Witte, Karsten
- Lebensdaten
- 1944 – 1995
- Geburtsort
- Perleberg (Westprignitz)
- Sterbeort
- Berlin
- Beruf/Funktion
- Filmwissenschaftler ; Film- und Literaturkritiker ; Dramaturg ; Übersetzer
- Konfession
- -
- Namensvarianten
-
- Witte, Karsten
- Witte, Carsten
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- Berndt, Wolfgang
- Bresson
- Christopher Isherwoods
- Cocteau, Jean
- Deutschmann, Wolfram
- Godard, Jean-Luc
- Heinzlmeier, Adolf
- Kahlenberg, Friedrich Peter
- Kluge, Alexander
- Koch, Gertrud
- Kracauer, Siegfried
- Pasolini
- Pulch, Harald
- Reitz, Edgar
- Samel, Udo
- Schlüpmann, Heide
- Schulz, Berndt
- Straub/Huillet
- Tarkowskij
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Witte, Karsten
| Filmwissenschaftler, Filmund Literaturkritiker, Dramaturg, Übersetzer, * 8.6.1944 Perleberg (Westprignitz), † 23.10.1995 Berlin, ⚰Berlin-Westend, Friedhof Heerstraße.
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Genealogie
V →Gerhard (1910–92), aus Bielefeld, Dr. med., Chirurg, bis 1975 Chefarzt d. chirurg. Abt. u. Ltd. Arzt d. Kreiskrankenhauses Wolfhagen (s. Chirurgenverz., Biogr. u. Bibliogr., hg. v. H. Junghanns, 2013);
M Marie Luise (Marlies) Ries (1919–2003);
2 B →Jens (1941–2003), Prof. f. Chirurgie 1981, Chefarzt d. Klinik f. Allg.- u. Viszeralchirurgie am Zentralklinikum Augsburg 1985–2003, seit 1987 Leiter d. Ak. f. chirurg. Weiterbildung u. prakt. Fortbildung d. Berufsverbands d. Dt. Chirurgen, 1998–2003 dessen Präs., ab 2002 Präs. d. Sektion Chirurgie d. in Brüssel ansässigen European Union of Medical Specialists (UEMS) (s. Ch. Weißer, Chirurgenlex., 2019), →Jochen (1942–97), Dr. med. -
Biographie
Nach dem Abitur möglicherweise an der Wilhelm-Filchner-Schule (seit 2020 Walter-Lübcke-Schule) in Wolfhagen begann W. in Berlin und Göttingen ein Studium der Germanistik und Romanistik. Ergänzend studierte er Vergleichende Literaturwissenschaft in Chapel Hill (North Carolina, USA) und Aix-en-Provence. Seine 1969 eingereichte Magisterarbeit erschien unter dem Titel „Reise in die Revolution, Gerhard Anton von Halem und Frankreich im Jahre 1790“ als Buch (1971).
Ab 1970 lebte W. in Frankfurt/M., wo er für den Suhrkamp Verlag eine Anthologie zur „Theorie des Kinos“ (1972) und die Schriften|→Siegfried Kracauers (Werkausgabe in neun Bdn., Bd. 6 u. 9 nicht ersch., 1971–90) herausgab. Zudem hielt er an der Universität bis 1976 Lehrveranstaltungen zur Geschichte und Theorie des Films – darunter auch Seminare in Zusammenarbeit mit →Alexander Kluge (* 1932). Weitere Lehrtätigkeiten führten W. in den folgenden Jahren u. a. an die Univ. Köln, wo er in Kooperation mit →Gertrud Koch (* 1949) zum Thema Filmkritik unterrichtete, und an die Hochschule für Film und Fernsehen München.
Zwischen 1974 und 1977 arbeitete W., der bereits zuvor ein filmhistorisches Interesse am NS-Film entwickelt hatte, in der Kommission zur Neubewertung der von den Alliierten nach 1945 für die öffentliche Vorführung verbotenen nationalsozialistischen Filme. Berufen durch das Filmreferat des Bundesministeriums des Inneren, war W. zuständig für die eingehende Prüfung nicht in erster Linie offensichtlich propagandistischer, sondern v. a. vermeintlich unpolitischer Unterhaltungsfilme. Aus dieser Beschäftigung erwuchs zum einen die Studie „Filmkomödie im Faschismus“, die er 1986 als Dissertation einreichte, zum anderen ging aus ihr die Arbeitsgruppe NS-Film hervor, der u. a. →Friedrich Peter Kahlenberg (1935–2014), →Heide Schlüpmann (* 1943) und →Harald Pulch (* 1951) angehörten.
Als W. 1979 zurück nach Berlin zog, arbeitete er, neben seiner Tätigkeit als Universitätsdozent, bereits längere Zeit als freier Autor und Dramaturg (1979–1981 Basis-Film-Verleih, 1985 Schauspielhaus Bochum). Hochgebildet und polyglott, verfaßte er Lyrik und Prosa, schrieb Drehbücher (u. a. mit →Edgar Reitz, * 1932, →Udo Samel, * 1953, →Wolfgang Berndt, * 1953, u. →Wolfram Deutschmann, * 1950), war tätig als Übersetzer (der Werke Kracauers, Christopher Isherwoods u. →Jean Cocteaus) und gehörte zu den wichtigsten bundesrepublikan. Filmkritikern der 1970er und 1980er Jahre (u. a. Frankfurter Rundschau, Die Zeit).
Vorträge und Lehrveranstaltungen an Hochschulen führten W. durch Europa sowie in die USA und auf Einladung des Goethe-Instituts nach Afrika (1986 Lehrauftrag in Kamerun, 1988 Rundreise durch Westafrika) und Japan (1992 Osaka u. 1993 Kyoto). In Deutschland lehrte er ab 1984 Filmwissenschaft an der FU Berlin, an der Univ. Marburg, der Dt. Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) und an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf, Babelsberg. 1990 wurde er auf den Lehrstuhl für Film am Institut für Theaterwissenschaften der FU Berlin berufen.
W.s Werk ist weitverzweigt und vielseitig. Interessiert an den Grenzlinien zwischen Literatur und Film, beschäftigte er sich nur am Rande mit dem Hollywoodkino. Seine Studien zum NS-Film bildeten die Grundlage für eine tiefergehende Beschäftigung mit der dt. Filmgeschichte (Weimarer Republik, Neuer deutscher Film), ermöglichten aber auch die Untersuchung von Filmen ausländischer faschistischer Systeme (Italien, Japan). Darüber hinaus galt W.s Interesse u. a. den Arbeiten von →Godard, Bresson, Pasolini, →Cocteau, Straub/Huillet und Tarkowskij. Zusammen mit →Adolf Heinzlmeier (* 1936) und →Berndt Schulz (* 1942) gab er 1982 die dreibändige Publikation „Die Unsterblichen des Kinos, Stummfilmzeit und die goldenen 30er Jahre“ heraus, 1985 erschien der Essayband „Im Kino, Texte vom Sehen und Hören“, und mit „Lachende Erben, Toller Tag, Filmkomödie im Dritten Reich“, 1995, eine Überarbeitung seiner Dissertation mit weiterführenden journalistischen und publizistischen Texten (Filmbuch d. Jahres 1995).
Mit seinen präzisen Analysen nationalsozialistischer Filme – auch oberflächlich unpolitischer Gattungen – nimmt W. eine Vorreiterrolle ein, seine Forschungen prägen bis heute den Umgang mit dem Faschismus im Film.
Als W. im Alter von 51 Jahren an den Folgen von Aids verstarb, hinterließ er zahlreiche Schriften, die z. T. posthum veröffentlicht wurden, wie „Die Körper des Ketzers, Pier Paolo Pasolini“ (hg. v. R. Herrn, 1998, P) und „Schriften zum Kino, Westeuropa, Japan, Afrika nach 1945“ (hg. v. B. Groß u. C. Betz, 2011, P).–Seit 2013 ruft die AG Filmwissenschaft der Gesellschaft für Medienwissenschaft den Karsten-Witte-Preis aus, der jährlich einen Aufsatz prämiert, der durch seine sprachliche Qualität und Originalität das Fach Filmwissenschaft in herausragender Weise repräsentiert.
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Werke
Weitere W u. a. Lex.art.: Kracauer, Siegfried, in: NDB XII, 1980, S. 630 f.;
Der Passagier – das Passagere, Gedanken über Filmarbeit, 1988;
– Hg.: Theorie d. Kinos, Ideologiekritik d. Traumfabrik, 1972;
Siegfried Kracauer, Theorie d. Films, Die Errettung d. äußeren Wirklichkeit, 1985;
Paris, dt. Republikaner reisen, 1980, ²1984;
– S. Kracauer, Schrr., Bd. 4: Gesch., Vor d. letzten Dingen, 1971 (Übers.);
S. Kracauer, Das Ornament d. Masse, 1977 (Nachw.);
S. Kracauer, Von Caligari zu Hitler, Eine psychol. Gesch. d. dt. Films, 1984 (Nachw. u. Übers. mit R. Baumgarten);
– Lyrik: Laufpass, Gedichte, 1985;
– Drehbücher zu d. Filmen: Stunde Null, 1976/77;
Berliner Stadtbahnbilder, 1980–82;
– Nachlaß: Stif|tung Dt. Kinemathek Berlin (Bilder, Audio u. zahlr. Schrr.). -
Literatur
|G. R. K. (G. R. Koch), Mehr als Geschmack, Zum Tod d. Filmkritikers K. W., in: FAZ v. 27.10.1995 (P);
che., K. W. gestorben, in: NZZ v. 27.10.1995;
göt (F. Göttler), Überschwang u. Diskretion, Der Filmkritiker K. W. ist tot, in: SZ v. 28.10.1995;
A. Kilb, Der Fremdgänger, in: Die Zeit, Ausg. 45 v. 3.11.1995;
H. H. Prinzler, Nachruf K. W., in: SDK-Newsletter, Nr. 6, Nov. 1995 (P);
G. Seeßlen, Rez. zu „Lachende Erben, Toller Tag“, in: epd Film, Juni 1995;
J.-C. Horak, K. W., Lachende Erben, Toller Tag, Filmkomödie im Dritten Reich, in: MEDIENwiss., Rezensionen/Reviews, Jg. 13, 1996, Nr. 1, S. 96–99;
S. Diekmann (Hg.), Schreiben über Film, Hommage an K. W., 2010, S. 7–14;
B. Traber, K. W., Eine überfällige Wiederentdeckung, Rez. zu: Schrr. z. Kino, hg. v. B. Groß u. C. Betz, 2011, in: critic.de v. 9.12.2011;
Stadt Perleberg (Hg.), Erinnerungsbl. d. Stadt Perleberg z. 75. Geb.tag v. K. W., 2019. -
Autor/in
Lena Koseck -
Zitierweise
Koseck, Lena, "Witte, Karsten" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 323-325 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142918.html#ndbcontent