Lebensdaten
1884 – 1956
Geburtsort
Chañarcillo (Chile)
Sterbeort
Bad Godesberg
Beruf/Funktion
Wirtschaftswissenschaftler
Konfession
evangelisch
Namensvarianten
  • Wagemann, Ernst Friedrich
  • Wagemann, Ernst
  • Wagemann, Ernst Friedrich

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Zitierweise

Wagemann, Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz138070.html [27.02.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Heinrich (Enrique) (1858–1940), Kaufm. in Valparaíso (Chile), S d. Georg Friedrich (1827–72), aus Vienenburg b. Goslar, Maurermeister, Bauuntern. in Lingen/Ems, u. d. Johanne Veltwisch (1834–67);
    M Ernesta (Erna) (1855–1929, kath.), aus Santiago (Chile), T d. Ernst Günther (1822–96), aus Braach b. Rotenburg/Fulda, Landwirt in Talca (Chile), u. d. Friederike Bleidorn (1811–91), aus Hess. Oldendorf;
    wohl B Gustav (1885–1933 Flugzeugabsturz), Jur., 1919 stellv. Leiter d. Kriegsschuldenermittlungskomm. III in Berlin, bis 1933 im preuß. Min. d. Justiz, 1933 Präs. d. preuß. Landeserbhofger. in Celle, preuß. Staatsrat (s. L), Schw Erica (1887–1972, Theodor Kunze, 1879–1946, aus Altona b. Hamburg), Eleonore (Ella, Leonor) (1899–n. 1955, Hermann Warmbold, 1876–1976, Dr. phil., 1913–17 Leiter d. Abt. Wirtsch.beratung an d. Landwirtschaftl. Ak. Berlin, 1917–19 o. Prof. u. Dir. d. Landwirtschaft. Hochschule in Hohenheim, 1919 Dir. d. Domänen-Abt. im preuß. Landwirtsch. min., 1922–31 Mitgl. d. Vorstandes d. Bad. Anilin- u. Sodafabrik (BASF), 1931–33 Reichswirtsch.minister, n. 1945 in Chile AR d. I. G. Farben, zuletzt in Miesbach/Tegernsee, Dr. d. Landwirtsch. e. h., s. L);
    1927 Hertha, T d. Ernst Delbrück (1858–1933), aus Bergen (Rügen), Math., 1912 Präs. d. Statist. Reichsamtes (s. Wi. 1928), u. d. Eugenie Knipping (1875–1907), aus Edo (Japan);
    3 K u. a. S Ernst Wolfgang (1931–2005), Dr., T Hertha (* 1928);
    Gvv d. Ehefrau E. L. Berthold Delbrück (1817–68), Jur., 1859 Appellationsger.rat in Greifswald, Kreisrichter auf Rügen (s. ADB V), Gvm d. Ehefrau Erwin Knipping (1844–1922), Meteorol., 1871 Lehrer an d. „Hauptschule f. fremde Wiss.“ in Tokio, 1891 an d. Dt. Seewarte in Hamburg (s. NDB XII).

  • Biographie

    Nach seiner Kindheit in Chile (1891–98 Dt. Schule in Valparaíso) besuchte W. 1898–1903 das Realgymnasium in Lüneburg. Er studierte Nationalökonomie in Göttingen, Berlin und Heidelberg, wo er 1907 zum Dr. phil. promoviert wurde. 1908–10 war W. Dozent am Hamburger Kolonialinstitut, 1911–13 unternahm er eine Forschungsreise durch Südamerika. 1914 habilitierte er sich an der Univ. Berlin, 1915–19 las er als Privatdozent u. a. über Statistik, Wert- und Preislehre sowie über Geldwesen und Währungspolitik, 1919 wurde er zum unbesoldeten ao. Professor an der Univ. Berlin ernannt. 1916–18 arbeitete er im Kriegsernährungsamt, seit 1919 im preuß. Landwirtschaftsministerium und danach als Geheimer Regierungsrat und Vortragender Rat im Reichswirtschaftsministerium. Seit März 1924 war W. Präsident des Statistischen Reichsamtes (StRA). Im Juli 1925 gründete er das „Institut für Konjunkturforschung“ (IfK), das als Ergänzung und in Arbeitsteilung zum StRA konzipiert war.

    Sowohl finanziell als auch institutionell wurde das IfK von Politik und Verwaltung, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften getragen. Die universitäre Wirtschaftswissenschaft (Arthur Spiethoff, 1873–1957) distanzierte sich dagegen von dieser durch den „amerikanischen Empirismus“ gespeisten Konjunkturforschung. W.s empirische Wirtschaftsforschung war jedoch keineswegs eine theorielose Kopie der Harvard Studien (Konjunkturbarometer). Vielmehr entwickelte W. makroökonomische Ansätze (Kreislaufanalyse), die Grundlage des Statistikprogramms (Volkseinkommensberechnung, Industriezensus, Input-Output-Tabelle) in der Weimarer Republik waren und damit bereits wesentliche Elemente der modernen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung vorwegnahmen. Die|vielbeachteten Publikationen des IfK lagen den in der Presse erörterten Wirtschaftsfragen zugrunde. W. stieg damit in der Spätphase der Weimarer Republik zum bekanntesten Ökonomen auf. Sein Plädoyer für eine aktive Konjunkturpolitik (W.-Plan 1932) machte ihn zum Gegner der Deflationspolitik des Reichkanzlers Heinrich Brüning (1885–1970). W.s Plan sah neben einer Strukturreform des Bankwesens eine Ausweitung des Geldvolumens über eine Lockerung der Gold- und Devisendeckungsvorschriften vor. Die exponierende Präsentation des Plans in einem öffentlichen Vortrag gegen den Willen der Reichsregierung rief die vehemente Ablehnung prominenter Ökonomen wie Gustav Stolper (1888–1947), Albert Hahn (1889–1968) und Wilhelm Röpke (1899–1966), die offizielle Distanzierung der Reichsregierung und des Wirtschaftsministers Hermann Warmbold sowie die Feindschaft nationalkonservativer Kreise hervor.

    Am 17. 3. 1933 wurde W. von Reichswirtschaftminister Alfred Hugenberg (DNVP) wegen seiner Amtsführung und der unzureichenden Abgrenzung zwischen dem StRA und dem IfK von seinen Ämtern beurlaubt. Dennoch identifizierte sich W. (seit Mai 1933 Mitglied der NSDAP) in Briefen und Stellungnahmen an hohe Partei- und Regierungskreise, auch an Hitler selbst, mit der NS-Politik. Während W. von Hugenberg am 22. 5. 1933 als Präsident des StRA endgültig entlassen wurde, erhielt er seine Funktion als IfK-Direktor am 17. 6. 1933, v. a. durch die Unterstützung der Dt. Arbeitsfront (DAF), wieder zurück. 1934 wurde W. Sachverständiger für „Konjunkturforschung“ im Sachverständigenbeirat der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation.

    Das IfK, 1941 in „Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung“ (DIW) umbenannt, expandierte nach der Trennung vom StRA enorm. Es wurde weiterhin u. a. von zahlreichen Ministerien finanziell getragen und war als Gutachter, auch in der Person W.s, nach wie vor gefragt. Höhepunkt war die direkte Einbindung der gesamten Industrieabteilung des DIW in die Kommandozentrale der dt. Kriegswirtschaft, das Planungsamt im Rüstungsministerium. Das DIW war hier unter der Leitung seines Abteilungsleiters Rolf Wagenführ (1905–75) verantwortlich für Planstatistik.

    W. erreichte, daß das DIW als Institut sowie er als Person trotz des Widerstands Heinrich Himmlers (1900–45) als „kriegswichtig“ eingestuft wurden.

    Mit Kriegsende verlor W. seine Funktion im DIW. Bei der „Entnazifizierung“ (1948) wurde er als „entlastet“ eingestuft, ohne daß seine NSDAP-Mitgliedschaft hinterfragt und seine Rolle als Präsident des kriegswichtigen DIW in der Begründung erwähnt wurde. 1948 gründete W. das „Instituto de Economia“ in Chile. 1949–53 war er Professor an der Univ. Santiago de Chile, danach lebte er wieder in Deutschland.

  • Auszeichnungen

    A Ehrenmitgl. d. Royal Statistical Soc. u. d. Internat. Statist. Inst. (1928), d. Inst. Scientifique d’Etudes des Communications et des Transports, Paris (1935);
    Vizepräs. d. Internat. Statist. Inst. (1936);
    Treudienst-Ehrenzeichen 2. Stufe (1939);
    Mitgl. d. NS-Dozentenbunds, d. NS-Volkswohlfahrt, d. NS-Rechtswahrerbunds u. d. Reichsluftschutzbunds (1939);
    Ltg. d. Arb.gemeinschaft f. empir. Wirtsch. forsch. im Reichsforsch.rat (1944).

  • Werke

    |Brit.-Westind. Wirtsch.pol., 1909 (Diss.), Nachdr. 2014;
    Die dt. Kolonisten im brasilian. Staate Espirito Santo, 1915, Nachdrr. 1992 u. 2014;
    Die Wirtsch.vfg. d. Rep. Chile, Zur Entwicklungsgesch. d. Geldwirtsch. u. d. Papierwährung, 1913 (Habil.schr.), Nachdr. 2014;
    Allg. Geldlehre, 1. Bd.: Theorie d. Geldwerts u. d. Währung, 1923;
    Konjunkturlehre, Eine Grundlegung z. Lehre v. Rhythmus d. Wirtsch., 1928;
    Geld- u. Kreditreform, 1932;
    Was ist Geld?, 1932;
    Narrenspiegel d. Statistik, Die Umrisse e. statist. Weltbildes, 1935, ³1950;
    Wirtsch.pol. Strategie, Von d. obersten Grundsätzen wirtschaftl. Staatskunst, 1937;
    Wo kommt d. viele Geld her?, Geldschöpfung u. Finanzlenkung im Kriege, 1940;
    Menschenzahl u. Völkerschicksal, Eine Lehre v. d. optimalen Dimensionen gesellschaftl. Gebilde, 1948;
    Wirtsch., bewundert u. kritisiert, Wie ich Dtld. sehe, 1953;
    Wagen, Wägen, Wirtschaften, Erprobte Faustregeln, neue Wege, 1954, ²1955;
    Hg.: Statist. Reichsamt, Wirtsch. u. Statistik, seit 1920;
    Vj.hh. z. Konjunkturforsch., seit 1926;
    Wochenberr., seit 1928;
    zu Gustav: Bäuerl. Erbhofrecht v. 15. Mai 1933 nebst Ausführungsverordnung, 1933, 2. Aufl. u. d. T. Reichserbhofgesetz v. 29. Sept. 1933 nebst Durchführungsverordnung, 1933, ³1933 bearb. v. K. Hopp;
    Die Vererbung d. ländl. Grundbesitzes in d. Nachkriegszeit, 3. T.: Die Anerbengesetze in d. dt. u. außerdt. Ländern, hg. v. M. Sering u. C. v. Dietze, 2016.

  • Quellen

    |Archiv d. Dt. Reichsbank, d. HU Berlin u. d. Univ. Heidelberg; BA Berlin, u. a.: NS 19 Persönl. Stab Reichsführer-SS, R 2501 Dt. Reichsbank, R 43 Reichskanzlei, R 9361-I Slg. Berlin Document Center (BDC); Hamburg. Weltwirtsch.archiv.

  • Literatur

    |Inst. f. Konjunkturforsch. (Hg.), Btrr. z. Konjunkturlehre, FS z. zehnj. Bestehen d. Inst. f. Konjunkturforsch., Zugleich FS z. fünfzigsten Geb.tag E. W.s, 1936 (P);
    A. Wissler, E. W., Begründer d. empir. Konjunkturforsch. in Dtld., 1954 (W-Verz.);
    G. Kroll, Von d. Weltwirtsch.krise z. Staatskonjunktur, 1958;
    R. Regul, Der W.-Plan, in: G. Bombach u. a. (Hg.), Der Keynesianismus III, Die geld- u. beschäftigungstheoret. Diskussion in Dtld. z. Zeit v. Keynes, 1981, S. 421–47;
    R. Krengel, Das Dt. Inst. f. Wirtsch.forsch. (Inst. f. Konjunkturforsch.) 1925–1979, 1985;
    B. Kulla, Die Anfänge d. empir. Konjunkturforsch. in Dtld., 1996;
    J. A. Tooze, Statistics|and the German State, 1900–1945, The Making of Modern Economic Knowledge, 2001;
    R. Fremdling u. R. Staeglin, Output, Nat. Income and Expenditure, An Input-Output Table of Germany in 1936, in: European Review of Economic Hist. 18, 2014, S. 371–97;
    dies., Wirtsch.forsch. in d. Weimarer Rep. u. im NS, Materialien z. Gesch. d. Inst. f. Konjunkturforsch. (IfK) u. d. Dt. Inst. f. Wirtsch.forsch. (MPRA Paper 76217, Univ. Library of Munich), 2016;
    dies., Das Dt. Inst. f. Wirtsch.forsch. im 2. Weltkrieg, 2016 (in Vorbereitung);
    A. Tooze, Wirtsch.statistik im Reichswirtsch.min., in seinem Statist. Reichsamt u. im Inst. f. Konjunkturforsch., in: C.-L. Holtfrerich (Hg.), Das Reichswirtsch.min. d. Weimarer Rep. u. seine Vorläufer, 2016, S. 361–420 (P);
    R. Fremdling, Wirtsch.statistik 1933–1945, in: A. Ritschl (Hg.), Das Reichswirtsch.min. in d. NS-Zeit, 2016, S. 233–318;
    ders. u. T. Pierenkemper, Wirtsch. u. Wirtsch.pol. in Dtld., 75 J. RWI, Leibniz-Inst. f. Wirtsch.forsch. e. V. 1943–2018, 2018;
    Rhdb. (P);
    Kürschners Gelehrtenkal. 1940 / 41;
    Dict. of Demography, 1985;
    Ökonomenlex., hg. v. W. Krause u. a., 1989;
    Biogr. Lex. Demographie;
    zu Gustav: P. Lindemann, Blut u. Boden, Erbhöfe im Dritten Reich, Das Landeserbhofger. in Celle, in: ders. u. K. Poppinga, Celler Ger.barkeiten im NS u. n. 1945, Landeserbhofrecht, Soz.ger.barkeit, 2011, bes. S. 32–41;
    Lilla, Preuß. Staatsrat;
    zu Hermann Warmbold: Rhdb.;
    J. U. Heine, Verstand & Schicksal, 1990;
    Gerber, Persönlichkeiten Land- u. Forstwirtsch.;
    Lilla, Reichsrat.

  • Autor/in

    Rainer Fremdling, Reiner Stäglin
  • Zitierweise

    Fremdling, Rainer; Stäglin, Reiner, "Wagemann, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 183-185 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz138070.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA