Lebensdaten
1853 – 1938
Geburtsort
Basel
Sterbeort
Basel
Beruf/Funktion
Indogermanist ; Sprachwissenschaftler ; klassischer Philologe
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 118805835 | OGND | VIAF: 13103937
Namensvarianten
  • Wackernagel-Stehlin, Jacob
  • Wackernagel, Jakob
  • Wackernagel, Jacob
  • mehr

Objekt/Werk(nachweise)

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Wackernagel, Jacob, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118805835.html [20.04.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (1806–69), Prof. f. Dt. Sprache u. Lit. in B. (s. ADB 40; BBKL 13; Killy; Internat. Germanistenlex.; HLS), S d. Johann Wilhelm ( 1815), Buchdrucker in Berlin, Kriminalkommissar, u. d. Agnes Sophie Schulze ( 1818);
    M Maria Salome (1816–94), T d. Karl Sarasin (1788–1843), Bandfabr. in B. (s. NDB VI*, 22 Fam.art.);
    Tante-m Julie Sarasin (1825–1914, Heinrich Gelzer, 1813–89, ao. Prof. f. Lit.gesch. in B., o. Prof. f. Gesch. in Berlin, Dipl., Dr. theol. h. c., s. NDB VI; HLS);
    1886 Maria (1864–1940), T d. Hans Georg Stehlin (1834–79), Kaufm. in B., u. d. Catharina Elisabeth Miville (1842–1915);
    3 S u. a. Jacob (1891–1967, Rosalie, 1904–2002, T d. Gedeon Sarasin, 1874–1934, Verlagsbuchhändler in Leipzig, Berlin u. Frauenfeld, Kaufm. in Zürich), 1924 ao., 1934 o. Prof. f. Rechtswiss. in B., 1956 Rektor, Oberstlt., Grossrat (s. Neue Schweizer Biogr., 1938; Kürschner, Gel.-Kal. 1966; DBE), Hans Georg (1895–1967, Emma Charlotte, 1898–1983, T d. Eduard Riggenbach, 1855–1930, Ing., Lt., Grossrat), 1938 ao. Prof. f. Hist. Hilfswiss. u. Volkskde. in B., edierte d. Basler Univ.matrikel (s. HLS), 5 T.

  • Biographie

    W., Patenkind von Jacob Grimm (1785–1863), besuchte das Pädagogium in Basel, wo Jacob Burckhardt (1818–97) und Friedrich Nietzsche (1844–1900) zu seinen Lehrern zählten, und studierte ab 1871 ebenda Klassische Philologie. 1872–74 wandte er sich in Göttingen dem Studium des Sanskrit und der Indogermanistik unter Theodor Benfey (1809–81) zu, der ihn sehr stark beeinflußte. Nach einem weiteren Semester (1874 / 75) in Leipzig kehrte W. nach Basel zurück, wo er 1875 aufgrund einer Dissertation über antike Theorien zu Lautveränderungen (De pathologiae veterum initiis, 1876) promoviert wurde. Nach einem Studienaufenthalt in Oxford habilitierte er sich 1876 in Basel für Griech. Philologie und Sanskrit; als Nachfolger von Nietzsche wurde er 1879 zum ao. (1881 o.) Professor für Griech. Philologie ernannt (Rektor 1890). 1902 wurde er o. Professor für Vergleichende Sprachwissenschaft in Göttingen (Prorektor 1912 / 13); aus Protest gegen die nationalistische Politik in Deutschland und v. a. gegen den Bruch der Neutralität Belgiens kehrte W. 1915 nach Basel zurück. Er übernahm seinen früheren gräzistischen Lehrstuhl wieder, bis er 1926 auf den freigewordenen Lehrstuhl für Sprachwissenschaft wechselte (Rektor 1918 / 19; em. 1936).

    W. war einer der bedeutendsten Indogermanisten, gleichzeitig aber Klassischer Philologe ebenso wie Indischer Philologe, weshalb er sich als „Sprachforscher philologischer Richtung“ bezeichnete, der das Material für seine Forschungen selbst aus den Texten erhob. Er lieferte wichtige Beiträge zum Griechischen, zur Syntaxforschung und durch seine monumentale „Altindische Grammatik“ (4 Bde. in 5 T., 1896–1964, nach W.s Tod fortges. v. Albert Debrunner, 1884–1958) insbesondere zur Erforschung des Altindischen und des Indoiranischen. Für ihn war sprachliche Rekonstruktion kein Selbstzweck, vielmehr versuchte er, Sprachveränderungen vorhistorischer wie auch historischer Zeit als Zeugnisse der geschichtlichen Entwicklung zu verstehen. Dank seiner philologischen Methode gelang ihm der Nachweis, daß vermeintliche Charakteristika des Griechischen oder des Indoiranischen de facto aus der indogerman. Grundsprache ererbt sind. W. ist keiner der seinerzeitigen sprachwissenschaftlichen „Schulen“ zuzurechnen.

    W.s Hauptwerk, die unvollendet gebliebene „Altindische Grammatik“, sollte die umfangreichste und vollständigste Darstellung der Geschichte und der historisch-vergleichenden Grammatik einer alten indogerman. Sprache werden, die sich durch Methodenstrenge, philologische Sorgfalt und Vollständigkeit auszeichnet. Dabei fanden auch die Lehren der einheimischen indischen Grammatiker (v. a. Pa¯ n. inis), in die W. durch Benfey eingeführt worden war, durchgehend Berücksichtigung. Die Beschreibung der Sprache zeichnet die Entwicklung von der indogerman. Grundsprache bis ins Mittelindische nach, stellt dabei das Altindische in den Mittelpunkt und hebt die vorrangige Bedeutung des Vedischen hervor.

    Während der Jahre in Göttingen wandte sich W. stärker den mit dem Altindischen enger verwandten altiranischen Sprachen zu und arbeitete mit dem Iranisten Friedrich Carl Andreas (1846–1930) zusammen an einer Ausgabe der zarathustrischen „Ga¯ tha¯ s“ gemäß Andreas’ (heute als verfehlt betrachteter) Theorie über die Textgeschichte des Avesta.

    1916 brachte W. sein bedeutendes Homer-Buch zum Abschluß (Sprachl. Unterss. zu Homer), in dem v. a. die sog. Attizismen der homerischen Epen im Mittelpunkt stehen, die in seinen Augen dem starken Einfluß einer attischen Redaktion von Ilias und Odyssee zu verdanken sind. In diesem Zusammenhang greift er auch die sog. „epische Zerdehnung“ noch einmal auf, in der er eine von den späteren (ionisch-attischen), das epische Metrum störenden kontrahierten Formen ausgehende künstliche Wiederherstellung unkontrahierter Formen sah, die in dieser Gestalt niemals existiert haben können. Ein anderer, kulturgeschichtlich interessanter Gegenstand des Buches ist das, was bei Homer nicht bezeugt ist, darunter speziell vulgäre und unanständige Wörter, die in durch und durch aristokratischer Dichtung wie Ilias und Odyssee vermieden werden mußten.

    W.s bekanntestes und am weitesten verbreitetes Werk sind die „Vorlesungen über Syntax mit besonderer Berücksichtigung von Griechisch, Lateinisch und Deutsch“ (2 Bde., 1920–24, ²1926–28), die zugleich einen Eindruck von W.s Wirken als Lehrer vermitteln.

    W. erklärt hier u. a. die Funktionen der verschiedenen Wortarten und illustriert den Gebrauch syntaktischer Kategorien wie Genus, Numerus, Person, Modus, Tempus usw. in sehr anschaulicher Weise.

    Seine unselbständigen Publikationen (nahezu vollständig in „Kleine Schriften“, 3 Bde., 1955–79) zeigen v. a. die Zusammenführung von griech. und indoiran., speziell homerischem und vedischem Belegmaterial und machen deutlich, daß dies die Säulen seiner Studien sind und die kritische philologische Untersuchung der Schlüssel zum Erfolg ist. Mit W.s Namen verbunden ist insbesondere „W.s Gesetz“, das auf der 1892 anhand umfangreichen Materials aus mehreren Sprachen getroffenen Feststellung basiert, daß Enklitika (unbetonte, mit dem vorangehenden Wort eine Akzenteinheit bildende Wörter) ursprünglich an zweiter Stelle im Satz plaziert wurden. Zu W.s Schülern zählt Herman Lommel (1885–1968).

  • Auszeichnungen

    A Mitgl. d. Ak. d. Wiss. zu Göttingen (1901), d. Preuß. Ak. d. Wiss. (1911), d. Vetenskapssocieteten, Uppsala (1915), d. Ak. d. Wiss. in Wien (1923), d. Svenska Vetenskapsakademien, Stockholm (1928), d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1931), d. Kungl. Humanistiska Vetenskapssamfundet i Lund, d. Acc. Nazionale dei Lincei, Rom, d. Ak. d. Wiss. in Athen;
    Dr. h. c. (Genf 1909, Lausanne 1917, Marburg 1927);
    Bayer. Maximiliansorden f. Wiss. u. Kunst (1931).

  • Werke

    Weitere W Die epische Zerdehnung, 1878;
    Das Dehnungsgesetz d. griech. Composita, 1889;
    Btrr. z. Lehre v. griech. Akzent, 1893;
    Vermischte Btrr. z. griech. Sprachkde., 1897;
    Studien z. griech. Perfektum, 1904;
    Wortumfang u. Wortform, 1906;
    Hellenistica, 1907;
    Akzentstudien, 3 T., 1909–14;
    Über einige antike Anredeformen, 1912;
    Indogerman. Dichtersprache, 1943;
    alle wiederabgedr. in: Kl. Schrr., 3 Bde., 1955–79.

  • Literatur

    |ΑΝΤΙΔΩΡΟΝ, FS J. W., 1923 (W-Verz.);
    L. Renou, in: Journal Asiatique 230, 1938, S. 279–86;
    P. Kretschmer, in: Alm. d. Ak. d. Wiss. in Wien 88, 1938, S. 354–56;
    A. Debrunner, in: New Indian Antiquary 1, 1938–39, S. 601–08;
    E. Hermann, in: Nachrr. d. Ges. d. Wiss. zu Göttingen, J.ber. 1938 / 39, 1939, S. 76–89;
    A. Debrunner, in: Indogerman. Jb. 23, 1939, S. 447–51 (Nachtrag z. W-Verz.);
    A. Rüegg, in: Basler Jb. 1939, S. 7–17;
    E. His, Basler Gel. d. 19. Jh.s, 1941, S. 340–49;
    J. Lohmann, in: Bursian BJ 280, 1942, S. 57–70;
    B. Forssman, in: J. W., Kl. Schrr. 3, 1979, S. xx–xxvi (2. Nachtrag z. W-Verz.);
    R. Schmitt, in: Classical Scholarship, A Biographical Enc., 1990, S. 479–88 (P);
    C. Haebler, in: Göttinger Gel. I, 2001, S. 300 f. (P).

  • Autor/in

    Rüdiger Schmitt
  • Zitierweise

    Schmitt, Rüdiger, "Wackernagel, Jacob" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 169-170 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118805835.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA