Lebensdaten
1883 bis 1945
Geburtsort
Gütersloh
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
evangelischer Reichsbischof
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118785222 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Müller, Ludwig
  • Müller, Johann Heinrich Ludwig

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Zitierweise

Müller, Ludwig, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118785222.html [20.07.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Adolf, Reichsbahnangestellter in G.;
    M Anna Sophie Veerhof in Cuxhaven;
    1909 Paula Reineke (1887–1963);
    1 S, 1 T.

  • Leben

    M. besuchte das von der Minden-Ravensberger Erweckungsbewegung geprägte Gymnasium in Gütersloh, studierte 1902-05 Theologie in Halle und Bonn und schloß sich, seiner nationalistisch-monarchistisch-antisemitischen Grundeinstellung entsprechend, dem „Verein deutscher Studenten“ an. Er bestand 1905/07 die theologischen Prüfungen in Münster und wurde 1908 ordiniert. Im selben Jahre wurde er auf die 2. Pfarrstelle in Rödinghausen (Westfalen) gewählt, wechselte jedoch 1914 in den Marinekirchendienst nach Wilhelmshaven über. Als Marinepfarrer diente er im 1. Weltkrieg in Flandern und der Türkei. 1918 wurde er Garnisonspfarrer in Cuxhaven, 1920 Stationspfarrer in Wilhelmshaven und 1926 Wehrkreispfarrer in Königsberg. Hier sammelte er Vertreter aus dem rechten politischen Spektrum um sich; 1927 war auch Hitler auf einer Propagandareise nach Ostpreußen Gast in M.s Haus. Diese Begegnung wurde für M.s weiteren Weg entscheidend. 1931 trat er der NSDAP bei, warb im Offizierskorps erfolgreich für Hitler und förderte die Zusammenarbeit von SA und Reichswehr beim ostpreuß. Grenzschutz. 1932 stieß er zu den „Deutschen Christen“, einer bereits Ende der 20er Jahre von den beiden Pfarrern Siegfried Leffler (1900–83) und Julius Leutheuser (1900–42) in Thüringen gegründeten völkisch-nationalsozialistisch orientierten Kirchenpartei, die sich unter Führung des Berliner Pfarrers Joachim Hossenfelder (1899–1976) auch in Preußen sammelte und bei den dortigen Kirchenwahlen 1932 erhebliche Erfolge verzeichnen konnte. M. wurde „Führer“ des ostpreuß. Landesverbandes und übernahm als Mitglied der Reichsleitung der Deutschen Christen das Referat für nationale Fragen. Als die ev. Kirchenführer nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ über eine Verfassungsreform des deutschen ev. Kirchenwesens berieten, ernannte Hitler im April 1933 M. überraschend zu seinem „Bevollmächtigten für Fragen der ev. Kirche“ und damit praktisch zum Staatskommissar, der die anstehenden kirchlichen Entscheidungen im Sinne der neuen politischen Führung beeinflussen sollte. Die Kirchenführer sahen sich gezwungen, mit M. zusammenzuarbeiten. Sie setzten aber noch einmal ein Zeichen für die Unabhängigkeit der Kirche, als sie Ende Mai 1933 nicht ihn, sondern Friedrich v. Bodelschwingh zum Reichsbischof der neuen Reichskirche wählten. Daraufhin intervenierte Hitler erneut und oktroyierte allgemeine Kirchenwahlen für die gesamte ev. Kirche, die – nicht zuletzt durch die Unterstützung seitens der NSDAP und Hitlers selbst – von den Deutschen Christen fast überall gewonnen wurden. Damit war für M. der Weg in die höchsten Ämter der Kirche frei. Anfang August 1933 wählte ihn der mehrheitlich deutsch-christliche altpreuß. Kirchensenat zum Präsidenten des Ev. Oberkirchenrats mit der Amtsbezeichnung Landesbischof, und am 27.9.1933 wurde er durch die neue Nationalsynode zum Reichsbischof gewählt. Damit schien die von Hitler erstrebte und von den Deutschen Christen propagierte „Gleichschaltung“ der ev. Kirche mit dem nationalsozialistischen Staat erreicht zu sein.

    M. verscherzte sich jedoch schnell das Vertrauen, das er anfänglich bei der politischen Führung und bei leitenden Männern der Kirche selbst genossen hatte. Seine charakterliche Schwäche, sein theologischer Dilettantismus und vor allem seine unkluge Amtsführung, bei der er sich weder an die Kirchenverfassung hielt noch vor diktatorischen Alleingängen zurückschreckte, führten zu einem raschen Verfall seiner persönlichen Autorität. Bereits im Herbst 1933 sammelte sich innerhalb der Kirche eine Oppositionsbewegung gegen den Kurs M.s, die sich im Frühjahr 1934 zur Bekennenden Kirche und damit zu einer „Gegenkirche“ zur offiziellen Reichskirche formierte. M.s Position wurde vollends unhaltbar, als er, beraten von seinem „Rechtswalter“ August Jäger (1887–1949), im Herbst 1934 die süddeutschen Landeskirchen gegen ihren Willen in die Reichskirche eingliedern wollte und die dortigen Landesbischöfe Theophil Wurm und Hans Meiser unter Polizeigewahrsam stellte. Die breiten Protestaktionen gegen diese Maßnahmen im In- und Ausland wuchsen sich zu einer außenpolitischen Bedrohung für das nationalsozialistische Deutschland aus, so daß Hitler seine im Frühjahr 1934 noch einmal bekräftigte Unterstützung für M. zurückzog. Im Juli 1935 berief er Hanns Kerrl zum Reichskirchenminister, der seinerseits eine neue Leitung für die ev. Kirche einsetzte und damit M. faktisch entmachtete.

    M. beanspruchte jedoch auch weiterhin eine geistliche Führerrolle im deutschen Protestantismus. Überzeugt von der weltanschaulichen Übereinstimmung von Christentum und Nationalsozialismus, propagierte er jetzt in Vorträgen und Predigten ein völkisch geprägtes Christentum, das in einer überkonfessionellen Nationalkirche Gestalt gewinnen sollte. Nach Beginn des 2. Weltkrieges bemühte er sich wiederholt um die persönliche Unterstützung Hitlers, um wieder mehr Einfluß in der Kirche zu erlangen, stieß aber auf Ablehnung. Es lag durchaus in der Konsequenz seiner ideologischen Entwicklung, daß M. schließlich 1941 aus der Kirche austreten wollte, weil er sich nicht mehr an die kirchliche Lehre gebunden fühlte; diesen Schritt mußte er aber auf ausdrücklichen Wunsch Hitlers unterlassen. – M. war weder als Theologe noch als Kirchenpolitiker bedeutend. Mit seiner fragwürdigen Gleichsetzung von Nationalgefühl und Heiligem Geist sowie seiner militaristisch gefärbten Ethik repräsentierte er jedoch in typischer Weise einen Teil des prot. Zeitgeistes und konnte aufgrund der besonderen historischen Konstellation in der kirchlichen Zeitgeschichte für kurze Zeit eine gewisse Rolle spielen.|

  • Auszeichnungen

    Preuß. Staatsrat (1933); Senator d. Dt. Ak.

  • Werke

    u. a. Dt. Gottesworte, 1936 (zahlr. Aufl.);
    Was ist positives Christentum?, 1938, 21939);
    Der dt. Volkssoldat, 1939, 41940.

  • Literatur

    M. Koschorke (Hrsg.), Gesch. d. Bekennenden Kirche in Ostpreußen 1933–45, 1973, bes. S. 45 f. u. 493-505;
    K. Scholder, Die Kirche u. d. Dritte Reich, 2 Bde., 1977/85;
    E. Brinkmann, L. M.s Lebens), in Westfalen, in: Jb. f. Westfäl. KG 76, 1983, S. 192-200;
    Th. M. Schneider, Reichsbischof L. M., 1993 (W, P);
    BBKL.

  • Autor/in

    Carsten Nicolaisen
  • Empfohlene Zitierweise

    Nicolaisen, Carsten, "Müller, Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 454 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118785222.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA