Lebensdaten
1891 bis 1966
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Florenz
Beruf/Funktion
Dirigent
Konfession
-
Normdaten
GND: 118754653 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Scherchen, Hermann Carl Julius
  • Scherchen, Hermann
  • Scherchen, Hermann Carl Julius
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Zitierweise

Scherchen, Hermann, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118754653.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Carl (1857–1912), Gastwirt in B., S d. Schneiders Carl Gottlob (1830–96), aus Schlesien, u. d. Johanne Ranze (1830–66);
    M Bertha Burke (1862–1950), lebte zuletzt in Gravesano;
    Ur-Gvv Christian (1756–1833), Zimmermann in Schlesien;
    1) 1918 1920 Paula Schramm, 2) 1921 1927 Auguste Maria Jansen, 3) 1927 1932 Gerda Müller (1894–1951, 2] Hans Lohmeyer, 1881–1968, Kommunalpol., 1919-33 OB v. Königsberg, s. NDB 15), Schausp. (s. Kosch, Theaterlex.; Altpreuß. Biogr. III; Wer war Wer Deutsche Demokratische Republik), 4) Peking 1936 1954 Xiao Shuxian (Hsiao Shu-sien) (* 1905), aus Tungshan (Prov. Kwantung), Komp., Schülerin v. S., 5) London 1954 Pia Andronescu ( 1968), aus Rumänien, Math.lehrerin; 1932 Verbindung mit Carola Neher (1905–42), Schausp. (s. NDB 19); 1 vorehel. S aus 2) Karl Hermann Wulff (John Woolford) (* 1920), in Australien, 1 S aus 4) Ludwig Sebastian Tsinan (* 1943), 2 T aus 4) Fété Manchua (* 1936), Tona Techua Scherchen(-Hsiao) (* 1938), Komp. (s. New Grove; New Grove), 2 S aus 5) David (* 1952), Nathan (* 1957), 3 T aus 5) Myriam (* 1951), Musikproduzentin, gründete 1991 La Fondation Hermann Scherchen in Bezons (Dep. Seine-et-Oise, Frankreich) (s. W), Esther (* 1954), Alexandra (* 1960).

  • Leben

    S. erhielt als 7jähriger ersten Violinunterricht, spielte nach dem Abschluß der Realschule in Kaffeehaus-Kapellen und wurde 1907 als Bratscher beim Blüthnerorchester in Berlin engagiert. Bald spielte er auch im Philharmonischen Orchester und an der Krolloper und bildete sich durch intensive Partiturstudien autodidaktisch als Musiker weiter. 1911 wirkte S. bei der Vorbereitung der Uraufführung von Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“ mit und debütierte bei der auf die Premiere folgenden Tournee als Dirigent. Dies markiert zugleich den Beginn seines lebenslangen Einsatzes für die Werke Schönbergs und der musikalischen Moderne.

    1914 erhielt S. eine Anstellung als Kapellmeister des Sinfonieorchesters Riga, wo er vom Ausbruch des 1. Weltkrieges überrascht und interniert wurde. In der Zeit seiner russ.|Zivilgefangenschaft komponierte er u. a. einige Lieder und ein Streichquartett, lernte Russisch und vertiefte sich in sozialistische Literatur.

    Nach Berlin zurückgekehrt, entfaltete S. seit 1918 ein umfangreiches Wirken im Dienste der neuen Musik: Er gründete die „Neue Musikgesellschaft Berlin“ und 1920 die Zeitschrift „Melos“ (deren Schriftleitung er bis 1921 innehatte) als Musikschriftsteller und hielt Vorlesungen an der Musikhochschule. 1922 übernahm S. als Nachfolger Wilhelm Furtwänglers die Leitung der Sinfoniekonzerte der Frankfurter Museumsgesellschaft. Auf Empfehlung des Industriellen und Kunstmäzens Werner Reinhart (1884–1951) begann 1923 die bis 1950 andauernde Zusammenarbeit mit dem Musikkollegium Winterthur, das S. mit zahlreichen Uraufführungen zu einem Zentrum zeitgenössischer Musikpflege machte.

    Parallel hierzu nahm S. 1923-38 regelmäßig an den Festkonzerten der Internationalen Musikgesellschaft (IGNM) teil, leitete 1928-31 die Musikabteilung am Königsberger Ostmarkenrundfunk und organisierte „Arbeitstagungen“ u. a. in Straßburg (1933) und Brüssel (1935) mit Konzerten und Dirigierkursen. Anderen Unternehmungen war nicht der gleiche Erfolg beschieden: So wurde die 1935 gegründete Zeitschrift „Musica viva“ bald eingestellt, und der Musikverlag „Ars Viva“ in Brüssel geriet zu einem finanziellen Desaster.

    1937 in die Schweiz übergesiedelt, wurde S. 1945 Chefdirigent des Studio-Orchesters Beromünster in Zürich, trat jedoch 1950, als er nach einem Gastspiel in der Tschechoslowakei kommunistischer Tendenzen verdächtigt wurde, von allen Ämtern in der Schweiz zurück.

    Aus dem unverminderten Interesse am Medium Rundfunk heraus gründete S. 1954 an seinem neuen Wohnsitz in Gravesano im Tessin ein Tonstudio, in dem er sich intensiv mit elektro-akustischen Fragen befaßte und neue Wirkungsmöglichkeiten der Musik erprobte. Unter dem Protektorat der UNESCO fand im selben Jahr eine erste Tagung mit führenden Wissenschaftlern, Elektrotechnikern und Musikern aus Europa statt. Die Finanzierung dieser Projekte erfolgte durch die Honorare aus S.s Tätigkeit als weltweit gefragter Dirigent (Gastkonzerte u. a. in Südamerika u. den USA). Während eines Konzerts beim Maggio Musicale in Florenz erlitt er eine Herzattacke und starb wenige Tage später.

    S. brachte als einer der wichtigsten Dirigenten der musikalischen Moderne über 200 Werke zur Uraufführung, darunter das Violinkonzert von Alban Berg (1936), „Moses und Aron“ von Schönberg (1959) sowie Werke von Varese, Henze und Luigi Nono. Mit gleicher Leidenschaft widmete sich S. aber auch der Musik der Klassiker, Bach, Mahler u. a. Von den ihm unterstellten Musikern verlangte er eine genaue Realisierung des Notentextes und war so einer der bedeutendsten Orchestererzieher. Zu seinen Schülern gehörten u. a. Karl Amadeus Hartmann, Bruno Maderna, Rolf Liebermann und Harry Goldschmidt.|

  • Auszeichnungen

    Dr. h. c. (Königsberg 1930); Prof. h. c. (Santiago de Chile).

  • Werke

    Weitere W Heinrich-Heine-Lieder op. 2 (verschollen, außer Nr. 5 gedr. als Notenbeil, zu „Melos“, H. 7, Mai 1920);
    CD Editionen:
    H. S. in d. Schweiz, Stationen e. Dirigenten, I. Winterthur, II. Zürich, 2 CD mit Beih., 1993;
    CD Edition, 2000;
    Diskographie:
    H. S., A. Discography (French – English), compiled by R. Trémine with the assistance of Myriam Scherchen, 1999;
    Schrr.:
    Lehrbuch d. Dirigierens, 1929, 1953, engl. 1933, 1940, 1946, 1948, 1951, 1960, mit Vorw. v. N. Del Mar, 1989;
    Vom Wesen d. Musik, 1946, engl. 1946;
    Musik f. Jedermann, 1950;
    mehr als 100 Aufss. u. a. in: Melos, Gravesaner Bll.;
    Auswahlbibliogr.
    in: Pauli/Wünsche (s. L);
    Werkausgabe:
    Werke u. Briefe in 8 Bdn., hg. v. J. Lucchesi, Bd. 1, 1991;
    Korr.:
    „… alles hörbar machen“, Briefe e. Dirigenten 1920 bis 1939, hg. v. E. Klemm, 1976; Aus meinem Leben, Rußland in jenen Jahren, Erinnerungen, hg. v. dems., 1984, franz. Übers. u. Forts. v. Myriam Scherchen u. d. T. Mos deux vies, 1992 (Diskographie, L, P);.|

  • Nachlaß

    Nachlaß: Berlin, Ak. d. Künste (eigene u. fremde Notenhss., mehr als 3000 Briefe, Schallplatten u. mehr als 300 Tonaufnahmen seiner Konzerte, Unterlagen zu elektroakust. Experimenten in Gravesano).

  • Literatur

    H. Curjel, Gedenkrede f. H. S. 1891-1966 (1967);
    H. S., Musiker, 1891–1966, Ein Lesebuch, hg. v. H. Pauli u. D. Wünsche, 1986 (W-Verz., P);
    M. Kreikle, H. S. 1891-1966, Phonogr., 1991;
    dies., Der Dirigent H. S. als Pionier d. Musik im Rundfunk 1924-1932, Diss. Frankfurt/M., 1994;
    H. Pauli, H. S. 1891-1966, 177. Neuj.bl. d. Allg. Musikges. Zürich auf d. J. 1993;
    Riemann mit Erg.bd.;
    MGG mit Suppl.bd.;
    New Grove (P);
    New Grove (P);
    Biogr. Lex. Weimarer Rep.;
    BHdE II;
    Schweizer Lex.;
    Frankfurter Biogr.

  • Autor/in

    Marion Brück
  • Empfohlene Zitierweise

    Brück, Marion, "Scherchen, Hermann" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 686-687 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118754653.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA