Lebensdaten
1901 bis 1963
Geburtsort
Magdeburg
Sterbeort
Bonn
Beruf/Funktion
SPD-Politiker
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 118589857 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Ollenhauer, Erich

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Zitierweise

Ollenhauer, Erich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118589857.html [11.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (1873–1958), Maurer in M., S d. Gottfried August (1838–83), Zimmermann in Barby b. M., u. d. Friederike Kutzner (1847–1919);
    M Marie (1879-1965), T d. Carl Wilhelm Seeger (Saeger) (1850–91), Zimmermann in M., u. d. Marie Möhring (1847–1928);
    Magdeburg-Neustadt 1922 Martha (1900–85), T d. August Otto Müller (1874–1944), Schachtmstr., u. d. Emilie Krämer (1882–1953);
    2 S.

  • Leben

    O. stammte sowohl väterlicher- wie mütterlicherseits aus sozialdemokratisch geprägten Handwerkerfamilien. Nach der Volksschule absolvierte er eine kaufmännische Lehre, da ihm sein Wunsch, Lehrer zu werden, aus finanziellen Gründen nicht erfüllt werden konnte. 1916 wurde er Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), 1918 der SPD. Nach dem Abschluß seiner Lehre folgte ein Volontariat bei der sozialdemokratischen „Volksstimme“ in Magdeburg. Nun begann O.s Laufbahn als Berufspolitiker. Nach seiner Wahl in den Hauptvorstand der SAJ 1920 zog O. nach Berlin, wo er als Zweiter Sekretär und als Redakteur der Funktionärszeitschrift der SAJ arbeitete. 1923 wurde er Erster Sekretär der Sozialistischen Jugend Internationale (SJI), die ihren Sitz ebenfalls in Berlin hatte. 1928 wurde er zum geschäftsführenden Vorsitzenden der SAJ gewählt, die er in den Krisenjahren der Weimarer Republik als parteiloyale Parteijugendorganisation führte. Kurz vor dem Verbot der SPD durch das Naziregime wurde O. im April 1933 in den Parteivorstand gewählt. Mit den Parteivorsitzenden Otto Wels (1873–1939) und Hans Vogel (1881–1945) sowie anderen führenden Repräsentanten der SPD emigrierte er im Frühsommer des Jahres nach Prag, wo die geflüchteten Spitzenfunktionäre der Partei einen Exilvorstand, die sog. SOPADE, bildeten. Als 1938 die Besetzung Prags durch deutsche Truppen drohte, floh die SOPADE nach Paris. Zwei Jahre später gelang es ihr nur mit Mühe, aus dem besetzten Frankreich nach London zu entkommen. Hier war O. maßgeblich an der Gründung der „Union deutscher sozialistischer Organisationen in Großbritannien“ beteiligt, die außer Emigranten aus der SPD auch solche aus kleinen sozialistischen Splittergruppen umfaßte: der früheren „Sozialistischen Arbeiterpartei“ (SAP), dem „Internationalen Sozialistischen Kampfbund“ (ISK) und der Gruppe „Neubeginnen“. Sie bildete mit bewußtem Ausschluß der Kommunisten eine Vorform der 1946 für die westlichen Besatzungszonen und Berlin wieder gegründeten SPD. Bereits Ende 1945 entschied sich O., der nach dem Tode von Hans Vogel in London die Führung der sozialdemokratischen Emigranten übernahm, klar für das Konzept einer Parteibildung ohne Kommunisten, das in den westlichen Besatzungszonen von Kurt Schumacher (1895–1952)|vertreten wurde. Im Februar 1946 konnte O. nach Deutschland zurückkehren und in Hannover Schumachers Gründungsbüro einer überregionalen Sozialdemokratischen Partei verstärken.

    Auf dem Gründungsparteitag der neuen SPD im Mai 1946 wurde er zum Stellvertreter Schumachers an der Parteispitze gewählt. Trotz der Verschiedenartigkeit ihrer Herkunft und trotz ihrer unterschiedlichen Temperamente verstanden sich die beiden sehr gut. Mit seinem mehr auf Ausgleich bedachten Wesen konnte O. oftmals zwischen dem vor allem durch die Verfolgungen während der NS-Zeit sehr hart, ja schroff gewordenen Schumacher und dessen politischen Gegenspielern vermitteln. In allen wichtigen Sachfragen stand er jedoch loyal auf Schumachers Seite. Auch während der mehrmonatigen krankheitsbedingten Abwesenheiten Schumachers 1948/49 und 1952, in denen O. den Parteivorsitzenden vertrat, handelte er völlig in dessen Sinne.

    Nach Schumachers Tod wurde O. 1952 Parteivorsitzender und Vorsitzender der Bundestagsfraktion der SPD. Er führte die Politik seines Vorgängers fort und bekleidete beide Ämter bis zu seinem Tode 1963, verlor allerdings Ende der 50er Jahre zunehmend an Einfluß. Die Gruppe der „Reformer“ um Fritz Erler, Adolf Arndt, Willy Brandt und Herbert Wehner entmachtete ihn immer mehr. Die organisatorischen und programmatischen Reformbestrebungen, die zum neuen Organisationsstatut von 1958 und zum Godesberger Grundsatzprogramm von 1959 führten, wurden weitgehend ohne sein Zutun, ja teilweise gegen seinen Willen, verwirklicht. Auch konnte er bei den Wahlen der stellvortretenden Partei- und Fraktionsvorsitzenden sowie anderer wichtiger Funktionsträger nicht immer seine Kandidaten durchsetzen. Schließlich wurde O. – nach den beiden Wahlniederlagen von 1953 und 1957-1961 nicht erneut als Kanzlerkandidat nominiert, sondern Willy Brandt (1913–92), der ihm nach seinem Tode auch im Amt des Parteivorsitzenden folgte.

    Daß der Verzicht auf langjährige Parteitraditionen in der SPD nicht zu größeren Turbulenzen und zu folgenschweren Abspaltungen führte, war sicher vor allem der Tatsache zu verdanken, daß damals ein Mann an der Spitze der Partei stand, der als altgedienter Funktionär mit „Stallgeruch“ das Vertrauen gerade der Traditionalisten in der SPD besaß, die in dieser Zeit viele Opfer hatten bringen müssen.

  • Werke

    Reden u. Aufss., hg. u. eingel. v. F. Sänger, 21977. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Archiv d. soz. Dem. d. Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn.

  • Literatur

    W. G. Oschilewski, E. Paul u. R. Raunau, E. O., 1953 (P);
    B. Seebacher-Brandt, O. – Biedermann u. Patriot, 1984 (P);
    R. Baumann u. G. Fochler-Hauke, Biogrr. z. Zeitgesch. seit 1945, 1985;
    E. Wiemers, in: Das Parlament Nr. 51 v. 17.12.1993;
    H.-D. Klein, in: Lb. europ. Soz.demokraten d. 20. Jh., hg. v. O. Dankelmann, 1995, S. 403-14 (P);
    BHdE I.

  • Autor/in

    Willy Albrecht
  • Empfohlene Zitierweise

    Albrecht, Willy, "Ollenhauer, Erich" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 524 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118589857.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA