Lebensdaten
1867 bis 1945
Geburtsort
Königsberg (Preußen)
Beruf/Funktion
Graphikerin ; Bildhauerin
Konfession
freireligiös
Normdaten
GND: 118564943 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schmidt, Käthe (geborene)
  • Kollwitz, Käthe
  • Schmidt, Käthe (geborene)
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Zitierweise

Kollwitz, Käthe, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118564943.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Karl Schmidt (1825–98), Referendar, dann Maurermeister, Prediger d. freirel. Gem. in K., S d. Gastwirts Otto in Bischofsberg/Ostpr. u. d. Helene Hübner;
    M Katharina (1837–1925), T d. Julius Rupp (1809–84), Dr. phil., Privatdozent, Gymnasiallehrer, Divisionsprediger, begründete 1846 d. freirel. Gemeinde in K., 1849 u. 1862/63 Mitgl. d. preuß. Abgeordnetenhauses (s. ADB 53; Altpr. Biogr.), u. d. Mathilde Schiller;
    Urur-Gvm Salomo Rupp (1730–92), Mal- u. Zeichenmeister in K.;
    Om Jul. Johs. Frdr. Rupp (1846–1926), prakt. Arzt in K., führend in d. ostpreuß. Ärztekammer (s. Altpr. Biogr.);
    B Dr. Conrad Schmidt (1863–1932), Redakteur d. „Vorwärts“ (s. L);
    - Königsberg 1891 Karl Kollwitz (1863–1940), Dr. med., prakt. Arzt in Berlin, Mitbegr. d. Ver. Sozialist. Ärzte (1913), Mitarb. d. „Sozialist. Mhh.“;
    2 S (1 ⚔).

  • Leben

    K. erhielt seit ihrem 14. Lebensjahr Mal- und Zeichenunterricht. Ihre Anschauungen wurden durch die dortige Freie Gemeinde beeinflußt, deren Haupt und Prediger nach dem Großvater mütterlicherseits ihr Vater geworden war. Diese freireligiöse christliche Gemeinschaft berief sich in vielem nicht nur auf das Urchristentum, sondern versuchte mehr noch, zeitgenössische sozialistische Ideen zu verwirklichen. Eine längere Reise mit der Mutter und jüngeren Schwester Lise führte sie zum ersten Mal auch nach Berlin. Den nachhaltigsten Eindruck von diesem Aufenthalt vermittelte der 17jährigen eine Begegnung mit dem damals noch wenig bekannten Gerhart Hauptmann in Erkner. 1885 setzte sie in Berlin ihr Malstudium in der Künstlerinnenschule von Karl Stauffer-Bern fort; danach ging sie zu Ludwig Herterich nach München.

    Nach Königsberg zurückgekehrt, heiratete sie 1891 den ihr durch die Freie Gemeinde schon länger befreundeten Arzt Dr. Karl Kollwitz, mit dem sie endgültig nach Berlin übersiedelte. Durch dessen im Norden der Stadt gelegene Kassenpraxis wurde sie mit den Schattenseiten der Großstadt, mit Armut, Krankheit und den Nöten des durch die rasche Industrialisierung angewachsenen Proletariats – wie Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Prostitution – konfrontiert. Das Elend dieser Menschen, mit denen sie litt, der Versuch, die gleichgültige Gesellschaft mit ihrer Kunst wachzurütteln, sollten fortan das Leitmotiv ihres Schaffens werden. Ihre Tagebuchnotiz von 1922: „Ich bin einverstanden damit, daß meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind“, galt bereits, als sie, tief bewegt von der Berliner Uraufführung der „Weber“ von Gerhart Hauptmann, 1893-97 die packende Folge „Der Weberaufstand“ schuf (3 Radierungen und 3 Lithographien). Diese von ihr selbst als „Markstein“ in ihrem Schaffen bezeichnete Arbeit zeugt von starker künstlerischer Begabung und fand auf der Großen Berliner Kunstausstellung ein lebhaftes, wenn auch nicht nur positives Echo. Einer ihrer ersten Bewunderer war Adolph Menzel, der sie – vergeblich – für die kleine Goldene Medaille vorschlug. 1901-08 folgte die nicht weniger erschütternde und dramatische Folge „Der Bauernkrieg“, 7 Radierungen, die sie bereits auf der Höhe ihres Könnens als Graphikerin zeigen.

    1904 ging K. für ein Jahr nach Paris, um an der Académie Julian Bildhauerei zu studieren, stand doch die menschliche Gestalt im Mittelpunkt ihres Schaffens. Rodins Plastiken und Steinlens Zeichnungen schenkten ihr neue künstlerische Impulse und leiteten in ihrem Werk nach betont malerischen Anfängen in Hell-Dunkel-Kontrasten zu plastischerer Gestaltung über. 1907 erhielt sie den Villa-Romana-Preis; von Florenz wanderte sie zu Fuß nach Rom. 1910 begann K., neben den graphischen Arbeiten sich auch mit Plastik – fast ausschließlich Kleinplastiken – zu befassen, während sie die Malerei schon lange aufgegeben hatte.

    Zu Beginn des 1. Weltkriegs fiel ihr Sohn Peter mit erst 18 Jahren. Dieses bittere Erlebnis verlieh K. Wollen und Wirken als engagierter Frau und Künstlerin noch größere Wahrhaftigkeit. Nicht nur das Leid ihrer Mitmenschen, auch das ihre ging fortan in ihr Werk ein und hob es über die zeitgebundenen Anlässe hinaus ins Allgemeingültige, Überzeitliche. Den Schmerz der seelischen Wunden, die ihr geschlagen worden waren, vermochte sie allein durch ihre künstlerische Aufgabe zu mildern. Mit graphischen Arbeiten und eindringlichen Plakaten stellte sie sich in den Dienst nationaler und internationaler Hilfsorganisationen im Kampf gegen Hunger und Elend, wobei die Mütter und Kinder immer stärker ins Zentrum der|Darstellung traten. In Kohle- und Kreidezeichnungen, in Kreidelithographien und expressionistischen Holzschnitten – wie der 1924 erschienenen Folge „Krieg“ – schilderte sie die Einsamkeit und Verzweiflung der Verlassenen, ihre seelische und materielle Not, die Mühsal ihres gequälten Daseins, ohne jemals sentimental zu werden. Ihre künstlerische Handschrift – K. beherrschte alle graphischen Techniken meisterhaft – ist von männlicher Kraft, ihre Aussage von schlichter Menschlichkeit und innerer Monumentalität.

    1919 wurde K. Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und erhielt den Professortitel. 1928 wurde sie Leiterin eines Meisterateliers für Graphik an der Hochschule für bildende Künste in Berlin.

    Der Gedanke an ein Ehren- und Mahnmal für ihren gefallenen Sohn und alle gefallenen jungen Kriegsfreiwilligen hatte sie seit 1914 bewegt, doch erst 1924-32 konnte sie ihn für den Soldatenfriedhof Rossevelde-Eessen bei Dixmuiden (Flandern), auf dem auch ihr Sohn lag, in Gestalt eines trauernden Elternpaares verwirklichen. Die beiden knieenden Menschen aus belgischem Granit in ihren blockhaften Umrissen drücken den Schmerz der Frau, die K. Züge trägt, und die stumme Verzweiflung und innere Auflehnung des Mannes aus (Kopie 1954 in Köln).

    Seit Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit hat K. immer wieder Selbstbildnisse geschaffen. Sie sind eine völlig uneitle Zwiesprache mit sich selbst, menschliche Rechenschaftsberichte, die nicht weniger ergreifend und ehrlich sind als jene von Lovis Corinth. Am intensivsten hat sie sich seit 1926 um ein plastisches Selbstbildnis bemüht, wobei sie um dreidimensionale Formen stets heftiger zu ringen hatte als um die graphische Schwarz-Weiß-Kunst. 1936 beendete sie diese Arbeit. Ihr in Bronze gegossener Kopf von fast klassischer Schlichtheit zieht die Summe ihres Schaffens. Würde und Bescheidenheit, Leidensfähigkeit und Mut, der traurige, jedoch wache Blick der Künstlerin, vor allem aber das Menschliche und Mütterliche sind in ihrem Antlitz beschlossen.

    In den 20er Jahren war der Tod eines der sie immer wieder bewegenden Themen geworden, mit dem sie sich 1921 mit 7 Holzschnitten und – neben weiteren Darstellungen – in einem 1935 erschienenen Zyklus von Lithographien auseinandersetzte. Sie selbst erfuhr durch den Tod ihres Mannes 1940 und ihres Enkels Peter, der 1942 fiel, weiteres Leid.

    Mit dem Nationalsozialismus hat K. nicht paktiert und mit der Entfernung aus ihrem Lehramt die Folgen dafür tragen müssen. Bei dem Versuch eines Journalisten, sie öffentlich zu rehabilitieren, entschied sie: „Ich will und muß bei den Gemaßregelten stehen.“ Schon 1921 hatte sie jedoch erkannt, daß sie im Grunde keine Revolutionärin, sondern eher eine Evolutionärin war. 1943 wurde sie aus Berlin evakuiert und ging nach Nordhausen am Harz. Ein Jahr später fand sie durch Vermittlung des Prinzen Ernst Heinrich von Sachsen und betreut von ihrer Enkelin Jutta Zuflucht auf |Moritzburg. Goethe und die Bibel, die sie jedoch „nicht wie die alten Mutterchen“ las, waren ihre letzten Tröster.

    Mit Heinrich Zille, Hans Baluschek und Otto Nagel vertrat K. in Berlin eine sozialkritisch engagierte Kunst. Vom literarischen Naturalismus Gerhart Hauptmanns geprägt, fand sie eine eigene realistische Sprache, die – ähnlich wie bei Barlach – durch äußerste Vereinfachung aller Konturen und Formen sowie strenge Konzentration auf das Wesentliche eine Steigerung des Ausdrucks und der Aussage erreicht hat, die über das zeitgebundene Engagement hinaus Gültigkeit behält. Den besten Schlüssel zum Verständnis des Menschen und der Künstlerin bilden ihre Tagebuchnotizen und Briefe, die ihr Sohn Hans gesammelt 1948 und 1953 herausgegeben hat. Nach 1945 ist K. in zahlreichen Ausstellungen geehrt worden. Graphische und bildhauerische Arbeiten finden sich in fast allen großen deutschen wie auch in ausländischen Museen.|

  • Auszeichnungen

    Orden Pour le mérite f. Wiss. u. Kunst (1929).

  • Literatur

    G. Strauss, K. K., 1950;
    A. Klipstein, K. K., Verz. d. graph. Werkes, 1955;
    O. Nagel, K. K., 1963;
    ders., Selbstbildnisse d. K. K., 1965;
    ders. u. S. Schallenberg-Nagel (Hrsg.), K. K., The Drawings (Verz. d. Handzeichnungen), 1972 (Texte dt.);
    F. Schmalenbach, K. K., 1965;
    ThB (L);
    Vollmer (L). - Zu B Conr. Schmidt: S. Nestriepke, Die Freie Volksbühne, 1930 (P);
    F. Osterwald, Biogr. Lex. d. Sozialismus I, 1960;
    W. Kosch, Biogr. Staatshdb. II, 1963.

  • Portraits

    Zahlr. Selbstbildnisse in allen Techniken (etwa 90);
    Bronze-Selbstbildnis, 1936 (Berlin, Nat.-gal. Staatl. Museen Preuß. Kulturbes.;
    ebd., Berlin Mus.);
    Gem. v. L. v. König (München. Bayer. Staatsgem.slgg.), Abb. in: Pfalzgal. Kaiserslautern, L. v. K., Gedächtnisausstellung, Kat. 1974.

  • Autor/in

    Irmgard Wirth
  • Empfohlene Zitierweise

    Wirth, Irmgard, "Kollwitz, Käthe" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 470-471 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118564943.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA