Lebensdaten
1744 bis 1818
Geburtsort
Leipzig
Sterbeort
Leipzig
Beruf/Funktion
Mediziner ; Philosoph
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118594885 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Plattner, Ernst
  • Platner, Ernst
  • Plattner, Ernst
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Zitierweise

Platner, Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118594885.html [13.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Zacharias (1694–1747), aus Chemnitz, Prof. d. Medizin in L., Hofrat (s. ADB 26; Pogg. II; BLÄ);
    M N. N. Bömer ( 1790);
    B Friedrich ( 1770), Appellationsger.rat;
    Schw N. N. ( Christian Felix Weiße, 1726–1804, s. ADB 41);
    N. N.;
    3 S, u. a. Ernst Zacharias (1773–1855), Maler u. Kunstschriftst., Eduard (1786–1860), Prof. d. Rechte in Marburg (beide s. ADB 26), 2 T.

  • Leben

    Nach Schuljahren in Altenburg und Gera wurde P. 1762 in Leipzig immatrikuliert. Die Stationen seiner akademischen Laufbahn bilden die medizinische Dissertation „De vi corporis in memoria“ (1767), eine ao. Professur für Medizin (1770), gefolgt von einer o. Professur für Physiologie (1780) und schließlich einer Professur für Philosophie (seit 1801, 1783 u. 1789 Rektor, 1796 Dekan der med. Fak.). Er lehrte neben verschiedenen medizinischen Disziplinen Anthropologie, Ästhetik, Logik, Metaphysik und Moralphilosophie. Zu seinen Hörern zählten neben Philosophen wie Fichte und Carl Leonhard Reinhold auch Schriftsteller wie Jean Paul und Johann Gottfried Seume. Mit zeitgenössischen Ärzten (u. a. Samuel Thomas v. Sömmerring, 1755-1830, Johann Georg Zimmermann, 1728–95) unterhielt P. rege fachliche und persönliche Kontakte. Dasselbe gilt für Aufklärer in Leipzig und Berlin (u. a. Johann Jakob Engel, Christian Garve, Moses Mendelssohn, Friedrich Nicolai) sowie mit Kant. In der Medizin des 18. Jh. stand P. zwischen dem Animismus Georg Ernst Stahls (1660–1734) und der empirisch-experimentellen Schule Hermann Boerhaaves (1688–1738). Fortschrittlich war seine Aufnahme der Gerichtsmedizin und der Augenheilkunde in den akademischen Unterricht. P.s wissenschaftshistorisch bedeutsamste Leistung ist die Mitbegründung der neuzeitlichen Anthropologie als einer medizinisch-philosophischen Wissenschaft vom ganzen Menschen, die als Vorläufer der psychosomatischen Medizin gelten kann. P.s Innovation schlossen sich weitere zeitgenössische „philosophische Ärzte“ an (Jacob Friedrich Abel, Marcus Herz, Friedrich Schiller, Melchior Adam Weickard). Zur Lösung des umstrittenen Leib-Seele-Problems stellte P. seine Theorie psycho-physischer Wechselwirkung (Influxus physicus) den Hypothesen des Okkasionalismus (Malebranche) und der prästabilierten Harmonie (Leibniz) sowie dem franz. Materialismus (Helvetius, La Mettrie) entgegen. P. formulierte dieses Programm besonders einfluß-reich in der „Anthropologie für Aerzte und Weltweise“ (1772, Nachdr. 1998, völlig über-arb. „Neue Anthropologie f. Aerzte u. Weltweise“, 1790). P.s „Philosophische Aphorismen“ waren ein häufig gebrauchtes Lehrbuch der zeitgenössischen Schulphilosophie, das auch Fichte und Reinhold in Vorlesungen kritisch aufgriffen. P.s gegen Kants Kritizismus aufrechterhaltene „Philosophie für die Welt“ spiegelt sich in den verschiedenen Ausgaben des Werkes (I, 1776, 1784, 1793; II, 1782, 1800; e. konzise Studienausg. ersch. als „Lehrbuch d. Logik u. Metaphysik“, 1795).

    Spätestens seit seiner deutschen Ausgabe der „Gespräche über natürliche Religion“ von David Hume (1781; Übers. v. K. G. Schreiter), der er ein „Gespräch über den Atheismus“ (1781, 1783) beifügte, richtete P. zunehmend skeptische Einwände gegen die Orthodoxie. Schon 1777 hatte er sich wegen seiner Religionskritik vor dem Oberkonsistorium in Dresden verantworten müssen. P.s metaphysische Zweifel, die auch stark auf seinen Schüler Jean Paul wirkten, reichten indessen nicht zu einem radikalen Bruch mit der Philosophie von Leibniz, dessen „Theodizee“ er – wie auch seine eigene Person – in einem öffentlichen Streit (1781/82) gegen die polemischen Angriffe des Schriftstellers Johann Karl Wezel (1747–1819) und seiner Anhänger zu verteidigen hatte. Zur Ästhetik legte P. kein eigenständiges Werk vor. Seine weitgehend eklektizistische Auseinandersetzung mit der Kunsttheorie seiner Zeit spiegelt sich außer in den „Philosophischen Aphorismen“ in Vorlesungsnachschriften.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1808).

  • Werke

    Weitere W Briefe e. Arztes an seinen Freund üb. d. menschl. Körper, 1770/71;
    Der Professor, um 1773 (anonym);
    Anonymus, E. P. üb. d. Aesthetik (Vorlesungsnachschr. 1777/78, Hs., 426 S.: Univ. of Illinois in Urbana-Champaign, USA);
    F. B. Weber. Grundsätze d. Ästhetik (Fragment e. Kollegbuches 1795, Hs., 30 S.: Sächs. Landesbibl. Dresden);
    Vermischte medicin. Aufss., 1797;
    Quaestiones medicinae forensis, 1797-1817 (dt. 1820).

  • Literatur

    ADB 26;
    M. E. Engel. E. P.s Vorlesungen üb. Aesthetik, 1836 (P);
    E. Bergmann, E. P. u. d. Kunstphilos. d. 18. Jh., Nach ungedr. Qu. dargest., 1913 (P);
    R. Palaia, E. P. awersario della filosofia critica, in: Nouvelles de la Republique des lettres 5, 1985, S. 7-25;
    H. Schöndorf, Der Leib u. sein Verhältnis z. Seele bei E. P., in: Theol. u. Philos. 60, 1985, S. 77-87;
    G. Cantarutti, Moralistik, Anthropol. u. Etikettenschwindel, Überlegungen aus Anlaß e. Urteils üb. P.s „Philos. Aphorismen“, in: dies. u. Hans Schuhmacher (Hg.), Neue Stud. z. Aphoristik u. Essayistik, 1986, S. 49-103;
    A. Košenina, E. P.s Anthropol. u. Philos., Der „philos. Arzt“ u. seine Wirkung auf J. K. Wezel u. Jean Paul, 1989 (vollst. W-Verz., L);
    Ziegenfuß;
    Überweg III;
    Killy. – Eigene Archivstud.

  • Portraits

    Gem. v. A. Graff, 1778 u. 1790 (Kopie A. Kluges nach d. Gem. v. 1790 in d. Univ.bibl. Leipzig);
    Stich v. J. F. Bause nach d. Gem. v. 1778, in: Neue Bibl. d. schönen Wiss. u. d. freien Künste 23, 1. St., 1779, Frontispiz, Abb. b. E. Bergmann (s. L);
    Stich v. J. F. Bause nach A. Graff (1790), in: H. Schulz (s. L, S. 281), variiert in: M. E. Engel (s. L);
    Vignette v. W. Arndt (Univ.bibl. Leipzig), Abb. in: H. G. Kreußler (1810).

  • Autor/in

    Alexander Košenina
  • Empfohlene Zitierweise

    Košenina, Alexander, "Platner, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 513 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118594885.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Platner: Ernst P., geb. am 11. Juni 1744 in Leipzig, ebenda am 27. December 1818, dessen Vater, der Professor der Chirurgie Johann Zacharias P., im J. 1747 starb (s. u.), fand einen liebevollen Pflegevater an dem Philologen Joh. Aug. Ernesti, welcher ihn vorerst (1753) einem befreundeten Gymnasiallehrer in Altenburg überwies und dann (1755) an der Thomasschule, deren Rector er war, selbst unterrichtete. Als Ernesti 1759 eine Universitätsprofessur übernommen hatte, besuchte P. das Gymnasium zu Gera, von wo er 1762 an die Universität seiner Geburtsstadt überging. Im J. 1766 erwarb er in der philosophischen Facultät den Doctorgrad nebst venia legendi und nachdem er 1767 auch in der medicinischen Facultät promovirt hatte, trat er eine Reise an, bei welcher er sich längere Zeit in Straßburg, hierauf in Paris und dann in Belgien aufhielt. Im J. 1770 wurde er außerordentlicher Professor in der|medicinischen Facultät und im J. 1780 ordentlicher Professor der Physiologie; außer letzterer vertrat er in den Vorlesungen auch Augenheilkunde und gerichtliche Medicin, daneben aber las er zugleich über Logik, Metaphysik, praktische Philosophie und Aesthetik. Daß seine Vorträge damals äußerst fesselnd auf die Studirenden wirkten, wird einstimmig gerühmt, in späteren Jahren aber war hierin eine Abnahme sichtlich, und als er 1801 als außerordentlicher und bald darauf als ordentlicher Professor auch der philosophischen Facultät angehörte, stand er in diesem Gebiete bereits nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Auch seine reiche schriftstellerische Thätigkeit war mit dem Jahre 1800 fast gänzlich beendet. Nachdem er noch 1817 sein Docentenjubiläum begangen, wurde er im Mai 1818 geisteskrank und hinzutretende körperliche Leiden brachten eine baldige Erlösung. — Dem Gebiete der Philosophie gehört unter den Schriften Platner's, was die Anzahl betrifft, nur der kleinste Theil an, nämlich: „Anthropologie für Aerzte und Weltweise" (2 Theile, 1772—74, 2. Aufl. 1790), sodann das Hauptwerk „Philosophische Aphorismen“ (2 Bände, 1776—82, eine neue Bearbeitung des 1. Bandes 1784, und eine Umarbeitung des Ganzen in 2 Bänden 1793—1800), daneben „Ueber den Atheismus“ (1781, 2. Aufl. 1783), ferner „Spes immortalitatis animorum per rationes physiologicas confirmata“ (1791), schließlich „Lehrbuch der Logik und Metaphysik“ (1795), eigentlich nur eine für die Vorlesungen bestimmte Wiederholung eines betreffenden Abschnittes der Aphorismen. Er hatte sich zunächst völlig an Leibniz angeschlossen und konnte mit Recht als ein hervorragender Anhänger desselben gelten, da er mit einer seinen Auffassung der Hauptfragen auch reiche Kenntnisse in der Geschichte der Philosophie verband. Allmählich aber machte er eine Wendung, und sowie ihm schon von Anfang an die Frage über den Vorzug der prästabilirten Harmonie oder des sog, influxus physicus als gleichgiltig erschienen war, wofern nur die subjectiv praktische Bethätigung und die daraus folgende Glückseligkeit des Menschen gewahrt bleibe, so gelangte er in den Neubearbeitungen der Aphorismen schließlich dazu, die ganze Leibniz'sche Lehre in den Bereich der bloß subjectiven Vorstellungen zu ziehen und in objectiver Beziehung einen ausgesprochenen Skepticismus zu bekennen. So galt ihm nur die Anthropologie als eine zur Wahrheit befähigte Wissenschaft, und indem er insbesondere die Religion als ein Ergebniß unklarer Vorstellungen betreffs eines höchsten Wesens betrachtete, womit die praktische, zur Glückseligkeit führende Selbsterkenntniß überhaupt Nichts zu schaffen habe, näherte er sich entschieden den Aufklärern, mit welchen er bezüglich ihres Deismus sowie in jener eigenthümlichen Teleologie übereinstimmte, deren Maßstab bei Betrachtung des Universums die menschliche Glückseligkeit war. Bei grundsätzlicher Scheidung zwischen Religion und Moral galt ihm jene selbstständige Tugendübung als die höhere, welche nicht durch den Hinblick auf göttliche Gebote oder auf ein Lohnsystem geleitet ist, so daß hiermit auch der Atheismus keine Gefahr für wahrhafte Sittlichkeit in sich berge. Die Erkenntnißlehre aber entwickelte er in näherer Anlehnung an den Leibniz-Wolffischen Standpunkt. In der letzten Bearbeitung der Aphorismen bekämpfte er Kant, indem er in scharfsinniger Weise die meisten jener Punkte erörterte, welche auch noch heutzutage zu grundsätzlichen Bedenken Veranlassung geben; über die nachkantische Philosophie aber äußerte er sich in keiner Weise.

    • Literatur

      H. G. Kreußler, Autobiographien Leipziger Gelehrten (1810), S. 45. — Jenaische Lit.-Zeitg. 1819, Intelligenzbl. 38. — Ernesti Platner Quaestiones medicinae forensis .... vitam Platneri adiecit Lud. Choulant (1824), woselbst auch sämmtliche Schriften Platner's angeführt sind. — Max Heinze, Ernst Platner als Gegner Kant's (1880 Programm zur Francke-Stiftung).

  • Autor/in

    Prantl.
  • Empfohlene Zitierweise

    Prantl, Carl von, "Platner, Ernst" in: Allgemeine Deutsche Biographie 26 (1888), S. 258-259 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118594885.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA