Lebensdaten
1840 bis 1901
Geburtsort
Trier
Sterbeort
San Remo
Beruf/Funktion
katholischer Theologe ; Christlicher Archäologe
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118566245 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Spectator (Pseudonym)
  • Gerontius
  • Flaminius
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Zitierweise

Kraus, Franz Xaver, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118566245.html [16.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Paul (1804–65), Maler, Zeichenlehrer am Gymnasium in T., S d. Schneiders Karl Emanuel Krause in Warschau, später in Trier, u. d. Anna Joh. Groß aus T.;
    M Maria Magdalena (1801–71), T d. Schneiders Philipp Jung in T. u. d. Anna Catherina Saarburg; Vorfahren Joh. Konrad Trier (ca. 1648–1731), kurfürstl. Hofschreiner, konvertierter Jude, Peter Beurlaeus (Beurlin, 1616), Stadtschreiber u. Hofgerichtsschöffe in T.

  • Leben

    K., der Begründer der Christlichen Archäologie in Deutschland, wurde durch die römischen Denkmäler seiner Vaterstadt nachhaltig beeinflußt. Er studierte am konservativen Trierer Priesterseminar, erlebte aber 1860-62 während einer Studienunterbrechung als Hauslehrer in französischer Adelsfamilien durch die Berührung mit dem liberalen Katholizismus Lacordaires und Montalemberts einen völligen Gesinnungswandel. Ohne Universitätsstudium promovierte er 1862 in Freiburg im Breisgau zum Dr. phil., empfing 1864 in Trier die Priesterweihe und erwarb 1865 bei dem Freiburger Kirchenhistoriker J. Alzog den Grad eines Dr. theol. Trotz seiner Kenntnisse und Fähigkeiten wurde er nur als Frühmesser in Pfalzel bei Trier verwendet. Die Hoffnung auf eine Professur am Priesterseminar zerschlug sich, da er sich bei seinem einstigen Gönner, Bischof M. Eberhard, durch eine kritische Schrift über den in Trier verehrten Heiligen Nagel und die Zweifel am apostolischen Ursprung der Trierer Diözese mißliebig gemacht hatte. Dem politischen Einfluß des liberalen Trierer Dompropsts K. Holzer verdankte er 1872 den außerordentlichen Lehrstuhl für Christliche Archäologie in Straßburg. Der Wunsch nach einer Kirchengeschichtsprofessur erfüllte sich 1878 mit der Nachfolge Alzogs in Freiburg. Hier lehrte K. bis an sein Lebensende und wurde die beherrschende Persönlichkeit der Theologischen Fakultät. Berufungen nach Breslau, Bonn, Würzburg und München lehnte er ab. Mehrfache Bischofskandidaturen – so in Trier, Freiburg, Straßburg und Bamberg – scheiterten am Widerstand Roms. Die Anstrengungen seiner Gegner, die 2. Auflage seiner „Kirchengeschichte“ (1882, 41896) auf den Index zu bringen und K. dadurch kirchlich unmöglich zu machen, verhinderte der Einspruch Leos XIII.

    Für die Denkmälerinventarisation in Deutschland wurde K. richtunggebend mit seinen 4 Bänden „Kunst und Alterthum in Elsaß-Lothringen“ (1877-92), der ersten wissenschaftlichen Kunsttopographie, und mit den „Kunstdenkmälern des Großherzogtums Baden“ (6 Bände, 1887–1904, Band 6 aus dem Nachlaß herausgegeben von M. Wingenroth). Die jahrzehntelang unentbehrliche „Real-Encyklopädie der christlichen Alterthümer“ (2 Bände, 1882–86) ist in der Hauptsache sein eigenes Werk. Eine ebenso bedeutende Leistung sind die „Christlichen Inschriften der Rheinlande“ (2 Bände 1890–94). In seinem Monumentalwerk „Geschichte der christlichen Kunst“ (2 Bände in 4 T., 1896–1908, von K. Schüler J. Sauer zu Ende geführt) hat er die schöpferische Gestaltungskraft der christlichen Gedankenwelt und erstmals die wichtige Rolle der Liturgie für die Deutung der Kunstwerke aufgezeigt. Die sogenannte „Monumentale Theologie“ ist weitgehend sein Verdienst, wie er auch mit der Auffassung gebrochen hat, die Gotik sei im Gegensatz zur Renaissance die christliche Kunst schlechthin. Sein „Dante“ (1897) soll beim Erscheinen als das beste Buch der deutschen Danteforschung gegolten haben. Den Kirchenhistoriker K. nennt Lord Acton die unbestritten erste Autorität auf seinem Gebiet.

    Als Kirchenpolitiker ist K. bis heute umstritten. Durch seinen Einfluß auf E. Freiherr von Manteuffel, den Statthalter von Elsaß-Lothringen, schrieb er sich wesentliche Verdienste an der Vermeidung des Kulturkampfs in den Reichslanden zu. Roger Aubert nennt ihn „einen Informanten der Regierung in Berlin auf politisch-religiösem Gebiet, der Gehör fand“. B. Graf von Hutten-Czapski schrieb 1891 an K.: „Ob Sie es wollen oder nicht, Sie sind für alle Anhänger einer gemäßigten Richtung in der Kirche der leitende Geist.“ Nach Ph. Fürst zu Eulenburg hat Wilhelm II. sich 1893 bei seinem Besuch bei Leo XIII. wesentlich an das von K. für den Kaiser verfaßte Promemoria angelehnt. Als genauer Kenner der Verhältnisse im Vatikan weilte K. auf Wunsch Wilhelms II. von November 1895 bis April 1896 in Rom, um im Hinblick auf das erwartete Ableben Leos XIII. als Geheimbeauftragter des|Reichskanzlers Hohenlohe beim Konklave die deutschen Interessen wahrzunehmen. Kurz vor seinem Tod war er von Reichskanzler Bülow 1901 für eine ähnliche Mission in Aussicht genommen. Für seine formvollendeten „Essays“ (2 Bände, 1896–1901) stand K. die „Deutsche Rundschau“ Rodenbergs zur Verfügung. Für die Geschichte des deutschen Journalismus ist K. noch zu entdecken. Unter dem Pseudonym „Spectator“ veröffentlichte er 1895-99 in der monatsersten Beilage der „Allgemeinen Zeitung“ seine aufsehenerregenden „Kirchenpolitischen Briefe“. Der erste vom 1. Juli 1895 hatte das bezeichnende Thema „Politischer Katholizismus, Kirche und Demokratie“. Nach K. Holt beleuchtete K. in ihnen mit glänzender journalistischer Kunst die Lage der katholischen Kirche in allen Kulturländern, um zu zeigen, daß der Katholizismus, der auf politische Macht ausgehe, nur sich selbst entgegenarbeite. Im Auftrag Roms verbot EB Th. Nörber im Frühjahr 1899 K. die Weiterführung der Briefe. K. unterwarf sich pro forma, setzte aber seine monatlichen Zeitbetrachtungen bis an sein Lebensende fort. Dabei leitete ihn ein ausgesprochenes Sendungsbewußtsein und echte Liebe zur Kirche, ausgehend von seiner Idee des „religiösen Katholizismus“, die ihn in schärfsten Gegensatz zu Zentrum und Ultramontanismus brachte. O. Köhler nennt sein Programm die heute „allein mögliche Form kirchlichen Daseins“. Weit vorausschauend hat K., den eine tiefe Gläubigkeit beseelte, vor denen gewarnt, die in einer „homöopathischen Verdünnung des Dogmas das Heilmittel für Theologie und Kirche“ sehen. Gegenüber dem Reformkatholizismus verhielt er sich ablehnend.

  • Werke

    Weitere W u. a. Tagebücher, hrsg. v. H. Schiel, 1957 (W: 252 Titel, L: 206 Titel, P);|

  • Nachlaß

    Nachlaß: Trier, Stadtbibl. (Tagebücher, Akten, Briefbücher u. viele tausend Briefe an K. v. üb. 1 700 versch. Absendern).

  • Literatur

    K. Braig, Zur Erinnerung an F. X. K., 1902 (P);
    M. Laros, F. X. K., 1941 (P);
    H. Schiel, Im Spannungsfeld v. Kirche u. Pol., F. X. K., 1951 (P. Ahnentafel v. H. Milz);
    ders., F. X. K. u. d. kath. Tübinger Schule, 1958;
    ders., Liberal u. Integral, Der Briefwechsel zw. F. X. K. u. A. Stöck, 1974 (P);
    Cl. Bauer, Die Selbstbildnisse d. F. X. K., in: Hochland 52, 1959, S. 101-21;
    O. Köhler, Bewußtseinsstörungen im Katholizismus, 1972, S. 225-38;
    ders., in: Kath. Theologen Dtld.s im 19. Jh., hrsg. v. H. Fries u. G. Schwaiger, III, 1975 (W, L, P).

  • Portraits

    Bronzerelief v. J. v. Kopf, 1895 (Trier, Stadtbibl.), Abb. in: Tagebücher, s. W.

  • Autor/in

    Hubert Schiel
  • Empfohlene Zitierweise

    Schiel, Hubert, "Kraus, Franz Xaver" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 684-685 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118566245.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA