Lebensdaten
1895 bis 1963
Geburtsort
Hanau
Sterbeort
Frankfurt/Main
Beruf/Funktion
Komponist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118551256 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Chindemit, Paulʹ
  • Hindemith, P.
  • Hindemitto, Pauru
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Hindemith, Paul, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118551256.html [27.07.2016].

CC0

Hindemith, Paul

Komponist, * 16.11.1895 Hanau, 28.12.1963 Frankfurt/Main, La Chiesaz bei Blonay (Schweiz). (evangelisch)

  • Genealogie

    V Rudolf ( 1915), Handwerker (Maler), aus Schlesien; M Sofie Warnecke, aus hess. Fam.; B Rudolf (* 1900, Maria H.-Landes, * 1901, Prof. f. Klavier), Cellist, Komp.; - Frankfurt/M. 1924 Gertrud (1900–67), T d. Dr. Ludwig Rottenberg (1864–1932), Komponist u. Opernkapellmeister in F. (s. Riemann), u. d. Theodore Marie Emilie Magdalena Adickes (T d. Franz A., 1915, Oberbgm. v. F., s. NDB I); Schw d. Schwieger-M Gertrud Adickes ( Alfred Hugenberg, 1951, Wirtsch.führer u. Pol., s. NDB IX); Schwägerin Gabriele ( Hans Flesch, * 1895, Erzähler, Rundfunkkommentator).

  • Leben

    Sosehr H., der Musiker, prinzipiell bestrebt gewesen ist, sich einzig auf seinen Beruf zu konzentrieren, so nachhaltig haben Krieg, Politik und ideologische Konflikte wiederholt in sein Leben eingegriffen. Früh zeigte sich die elementare Begabung des Kindes, das seit seinem 9. Lebensjahre privaten Musikunterricht erhält. 1909 wird H. Schüler des Hochschen Konservatoriums in Frankfurt; Arnold Mendelssohn und Bernhard Sekles erteilen ihm Kompositionsunterricht, während Adolph Rebner sein Violinlehrer wird. Da der Vater 1915 fällt, ist H. bereits in jungen Jahren auf sich selbst angewiesen. 1915-23 wirkt er, abgesehen vom Militärdienst 1917/18, als Konzertmeister am Frankfurter Opernhaus, daneben als Kammermusiker im Quartett Rebners. Diese Erfahrungen hat H. am Bratschenpult des international angesehenen Amar-Quartetts 1922-29 erweitert und zu nutzen verstanden. Sein Anteil an den alljährlichen „Kammermusikalischen Aufführungen zur Förderung Zeitgenössischer Tonkunst“ in Donaueschingen (1921–26), die in den nächsten beiden Jahren in Baden-Baden eine Fortsetzung finden, legt erstmals Zeugnis eines überragenden musikalischen Ingeniums ab: Als|Spieler mehrerer Streichinstrumente vermag H. für sein schnell wachsendes kompositorisches Werk konzertierend einzutreten, darin Strawinsky und Bartók ähnlich. Aufgrund dieser Erfolge beruft der preußische Kultusminister C. F. Becker H. gegen manchen Widerstand 1927 als Kompositionslehrer an die Berliner Hochschule für Musik. Der damit beginnenden, für Lehrer und Schüler gleichermaßen fruchtbaren Lehrtätigkeit, die H. durch Studien zur Geschichte der Musik und der Musiktheorie zu vertiefen bemüht war, bereitet der nationalsozialistische Umsturz ein langsames Ende. Schritt für Schritt, planmäßig, wird H. behindert und eingeengt, seine Musik des „Kulturbolschewismus“ verdächtigt und aus Oper und Konzert trotz des Protestes von Männern wie Wilhelm Furtwängler verdrängt, endlich er selbst 1938 zur Emigration gezwungen. Ohnehin gilt er wegen seiner Ehe mit Gertrud Rottenberg als „jüdisch versippt“.

    Nach mehreren Zwischenaufenthalten in der Schweiz und in Ankara, wo ihn die türkische Regierung als Berater für den Aufbau eines nationalen Musiklebens heranzog, kam H. endlich in die USA. 1940-53 konnte er, mitten im Kriege amerikanischer Staatsbürger geworden, seine Lehrtätigkeit an der Yale University in New Haven, Connecticut, fortsetzen, zuletzt alternierend mit der Universität Zürich, die ihm 1951 eine Professur für Musiktheorie, Komposition und Musikpädagogik übertrug. Nachdem H. mehrere Berufungen nach Deutschland abgelehnt und sich endgültig in der Schweiz niedergelassen hatte, nahm er das Züricher Lehramt bis 1957 wahr. In der letzten Phase seines Lebens hat er sich mehr und mehr dem Dirigieren gewidmet und dabei, außer eigenen Werken, regelmäßig auch unbekannte oder verkannte Musik, zumal Anton Brückners und Max Regers, berücksichtigt. Trotz äußerer Erfolge und Ehrungen wurde H.s Situation jedoch zunehmend schwierig. Bei seiner Rückkehr nach Europa war er unvermutet auf musikalisch stark veränderte Strömungen gestoßen, deren literarische Wortführer ihre Positionen mit Hilfe von Presse und Funk zu festigen wußten. Den Alleinvertretungsanspruch von Zwölfton- und serieller Musik, deren Theoreme und Techniken er ablehnte, hat H. wiederholt energisch zurückgewiesen, am schärfsten in dem Vortrag „Sterbende Gewässer“ (Bonn, Juni 1963).

    H.s weitgespanntes, universales Musikertum ist der Schlüssel zum Verständnis eines Lebenswerkes, das über zahlreiche Stufen und Wandlungen hinweg unverwechselbar auf die Individualität seines Urhebers zurückweist. Ein elementarer Grundton des Originellen durchdringt die Sphäre von Oper, Oratorium und Chormusik, Sinfonie und Konzert, die Kammermusiken variabler Besetzung, die lange Reihe der Sonaten und die Lieder. Das Studium älterer Satzstrukturen und Klangtechniken hat die Stilistik seiner Musik mannigfaltig befruchtet. Insbesondere führt die Bekanntschaft mit dem barocken Concerto-Prinzip seiner Musik Kräfte zu, die sie sich schnell anverwandelt hat.

    Eine exemplarische Instrumentalität überformt H.s Musik. Die Welt der Instrumente, in der er wie kaum ein anderer Komponist theoretisch und praktisch zu Hause war, hat seine musikalische Phantasie produktiv inspiriert. Dabei tritt, wie so oft in der deutschen Musik, der Eigenwert der musikalischen Klangfarben, ihr sinnlicher Glanz, hinter ihre Strukturbezogenheit zurück. Die Linien von Imitation, Ostinato und Fuge fließen ein in die formalen Modelle von Marsch und Tanz, Sonate und Rondo; der scharf konturierenden Motiv- und Themenbildung korrespondiert ein vielgestaltig und frei sich entfaltendes variatives Spiel. Nachdem H. eine jugendlich aggressive und herausfordernde Atonalität überwunden hat, entwirft und begründet er in seiner „Lehre vom Tonsatz“ (1937) das System einer neu verstandenen Tonalität. Das Bestreben, den Harmonieverlauf und sein spezifisches Gefälle übergeordneten tonalen „Gravitationsgesetzen“ zu subsumieren, veranlaßt H., Werke seiner Frühzeit durchgreifend zu revidieren. Die „Einleitenden Bemerkungen zur neuen Fassung“ des Liederzyklus „Das Marienleben“ – auf Gedichte R. M. Rilkes – geben, bis ins Detail selbstkritisch, paradigmatisch Auskunft über die „sehr bewußte Weiterentwicklung“, welche H. beim Vergleich der beiden Fassungen (aus den Jahren 1922 und 1948) beobachtet. Sind auch zur Stunde Umfang und Ausmaß, welche diesen „Umformungen“ im Gesamtwerk H.s zukommen, schwerlich zu übersehen, so doch ihre Tendenz. Von Jugend auf hatte H. spontane Begabung und lebendiges Interesse für Architektur und Zeichnung mitgebracht: wie ein Bildner möchte der reife Komponist von der blitzhaft aufleuchtenden Gesamtvision eines Werkes ausgehen und jedes musikalische Element durch Arbeiten vom Großen ins Kleine, vom Allgemeinen ins Besondere transformieren. Der Rhythmus überwindet so das periodisierende Metrum, die Melodie den Zerfall in Einzelschritte, sie wird vorgreifend auf lange Sicht disponiert.

    Zu zwei seiner „großen“ Opern, „Mathis der Maler“ (1934/35) und „Die Harmonie der Welt“ (1957), hat H. die Libretti selbst geschrieben. Beide rücken historische Gestalten, die an einer Zeitenwende stehen, in den Mittelpunkt: Einmal ist es der Maler Matthias Grünewald, dann Johannes Kepler, der Astronom. In H.s letztem Opernwerk, dem Einakter „Das lange Weihnachtsmahl“ (1961), objektiviert die tiefsinnig verkürzende Dichtung Thornton Wilders das schicksalhafte Kommen und Gehen der Generationen; zu der von allem Bekenntnishaften entlasteten Fabel erklingt eine kammermusikalisch diskrete, subtil aussparende Musik.

    H.s musikalischer und literarischer Nachlaß ist gegenwärtig noch unerschlossen. Dank einer testamentarischen Verfügung seiner Witwe hat sich im Herbst 1968 eine „H.-Stiftung“ in Blonay (bei Vevey am Genfer See), H.s letztem Wohnort, konstituiert. Sie bereitet den Aufbau eines H.-Instituts in Frankfurt/Main und eine Gesamtausgabe seiner Werke vor.|

  • Auszeichnungen

    Friedenskl. d. Ordens pour le mérite (1952), Dr. phil. h. c. (FU Berlin, Univ. Oxford).

  • Werke

    P. H., Werkverz. mit Vorwort v. H. Strobel, 1965.

  • Literatur

    E. Westphal, P. H., Eine Bibliogr. d. In- u. Auslandes seit 1922 üb. ihn u. s. Werk, 1957;  Spätere Titel in: Kat. d. Gedenkausstellung P. H., Emigration u. Rückkehr nach Europa, 1965;  MGG VI (W, L)Riemann.

  • Portraits

    in: P. H., Zeugnis in Bildern, mit Einl. v. H. Strobel, 1955;  P. H., Die letzten Jahre, Ein Zeugnis in Bildern, 1965.

  • Autor

    Walter Gerstenberg
  • Empfohlene Zitierweise

    Gerstenberg, Walter, "Hindemith, Paul" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 176-178 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118551256.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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