Zürn, Ruth (geborene)
- Lebensdaten
- 1916 – 1970
- Geburtsort
- Berlin-Grunewald
- Sterbeort
- Paris
- Beruf/Funktion
- Schriftstellerin ; Zeichnerin
- Konfession
- evangelisch
- Namensvarianten
-
- Zürn, Unica (seit 1954)
- Zürn, Nora Berta Unika Ruth
- Laupenmühlen, Ruth (verheiratete)
- Bellmer, Ruth (verheiratete)
- Bellmer-Zürn, Ruth
- Bellmer, Unica
- Bellmer-Zürn, Unica
- Zürn, Ruth (geborene)
- zürn, ruth
- Zürn, Unica (seit 1954)
- zürn, unica
- Zürn, Nora Berta Unika Ruth
- Laupenmühlen, Ruth (verheiratete)
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- Bellmer, Ruth (verheiratete)
- bellmer, ruth
- Bellmer-Zürn, Ruth
- Bellmer, Unica
- Bellmer-Zürn, Unica
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Zürn, Nora Berta Unika Ruth (seit 1954 Unica)
| Schriftstellerin, Zeichnerin, * 6.7.1916 Berlin-Grunewald, † 19.10.1970 (Suizid) Paris, ⚰ Paris, Friedhof Père-Lachaise (Doppelgrab Bellmer-Z.). (evangelisch)
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Genealogie
V →Ralph (Ps. Rolf Berndt) (1874–1939, ⚭ 1] 1900 ⚮ 1910 →Anna Dorothea [Dorit], Ps. Orla Holm, 1882–1916 Suizid, Vfn. v. Kolonialromanen, s. Kosch, Lit.-Lex. 20. Jh., T d. →Emil Strohal, 1844–1914, 1892 Prof. f. Rechtswiss. in Göttingen u. Leipzig, s. NDB 25, u. d. Amalia Ratschnigg, 1854–91, 3] 1931 Asta Egenfeldt-Nielsen, geb. Jacobsen,* 1884, aus Svendborg, Dänemark), aus Zschöllau b. Oschatz, Berufssoldat, Major, 1902–04 Schutztruppenoffz., Distriktchef in Okahandja (Dt.-Südwestafrika, heute Namibia), n. d. Herero-Aufstand abgelöst, seit 1906 Schriftst., Journ., Verleger in B., 1930 geschieden, S d. →Paul Ferdinand, Kaufm. u. Rentier b. Oschatz (Sachsen), u. d. Bertha Marie Amalia Gadegast, verw. Prüfer, aus Culm b. Gera;
M →Helene Pauline (1892–1974, ⚭ 2] →Heinrich Doehle, 1883–1963, Min.rat, 1932 Min.dirigent im Büro d. Reichspräs., 1934 Präsidialkanzlei, 1937 Präsidialkanzlei d. Führers u. Reichskanzlers, 1942 Unterstaatssekr. u. Leiter d. „Ordenskanzlei d. Führers u. Reichskanzlers“, S d. →Woldemar Doehle, 1842–1909, Gymn.prof., u. d. Auguste Hagens, 1858–1923 aus wohlhabender Bremer Kaufm.fam.), aus Untermais b. Meran, Schriftst., T d. Georg Otto Heerdt (1851–1902), aus Frankfurt/M., u. d. Norbertina Henriette Maria Tschetsch (1864–1949);
B Horst (1914–44, ⚔ in UdSSR);
– ⚭ 1942 ⚮ 1949 →Erich Laupenmühlen (1897–1983), Kaufm. b. d. Fa. „Leitz Camera“ in Wetzlar, ⚯ 1) 1950 →Alexander Camaro (1901–1992), Maler, Tänzer, 1951 Prof. f. Malerei an d. Hochschule d. Künste in Berlin, 2) 1953 →Hans Bellmer (1902–1975, 1] ⚭ Margarete Schnell, um 1908–38, 2] 1941 ⚮ 1946 Céline Sutter, ⚯ 1946–49 →Nora Mitrani, 1921–61, Schriftst. aus Sofia, Bulgarien), bildender Künstler (s. W, L, P);
1 S Christian (* 1945), 1 T Katrin Ziemke-Laupenmühlen (* 1943, ⚭ Peter Ziemke, Ing.), Techn. Zeichnerin;
Verwandter →Rudolf Binding (1867–1938), Schriftst. (s. NDB II). -
Biographie
Z. besuchte seit 1927 das Bismarck-Lyzeum in Berlin-Grunewald, das sie 1932 mit durchschnittlichem Abgangszeugnis verließ, und absolvierte anschließend kaufmännische Kurse beim Lette-Verein. 1933 wurde sie Stenotypistin bei der Filmgesellschaft Ufa. Nachdem sie 1935 ein halbes Jahr in der Nähe von Schwerin freiwilligen Arbeitsdienst geleistet hatte, arbeitete sie 1936–42 als Autorin und Dramaturgin in der Werbefilmabteilung der Ufa.
Bereits 1931–35 hatte Z. Erlebnisberichte für Kinder und Jugendliche in Zeitschriften veröffentlicht, u. a. in der Jugendzeitung des weitverbreiteten Wochenblatts „Die Grüne Post“.
In der Zeit ihrer Ehe war sie nicht beruflich oder künstlerisch tätig. Zwischen 1949 und 1955 schrieb sie Kurzgeschichten für Berliner Zeitungen und Hörspiele (teils für Kinder) für den RIAS Berlin. 1949/50 verkehrte sie in den Kreisen des Berliner Künstlerkabaretts „Die Badewanne“, an dessen Programm sie zeitweilig beteiligt war, und freundete sich dort u. a. mit den Malern →Alexander Camaro und →Werner Heldt (1904–1954) sowie der Tänzerin →Liselore Bergmann (1905–2006) an; seit 1952 verband sie mit dem Schriftsteller →Robert Wolfgang Schnell (1916–1986) und dessen Ehefrau Ulla eine enge Freundschaft, von der zahlreiche Briefe zeugen. Ein 1953 entstandener Roman „Katrin, die Geschichte einer kleinen Schriftstellerin, Ein Jugendbuch“ (in: Ges.ausg., Bd. 3, 1991) blieb zu Lebzeiten unveröffentlicht.
Mit dem bildenden Künstler →Hans Bellmer führte Z. seit 1953 eine lebenslange, wenngleich problematische, zeitweise auch unterbrochene Beziehung. Sie zog 1953 zu →Bellmer nach Paris und veröffentlichte ihr erstes Buch, „Hexentexte“ (1954, mit e. Vorw. v. H. Bellmer), das Zeichnungen und erste lyrische Anagramme enthält. Angeregt durch →Bellmer, schrieb sie bis 1964 mehr als 100 solcher Anagramm-Gedichte, durch die sie als Schriftstellerin bekannt wurde. Z.s Anagramme können als Variante der surrealistischen „Écriture automatique“ (→André Breton, →Philippe Soupault) verstanden werden. 1956/57 lernte sie u. a. die surrealistischen Künstler →Hans Arp (1886–1966), →Marcel Duchamp, →Max Ernst (1891–1976) und →Man Ray sowie den Dichter und Zeichner →Henri Michaux kennen, dessen Kunst sie tief beeindruckte. In dieser Zeit malte sie ihre einzigen Ölbilder. Z.s künstlerisches Werk umfaßt v. a. Zeichnungen. Zwischen 1953 und 1970 entstanden vornehmlich in der ebenfalls für den Surrealismus charakteristischen Technik des „automatischen Zeichnens“ mit feinen Strichen, Linien und Kreisen ornamentierte Darstellungen von teils mehrgesichtigen, vielaugigen Traumgebilden. Mit diesen Werken war Z. auf der Pariser Surrealismus-Ausstellung und der Kasseler „documenta II“ (beide 1959) vertreten.
Nach der Diagnose einer paranoiden Schizophrenie wurde Z. seit 1960 mit Neuroleptika und Antidepressiva behandelt und hielt sich wiederholt für längere Zeit in psychiatrischen Kliniken in Berlin und Frankreich auf, u. a. 1961–63 im Hôpital Sainte-Anne in Paris.
Nach der Periode der Kurzgeschichten für Berliner Zeitungen entstanden seit 1957 strenger komponierte Prosatexte, in denen Z. zu einem eigenen Ton fand. In dem 1965–67 geschriebenen, umfangreichsten dieser Texte, „Der Mann im Jasmin, Eindrücke einer Geisteskrankheit“ (dt. Erstveröffentlichung 1977),|den Z. als ihre wichtigste Arbeit bezeichnete, setzte sie sich mit ihrer Erkrankung und den Klinikaufenthalten auseinander. Die ein Jahr vor ihrem Suizid veröffentlichte, ebenfalls mehrfach übersetzte und wiederholt aufgelegte autobiographische Erzählung „Dunkler Frühling“ thematisiert erotische Kindheitserfahrungen und sexuelle Gewalt. Mehrere Anagramme und Texte Z.s wurden als Lieder vertont; ihre Beziehung zu Bellmer dramatisierte →Benoît Lepecq in seinem Theaterstück „Lamenti, Unica Zürn, Hans Bellmer“ (2015); literarische Hommagen an Z. schufen die norweg. Schriftstellerin →Kirstine Reffstrup mit dem Roman „Jeg, Unica“ (2016, dt. 2019) und →Natascha Gangl (* 1986) mit der Erzählung „Das Spiel von der Einverleibung, Frei nach Unica Zürn“ (2020).
Ihre Anagramm-Gedichte, aber v. a. das zeichnerische Werk fanden bereits zu Lebzeiten Z.s in Westdeutschland und Frankreich Beachtung. Seit 2000 erfahren auch ihre literarischen Texte eine zunehmend internationale Rezeption, die sich in Übersetzungen äußert, aber auch in der Forschungsliteratur, die sich u. a. mit dem weiblichen autobiographischen Schreiben bei Z. beschäftigt.
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Werke
Weitere W Oracles et Spectacles, 14 poèmes-anagrammes et 8 eaux-fortes, Einf. v. P. Waldberg, franz. 1967, dt. u. d. T. Orakel u. Spektakel, Zeichen-Heft, 1990;
Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen, 1967 (Ausst.kat.);
Der Mann im Jasmin, Eindrücke e. Geisteskrankheit, franz. 1971, 1997, 1999, dt. Original 1977, 1982, 1992, ital. 1980, niederl. 1987, engl. 1994, 2020, japan. 1997, schwed. 2004, span. 2006, dän. 2017, türk. 2018;
Dunkler Frühling, 1969 mit Ill. v. H. Bellmer, 1982, 2008, 2019, franz. 1971 mit Ill. v. H. Bellmer, 1985, 1991, 2003, engl. 2000, 2009, span. 2005, 2021, türk. 2005, 2019, dän. 2015;
Im Staub dieses Lebens, 63 Anagramme, 1980;
Das Weiße mit d. roten Punkt, Unveröff. Texte u. Zeichnungen, hg. v. I. Morgenroth, 1981, Tb. 1988, 1998, franz. 2011;
Das Haus d. Krankheiten, 1986, 2006, engl. 1993;
Les jeux à deux, 1989;
Lettres au docteur Ferdière, 1994, Tb. 2003 (mit H. Bellmer);
Vacances à Maison Blanche, Derniers écrits et autres inédits, franz. 2000;
El trapecio del destino y otros cuentos, span. 2004;
Due diari, übers. v. E.-M. Thüne, ital. 2008;
Lettres de H. Bellmer á H. Michaux et autres documents, 2009;
Alben, Bücher u. Zeichenh., hg. v. E. Brinkmann, 2009;
Semester på Maison Blanche och andra texter, schwed. 2014;
Die Trompeten v. Jericho, engl. 2015, katalan. 2020;
Mistake, franz. 2008;
– Gesamtausg., hg. v. G. Bose u. E. Brinkmann (sowie S. Scholl, nur Bd. 1), 6 in 8 Bdn., 1988–2001 (P);
–Einzelausstellungen: Gal. Le soleil dans la tête, Paris 1956 u. 1957;
Gal. Le Point Cardinal, Paris 1962 u. 1965;
Gal. Brusberg, Hannover 1967 (mit H. Bellmer);
Gal. Kunze, Berlin 1975 (mit H. Bellmer);
Gal. Kaufmann/Paranoia Buchladen, Zürich 1987;
U. Z. Retrospektive, Neue Ges. f. Bildende Kunst, Berlin 1998, Mus. Bochum 1999, Gerhard Marcks-Haus, Bremen 1999;
La Halle Saint-Pierre, Paris 2006;
Musée d’Art et d’Hist. de l’Hôpital Sainte-Anne, Paris 2020;
– Gruppenausstellungen: Exposition Internat. du Surréalisme, Gal. Cordier, Paris 1959/60;
documenta II, Kassel 1959;
Gal. Sydow, Frankfurt/M. 1964;
U. Z., Camaro, H. Bellmer in Berlin, Arbb. d. 40er bis 60er J., Camaro Haus, Berlin 2016;
Fantast. Frauen, Surreale Welten v. Meret Oppenheim bis Frida Kahlo, Schirn Kunsthalle, Frankfurt/M. u. Louisiana Mus. of Modern Art, Humlebæk (Dänemark) 2020;
– Vertonungen: B. Stangl, Drei Lieder, 1994;
U. Strübing, Sechs Unikate, Liedzyklus, 1998;
A. Nitz, Anagramme, 1999;
U. Chin, Kalá, 2000;
I. Mundry, Eure Augen, 2002;
S. Newski, Autland, 2008/09;
– Nachlaß: DLA Marbach/Neckar (Briefe an R. W. Schnell). -
Literatur
|S. Scholl, Fehler, Fallen, Kunst, Zur Wahrnehmung u. Re/Produktion b. U. Z., 1990;
R. Morrien, Weibl. Textbegehren b. Ingeborg Bachmann, Marlen Haushofer u. U. Z., 1996;
dies., „Der Körper hat es dann auszubauen“, Zum Verhältnis v. Körper, Sprache u. (Re)Produktivität b. U. Z., 1997;
Bilder 1953–70, hg. v. E. Brinkmann u. a., 1998 (Ausst.kat.; P);
R. Felka, Vorläufig Beiseitegelegtes, Stud. aus d. Nachlaß Gertrude Stein, U. Z., Marguerite Duras, Walter Benjamin, 2000;
U. Baumgärtel, „… dein Ich ist e. Gramm Dichtung, Die Anagramme U. Z.s, 2000;
E. R. Fanger, Wie e. Weib, ganz hin sich opfernd [ … ], U. Z., María Luisa Bombal, Vergleich, 2001;
H. Lutz, Schr.bilder u. Bilderschrr., Zum Verhältnis v. Text, Zeichnung u. Schr. b. U. Z., 2003;
C. Hilmes, „Auf Papier wird letzten Endes alles hinauslaufen“, Zu d. Erzz. v. U. Z., in: dies., Skandalgeschichten, Aspekte e. Frauenlit.gesch., 2004, S. 147–64;
M. De Zanger, Een verschrikkelijk verlangen naar verboden ogen, U. Z. (1916–1970) in haar cultuurhist. context, 2004;
N. Masanek, Männliches u. weibl. Schreiben?, Zur Konstruktion u. Subversion in d. Lit., 2005, S. 153–90;
U. Z., La Halle Saint-Pierre, 2006 (Ausst.kat.);
R. Henry, Die Einzige, Begegnung mit U. Z., 2007;
H. Eriksson, Någon syr, är det du?, En bok om U. Z. &
Hans Bellmer, 2015;
U. Z., Camaro, Hans Bellmer in Berlin, Arbb. d. 40er bis 60er J., hg. v. D. Schmengler, 2016 (Ausst.kat.);
S. Palermo, Il doni della follia, 2014;
E. Agazzi, La vita, il sogno, la crisi, Le percezioni distorte nell’opera di U. Z., in: Cultura tedesca 55, 2018, S. 219–34;
K. Hille, U. Z. u. d. Schwesterkünste, in: I. Pfeiffer (Hg.), Fantast. Frauen, Surreale Welten v. Meret Oppenheim bis Frida Kahlo, 2020, S. 327–46 (Ausst.kat.);
Dt.sprachige Autorinnen d. 20. Jh., hg. v. C. Benthien u. I. Stephan, 2005;
Killy;
KLL;
Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
KLG. -
Porträts
|u. a. Zeichnung v. L. Grisebach, 1935, Abb. in: U. Z., Gesamtausg., Bd. 6 (s. W), S. 128;
A. Camaro, Rohrfederzeichnung, 1950, Abb. ebd., Bd. 2, S. 4;
Zeichnung v. H. Bellmer, 1954, Abb. ebd., Bd. 1, S. 173;
Collage Öl auf Holz v. H. Bellmer, 1954 (Slg. Scharf-Gerstenberg, Berlin);
Zeichnung (Selbstbildnis?) v. U. Z., 1970, Abb. ebd., Bd. 4/2, S. 416;
Photogr. v. Man Ray, 1956, Abb. ebd., S. 451;
Doppelporträt „Cephalopode à deux“ 1956 u. Aktphotogrr. v. Z. mit Verschnürungen, 1957, Abb. in: H. Bellmer, Photographe, 1983 (Ausst.kat.), dt. u. d. T.: Photogrr., 1984;
Portrait d’U. Z. v. H. Bellmer, 1960;
|Bleistiftzeichnungen, undatiert u. 1965, v. H. Bellmer, in: U. Z. Gesamtausg., Bd. 5, S. 58 u. 162. -
Autor/in
Thomas Diecks -
Zitierweise
Diecks, Thomas, "Zürn, Nora Berta Unika Ruth (seit 1954 Unica)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 776-778 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz143069.html#ndbcontent