Lebensdaten
1777 bis 1810
Geburtsort
Wolgast
Sterbeort
Hamburg
Beruf/Funktion
Maler ; Kunsttheoretiker ; Dichter
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118604155 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Runge, Otto
  • Runge, P. O.
  • Runge, Ph. O.
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Zitierweise

Runge, Philipp Otto, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118604155.html [18.08.2017].

CC0

Runge, Philipp Otto

Maler, Kunstgewerbler, Kunsttheoretiker und Dichter, * 23.7.1777 Wolgast, 2.12.1810 Hamburg, Hamburg, Perthes'sches Erbbegräbnis auf dem Sankt Petri-Friedhof, seit 1935 Hamburg-Ohlsdorf, Althamburgischer Gedächtnisfriedhof. (evangelisch)

  • Genealogie

    Aus seit 1574 in Lobbe (Rügen) nachweisbarer Fam.; V Daniel Nicolaus (1737–1825), Reeder u. Kaufm. in W., S d. Nicolaus (1700–65), Hauszimmermann aus Lobbe auf Mönchgut (Rügen), 1728 in W. nachweisbar, u. d. Maria Ilsabe Hagemann (um 1707–88); M Magdalena Dorothea (1737–1818), T d. Daniel Christian Müller, Huf- u. Waffenschmied in W., u. d. Martha Deuth, verw. Siewert;|10 Geschw u. a. Johann Daniel (1767–1856, 1822 Mine, 1783–1862, T d. D. theol. Rudolph Gerhart Behrmann, 1743–1818, Archidiakon zu H., s. NND; H. Schröder, Lex. d. hamburg. Schriftst.), Bes. e. Handelsgeschäfts, später Journ. u. Redakteur in H., wichtigster Förderer R.s, gab 1840/41 dessen „Hinterlassene Schrr.“ mit Biogr. u. erstem W-Verz. heraus (s. W, L), Jacob Friedrich (1771–1811), Kaufm., gründete 1802 d. erste Tabakmanufaktur in W.; – Dresden 1804 Pauline (1785–1881), aus hugenott. Fam. (s. W), T d. Charles Frédéric Bassenge (1748–1829), Handschuhfabr. in Dresden, mit F. Schiller u. Th. Körner befreundet (s. NDB 15*), u. d. Marie Frédérique Bassenge (1754–1818, s. W); 3 S Otto Sigismund (1805–39), Bildhauer in H. (s. ADB 29; ThB; W), Gustav Ludwig Bernhard (1809–83), Drechslermeister, später Ing. in H., Philipp Otto (1810–93), Kaufm. u. Vers.-Makler in H., 1 T Maria Dorothea (1807–43, s. W, 1836 Hermann Behrmann. Kaufm. in H.); Schwager Heinrich Bassenge (1776–1840), Bankier in Dresden (s. NDB 15*).

  • Leben

    Prägend für R., der sich schon als Kind mit dem Scherenschnitt beschäftigte, waren Bibellektüre und Luthers Katechismus im streng prot. Elternhaus sowie der Unterricht durch Gotthard Ludwig Kosegarten (1758–1818) an der Stadtschule in Wolgast. 1795 trat er in Hamburg als Gehilfe dem Handelsgeschäft seines Bruders Johann Daniel bei und studierte daneben Homer, Vergil und Ovid, 1798 Ludwig Tiecks Künstlerroman „Franz Sternbalds Wanderungen“ sowie Schillers Musenalmanache und „Horen“. Zum Freundes- und Bekanntenkreis gehörten neben dem Kupferstichsammler Johann Michael Speckter, den Buchhändlern Friedrich Perthes und Johann Heinrich Besser auch Matthias Claudius und Klopstock. Von Okt. 1799 bis März 1801 studierte R. an der Akademie in Kopenhagen, u. a. bei Nikolai Abildgaard und Jens Juel. Beeindruckt v. a. von John Flaxmans Umrißstichen zu Homer und Äschylos, entwickelte R. gegen den akademischen Lehrbetrieb und die normative Ästhetik des Klassizismus alsbald eine Opposition, die sich in Briefen und den gezeichneten Bildkompositionen „Triumph des Amor“ und „Heimkehr der Söhne“ (1800) niederschlug.

    Nach einem Aufenthalt in Wolgast im April 1801 traf R. Ende Juni 1801 in Dresden ein. Hier erfolgte sein Durchbruch zur romantischen Kunst. Entscheidende Faktoren waren dabei das Studium der Gemäldegalerie, wo ihn besonders Raffaels „Sixtinische Madonna“ beeindruckte, die Liebe zu Pauline Bassenge, seiner späteren Frau, und die Freundschaft mit dem norweg. Schelling-Schüler und Naturphilosophen Henrik Steffens. Hinzu kam der Umgang mit Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck, der die Kenntnis der Schriften Jakob Böhmes vermittelte, sowie mit dem Komponisten Ludwig Berger und den Malern Anton Graff, Ferdinand Hartmann, seit Juli 1802 auch mit Caspar David Friedrich und Friedrich August v. Klinkowström. 1801 beteiligte R. sich erfolglos an Goethes Preisausschreiben für bildende Künstler mit der Zeichnung „Achill und Skamandros“, was die endgültige Abkehr vom Klassizismus bewirkte. Im Febr. 1802 proklamierte R. das Ende der Historienmalerei und eine neuartige „Landschaft“, erstmals verwirklicht im Ölgemälde „Triumph des Amor“ (1801/02). Das fingierte Basrelief zeigt das Wirken der Liebe in den verschiedenen Lebensaltern, verkörpert durch Kinderfiguren auf Wolken. „Die Lehrstunde der Nachtigall“ (1802), nach einer Ode Klopstocks, huldigte als Bild im Bilde der Liebe zu Pauline (1931 verbrannt). Als Gründungswerk der dt. romantischen Kunst gelten R.s „Vier Zeiten“, die, gezeichnet in Federumrissen zwischen Weihnachten 1802 und Juli 1803, als Kupferstiche erstmals 1805 (21807) erschienen. „Morgen“, „Tag“, „Abend“, „Nacht“ zeigen das tägliche Wachsen und Vergehen des Sonnenlichts, symbolisiert als riesige Lilie mit kindlichen Genien. Die Rahmenleisten interpretieren den kosmischen Naturprozeß durch christl. Sinnbilder. Mit dem Plan einer monumentalen Ausführung der „Zeiten“, begleitet durch Dichtung und Musik in einer eigenen Architektur nach Art der Gotik, war die synästhetische Idee des romantischen Gesamtkunstwerks im Sinne Richard Wagners vorweggenommen. Joseph Görres widmete den „Zeiten“ 1807/08 eine Abhandlung, Goethe, mit dem R. im Nov. 1803 in Weimar persönlich zusammengetroffen war, hatte sie 1811 in seinem Musikzimmer hängen.

    Seit 1804 lebte R., mit Unterbrechung 1806/07 in Wolgast, wieder in Hamburg, wo er im Frühjahr 1806 Johann Friedrich Overbeck aus Lübeck empfing und 1807 dem jungen Arthur Schopenhauer sowie dem Kunsthistoriker Carl Friedrich Rumohr begegnete. Neben eindringlichen Porträts und Selbstporträts entstanden symbolische und religiöse Gemälde. „Die Mutter an der Quelle“ (1804, 1931 verbrannt) war beeinflußt durch Gedanken von Böhme und Novalis sowie der idealistischen Lehre vom weltsetzenden Subjekt. Die „Ruhe auf der Flucht“ (1805) wurde als „Morgen des Morgenlandes“ konzipiert und ergänzt durch die Federzeichnung „Quelle und Dichter“ als „Abend des Abendlandes“. Für Kosegartens Uferkapelle|bei Vitte (Arcona/Rügen) schuf R. das unvollendete Altarbild „Petrus auf dem Meer“ (1806). Unter den großen Gruppenporträts war „Wir Drei“ (1805) das Hauptbeispiel des romantischen Freundschaftsbildes, gemalt als Selbstporträt mit Pauline und Bruder Johann Daniel (1931 verbrannt). Die „Hülsenbeckschen Kinder“ (1805) und das „Bildnis der Eltern“ (1806) transponieren die Symbolsprache der „Zeiten“ in extreme Wirklichkeitstreue.

    Das Erzähltalent R.s äußerte sich in den beiden 1806 in plattdt. Mundart niedergeschriebenen Märchen „Von den Fischer un syne Fru“ und „Von den Mahandel Bohm“. Ihr lapidarer Erzählstil und die scheinbar kindliche Einfachheit dienten als erklärtes Vorbild für die Brüder Grimm, die sie in ihre „Kinder- und Hausmärchen“ aufnahmen (Erstaufl. 1812).

    Über farbtheoretische Probleme korrespondierte R. 1806 mit Goethe, der im Anhang seiner „Farbenlehre“ (1810) R.s Brief vom 3.7.1806 abdruckte. Die Beschäftigung mit der Farbentheorie bezeichnet eine Akzentverschiebung von allegorisch verschlüsselter Naturmystik zu einer naturwissenschaftlichen Fundierung der sinnlichen Aspekte der Malerei. Im „Kleinen Morgen“ (1808) erscheint im Mittelbild Aurora, aus deren Hand die Lichtlilie ins Universum aufsteigt, während kindliche Genien dem Säugling auf der Wiese Rosen als materialisiertes Morgenlicht darbringen. Das Außenbild zeigt den Aufstieg der Seele von der verfinsterten Sonne zur Herrlichkeit Gottes. Beim „Großen Morgen“ (1809/10) plante R., das Innenbild durch einen geschnitzten Rahmen vom nicht mehr ausgeführten Außenbild abzusetzen und das Ganze durch einen noch größeren plastischen Rahmen einzufassen. Das Kolorit arbeitet bereits, wie später der Impressionismus, mit buntfarbigen Schatten und überwindet so die traditionelle Helldunkelmalerei. Dies hängt zusammen mit der Schrift „Die Farbenkugel“, von der R. 1809 das Manuskript und 1810 ein gedrucktes Exemplar an Goethe schickte. Die hier veröffentlichten Erkenntnisse über Farbenharmonie und -disharmonie und ihre psychologische Wirkung waren bahnbrechend.

    R.s kunstgewerbliche Originalität dokumentieren die meisterhaften Scherenschnitte, in der Frühzeit figürliche Motive und Szenen, später v. a. Blumen und Pflanzen. Das Projekt für ein Grabmal (1808) antizipiert den Jugendstil, indem es die gesamte Architektur pflanzlich verwandelt. Die beiden Entwurfsserien für ein Kartenspiel (1809) zeigen anstelle der bis dahin üblichen ganzfigurigen Trümpfe diese erstmals jeweils als Halbfigur im Gegensinn verdoppelt. Unter R.s Entwürfen für Buchumschläge sind die beiden Fassungen zu Perthes' Zeitschrift „Vaterländisches Museum“ Inkunabeln einer anti-napoleonischen, patriotischen Kunst in Deutschland (1809). Im Dez. 1809 trat R. in einen Briefwechsel mit Clemens Brentano, seinem zeitlebens größten Verehrer, ein.

    R., der Begründer der romantischen Kunst in Deutschland, hinterließ bei seinem frühen, vermutlich durch Tuberkulose verursachten Tod ein quantitativ kleines Œuvre. Es beeinflußte zunächst C. D. Friedrich und K. F. Schinkel sowie – nach der Wiederentdeckung des Malers im späten 19. Jh. durch Alfred Lichtwark – im 20. Jh. u. a. die Kunst am Bauhaus, insbesondere Paul Klee und Johannes Itten, ferner Max Ernst und Otto Dix.

  • Werke

    Weitere W Die Wirkung d. kom. u. d. trag. Maske, 1800; Die Freuden d. Weins, 1802; Myst. Kreisfiguration; Der Tag, Mittelgruppe auf Goldgrund, 1803; Die Lehrstunde d. Nachtigall, 2. Fassung, 1804; Pauline im grünen Kleid. Otto Sigismund im Klappstuhl, 1805 (alle Hamburger Kunsthalle); Die kl. Perthes, 1805 (Weimar, Staatl. Kunstslgg.); Pauline mit d. zweij. Otto Sigismund (Berlin, Nat.gal.); Wilhelmine Helwig, 1807 (Kiel. Stiftung Pommern); Friedrich August v. Klinkowström (Wien, Kunsthist. Mus.); Amaryllis formosissima (Hamburger Kunsthalle); Mondaufgang, 1808 (Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart); Die Kinder d. Künstlers. Otto Sigismund u. Maria Dorothea; Bildnis d. Schwiegermutter Marie Frédérique Bassenge; Johann Philipp Petersen, 1809; Bildnis Pauline; Johann Daniel Runge; Sophia Sieveking auf d. Sterbelager; Nachtigallengebüsch, 1810 (alle Hamburger Kunsthalle); – Aquarelle: Freuden d. Jagd. Arions Meerfahrt, 1809; – Entwürfe f. Buchumschläge: Die kom. u. d. trag. Lyra, 1809, f. d. Hamburger Theaterkal.; Natur u. Geist, 1810, f. W. G. Beckers „Tb. zum geselligen Vergnügen“; – Schrr.: Von den Mahandel Bohm. Ein Kindermärchen in d. Hamburger Volkssprache, in: Ztg. f. Einsiedler Nr. 29, 30 (9. u. 12.7.1808), S. 229-37; Farben-Kugel oder Construction d. Verhältnisses aller Mischungen d. Farben zueinander …, 1810, Neudr. mit Nachw. v. H. Matile, 1977; dazu Rez. in: GGA 1. Stück 83 v. 26.5.1810, S. 817-23; J. u. W. Grimm (Hg.), Von den Fischer u. syne Frau. Von den Machandel-Boom. Kinder- u. Haus-Märchen, ges. durch d. Brüder Grimm. 2 Bde., 1812–15, I, 1812, S. 68-77, 203-17; P. O. R., Hinterlassene Schrr., hg. v. dessen ältestem Bruder (Johann Daniel), 2 Bde., 1840–41. Neudr. 1965; K. F. Degner (Hg.), P. O. R., Briefe in d. Urfassung, 1940; H. Frhr. v. Maltzahn (Hg.), P. O. R.s Briefwechsel mit Johann Wolfgang v. Goethe, 1940; W. Feldmann (Hg.), P. O. R. u. d. Seinen, Mit ungedr. Briefen, 1944; K. Feilchenfeldt (Hg.), Clemens Brentano – P. O. R., Briefwechsel, 1974; P. Betthausen (Hg.), P. O. R., Briefe u. Schrr., 1982.

  • Literatur

    ADB 29; J. Traeger, P. O. R. u. sein Werk, Monogr. u. krit. Kat., 1975 (vollst. Bibliogr.); ders., P. O. R. oder d. Geburt e. neuen Kunst, 1977; ders., P. O. R., Die Hülsenbeckschen Kinder, Von d. Reflexion d. Naiven im Kunstwerk d. Romantik, 1987; ders., Aus P. O. R.s Anfängen als Maler, Eine frühe Fassung d. ‚Ruhe auf der Flucht', Mit Bemerkungen zu Otto Sigismund Runge, in: Zs. f. Kunstgesch. 55, 1992, S. 463-81; ders., P. O. R. in Dresden, Geburt d. romant. Kunst, in: Dresden u. d. Anfänge d. Romantik, in: Dresdner Hh. 17. Jg., 58, 1999, S. 62-69; ders., in: Dict. of Art (L); K. Stromer (Hg.), R.s Farben heute, 1997; Wolfgang Runge, Die Bibel d. Daniel Nicolaus R., 1999; S. Jacobs, Auf der Suche nach e. neuen Kunst, Konzepte d. Moderne im 19. Jh., 2000; R. u. d. Seinen, Zeichnungen u. Scherenschnitte aus d. Hamburger Kunsthalle im Wolgaster Mus. Kaffeemühle, Ausst.kat. Wolgast 2000; K. Feilchenfeldt. Andreas Aubert u. d. Anfänge d. modernen R.-Forschung, in: FS f. J. Traeger, hg. v. K. Möseneder u. G. Schüssler, 2002, S. 81-100; Von R. bis Menzel, 100 Meisterzeichnungen aus d. Kupf.kab. d. Hamburger Kunsthalle, Ausst.kat. Hamburg 2003; S. Strasser-Klotz, R. u. Ossian. Kunst, Lit., Farbenlehre. Diss. Regensburg 1994, 2003 (Mikroed.); ThB; Hamburg. Biogr. II (P); – zu Johann Daniel: J. Traeger, P. O. R. u. sein Werk, 1975, S. 15; – zur Fam.: C. H. Dingedahl. Die Fam. R. in Lobbe auf Rügen, Ein Btr. z. Fam.gesch. d. Malers P. O. R. (1777-1810), in: Geneal. 29, Bd. 15, 1980, S. 1-8; ders., Daniel Nikolaus R., d. Vater d. Malers P. O. R., u. seine Fam., ebd. 34. Bd. 17, 1985, S. 547-50 (P).

  • Portraits

    Selbstbildnis am Zeichentisch, Zeichnung, 1802; Selbstbildnis mit braunem Kragen, Ölgem., 1802; Selbstbildnis im blauen Rock, Ölgem., 1805; Selbstbildnis in braunem Rock, Ölgem., 1810 (alle Hamburger Kunsthalle); Selbstbildnis f. Goethe. Zeichnung, 1806 (Weimar, Goethe Nat.mus.).

  • Autor

    Jörg Traeger
  • Empfohlene Zitierweise

    Traeger, Jörg, "Runge, Philipp Otto" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 264-267 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118604155.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Runge, Philipp Otto

  • Leben

    Runge: Philipp Otto R. wurde am 23. Juli 1777 in Wolgast als Sohn eines dortigen Kaufmanns und als der neunte von elf Geschwistern geboren. Von zartem Körperbau und sanfter Gemüthsart zeigte er sich weniger für die exacten Wissenschaften begabt, erregte jedoch schon früh durch die Tiefe seines religiösen Sinnes und sein angeborenes Talent für künstlerische Gestaltung die Aufmerksamkeit des Dichters L. Th. Kosegarten, welcher von 1785—92 Rector der Wolgaster Schule war und einen bleibenden Einfluß auf die poetische Lebensrichtung Runge's ausübte. Eine im J. 1788 unternommene erste Fahrt nach der benachbarten Insel Rügen legte ohne Zweifel die frühsten Keime seines später so reich entwickelten Farbensinnes und seiner idealen Auffassung der Natur. Er fand jedoch weder in seiner Häuslichkeit noch in der Umgebung seiner Vaterstadt Verständniß für seine Bestrebungen und, ausgenommen einen dürftigen Zeichenunterricht bei einem Wolgaster Decorationsmaler und fleißige Uebung im Ausschneiden von Figuren in Papier, kaum Gelegenheit, sich künstlerisch auszubilden, wurde auch von seinem Vater für den kaufmännischen Beruf bestimmt, und zu diesem Zwecke von seinem älteren Bruder Johann Daniel (geb. 1767) in der von diesem in Hamburg begründeten Commissions- und Speditionshandlung seit 1795 beschäftigt. In dieser Zeit schloß er innige Freundschaft mit den Buchhändlern Besser und Perthes, sowie mit den Künstlern Eiffe und Herterich, gewann auch durch die Sammlungen des seinem Bruder nahe stehenden Speckter und die von beiden u. a. gehaltenen Leseabende einen willkommenen Einblick in das Gebiet der Kunst und Litteratur, welcher sowol das classische Alterthum als die Neuzeit, Goethe's und Schiller's Dichtungen, sowie die Romantiker umfaßte. Da jedoch der Bruder zu gleicher Zeit erkannte, daß R. für die Handlung untauglich sei, und die Eltern ihre Zustimmung gaben, so wurde seit 1798 die Kunst für ihn als Lebensberuf angesehen; er empfing, außer Herterich's Anleitung, Unterricht im Zeichnen bei Gerold Hardorf, einem Schüler Casanova's und Anton Tischbein's und im Malen bei Eckhardt, hatte auch Gelegenheit, durch die in Hamburg zugänglichen Sammlungen, Kunstausstellungen und anatomischen Studien sich theoretisch weiter zu bilden, während Reisen in Holstein und in die Heimath sein Talent für die Landschaft erwärmten. Am 18. October 1799 begab er sich dann zur weiteren Förderung auf die Akademie nach Kopenhagen, wo er Abildgaard's und Juel's Unterricht genoß, mit Böhndel und Eiffe gemeinschaftlich arbeitete, und im Hause der Dichterin Friederike Brun, sowie im Verkehr mit Bonstetten, der jene begleitete, sich auch einer wissenschaftlichen Anregung erfreute. Die Frucht dieser Studien erblicken wir in seinem "Triumph Amors", seiner ersten größeren Composition, welche classische Formen mit zarter Gemüthsweise verbindet. Nachdem jedoch Jos. Grassi 1800 als Director nach Dresden berufen wurde und R. auch mit seinem Heimathsgenossen, dem seit 1798 in Dresden lebenden Landschaftsmaler Friedrich befreundet worden war, begab er sich am 20. Juni 1801 nach Dresden, wo er auch die Dichterin Brun wiedersah, bei den dortigen Künstlern eine freundliche Aufnahme fand und sich auch an der in Weimar gestellten Preisaufgabe "Achilles im Kampf mit dem Flußgotte" betheiligte, jedoch ohne Erfolg. Von besonderem Einfluß auf sein Leben war seine Freundschaft mit dem Musiker Ludwig Berger (geb. 1777, 1839), welche ihm den Geist der Tonkunst tiefer erschloß, sowie seine Neigung für Pauline Bassenge, durch die nicht nur sein Herz des höchsten Glückes theilhaftig wurde, sondern auch seine schöpferische Kraft größere Tiefe gewann und einen mächtigeren Aufschwung nahm. War seine Liebe anfangs freilich durch die Jugend der Braut und die Bedenklichkeit ihrer Eltern für ihn die Quelle mancher Sorge, so entsprang ihr in der Folge, als er sein Ziel erreichte, eine um so reinere Freude, je mehr sein zartes Gemüth eines innigen Familienlebens bedurfte. In diese Zeit gehören seine beiden berühmtesten Compositionen "Die Lehrstunde der Nachtigall" und "Die Tageszeiten", sowie "Die Freuden des Weins". Während letztere Zeichnung noch mehr dem antiken Geiste des "Triumphes Amors" entspricht, zeigen jene den Einfluß, welchen die Romantiker auf ihn ausübten. Unter diesen wurde L. Tieck schon 1801 mit R. durch innige Freundschaft verbunden, doch traten auch später Brentano und Görres mit ihm in nähere Beziehung: der Genius freilich, welchem R. am verwandtesten war, Friedrich v. Hardenberg (Novalis), weilte nicht mehr unter den Lebenden, aber ein unsichtbares Band schien beide zu verknüpfen: die Sehnsucht, das Göttliche in den Gebilden der Natur zu finden, ein reiner kindlicher Sinn der Auffassung und die zarteste Form der Darstellung. Mochte die Sentimentalität seiner Schöpfungen und der mystische Zug, welcher manchen derselben zu Grunde lag, auch bei seinem Lehrer Hardorf, bei J. H. W. Tischbein und bei einigen seiner Freunde auf Widerspruch stoßen, so bildete sich dagegen zwischen ihm und Goethe, wo eher eine Disharmonie mit dessen Vorliebe für die Antike vorauszusetzen war, eine sehr nahe Beziehung. Beide waren auf der Kunstausstellung zu Weimar zufällig mit einander bekannt geworden, und die gegenseitige Sympathie veranlaßte eine briefliche Correspondenz, welche für sie die Quelle hohen Glückes wurde. Was sie vereinigte, war Goethe's unbewußtes Streben, das Göttliche in der Natur zu erkennen, andererseits sein Studium der Farbenlehre, dem R. damals mit gleichem Eifer ergeben war. Letzteres hatte bei ihm eine besondere Anregung empfangen durch eine Reise, welche er mit seiner Braut und deren Mutter im August 1803 in die Heimath nach Wolgast unternahm, wo die nahe belegene Insel Oie und der Strekelberg auf Usedom in der Farbenverbindung des weißen Dünensandes mit dem Meeresblau einen besonders harmonischen Anblick gewährten. Nach Dresden zurückgekehrt, wurde er mit dem Bildhauer Rauch, den Malern Näcke und Ruscheweih, sowie mit seinen Landsleuten Titel und Klinkowström befreundet, von denen der letztere ihm besonders nahe stand, und bis zu seinem Tode mit ihm in Correspondenz blieb. Nach einem kürzeren Aufenthalte in Hamburg, wo Herterich bei seiner Abreise nach Paris von ihm Abschied nahm, einem Besuche beim Grafen Hahn (Vater des Theaterdirectors), welcher einem künstlerischen Auftrage desselben galt, begab sich R. über Wolgast nach Dresden zurück, wo er am 3. April 1804 seine Vermählung mit Pauline Bassenge feierte, und dann seit dem 13. Mai seinen bleibenden Aufenthalt in Hamburg nahm, wohin ihm auch Klinkowström folgte. Hier genossen beide die Unterweisung von Joh. Heinr. Wilh. Tischbein, welcher 1799 aus Italien zurückgekehrt war, und des Hofrath Eich aus Düsseldorff, auch gewannen sie, indem sie beim Abbruche des Hamburger Doms die in demselben befindlichen Gemälde der Sammlung des Malers Fried. Ludw. Heinr. Waagen einreihten, um sie für dessen Zeichenschule zugänglich zu machen, einen willkommenen Einblick in die ältere Kunst. Eine von R. 1805 angefertigte Reihe von Künstlerbiographien zu Waagen's Katalog (vgl. Hinterl. Schriften I, 55) gibt uns eine Probe, wie er die bedeutendsten Künstler der Vergangenheit auffaßte. Von seinen eigenen Arbeiten dieser Zeit sind zu nennen die Gemälde: der Muse Urania, der Mutter an der Quelle, und der Flucht nach Aegypten, sowie die Zeichnungen der heiligen drei Könige, der Heimonskinder und zu Ossian's Dichtungen, von denen letztere zu seinen bedeutendsten Schöpfungen gehören. Auch wurde er damals mit dem zwölf Jahre jüngeren Lübecker Künstler Fr. Overbeck bekannt.

    Der Krieg von 1806, welcher Hamburgs Verkehr und auch die Handelsverbindungen seines Bruders auf äußerste schädigte, veranlaßte R. jetzt zu einem längeren Aufenthalte in der Heimath, wohin ihn auch Klinkowström begleitete.|Hier malte er einige Porträts in Wolgast und verkehrte in Greifswald mit dem Universitätsmaler Dr. Quistorp, sowie mit dem Kunstfreunde Prof. Schildener, mit dem er Rügen bereiste, Kosegarten wiedersah und auch dessen Schwiegersohn Pastor Baier, sowie den Dichter Lappe kennen lernte. Pläne, für die Capelle Kosegarten's zu Vitte und die Marienkirche in Greifswald Altarbilder zu malen, kamen des Krieges wegen nicht zu Stande, an letzterem Orte wurde später Klinkowström's Copie der Nacht von Correggio aufgestellt. Am 27. April 1807 nach Hamburg zurückgekehrt, wurde er mit Pastor Geibel aus Lübeck, C. v. Villers, v. Rumohr, Sieveking, Niebuhr und Steffens befreundet und gewann auch durch dessen Schwägerin Louise Reichardt einen hohen musikalischen Genuß. Außer mehreren Entwürfen: Petrus auf dem Meer (für Kosegarten's Capelle bestimmt), Freuden der Jagd, Arion's Meerfahrt und Nachtigallengebüsch, eine sehr anmuthige Composition, in welcher die Nachtigall dem Klange von Amor's Flöte lauscht, beschäftigte ihn damals ein litterarisches Werk zur Farbenlehre, welches 1810 bei Perthes im Druck erschien. Ebendaselbst kamen auch die "Tageszeiten" in Radirungen heraus, welche das begeisterte Lob von Görres hervorriefen; nach seinem Tode endlich die Umrisse nach seinen ausgeschnittenen Bildern von Doris Lütkens, Hamburg 1843; einen sehr schön angeordneten Blumenstrauß hatte er auch (1806) für Goethe ausgeschnitten. In der Fülle dieser künstlerischen Entwürfe starb er am 2. December 1810 an einem Brustleiden, das ihm und den Seinigen schon in den letzten Jahren viel Sorge gemacht hatte. Die Originalzeichnungen zu den Tageszeiten und der Nachtigall nebst anderen befinden sich im Besitz des Hamburger Künstlervereins. Die Platten zu den Tageszeiten u. A. gingen beim großen Hamburger Brande zu Grunde.

    • Literatur

      Hinterlassene Schriften von Philipp Otto Runge, von dessen Bruder Johann Daniel Runge herausgegeben, 2 Bde., Hamburg 1840—41, Perthes, enth. die Kunstwerke, Briefe und Dichtungen des Verstorbenen, mit Porträt und sieben Abbildungen. — Schildener's Akademische Zeitschrift, 1826, II, 1 S. 58. — Petrich, pomm. Lebensb. II, 1, S. 235—81. — Kugler's Kl. Schriften III, 422. (Was Dr. A. Hagen, Deutsche Kunst in unserem Jahrhundert, 1857, Th. I, S. 77, 102, 147, 209 von R. sagt, enthält thatfächliche Irrthümer und verräth, daß ihm das Verständniß für Runge's Kunst mangelt.)

  • Autor

    Pyl.
  • Empfohlene Zitierweise

    Pyl, Theodor, "Runge, Philipp Otto" in: Allgemeine Deutsche Biographie 29 (1889), S. 692-694 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118604155.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA