihungen haben nicht zuletzt auf Brechts frühe Dramen („Trommeln in der Nacht“) gewirkt.

  • Werke

    Werke, hrsg. v. W. Huder, 6 Bde., 1970-72.

  • Literatur

    B. Diebold, Der Denkspieler G. K., 1924;  E. A. Fivian, G. K u. seine Stellung im Expressionismus, 1946 (P);  V. Fürdauer, G. K.s dramat. Gesamtwerk, Diss. Wien 1950 (ungedr.);  G. Neermann, Stil u. Dramenform d. Hauptwerke G. K.s, Diss. Tübingen 1951 (ungedr.);  K. Ziegler, G. K. u. d. neue Drama, in: Hebbel-Jb. 1952, S. 44-68;  O. Mann, in: Expressionismus, Gestalten e. literar. Bewegung, hrsg. v. H. Friedmann u. dems., 1956;  B. Kenworthy, G. K., 1957;  K. Behrsing, Sprache u. Aussage in d. Dramatik G. K.s, Diss. München 1958 (ungedr.);  H. W. Reichert, Nietzsche and G. K., in: Studies in Philol. 61, 1964, S. 85-108;  M. Kuxdorf, Die Suche nach d. Menschen im Drama G. K.s, 1971 (W, L)Kosch, Lit.-Lex.;  G. v. Wilpert, Literatur in Bildern, Dt. Dichterlex., 1963;  Eppelsheimer I-XII.

  • Autor

    Gertraude Wilhelm
  • Empfohlene Zitierweise

    Wilhelm, Gertraude, "Kaiser, Georg" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 38 f. [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118559427.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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