Lebensdaten
1883 bis 1940
Geburtsort
Oberehnheim (Obernai, Elsaß)
Sterbeort
Vence (Südfrankreich)
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 11860743X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schickele, Marie Armand Maurice René
  • Savreux, Paul (Pseudonym)
  • Poudroie, Eugène de la (Pseudonym)
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Zitierweise

Schickele, René, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11860743X.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Jakob Anton (1847–1924), aus Mutzig (Elsaß), Eisenbahnbeamter, Polizeikommissar, Weingutsbes., S d. Jakob (Jacques) u. d. Marie Anna (Anne) Striffler, aus Mutzig;
    M Marie Elise (Elisabeth) Férard (1847–1925), aus Montreux-Vieux (Alt-Münsterol), urspr. Fontaine b. Belfort, T d. Joseph Férard, Volksschullehrer in Fontaine, u. d. Marie Sophie Patat;
    1904 Anna (Aenne) (1882–1973), aus Barmen-Wichlinghausen (Wuppertal) (s. W), T d. Friedrich Adolf Brandenburg, Prokurist;
    2 S Rainer (1905–89), Dr. phil., wanderte 1931 in d. USA aus, Prof. f. Agronomie in d. USA, 1954-65 Dir. d. Abt. f. Land- u. Wasserentwicklung d. FAO (Unesco) in Rom, 1967-70 Prof. an d. Univ. Ceylon, 1971 Michigan State Univ., 1972 Univ. Minnesota, 1973-76 Univ. California, 1971 Ehrenmitgl. d. American Agricultural Economic Association (s. BHdE I), Hans (* 1914, bis 1948 luth.), emigrierte 1935 in d. USA, Architekt in Thailand u. Kalifornien, zuletzt in El Cerrito (Kalifornien) (s. BHdE I); aus Verbindung mit Minna Flake, geb. Mai (um 1889–1958) 1 außerehel. T Renate (Renée) Flake-Mai (seit 1938 Schickele, * 1917, Walter Barth), emigrierte 1941 nach New York; Schwager (?) Hans Brandenburg (1895–1990), aus Riga, Pastor, Schriftst. (s. Killy; Kürschner, Lit.-Kal., Nekr. 1971-1998, 1999);
    E Peter (* 1935), Komp., Satiriker (s. New Grove; New Grove Opera), David George (* 1937), Filmregisseur.

  • Leben

    S. besuchte die Grundschule und das Gymnasium in Zabern (heute Saverne). Seit 1895 Internatsschüler des bfl. Gymnasiums in Straßburg, verließ er im Dez. 1900 die Schule nach der Unterprima und studierte in den folgenden Jahren als Gasthörer in Straßburg, München, Paris und Berlin Naturwissenschaften, Philosophie und Literaturgeschichte. Mit Otto Flake (1880–1963) gab er 1902 in Straßburg die progressive Zeitschrift „Der Stürmer“ als Organ der Dichtergruppe „Jüngstes Elsaß“ heraus, 1904/05 in Berlin das „Neue Magazin für Literatur, Kunst und soziales Leben“. Seit 1909 war er als Korrespondent der „Straßburger Neuen Zeitung“ zusammen mit Flake in Paris, 1911/12 als Chefredakteur der Zeitung in Straßburg, 1912-14 in Fürstenberg (Meckl.) und 1914/15 in Berlin. Seit 1914 Herausgeber der „Weißen Blätter“, ging er 1915 ins Schweizer Exil, wo er unter Mitarbeit von Autoren wie Franz Werfel, Robert Musil und Max Brod diese Zeitschrift zum Forum des Pazifismus und Expressionismus entwickelte. Den Nov. 1919 erlebte S., der trotz Begeisterung für sozialistische Ideen den Bolschewismus ablehnte, in Berlin. Enttäuscht über das Scheitern der Revolution, ließ er sich noch im selben Jahr im Schweizer Uttwil am Bodensee nieder. 1922-32 in Badenweiler. Obwohl er als Elsässer automatisch Franzose geworden war, wurde er 1926 Mitglied der Sektion Dichtkunst der Preuß. Akademie der Künste. 1932 ging er – als Franzose – ins Exil an die franz. Riviera (Sanary, Fabron, Vence) und unternahm eine Reihe von Reisen, u. a. nach Italien, Indien, Ägypten und Griechenland. Seine Bücher waren 1935-45 in Deutschland verboten.

    In seinen ersten Lyrikbänden (Sommernächte, 1902, eigtl. 1901; Pan, Sonnenopfer d. Jugend, 1902; Mon Repos, 1905; Der Ritt ins Leben, 1906) ist S. Jugendstil und ästhetizistischem Vitalismus verpflichtet. In der Anthologie „Weiß und Rot“ (1910) klingen in Gedichten über das Berliner Großstadtleben sowie bei sozialistischen Aufrufen prononciert expressionistische Themen an, die sich in „Die Leibwache“ (1914) und „Mein Herz, mein Land“ (1913) fortsetzen. Auch der visionäre Roman „Benkal, der Frauentröster“ (1914, eigtl. Ende 1913), in dem der 1. Weltkrieg und die Revolution in Deutschland vorweggenommen sind, sowie die Erzählungen „Trimpopp und Manasse“ (1914) und „Aïssee“ (1915) zählen zu den grundlegenden Texten des Expressionismus.

    Die Elsaßfrage, die ihn seit den „Stürmer“-Tagen intensiv beschäftigte, stellte S. zum ersten Mal in dem stark autobiographischen Roman „Der Fremde“ (1909) in den Mittelpunkt. Machte er hier den Gesinnungswandel vom Revanchismus zum Pazifismus zum Thema, so verdeutlichte er im Drama „Hans im Schnakenloch“ (Okt. 1914) mit dem Bild vom Bruderzwist die innere Zerrissenheit des Elsässers und hob das Unnatürliche, Unmenschliche des Völkermords hervor. S.s Bekenntnis zum Humanismus nach dem Krieg findet sich in seinem revolutionsbegeisterten Essay „Der neunte November“ (1919, Wiederabdr. u. a. in „Wir wollen nicht sterben!“, 1922).

    In S.s produktivstem Jahrzehnt in Badenweiler, das er in seinem Essayband „Himmlische Landschaft“ 1933 begeistert beschrieb, entstand sein Hauptwerk „Das Erbe am Rhein“ (Maria Capponi, 1926; Blick auf d. Vogesen, 1927; Der Wolf in d. Hürde, 1931). In der Romantrilogie schildert S. am Beispiel einer Adelsfamilie das Schicksal des Elsaß von ca. 1900 bis 1930 und vertritt sein großes politisches Anliegen: die vermittelnde Rolle des Elsaß bei einer dt.-franz. Versöhnung und die Schaffung eines europ. Staatenbunds. Durch „Das Erbe am Rhein“ wurde S. zu einem geistigen Wegbereiter der Europ. Gemeinschaft.

    Mit der Titelheldin seines Meisterwerks, dem Roman „Die Witwe Bosca“ (1933, franz. 1990), ließ S. die Idee des Bösen, wie sie im „Dritten Reich“ gegenwärtig war, Gestalt|werden. Hier und in seinen weiteren Zeitanalysen, dem Roman „Die Flaschenpost“ (1937, franz. 1991) und dem großen Essay „Liebe und Ärgernis des D. H. Laurence“ (1935, eigtl. 1934), warnte S. vor dem Irrationalismus totalitärer Ideologien. Der dialogische Essay „Le Retour, Souvenirs inédits“ (1938, dt. u. d. T. „Heimkehr“, 1939) war der – damals gescheiterte – Versuch, als franz. Schriftsteller in Frankreich wieder Fuß zu fassen. Trotz seines Engagements für ein vereintes Europa und seiner kritischen Sicht auf das „Dritte Reich“ ist S.s Werk heute in Deutschland weitgehend vergessen, während es in Frankreich noch stärker rezipiert wird.

  • Werke

    Weitere W Romane u. Erzz. in zwei Bdn., mit e. Einf. v. W. Rasch, 1959, 21983;
    Werke in drei Bdn., hg. v. H. Kesten unter Mitarb. v. Anna Schickele, 1959-61 (W u. L in III);
    Annette Kolb/R. S., Briefe im Exil 1933-1940, in Zus.arb. mit H. Gruppe hg. v. H. Bender, 1987;
    H. Wysling u. C. Bernini (Hg.), Jahre d. Unmuts, Thomas Manns Briefwechsel mit R. S. 1930-1940, 1992;
    Die blauen Hefte, Edition u. Kommentar, hg. v. A. Post-Martens, 2002;
    – Voltaire u. seine Zeit, 1905;
    Die Mädchen, 1920 (Novellen); Romane:
    Meine Freundin Lo, Eine Gesch. aus Paris, 1911;
    Symphonie f. Jazz, 1929; Essays:
    Schreie auf d. Boulevard, 1913;
    Die Genfer Reise, 1918;
    Die Grenze, 1932;
    Komödien: Am Glockenturm, 1920;
    Die neuen Kerle, 1920/21;
    Hg.:
    Das Vermächtnis, Dt. Gedichte v. Walther v. d. Vogelweide bis Nietzsche, 1948 (Erstausg. 1938 beschlagnahmt u. vernichtet);
    Bibliogr.:
    P. K. Ackermann, R. S., A Bibliogr., 1956;
    |

  • Nachlaß

    Nachlaß: DLA, Marbach.

  • Literatur

    F. Bentmann (Hg.), R. S., Lehen u. Werk in Dok., 1974 (P);
    C. Fichtner, R. S. et l'Alsace jusqu'en 1914, 1981 (P);
    A. Finck, Introduction à l'œuvre de R. S., 1982, 21998 (P);
    ders. u. M. Staiber (Hg.), Elsässes, Europäer, Pacifist, Stud. zu R. S., 1984 (P);
    M. Staiber, L'éxil de R. S. 1932-1940, Diss. Lille 1988;
    ders., L'œuvre poétique de R. S., 1998 (P);
    M. Ertz, Friedrich Lienhard u. R. S., Elsäss. Literaten zw. Dtld. u. Frankreich, 1990;
    A. Finck u. a. (Hg), R. S. aus neuer Sicht, Btrr. z. dt.-franz. Kultur, 1991 (P);
    H. Seubert, Dt.-franz. Verständigung. R. S., 1993 (P);
    E. Robertson, Writing between the Lines, R. S.,, Citoyen français, dt. Dichter' (1883-1940), 1995 (W, L);
    S. Woltershoff, Chronik e. Traumlandschaft, Elsaßmodelle in Prosatexten v. R. S., 2000;
    H. Wagener, R. S., Europäer in neun Monaten, 2000;
    A. Post-Martens, Pan-logismus, R. S.s Poetik im J. d., Wende' 1933, 2002 (hierzu E. Rathgeb, in: FAZ v. 1.7.2003 [P];
    A. Debrunner, Freunde, es war e. elende Zeit!, R. S. in d. Schweiz, 1915–1919, 2004;
    Kunisch;
    Kunisch-Wiesner;
    Kussmaul;
    Metzler Autorenlex. (P);
    KLL;
    BHdE II;
    BBKL (W, L);
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    NDBA (P);
    Killy;
    Munzinger;
    Bad. Biogrr. NF IV, 1996.

  • Portraits

    Zeichnungen v. E. Schneider, 1902, u. L. Meidner, 1913, Abb. in: F. Bentmann, 1974, A. Finck, 1983, M. Staiber, 1998 (s. L);
    Zeichnung v. M. Oppenheimer (Mopp), 1912, Abb. in: F. Bentmann, 1974, M. Staiber, 1998 (s. L);
    Hans Richter, 1919, in: Dt. Lit.archiv Marbach, Abb. in: Dt. Schriftst. im Porträt, hg. v. K.-H. Habersetzer VI, 1984;
    Zeichnung v. B. F. Dolbin, Abb. in: ders., Zeitgenossen, 1981;
    letztes Porträtfoto, in: F. Bentmann, 1974, A. Finck, 1983, A. Finck u. M. Staiber, 1984 (s. L).

  • Autor/in

    Hans Wagener
  • Empfohlene Zitierweise

    Wagener, Hans, "Schickele, René" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 729-731 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11860743X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA