Lebensdaten
1877 bis 1959
Geburtsort
Leitmeritz (Böhmen)
Sterbeort
Zwickledt bei Wernstein (Oberösterreich)
Beruf/Funktion
Graphiker ; Zeichner ; Schriftsteller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118567365 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kubin, A.
  • Kubin, Alfred L. I.
  • Kubin, Alfred Leopold Isidor

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Zitierweise

Kubin, Alfred, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118567365.html [28.03.2017].

CC0

Kubin, Alfred

Zeichner, Graphiker, Schriftsteller, * 10.4.1877 Leitmeritz (Böhmen), 20.8.1959 Zwickledt bei Wernstein (Oberösterreich). (katholisch)

  • Genealogie

    V Friedrich (1848–1907), k. k. Jägeroffz., dann Obergeometer, aus Beamten- u. Offz.fam., S d. Gerichtsoberoffizials Alois in Brüx u. d. Aloisia Waldel; M Johanna (1847–87), Pianistin, T d. Stabsarztes Isidor Kletzl in Brünn u. d. Johanna Berchtold; 1904 Hedwig (1874–1948), verw. Gründler, T d. Eisenbahndir. Oscar Schmitz in Frankfurt/M. u. d. Gerda Gabriele Schwarzschild; Schwager Oskar A. H. Schmitz (1873–1931), Schriftsteller (s. Nekr. z. Kürschners Lit.-Kal. 1901–35); kinderlos.

  • Leben

    K. gehört zu den ersten bedeutenden Künstlern des 20. Jh., für die das Medium der Zeichnung die führende Rolle im Gesamtschaffen einnimmt; der schriftstellerischen Tätigkeit kommt insgesamt gesehen eine sekundäre Bedeutung zu. Die zeichnerische Begabung offenbarte sich bereits in den Kindheitsarbeiten 1883–87, während erste schriftstellerische Versuche sich erst bei dem über 20jährigen nachweisen lassen.

    Der außergewöhnliche zeichnerische Drang K.s war zeitlebens von psychischen Gefährdungen begleitet: zuerst hervorgerufen durch den frühen Tod der Mutter und den nachfolgenden Wechseln der Bezugspersonen, sowie durch ein belastendes Vater-Sohn-Verhältnis; später waren es u. a. die Konfliktsituationen des Großstadtlebens in München 1898-1906 (später die Weltkriegsereignisse), die den Künstler in seinem seelischen Gleichgewicht gefährdeten und ihn schon 1906 dazu veranlaßten, seinen Wohnsitz in die ländliche Abgeschiedenheit des Schlößchens Zwickledt in Oberösterreich zu verlegen. Die seelische Bedrohung des Menschen durch eigene und schicksalhaft bestimmte Kräfte war Ausgangspunkt der Kunst K.s und blieb ihr wichtigstes Thema. Die Stoffe lieferten nicht nur persönliche Begegnungen mit Mensch, Natur und Zeitgeschichte, sondern gleichermaßen überliefertes Bildungsgut aus Literatur und Geschichte.

    Die Jahre der Ausbildung stürzten K. von einer Krise in die nächste; weder der Besuch verschiedener Schulen, noch die Lehre bei seinem Onkel, dem Photographen Beer in Klagenfurt (1892–96), noch das Zeichenstudium bei Schmid-Reutte und in der Akademie bei Gysis in München (1898/99) kamen den noch verdeckten künstlerischen Intentionen K.s entgegen. Es waren vielmehr die Begegnungen mit Künstlern und Schriftstellern der „Maultrommel“ und der „Sturmfackel“ im Schwabing der Jahrhundertwende und das Studium zeitgenössischer Karikaturen, sowie der Kunst von Bosch und Brueghel, Goya, Rops und Klinger, Redon und Ensor, die Voraussetzungen für den eigenen künstlerischen Weg bilden konnten. Vor diesem Hintergrund entwickelte K. 1899-1904 ein pessimistisch gestimmtes zeichnerisches Frühwerk, das symbolistische und jugendstilhafte Züge miteinander verbindet und unter dem weltanschaulichen Einfluß von Schopenhauer, Nietzsche und Weininger die Welt als Hölle begreift und auf eine zugleich groteske und verbitterte Art den Menschen unter das Signum dämonischer Schicksalsmächte gestellt sieht.

    Auf die frühen, lavierten und gespritzten Tuschfederzeichnungen, die von der Aquatintatechnik Goyas und Klingers inspiriert sind, folgten 1905-08 vorwiegend malerisch angelegte Blätter in Tempera- und Kleisterfarben, zuerst – bedingt durch die Anregungen der Lektüre P. Scheerbarts – phantastische Naturgebilde von Kristallen und Meeresgrundformationen, und später – unter dem Einfluß des Post-Cézannismus und des Gauguin-Kreises – Landschaften exotischer Prägung. Nicht zuletzt als Folge der Umstellung vom Großstadt- zum Landleben fand K. 1909-15 zu einer grotesken Darstellungsweise von Mensch, Landschaft und Architektur, die über die Karikatur weit hinausgeht, weil sie sinnbildhaft angelegt ist; in ihrer Verbindung von Figürlichkeit und Abstraktion steht sie dem gleichzeitigen Schaffensstil von P. Klee und G. Grosz nahe, wobei in diesen Jahren besonders zwischen K. und Klee eine für beide Seiten anregende Auseinandersetzung stattfand. Weltkrieg und Nachkriegszeit haben K. wie viele andere Künstler seiner Generation zuerst in eine Krise, die er meditativ-buddhistisch zu lösen versuchte, und dann in eine sich konsolidierende Situation geführt.

    In den Jahren bis 1939 hat K. in autobiographischen Erzählungen über seine Vergangenheit und in Essays über seine Kunst den Weg zu einem distanzierteren Verhältnis zu sich und seiner Zeit gefunden. Diesem Bemühen entsprach im zeichnerischen Werk die Verankerung seiner zuvor oft autobiographisch gebundenen Thematik durch illustrative Werke und Mappenwerke, die das inhaltliche Spektrum der frühen und für die Kunst des 20. Jh. wichtigeren Werke 1900 bis 1915 unter weitgehender Überwindung pessimistischer Lebens- und Weltvorstellungen in einem zugleich humoristischen und volksnahen Stil modifizierten und variierten. K. hat schon 1933 die „braunen Kolonnen“ gezeichnet und als Gefahr erkannt. Ihrem Zugriff konnte er persönlich mit einiger List entgehen; er hat sein gleichermaßen hintergründiges und aktualitätsenthobenes Werk in zumeist aquarellierten Federzeichnungen fortführen können. Trotz abnehmender Schaffenskraft K.s kommt dem Spätwerk zwischen 1945 und 1955 wieder erhöhte Bedeutung zu. Obwohl nach wie vor Motive aus Gegenwart und Geschichte, Literatur und Mythologie, eigener Weltanschauung und Religion thematisiert wurden, entrückten diese späten Zeichnungen gleichsam dem präzisen formenbeschreibenden Zugriff der Tuschefeder und haben in den graphischen Gebilden und in den Farbgebungen zunehmend psychisch gesteuerte Eigengesetzlichkeiten entwickelt, die unbeabsichtigt in die Nähe der autonomen Lineamente von Wols gerückt sind.

    Mit diesen Hauptlinien der Entwicklung K.s ist keineswegs der ganze Umfang seines künstlerischen Ausdrucksvermögens gekennzeichnet. Denn schon um 1908/09 hatte er einen für das 20. Jh. einzigartigen, psychogrammartigen und pluralistischen Zeichnungs- und Illustrationsstil entwickelt, der von einer Vielfalt erlebnisbedingter Inhalte abhing und sich in einer Vielzahl ikonographischer Innovationen ausdrückte. In der Zwielichtigkeit seines zumeist engen Strichnetzes fing er den grenzenlosen Strom psychischen Erlebens ein, von der feinsten Regung bis zur übermächtigen Triebhaftigkeit. In dieser Welt als Vorstellung der Seele offenbarte sich das Leben als von geheimen Kräften getrieben, die gleicherweise in Schöpfer und Geschöpf, in unsichtbaren Mächten, in Mensch, Tier und Landschaft wirken, einmal dämonisch, ein andermal märchenhaft, phantastisch und grotesk, irrwitzig und humorig. Die Kunst K.s reicht deshalb vom Trivialen zum Erhabenen, vom Vorgegebenen zum Visionären und von der Weltaneignung bis zur Weltanschauung. Zugleich offen und eigenständig verlief die Auseinandersetzung mit den mannigfachen künstlerischen Vorbildern. Dazu gehörten u. a. in den späteren Schaffensjahren Graphiker der Donauschule, Rembrandt, Künstler des Rokoko, der Romantik und des Biedermeier, sowie Künstler der Populärgraphik des 19. Jh., aber auch Zeitgenossen wie E. Munch und L. Corinth. Seinerseits inspirierte K. Künstler wie R. v. Hoerschelmann, R. Seewald, J. Hegenbarth und H. Fronius. Die Bedeutung K.s als Illustrator von mehr als 100 Büchern, vor allem seines eigenen Romans „Die andere Seite“ (1909, 81973, zahlr. Überss.), von E. A. Poe, G. de Nerval, E. T. A. Hoffmann, G. Flaubert, G. A. Bürger und G. Trakl, liegt in dem Zusammenspiel von literarischem Einfühlungsvermögen und bildnerischer Erweiterung begründet. Das Denken in Bildabläufen kennzeichnet den Handlungsaufbau seines Romans, der von der vielversprechenden, alternativen Lebensform und dem katastrophalen Zusammenbruch der in das Innere Asiens verlegten imaginären Traumstadt Perle handelt. Das übrige schriftstellerische Werk besteht aus autobiographischen Berichten und Erzählungen, ästhetischen Abhandlungen zum eigenen Werk und einigen Essays zur Geistesgeschichte. Zu diesen zählt die bereits 1922 vollzogene, positive Stellungsnahme zur Kreativität von Geisteskranken (Slg. Prinzhorn). Trotz seines zurückgezogenen Lebens stand K. in persönlichem und brieflichem Kontakt mit vielen bedeutenden Zeitgenossen aus Kunst und Literatur. In Künstlergemeinschaften wie der „Neuen Künstlervereinigung München“ und dem „Blauen Reiter“ war K. eine Randfigur. – Mitgl. d. Preuß. Ak.d. Künste (1930); Professor (1937); österr. Staatspreis f. bildende Künste (1951).

  • Werke

    Weitere W Wichtigste Mappenwerke u. Zeichnungsbde.: Facsimiledrucke nach Kunstbll., hrsg. v. H. v. Weber, 1903; Sansara, Ein Cyclus ohne Ende, 1911; Die Blätter mit d. Tod, 1918; Traumland I u. II, 1922; Fünfzig Zeichnungen, 1923; Dämonen u. Nachtgesichte, 1926; Heimliche Welt, 1927; Abenteuer e. Zeichenfeder, 1941; Variationen zu Arthur Honegger, Der Totentanz, Dichtung v. P. Claudel, 1951. - Schriften: Von versch. Ebenen, 1922; Aus meiner Werkstatt, hrsg. v. U. Riemerschmidt, 1973; Aus meinem Leben, hrsg. v. dems., 1974. - Briefe: Ringen mit d. Engel, Künstlerbriefe 1933-55: A. K., A. Colig u. C. Moll an A. Steinhart, hrsg. v. H. Kutschera, 1964, S. 11-143; Briefe an e. Freundin, hrsg. v. H. de Gironcoli, 1965; L. Rosenberger, Wanderungen zu K., Aus d. Briefwechsel, 1969; Die wilde Rast, A. K. als Waldhäuser, Briefe an R. u. H. Koeppel, hrsg. v. W. Boll, 1972; Der Briefwechsel zw. W. Fraenger u. A. K., hrsg. v. I. Baier-Fraenger, in: Marginalien, H. 50, 1973, S. 3-27; E. Jünger - A. K., Eine Begegnung, 1975; F. v. Herzmanovsky-Orlando - K. Briefwechsel, eingel v. K. Ziegler, 1977; dass., mit Vorwort v. Michael Klein, 1980. - W-Verz.: A. K., Leben, Werk, Wirkung, zus.gestellt v. P. Raabe, 1957 (wesentl. Vorarbb. dazu v. K. Otte, P); A. Marks, Der Illustrator A. K., Gesamtkat. s. Illustrationen u. buchkünstler. Arbb., 1977. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Bibl. in d. K.-Gedächtnisstätte in Zwickledt; zeichner. Nachlaß (mehr als 10 000 Zeichnungen u. Illustrationen) in d. Graph. Slg. Albertina in Wien u. im Oberösterr. Landesmus. in Linz. Das K.-Archiv v. K. Otte erwarb 1971 d. Städt. Gal. im Lenbachhaus in München.

  • Literatur

    H. Eßwein, A. K. u. s. Werk, 1911; E. W. Bredt, A. K., 1922; W. Schneditz, A. K., 1956 (P); A. Horodisch, A. K., Exlibris, 1958 (P); ders., A. K., Taschenbibliogr., 1962; A. Hewig, Phantast. Wirklichkeit, Interpretationsstudie zu A. K.s Roman „Die andere Seite“, 1967; W. Schmied u. A. Marks, Der Zeichner A. K., 1967 (P); R. A. Schroeder, A. K., „Die andere Seite“, A Study in the crossfertilization of literature and the graphic arts, Diss. Indiana Univ. 1970; Ch. Brockhaus, Rezeptions- u. Stilpluralismus, Zur Bildgestaltung in A. K.s Roman „Die andere Seite“, in: Pantheon 32, 1974, S. 272-88; A. K., Das zeichner. Frühwerk bis 1904, Texte v. Ch. Brockhaus, hrsg. v. H. A. Peters, Ausstellungskat. Baden-Baden, 1977 (L); G. Roggenbuck, Das Groteske im Werk A. K.s, 1979; ThB.

  • Autor

    Christoph Brockhaus
  • Empfohlene Zitierweise

    Brockhaus, Christoph, "Kubin, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 158-160 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118567365.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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