Lebensdaten
1912 bis 1994
Geburtsort
Spremberg (Lausitz)
Sterbeort
Schulzenhof bei Dollgow (Brandenburg)
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
konfessionslos
Normdaten
GND: 118619322 | OGND | VIAF: 110426964
Namensvarianten
  • Strittmatter, Erwin
  • Shih-t'ê-li-t'ê-ma-t'ê, Ai-êrh-wên
  • Strittmatter, E.
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Zitierweise

Strittmatter, Erwin, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118619322.html [02.03.2021].

CC0

  • Genealogie

    V Heinrich (* 1889), Bäcker in Graustein u. Bohsdorf (Lausitz), Soldat im 1. Weltkrieg, S d. Franz Josef (1851–91, Geigenbauer u. Musikant, 1877 nach Kanada ausgewandert, u. d. Dorothea (* 1862?), Weißnäherin;
    M Helene, aus sorb. Fam., Schneiderin, Ladenbes. in Bohsdorf, T d. Matthes Kulka (* 1855), aus Partwitz b. Senftenberg (Lausitz), Händler, u. d. Helene N. N.;
    Ur-Gvv Franz-Joseph (* 1798), Bauer im Dorf Strittmatt im Hotzenwald (Schwarzwald);
    1) 1937 1944 Waltraud N. N., 2) 1946 1954 Maria N. N., 3) 1956 Eva (s. 2; W, L);
    2 S aus 1), 2 S aus 2), 3 S aus 3) Erwin (* 1954), Schausp., Matthes (Matti) (1958–94, Regisseur, Jakob (* 1963), Bibl., 1 Adoptiv-S aus 3) Ilja (* 1951), Keramiker.

  • Leben

    Nach der Volksschule in Bohsdorf besuchte S. seit 1924 das Realgymnasium in Spremberg, das er 1929 verließ, um eine Bäckerlehre zu beginnen. Seit 1932 arbeitete er als Bäckergeselle in Kahren bei Cottbus, seit 1935 als Tierzüchter am Niederrhein, in Oberfranken und bei Saalfeld, als Pferdepfleger bei der Heeresstandortverwaltung Saalfeld und als Hilfsarbeiter in der „Thüring. Zellwolle Schwarza“. Um der gesundheitsschädlichen Arbeit dort und privaten Problemen zu entgehen, bewarb sich S. Anfang 1940 erfolglos bei der Waffen-SS. Stattdessen wurde er 1941 zur Ordnungspolizei eingezogen, die der SS unterstand, und im SS-Polizei-Gebirgsjäger-Rgt. 18 in Slowenien, Griechenland und Finnland eingesetzt. Um – nach eigenen Worten – eine Mitschuld am Krieg abzutragen, trat S. 1947 der SED bei und arbeitete als Bäcker, Amtsvorsteher und Redakteur der „Märk. Volksstimme“ in Senftenberg. S., der Kriegserlebnisse verfremdet in der Roman-Trilogie „Der Wundertäter“ (1957, 1973, 1980) gestaltete, erwähnte seine SS-Vergangenheit weder öffentlich noch gegenüber seiner Familie. Der Literaturjournalist Werner Liersch (* 1932) („E. S.s unbekannter Krieg“, in: Frankfurter Allg. Sonntagsztg. v. 8. 6. 2008, P) machte ihm dies später zum Vorwurf und löste eine heftige Debatte aus, in deren Folge er auch S.s vermeintliche Desertion im Jan. 1945 (literarisch gestaltet in der Erzählung „Grüner Juni“, 1985) in Frage stellte.

    Inspiriert durch die Literatur Leo Tolstois und Knut Hamsuns war S. seit seiner Schulzeit literarisch tätig. Seit der Veröffentlichung seines ersten Romans „Ochsenkutscher“ (1951), der von dem für S.s frühe Jahre typischen harten, linearen Erzählstil (Reihung knapper Hauptsätze) gekennzeichnet ist, lebte er als freier Schriftsteller in Senftenberg, seit 1954 mit seiner späteren dritten Frau Eva in Schulzenhof bei Rheinsberg. Im Gegensatz zu seinem, trotz spürbarer Didaktik, nicht agitierenden Roman polemisierte S. in seinem von Brecht am Berliner Ensemble uraufgeführten Drama „Katzgraben“ (1953), das er später als „Sünde an der Kunst“ ablehnte, heftig gegen das Großbauerntum.

    S. galt spätestens seit seinem Jugendroman „Tinko“ (1955, verfilmt 1957) als originellste und bedeutendste Stimme der jungen DDR-Literatur. Einerseits Funktionsträger im|DDR-Literaturbetrieb (seit 1956 stellv. Vors., 1959/60 Sekr., 1960–78 Vizepräs. d. Schriftst.verbands), geriet er andererseits mit „Ole Bienkopp“ (1963) – einem Roman um einen eigensinnigen, undogmatischen Neuerer, der der Parteilinie voraus ist – in offenen Konflikt mit Literaturkritik und offizieller Ideologie. In der Folge entfernte sich S. zunehmend vom Marxismus und distanzierte sich etwa mit Kurzprosa wie „Schulzenhofer Kramkalender“ (1966), „Ein Dienstag im September“ (1969) und „¾ hundert Kleingeschichten“ (1971) vom Dogmatismus der Kulturpolitik. Später wandte er sich einer taoistischen Weltsicht zu.

    Mit „Die blaue Nachtigall oder Der Anfang von etwas“ (1972) gelangte S. zu einem neuen, assoziativen Erzählton, der in „Meine Freundin Tina Babe“, „Sulamith Mingedö, der Doktor und die Laus“ (beides 1977) und der „Laden“-Trilogie (1983, 1987, 1992), in der er literarisch verfremdet seine Kindheit und Schulzeit in den 1920er Jahren verarbeitete, seine Fortsetzung fand. Mit der Veröffentlichung des 3. Teils des „Laden“ und der Verfilmung von Jo Baier 1998 wurde S., dessen Bücher in knapp 40 Sprachen übersetzt wurden, auch in Westdeutschland entdeckt. Vor allem seine Spätwerke haben dank poetischer Kraft, originellem Erzählen, genauer Beobachtung und liebevoller Charakterzeichnung Bestand.

  • Auszeichnungen

    A Nat.preis d. DDR (1953, 1964, 1976, 1984);
    Lessing-Preis d. DDR (1961);
    Fontane-Preis d. Bez. Potsdam (1966);
    Karl-Marx-Orden (1974);
    Kunstpreis d. FDGB (1978);
    Dr. h. c. d. Hochschule f. Landwirtsch. Meißen (1987);
    Mitgl. d. Ak. d. Künste (1959);
    – E.-S.-Gymnasium, Spremberg (seit 1996);
    E.-S.-Ver., Bohsdorf (seit 1996).

  • Werke

    Weitere W Eine Mauer fällt, Erzz., 1953;
    Paul u. d. Dame Daniel, Erz., 1956;
    Pony Pedro, Erz., 1959;
    Die Holländerbraut, Drama, 1959;
    Selbstermunterungen, Aphorismen, 1981;
    Wahre Gesch. aller Ard(t), Aus Tagebüchern, 1982;
    Lebenszeit, Ein Brevier, 1987 (P);
    Die Lage in d. Lüften, Aus Tagebüchern, 1990;
    Flikka, Erz., 1992;
    Vor d. Verwandlung, Aufzeichnungen, hg. v. Eva Strittmatter, 1995;
    Du liebes Grün, 2000;
    Gesch. ohne Heimat, hg. v. Eva Strittmatter, 2002;
    Wie d. Regen mit d. See redet, 2002;
    Kal. ohne Anfang u. Ende, hg. v. Eva Strittmatter, 2003;
    Nachlaß:
    Archiv Eva u. E. S., Schulzenhof (P);
    L H. Precht, Der sozialist. Realismus im Werk E. S.s, 1975;
    N. M. Karoussa, Expressive sprachl. Mittel u. ihre ästhet. Funktion in d. Kurzprosa E. S.s, 1976;
    Schriftst. d. Gegenwart, E. S., Analysen, Erörterungen, Gespräche, hg v. e. Hg.kollektiv, 1977 (W, L, P);
    A. Hoffmann, Die Individuumskonzeption im epischen Schaffen E. S.s, 1987;
    G. Drommer, E. S., Des Lebens Spiel, 2000 (W, L, P);
    ders., E. S. u. d. Krieg unserer Väter, 2010 (W, L, P);
    L. Herde, E. S., Der Laden u. d. Lebenswerk, 2001 (W, L, P);
    Eva Strittmatter (Hg.), E. S., Eine Biogr. in Bildern, 2002 (P);
    H. Gloege, Der unbekannte S., 2007;
    Metzler Autorenlex.;
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    Kosch, Theater-Lex.;
    Sucher, Theaterlex.;
    Biogr. Hdb. SBZ/DDR;
    Brandenburg. Biogr. Lex. (P);
    Wer war wer DDR;
    Munzinger;
    Killy.

  • Portraits

    Porträt, Mischtechnik, v. K. H. Roehricht, 1970er J., Abb. in: 8. Kunstausst. d. DDR, 1977/78, S. 155 (Schulzenhof, Archiv Eva u. E. S.);
    Tuschezeichnung v. H. Giebe, 1976 (Gera, Kunstslg., Otto-Dix-Haus).

  • Autor/in

    Lars Herde
  • Empfohlene Zitierweise

    Herde, Lars, "Strittmatter, Erwin" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 559-560 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118619322.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA