Lebensdaten
1887 bis 1912
Geburtsort
Hirschberg (Riesengebirge)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Dichter
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118550683 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Heym, Georg

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Zitierweise

Heym, Georg, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118550683.html [12.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hermann (1850–1920), preuß. Staatsanwalt, 1900 Anwalt am Reichsmilitärgericht, S e. Oberamtmanns u. Gutsbes. in Podelzig;
    M Jenny Taistrzik (1850–1923); ledig.

  • Leben

    Als Beamtenkind hat H. viele Schulen besucht: Gnesen, Posen, Berlin (1900–05 Joachimsthalsches Gymnasium) und Neuruppin, wo er 1907 sein Abitur machte. Das Tagebuch, seit 1904 geführt, gibt einen guten Einblick in all die Schwierigkeiten, die ein junger Mensch um 1900 mit der Schule haben konnte. Die dort vermittelten umfangreichen Kenntnisse in Geschichte und antiker Mythologie kamen dem Dichter freilich später zugute. Das Verhältnis zum Vater war wechselnd. Dem Schüler mußte der etwas trockene Jurist immer wieder helfen, den Studenten – seit 1907 studierte H. äußerst widerwillig Jurisprudenz in Würzburg, Jena und Berlin – konnte er kaum mehr verstehen. Den Dichtungen des Sohnes stand er, ebenso wie die weichere, etwas sentimentale Mutter, hilflos gegenüber. H.s berühmt gewordene wüste Beschimpfungen des Vaters im Tagebuch stammen aus den letzten Jahren. Sie sind, wie ähnliche Ausbrüche jener Generation, nicht nur Kritik, sondern Versuche, mit der Tradition radikal zu brechen. 1911 schloß H. sein Studium mit dem Referendarexamen ab. Eine Promotion in Rostock, in der Literatur immer|wieder angeführt, ließ sich bisher nicht nachweisen. Dem unbefriedigenden Jurastudium folgte eine wütend gehaßte Referendarzeit. Nach wenigen Monaten Dienst an verschiedenen Gerichten ließ H. sich beurlauben. Über seine Berufspläne war er sich nicht im klaren. Er wollte Diplomat oder Offizier werden. So nahm er das Studium am Seminar für orientalische Sprachen in Berlin auf und lernte Chinesisch, zugleich fuhr er aber auch zu einigen Regimentern, um sich vorzustellen. Da ertrank er beim Schlittschuhlaufen in der Havel, als er seinen eingebrochenen Freund, den Dichter Ernst Balcke (1887–1912, siehe Werke, Literatur), retten wollte.

    Die Entwicklung H.s läßt sich verfolgen wie die kaum eines Dichters des Expressionismus. Schon sehr bald schrieb er Gedichte, ohne eigentlich frühreif zu sein. Der 18jährige, fast verzehrt von der Sucht nach Ruhm, begann Dramen zu schreiben, die sich an das Historienstück des 19. Jahrhunderts und an den Renaissancekult der Neuromantik anlehnen und von Grabbe, Büchner und Kleist beeinflußt sind. Drei vollendete Stücke und 17 zum Teil umfangreiche Fragmente sind erhalten. An diesen unzähligen Versen hat H. die sichere Beherrschung des Jambus gelernt, aber er ist kein Dramatiker geworden. Im Frühjahr 1910, als es formal für ihn nichts mehr zu lernen gab, stieß er in Berlin zum „Neuen Club“, einer losen Vereinigung junger Menschen. Der älteste, aktivste und reifste unter ihnen war Kurt Hiller, der dichterisch bedeutendste Jakob van Hoddis, dazu kamen Erwin Loewenson (1888–1963), der treue Verwalter des Nachlasses, Simon Ghuttmann, Robert Jentzsch (1890–1918) und David Baumgart (1890–1963). Diese Freunde schlossen H. eine neue Welt auf. Jetzt erscheint die Großstadt in seinem Gedicht. Die Kritik an der Zeit wird schärfer, vor allem im Tagebuch nimmt sie einen aggressiven, oft rüden Ton an. Im Zusammenleben mit diesen jungen, brillanten und rücksichtslosen Verfechtern einer neuen Geistigkeit fand H. seinen eigenen Stil. Seine Prosaarbeiten, die fast alle aus dieser Zeit stammen, sind bedeutsame Zeugnisse des Frühexpressionismus. Die strenge, geschlossene Novellenform wird wieder angestrebt. Anregungen dazu hat H. bei den Neuromantikern gefunden, von denen er auch die Vorliebe für exotische und unheimliche Themen und für Extremtypen als Helden übernommen hat. Aber er geht über seine Vorbilder hinaus. Das Grauenhafte wird nicht mehr genußvoll ausgekostet, sondern steht als Symbol für die Absurdität des Daseins. Die oft groteske Spannung zwischen dem ornamental-fließenden Stil und der gespenstischen Situation erhöht diesen Eindruck. Daneben aber kündigt sich bereits das trokkene Staccato der späteren expressionistischen Prosa an.

    Die größte Leistung H.s ist seine Lyrik. Schon bald findet er die Themen, die ihn immer wieder faszinieren werden: den Tod, oder besser die Toten, die Großstadt, den Menschen in Grenzsituationen als Gefangenen, als Irren, als Bettler oder als Spielball der Geschichte. Beeinflußt von Baudelaire und Rimbaud, baut H. seine jambischen Strophen in pompösen Bildern des Grauens auf. Von seinen neuromantischen Zeitgenossen unterscheiden ihn vitale Kraft und Anschaulichkeit der Sprache. Seine Gedichte sind nicht mühsam zusammengesuchte Orgien des Grausigen, sie sind wirkliche Visionen. Neben diesen Gedichten, die die Zeitgenossen am stärksten beeindruckt haben, finden sich Landschaftsbilder von hoher Eindringlichkeit und vor allem Gedichte, die geschichtliche Stoffe behandeln. Zwei wesentliche Züge der späteren expressionistischen Dichtung finden sich hier bereits ausgebildet: die Entheroisierung großer Gestalten und die Auffassung der Geschichte als einer anonymen Macht, die den Menschen ohne Ansehen seines Wertes zerbricht. Gegen Ende des Jahres 1911 – H. hat in den zwei Jahren seines reifen Dichtertums eine geradezu unglaubliche Fülle von Gedichten geschaffen – deutet sich eine neue Wandlung an. Der Pomp der Bilder läßt nach, der Ausdruck wird einfacher und kühler. Die Welt, die aus diesen Gedichten uns unheimlich entgegentritt, wird von Marionetten bevölkert, die an unsichtbaren Fäden von einer grotesken Macht gelenkt werden. Anstelle der wogenden Bilderflut finden sich jetzt kurze, mitunter wie zerhackt wirkende Verse. Die lange jambische Zeile mit ihren oft prunkvollen Reimen wird von freieren Rhythmen abgelöst.

    H. war nie eigentlich schulebildend. Trotzdem hat er bedeutenden Einfluß ausgeübt. Brecht hat viel von ihm gelernt. Auch die Dichter der neuen Sachlichkeit und des Naturgedichtes haben Anregungen von ihm empfangen. Seine letzten Gedichte haben den Surrealismus in manchem vorausgenommen.

  • Werke

    Der Athener Ausfahrt, Trauerspiel in 1 Aufzug, 1907;
    Der ewige Tag, Gedichte, 1911;
    Umbra vitae, Nachgelassene Gedichte, 1912;
    Der Dieb, Ein Novellenbuch, 1913;
    Marathon, 12 Sonnette, 1914;
    Dichtungen, Besorgt v. K. Pinthus u. E. Loewenson, 1922;
    Ges. Gedichte mit e. Darst. s. Lebens u. Sterbens, hrsg. v. C. Seelig, 1947 (mit | Bibliogr. v. H. Ellermann u. H. Bolliger);
    Dichtungen u. Schrr., Gesamtausg., hrsg. v. K. L. Schneider, I: Lyrik, 1964, II: Prosa u. Dramen, 1962, III: Tagebücher, Träume, Briefe, 1960, IV u. V: Erll. u. Lesarten (W, L), in Vorbereitung, - VI: Dokumente, 1968 (P). - Zu E. Balcke: Gedichte, 1913.

  • Literatur

    H. Greulich, G. H., Leben u. Werk, Ein Btr. z. Frühgesch. d. dt. Expressionismus, 1931;
    Eberh. Schulz, Das Problem d. Menschen b. G. H., Diss. Kiel 1953 (ungedr.);
    K. L. Schneider, Der bildhafte Ausdruck in d. Dichtungen G. H.s, Georg Trakls u. Ernst Stadlers, 1954;
    ders., Zerbrochene Formen, Wort u. Bild im Expressionismus, 1967, bes. S. 61-85, 87-108, 109-33;
    K. Mautz, Mythol. u. Ges. im Expressionismus, Die Dichtung G. H.s, 1961;
    E. Loewenson, G. H. od. Vom Geist d. Schicksals, 1962;
    G. Martens, Umbra Vitae u. Der Himmel Trauerspiel, Die ersten Slgg. d. nachgelassenen Gedichte G. H.s, in: Euphorion 59, 1965;
    E. Krispyn, G. H., A reluctant rebel, 1968;
    R. E. Brown, G. H., Gedichte 1910–12, 1970;
    Soergel II (P);
    Eppelsheimer I-IX;
    Kunisch. - Zu E. Balcke: G. H., Dichtungen u. Schrr. VI, 1968, S. 439-54 (P).

  • Portraits

    Phot. in Dichtungen u. Schrr. VI, s. W;
    Radierung v. E. L. Kirchner, 1923, Abb. ebd.;
    Pastell v. E. M. Engert, 1912, Abb. ebd.

  • Autor/in

    Walter Schmähling
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmähling, Walter, "Heym, Georg" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 85-87 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118550683.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA