Lebensdaten
1872 bis 1942
Geburtsort
Karlsruhe
Sterbeort
Winterthur (Schweiz)
Beruf/Funktion
Dichter
Konfession
jüdische Familie
Normdaten
GND: 118583417 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mombert, Alfred

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Mombert, Alfred, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118583417.html [16.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Eduard (1829–1901), Kaufm., betrieb gemeinsam mit seinen Brüdern Jakob (s. Gen. 2) u. Hermann e. Hemdenfabr. in K., S d. Moritz (1799–1859), Dr. med., Arzt in Wanfried/Werra, zuletzt in K., u. d. Caroline Goldschmidt;
    M Helene Gompertz (1842–1913);
    Ur-Gvv Jacob Lazarus (um 1760–1824), Hofzahnarzt in Kassel;
    Vt Paul (s. 2); – ledig.

  • Leben

    Nach dem Abitur in Karlsruhe 1890 und dem Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger studierte M. 1891-96 Jura in Heidelberg, Leipzig und Berlin, legte 1896 in Heidelberg das Staatsexamen ab und promovierte 1897. Juristisch war er bis zur 2. Staatsprüfung 1899 als Praktikant in Anwaltskanzleien und an bad. Gerichten tätig, seit November 1899 als Rechtsanwalt in Heidelberg. Im September 1906 gab er den Beruf auf, um sich ganz seiner dichterischen Arbeit sowie ausgedehnten Studien der Geographie und Ethnologie, Orientalistik, Philosophie und Religionswissenschaft zu widmen. Er bereiste Südeuropa, die afro-asiat. Mittelmeerländer und unternahm Wanderungen im Hochgebirge. 1909-11 lebte er in Berlin und München, dann wieder in Heidelberg.

    Das Fundament seines Werkes war 1906 erarbeitet. Neben dem ersten Gedichtband, der 1894 durch ganz eigenständige Ansätze aufgefallen war, lagen vier zyklisch komponierte „Gedicht-Werke“ vor, drei davon, als Ergebnis einer konsequenten Entwicklung, in zweiten, veränderten Auflagen. M. hatte seine Sprache von allen Konventionen befreit und zu sinnbildlicher Bedeutung gesteigert; er konnte Außen- und Innenwelt im Gedicht verschränken, Erlebnisse der Sinne wie des Geistes, physische wie metaphysische Erfahrungen in einem Ausdruck erfassen, lyrisch chiffrieren. Nach einer die ersten Werke prägenden mystischen Erfahrung des Schöpferischen in sich und in der Welt weitete sich M.s Anschauung zu einem mythischen Weltverständnis. Er erkannte im All wie in der Erd- und Menschheitsgeschichte die gleichen, Chaos und Kosmos in immerwährenden Schöpfungsprozessen bewegenden und erhaltenden Kräfte und erlebte sie als Emanationen auch seines Geistes. Das lyrische Subjekt seiner Gedichte ging in Pluralität über und drängte zu der räumlichen und figürlichen Vielgestaltigkeit dramatischer Formen, die er um 1910 zuerst einem Alter ego, „Aeon“, dem ewigen Menschengeist, widmete. Er brachte sie aber bis 1925 durch ein „flächenförmig-ausstrahlendes“ Kompositionsprinzip auch in die Gedicht-Werke ein, in zwei neu entstandene sowie in überarbeitete Ausgaben seiner frühen Zyklen; aus allen Einzelwerken entstand so eine neue dichterische Einheit. Sein „opus ultimum“ schrieb M. seit 1933 in epischer Form; „Sfaira“, die aus dem „Aeon“-Mythos hervorgegangene Gestalt des dichterischen Geistes, schildert rhapsodisch die Vollendung des irdischen Lebens in der Welt durch Geist.

    M. vereinte in seinem kosmischen Erleben die Mystik des Ostens und des Abendlandes und setzte die Mythen vieler Völker in seinem Mythos um. Mit seinem visionären Weltverständnis und seiner hymnischen Lebensbejahung stellt er sich in die Tradition Hölderlins und Nietzsches; die absolute Konsequenz und Geschlossenheit macht seine Dichtung dem Werk Georges oder Rilkes vergleichbar. Die Esoterik seiner Sprache und Konzeption indessen verhinderte M.s Wirkung in die Breite, obgleich er in literarischen Kreisen viel gerühmt wurde, etwa von M. Buber, R. Pannwitz, R. Dehmel, H. Carossa, O. Loerke, und Anfang 1928 in die Preuß. Akademie der Künste aufgenommen wurde. Seine Gedichte wurden zwischen 1899 und 1934 ins Polnische, Tschechische, Englische und Französische übersetzt, durch C. Ansorge, A. Berg, F. Klose, A. Knab, H. Walden u. a. vertont und inspirierten bildende Künstler wie C. Hofer, L. Meidner, E. R. Weiß, G. Wolf und A. Zweininger. In eine der schnell wechselnden Kunstströmungen seiner Zeit kann M. nicht eingeordnet werden, ebensowenig wie George; hinsichtlich der dichterischen Ziele erscheint er als dessen Antipode. M. lebte zurückgezogen in Räumen des ehemaligen Karmeliterklosters am Friesenberg, später in einem Haus am Klingenteich. Seine Briefe bezeugen viele, oft lebenslang gepflegte Freundschaften, aber auch die Einsamkeit seiner dichterischen Existenz, die schweren, visionären Erschütterungen ausgesetzt war. Demgegenüber berührte es ihn wenig, daß er 1917 Soldat werden mußte, daß durch die Inflation sein Vermögen minimiert und seine Umstände beengt wurden. Erst nach 1933 wurden für ihn seine visionären Erfahrungen von der Zertrümmerung des Individuums, dem Niedergang der Kulturen und der Überwältigung des Kosmischen durch das Chaos Realität. Im Mai 1933 wurde er, als Jude, aus der Akademie der Künste ausgeschlossen, 1934 die Verbreitung seiner Bücher verboten. Trotz Isolierung, Diffamierung und absehbarer Gefährdung emigrierte M. nicht. Er glaubte, als Dichter der Deutschen, der deutschen|Landschaft und Geschichte geschützt zu sein oder, sollte er „verraten“ werden, sich seinem Schicksal in Deutschland nicht entziehen zu dürfen. Am 22.10.1940 wurde er in das Konzentrationslager Gurs (Südfrankreich) verschleppt und durchlitt dort bis April 1941 die „Baracken-Winter-Finsternis“ – „Nacht-Asche auf den Lippen“. Freunde, darunter H. Carossa, verwandten sich bei NS-Politikern für M. Er wurde im April 1941 in das Internierten-Sanatorium Idron-par-Pau verlegt, bis der Schweizer Freund Hans Reinhart im Oktober 1941 eine Einreisegenehmigung in die Schweiz erwirkte und ihn, der damals schon todkrank war (Karzinom), befreien konnte. M. überarbeitete seine Gedicht-Bücher noch einmal, „für künftigen Druck“, dessen Realisierung 1942 nicht zu erhoffen war.

  • Werke

    Dichtungen, Gesamtausg., 3 Bde., hrsg. v. E. Herberg, 1963 (W-Verz.). – Einzelausgg.: s. Dichtungen, III, S. 393 f.;
    U. Weber, Bio-bibliogr. Zeittafel, in: Hundert Gedichte v. himml. Zecher (s. u.). – Anthologien: Der himml. Zecher, Ausgew. Gedichte, 1909, Neue erweiterte Ausg. 1922, Neue Ausg. in sieben Büchern, 1958;
    Musik d. Welt, Aus meinem Werk, 1915;
    Gedichte, Ausw. u. Nachwort v. E. Höpker-Herberg, 1967;
    Hundert Gedichte v. himml. Zecher, Ausw. v. ders., H. Ebeling u. A. v. Schirnding, Bio-bibliogr. Zeittafel v. U. Weber, 1992. – Briefe: Briefe 1893-1942, hrsg. v. B. J. Morse, 1961;
    Briefe an Richard u. Ida Dehmel, hrsg. v. H. Wolffheim, 1955;
    Briefe an Vasanta 1922-1937, hrsg. v. B. J. Morse, 1965;
    Briefe an F. K. Benndorf aus d. J. 1900-1940, hrsg. v. P. Kersten, eingel. v. H. Wolffheim, Nachwort v. E. Wolffheim, 1975. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Karlsruhe, Bad. Landesbibl.; Moskau, Zentrum f. d. Aufbewahrung hist. dokumentar. Slgg. (bis 1992 verschollen).

  • Literatur

    F. K. Benndorf, A. M., Der Dichter u. Mystiker, 1910;
    ders., A. M., Geist u. Werk, 1932 (P);
    R. Benz, Der Dichter A. M., 1947;
    F. J. Petermann, Symbolik u. Problem d. „Gestalt“ b. A. M., 1960;
    U. Weber, A. M., Ausst.kat. Karlsruhe 1967 (W-Verz., L, P, mit Hinweisen auf unselbständig ersch. Würdigungen u. a. v. I. Bachmann, M. Buber, H. Carossa, R. Pannwitz);
    F. Usinger, A. M., Der Dichter d. Kosmos, in: ders., Dichtung als Information, Von d. Morphol. z. Kosmol., 1970, S. 281-94;
    M. A. Scott-Jones, Constellar Imagery as the Structural Basis of Der himmlische Zecher by A. M., Diss. Oregon 1975;
    E. Höpker-Herberg, Zur Beziehbarkeit v. Brief u. Werk, Befunde b. A. M. u. St. George, in: Probleme d. Briefedition, hrsg. v. W. Frühwald u. a., 1977, S. 187-211;
    dies., „Gott – Und d. Träume“, Der Kontext d. Verses b. A. M. u. M. Lechter, in: Stud. z. dt. Lit., FS f. A. Beck, hrsg. v. U. Fülleborn u. J. Krogoll, 1979, S. 255-77;
    dies., „Ich lausche meiner obern Melodie“, Die dichter. Grunderfahrung A. M.s in e. Gedicht aus d. „Denker“, in: Gedichte u. Interpretationen, V: Vom Naturalismus bis z. Jh.mitte, hrsg. v. H. Hartung, 1983, S. 90-99;
    dies., „Ich aber bin dann Äther. Hauch. Und Sage“, Erinnerung an A. M., 1993;
    W. Helwig, A. M., Visionär auf eigene Rechnung, in: Merkur 33, 1979, S. 496-502;
    U. R. M. Gillett, „Mysticism“, „Myth“ and „Magic“ in the Poetry of A. M. and O. Loerke, Diss. Cambridge 1987;
    U. J. Beil, A. M., Die Wiederkehr d. Absoluten, 1988;
    A. Tosi, A. M., Diss. Mailand 1989;
    R. Haehling v. Lanzenauer, A. M., d. Weltenseher, in: Neue jurist. Wschr. 1992, H. 20, S. 1284-88;
    W. Lenz, A. M., Internierung u. Schweizer Exil, in: NZZ v. 27.3.1992, S. 28 (P);
    S. Himmelheber u. K.-L. Hofmann, A. M. (1872-1942), Ausst.kat. Heidelberg 1993;
    J. W. Storck, „Reine Gestalt – unnahbare Sage“, in: Allmende 13, 1993, S. 123-47;
    Rhdb. (P);
    Enc. Jud. 1971;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    BHdE II;
    Killy.

  • Portraits

    Gem. v. K. Hofer (Karlsruhe, Staatl. Kunsthalle), Abb. in: Dt. Schriftst. im Porträt V, hrsg. v. H.-O. Hügel, 1983;
    Lith. v. E. R. Weiss, Abb. in: NZZ v. 27.3.1992, S. 28;
    Phot., Abb. b. Wilpert, Literatur in Bildern.

  • Autor/in

    Elisabeth Höpker-Herberg
  • Empfohlene Zitierweise

    Höpker-Herberg, Elisabeth, "Mombert, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 22-23 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118583417.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA