Lebensdaten
1900 – 1982
Geburtsort
Straßburg
Sterbeort
Frankfurt/ Main
Beruf/Funktion
Wirtschaftswissenschaftler ; Publizist ; Journalist ; Hochschullehrer
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117278572 | OGND | VIAF: 74227680
Namensvarianten
  • Welter, Erich
  • Welther, Erich

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Zitierweise

Welter, Erich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117278572.html [16.06.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Hugo (1862–1936?), aus Kaldenkirchen (Nettetal), Rechnungsrat in St., Min.amtmann, später in Glogau u. Berlin, HR, S d. Johann Joseph, Lehrer, u. d. Bertha Arnoldine Louise N. N.;
    M Frances (Franzes) (1867–1922), T d. Philip(p) Lingenfelder (1841–94), aus Edenkoben (Pfalz), Dr. med., Arzt in St. Louis (Missouri, USA), u. d. Anna Louise Scherpe;
    Berlin 1923 Hilde Nikodem (* 1902);
    1 S, 2 T.

  • Biographie

    W. wuchs in Straßburg, in der Mark Brandenburg, in Glogau und Berlin auf. 1917 legte er das Notabitur am Arndt-Gymnasium in Berlin-Dahlem ab, meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst und diente als Pionier an der Westfront. Seit Sept. 1918 studierte er in Berlin Staatswissenschaften, legte 1922 das Doktorexamen ab und wurde mit der Studie „Die Devalvation mit besonderer Berücksichtigung der argentinischen Währungsreform vom Jahre 1899“ bei Hermann Schumacher (1868–1952) zum Dr. rer. pol. promoviert. Parallel arbeitete W. als Journalist, 1920 beim „Deutschen Handelsdienst“, seit 1921 als Redakteur des Handelsteils der „Frankfurter Zeitung“ (FZ) und seit 1931 als Leiter des Ressorts „Wirtschaft“. Seine Jahresrückblicke auf die dt. Wirtschaft erschienen von 1926 an auch als Broschüren und erlangten Anerkennung. 1933 ging W. als Chefredakteur zur „Vossischen Zeitung“, die am 1. 4. 1934 wegen fortgesetzter wirtschaftlicher Verluste ihr Erscheinen einstellte. W. kehrte zur FZ zurück und wurde 1935 stellv. Chefredakteur. In dieser Position setzte er sich für „rassisch“ oder politisch verfolgte Mitarbeiter ein und stellte durch geschickte Personalpolitik sicher, daß in der Redaktion relativ frei diskutiert werden konnte.

    1939 eingezogen, war W. 1940 als Propagandist im Heer tätig. 1941 kehrte er zur FZ zurück, wo er eine unklare Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus einnahm: W. trat zwar weder der NSDAP noch einer ihrer Organisationen bei, hatte sich aber in den Augen der pressepolitisch Verantwortlichen dennoch bewährt, so daß ihn Max Amann (1891–1957) nach der Einstellung der FZ 1943 zum technischen Chefredakteur des „Völkischen Beobachters“ machen wollte. W. lehnte mit der Begründung ab, er sei mit der Herausgeberschaft der Wochenschrift „Wirtschaftskurve“ (1936–44) und einer wissenschaftlichen Studie im Auftrag des Planungsamts des Reichsministeriums für Rüstung und Kriegsproduktion ausgelastet.

    1946 war W. in Stuttgart Mitgründer der „Wirtschafts-Zeitung“, mußte aber aus dem Herausgeberkreis ausscheiden, da der amerik. Militärregierung Details über seine Tätigkeit vor 1945 bekannt geworden waren. In der Franz. Besatzungszone konnte er bei der „Mainzer Allgemeinen Zeitung“ arbeiten und verfolgte Pläne zur Neugründung einer überregional bedeutsamen Tageszeitung. 1949 wurde er neben Hans Baumgarten (1900–68), Erich Dombrowski (1882–1972), Karl Korn (1908–91) und Paul Sethe (1901–67) Herausgeber der von der „Wirtschaftspolitischen Gesellschaft“, einem Verein von Politikern, Wissenschaftlern und v. a. Unternehmern, mitgegründeten FAZ. W. trat dafür ein, mit der Zeitung den Kurs der Adenauer-Regierung zu unterstützen, und kümmerte sich v. a. um die Sicherung der Finanzierung. Er blieb bis 1980 Herausgeber und saß von 1978 bis zu seinem Tod der Gesellschafterversammlung vor.

    Neben seiner Arbeit als Journalist trieb W. seine akademische Karriere stetig voran. 1931 habilitierte er sich bei Wilhelm Gerloff (1880–1954) an der Univ. Frankfurt/M. mit der Arbeit „Die Ursachen des Kapitalmangels in Deutschland“ für Volkswirtschaftslehre und lehrte dort als Privatdozent, seit 1944 als apl. Professor. 1948 wurde er zum Ordinarius der Volkswirtschaftslehre an die Univ. Mainz berufen, wo er 1950 das Forschungsinstitut für Wirtschaftspolitik mitgründete. 1949–71 war W. Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesminister für Verkehr und 1953–75 im Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands beim Bundesminister für innerdt. Beziehungen. Zeitgenossen lobten die Klarheit der Argumentation von W.s wirtschaftswissenschaftlichen Schriften, kritisierten aber seine journalistische und anwendungsorientierte Herangehensweise.

    W. gilt als Streiter für die soziale Marktwirtschaft. Kennzeichnend für ihn war seine Anpassungsfähigkeit: Seine Beiträge reichen von engagierten Plädoyers für eine NS-Planwirtschaft über ordoliberale Positionen bis zu Forderungen, die Politik habe sich ganz der Rationalität des Markts zu unterwerfen.

  • Auszeichnungen

    |E. K. II. Kl. (1918);
    Ehrenkreuz f. Frontkämpfer (1935);
    Spange z. E. K. II. Kl. (1940);
    Kriegsverdienstkreuz II. Kl. (1942);
    Gr. BVK mit Stern (1975);
    Ludwig-Erhard-Medaille f. Verdienste um d. soz. Marktwirtsch. (1979);
    Ehrenplakette d. Stadt Frankfurt/M. (1981).

  • Werke

    Weitere W Der Weg d. dt. Ind., 1943;
    Falsch u. richtig planen, Eine krit. Stud. über d. dt. Wirtsch.lenkung im 2. Weltkrieg, 1954;
    Der Staat als Kunde, Öff. Aufträge in d. Wettbewerbsordnung, 1960;
    Nachlaß: BA Koblenz.

  • Literatur

    |F. Sieburg, Wenn einer v. uns sechzig wird, in: FAZ v. 30. 6. 1960 (P);
    K. Korn, Voller Willenskraft u. ganz unpathetisch, E. W. z. Achtzigsten, ebd. v. 28. 6. 1980 (P);
    J. Eick, Ein Ztg.mann u. e. Unternehmer, Zum Tode v. E. W., ebd. v. 14. 6. 1982;
    J. Jeske, Ökonom, Journalist, Gründer, Zum 100. Geb.tag v. E. W., ebd. v. 30. 6. 2000;
    N. N., Prof. Dr. E. W. 60 J., 40 J. Journalist, in: ZV+ZV 57,13, 1960, S. 802 (P);
    K. Pritzkoleit, Schutzengel an der Hand, Des E. W.s Aufstieg u. Versuchung, Nachgezeichnet, in: Vorwärts v. 23. 12. 1960;
    Sie redigieren u. schreiben d. FAZ f. Dtld., 1975, S. 90 f. (P);
    G. Gillessen, Auf verlorenem Posten, Die FZ im Dritten Reich, 1986, S. 430–37 u. passim;
    K. D. Schulz, Unternehmerinteresse u. Wirtsch.system, Btrr. d. Unternehmer z. pol. Entwicklung d. Bundesrep. Dtld., 1986, S. 142–65;
    A. v. Pufendorf, Otto Klepper (1888–1957), Dt. Patriot u. Weltbürger, 1997, S. 238–80;
    B. Löffler, Soz. Marktwirtsch. u. administrative Praxis, Das Bundeswirtsch.min. unter Ludwig Erhard, 2002, S. 271–75;
    F. Siering, Ztg. f. Dtld., Die Gründergeneration d. „Frankfurter Allgemeinen“, in: L. Hachmeister (Hg.), Die Herren Journalisten, Die Elite d. dt. Presse n. 1945, 2002, S. 35–86;
    M. Kutzner, Das Wirtsch.ressort d. FAZ u. d. Medialisierung d. Wirtsch.pol. in d. 1950er J., in: VSWG 101, 2014, H. 4, S. 488–99;
    Ch. Schäfer, E. W. (1900–1982), Eine Biogr., in: Fragmente z. Gesch. d. 19. u. 20. Jh., hg. v. G. Dworok u. Ch. Schäfer, 2016, S. 127–39;
    Frankfurter Biogr.;
    Personenlex. Drittes Reich;
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W);
    Munzinger.

  • Autor/in

    Patrick Merziger
  • Zitierweise

    Merziger, Patrick, "Welter, Erich" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 758-759 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117278572.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA