Lebensdaten
1898 bis 1979
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Starnberg (Oberbayern)
Beruf/Funktion
Philosoph
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118577638 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Marcuse, Herbert

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Zitierweise

Marcuse, Herbert, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118577638.html [18.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Carl (* 1864), Textilfabrikant in B.;
    M Gertrud Kreslawsky;
    1) 1924 Sophie Wertheim ( 1951), 2) 1954 Inge Werner ( 1973), Wwe v. Franz Neumann, 3) 1976 Erica Sherover;
    1 S aus 1), 2 Stief-S aus 2).

  • Leben

    M. wuchs in Berlin im großbürgerlichen Milieu einer assimilierten jüdischen Familie auf. Nach dem Notabitur am Mommsengymnasium 1916 wurde er nach Darmstadt eingezogen und 1918 zur Luftschifferersatzabteilung I nach Berlin versetzt. Nach Kriegsende wurde er in den Soldatenrat in Berlin-Reinickendorf gewählt, aus dem er wieder austrat, als man begann, frühere Offiziere aufzunehmen. 1919 verließ er nach zweijähriger Mitgliedschaft die SPD, da er deren Politik für mitverantwortlich an der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hielt. Besonders beeindruckt hat ihn das sozialistische Experiment der Münchner Räterepublik, da sich hier radikale Kulturkritik, Jugendbewegung und Boheme für kurze Zeit mit den politischen Zielen der Linken verbanden. Die Vorliebe für diese „unreine“ Mischung blieb für M. bezeichnend. Zeit seines Lebens hat er versucht, Motive der Frühromantik und des Frühidealismus wieder ins Bewußtsein zu rufen und mit Vorstellungen von Marx und Freud in Einklang zu bringen.

    Von 1919 an studierte M. vier Semester Germanistik, Philosophie und Nationalökonomie in Berlin und wechselte dann nach Freiburg über, wo er 1922 bei Philipp Witkop mit der Dissertation „Der deutsche Künstlerroman“ promoviert wurde, die, an Hegels Ästhetik orientiert und durch Lukács' „Theorie des Romans“ beeinflußt, ein Thema aufgreift, das ihn noch bis in seine späte Zeit beschäftigen sollte: die politische Qualität des Ästhetischen. Anschließend arbeitete M. zunächst als Antiquar in Berlin. 1928 kehrte er nach Freiburg zurück, um bei Edmund Husserl und vor allem bei Martin Heidegger Philosophie zu studieren, zu dessen engerem Schülerkreis er bald gehörte. Zwischen 1928 und 1932 unternahm er in zahlreichen Aufsätzen sowie in seiner Habilitationsschrift über „Hegels Ontologie und die Theorie der Geschichtlichkeit“ den Versuch, Existenzialismus und historischen Materialismus zu verbinden. Mit diesen Arbeiten gelang M. ein Vorgriff auf die späteren Versuche Sartres und der Praxisphilosophie, den Marxismus von seiner metaphysischen Geschichtsauffassung zu befreien. Da Heidegger M. hatte wissen lassen, daß für ihn als Juden eine Habilitation an der Freiburger Universität aussichtslos geworden sei, reichte dieser seine Schrift nicht ein, Heideggers Verleger Klostermann aber publizierte sie noch 1932. Im Zuge seiner Beschäftigung mit dem Marxismus hatte M. sich allerdings mehr und mehr von Heidegger entfernt. M. entdeckte in der Struktur des Alltagslebens, im „gesellschaftlichen Sein“ des Einzelnen, in dessen Beschränkung und Zerstörung das authentische Leben, während Heidegger in einem Aufruf in der Freiburger Studentenzeitung im November 1933 den „Führer“ als „heutige und künftige Wirklichkeit und ihr Gesetz“ verstand, das „Dasein“ als „Mitsein“ der völkischen Gemeinschaft bestimmte und das Alltagsleben des Einzelnen abwertend als bloßes „Man“ bezeichnete. Heideggers M. gegenüber später ausgesprochenes Eingeständnis, er hätte Hitler falsch eingeschätzt, ließ dieser nicht gelten: Die Äußerungen und Reden Heideggers zwischen 1933 und 1935 seien kein Irrtum, sondern „Verrat an der Philosophie“ gewesen.

    Auf Empfehlung Husserls und durch Vermittlung Kurt Riezlers, des Kurators der Univ. Frankfurt, wurde M. 1932 von Leo Löwenthal an das von Max Horkheimer geleitete Institut für Sozialforschung geholt, das in die Schweiz verlegt werden sollte. 1933, noch vor Hitlers Machtantritt, ging er mit seiner Familie über Zürich nach Genf. 1934 übersiedelte er mit dem Institut nach New York. Die Zusammenarbeit vor allem mit|Horkheimer, Löwenthal und Franz Neumann in den 30er Jahren stellte die produktivste Phase seines Lebens dar. Neben großen programmatischen Aufsätzen zur Grundlegung einer kritischen Theorie der Gesellschaft hat M. eine Vielzahl von Büchern für die von Löwenthal redigierte „Zeitschrift für Sozialforschung“ besprochen. Herausragend und bis heute wirksam geblieben sind aus jener Zeit vor allem die Arbeiten über die totalitäre Staatsauffassung, die auf einen inneren Zusammenhang des deutschen Konservativismus mit dem deutschen Faschismus hinweisen, sein Aufsatz „Über den affirmativen Charakter der Kultur“ (1937) sowie die wichtige Ortsbestimmung des Denkens der Frankfurter Schule im Aufsatz „Philosophie und kritische Theorie“ im selben Jahr. „Vernunft und Revolution“, M.s zweites, dem Institut für Sozialforschung gewidmetes Buch über Hegel erschien 1941. Es ist zu einem Standardwerk der Hegelforschung geworden. In ihm wird vor allem die zentrale Rolle der Negation und des Negativen in Hegels Werk hervorgehoben, um im Gegensatz zu der in einen unkritischen Positivismus mündenden rechten Hegelinterpretation dem amerikanischen Publikum einen liberalen und kritischen Philosophen vorzustellen. Dabei sucht M. klarzumachen, daß vor allem im Werk von Marx das kritische Erbe der Dialektik aufgehoben ist. - 1940 erhielt M. die gleich nach seiner Ankunft beantragte amerikan. Staatsbürgerschaft. Während des Krieges arbeitete er zusammen mit Franz Neumann, Otto Kirchheimer und Barrington Moore jr. am „Office of Strategic Studies“ (OSS) über Kriegsverbrechen in Deutschland. Von den in M.s Abteilung erstellten Listen der Wirtschaftsführer, die in Naziverbrechen verwickelt waren, wurde freilich nach dem Krieg kein Gebrauch gemacht.

    Nach 1945 für kurze Zeit als amerikan. Offizier in Deutschland, war M. bis 1951 im Auftrag des State Department tätig. Danach arbeitete er an den Russian Institutes der New Yorker Columbia University und in Harvard an Studien über den Sowjet-Marxismus. 1954 erhielt er seine erste Professur für Philosophie und Politologie an der Brandeis University in Boston, Massachusetts. Nach einer Gastprofessur in Frankfurt 1964 wurde M. 1965 Professor für Politologie an der University of California, San Diego. Von hier ging M.s bedeutende Wirkung auf die Studentenbewegung aus. Ihre Grundlage waren vor allem drei Bücher, in denen er seine Vorstellungen einer kritischen Theorie darlegte. In „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“ (1964, engl. 1958) hat er den orthodoxen dialektischen Materialismus systematisch analysiert und den Verfall der Dialektik kritisiert; „Triebstruktur und Gesellschaft“ (1965, engl. u. d. T. Eros and Civilization, 1955), sein eigentliches Hauptwerk, ist der Versuch, die bei Schiller und Schelling formulierten Gedanken einer ästhetischen Vernunft auf der Grundlage von Freuds Triebtheorie zu deuten und zu erneuern. Eine daran anschließende Kulturkritik hat M. dann in seinem Werk „Der eindimensionale Mensch“ (1964) vorgelegt. Dieses pessimistische Buch versucht das Paradox einer fortschreitenden Rationalisierung in der spätkapitalistischen Industriegesellschaft, die als ganze immer deutlicher irrationale Züge anzunehmen scheint, zu erklären. Er beschreibt den allgemeinen Zustand dieser Gesellschaft als den einer vereinseitigten technologischen Rationalität, die alle Lebensbereiche ergreift, auch Kritik integriert oder überflüssig macht. Die Gesellschaft reduziert nach M. den Einzelnen auf diese Eindimensionalität, indem sie ihn durch Konsum korrumpiert und durch Werbung und Massenmedien manipuliert, so daß er ohne das Bewußtsein seiner Unfreiheit lebt. Der Wandel der Gesellschaft bleibt der Kontrolle einer vernünftigen Subjektivität entzogen und somit irrational. Bei M. verlagert sich deshalb die Hoffnung auf einen die wesentlichen Bedürfnisse des Menschen befriedigenden Zustand der Gesellschaft von den Kräften der Integration auf die Außenseiter, die sich nicht integrieren lassen. M.s Setzen auf den intellektuellen Protest, in dem sich Desintegration und Rationalität vereinigen, war Ausdruck seiner späten Hoffnung auf eine revolutionäre Negation des Status quo dieser Gesellschaft. Als Theoretiker der Befreiung ist M. in den 60er Jahren berühmt geworden. Die rebellierenden Studenten in Berkeley, Berlin, Frankfurt, New York und Paris sahen in ihm ihren wichtigsten Lehrer.

  • Werke

    Schrr., 1978 ff., bisher erschienen: I, Der dt. Künstlerroman, Frühe Aufsätze, 1978, III, Aufsätze aus d. Zs. f. Sozialforschung, 1934–41, 1979, V, Triebstruktur u. Ges., 1979, VIII, Aufsätze u. Vorlesungen 1948–69, 1984, IX, Konterrevolution u. Revolte, Zeit-Messungen, Die Permanenz d. Kunst, 1987.

  • Literatur

    Antworten auf H. M., hrsg. v. J. Habermas, 1968;
    P. Árnason, Von M. zu Marx, 1971;
    J.-M. Palmier, M. et la nouvelle gauche, 1973;
    S. Breuer, Die Krise d. Revolutionstheorie, 1977;
    Gespräche mit H. M., 1978;
    K.-H. Sahmel, Vernunft u. Sinnlichkeit, 1979;
    ders., Ausgew. Bibliogr. d. Schrr. v. H. M., in: Jb. d. Arbeiterbewegung, VI, 1979;
    M. Schoolman, The Imaginary Witness, 1980 (W-Verz., L);
    D. Kellner,|H. M. and the Crisis of Marxism, 1984;
    H. Brunkhorst u. G. Koch, H. M. z. Einführung, 1987 (W, L, P);
    Text u. Kritik, hrsg. v. H.-L. Arnold, H. 98, April 1988 (W, L, P);
    BHdE II, 2;
    Kosch, Lit.-Lex.3.

  • Autor/in

    Hauke Brunkhorst
  • Empfohlene Zitierweise

    Brunkhorst, Hauke, "Marcuse, Herbert" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 138-140 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118577638.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA