Lebensdaten
1854 bis 1938
Sterbeort
Amsterdam
Beruf/Funktion
sozialistischer Politiker ; Theoretiker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118560808 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kautsky, Karl

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Zitierweise

Kautsky, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118560808.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann (s. Gen. 3);
    M Minna geb. Jaich (s. 3);
    1) (⚮) Louise Strasser (1860–1950, 2] 1893 Ludwig Freyberger), nach Scheidung v. K. Sekretärin v. Frdr. Engels, 2) Luise Ronsperger (1864–1944), Hrsg. d. „Briefe Rosa Luxemburgs an K. K.“, Übersetzerin aus d. Englischen;
    3 S, u. a. Karl (* 1892), Dr. med., Übersetzer aus d. Französischen, Benedikt (s. 1).

  • Leben

    1863 verließ die Familie Kautsky Prag und ließ sich in Wien nieder. K. besuchte 2 Jahre lang die Schule des Benediktiner-Stiftes Melk. 1871 kam er unter dem Eindruck der Pariser Kommune mit sozialistischen Ideen in Berührung. 1874 begann er in Wien Geschichte, Rechtswissenschaft, Philosophie und Politische Ökonomie zu studieren. Nachdem ein Versuch, bei Haeckel zu promovieren, am Widerstand der Fakultät gescheitert war, beendete er seine Studien ohne formalen Abschluß. 1875 schloß er sich der österreichischen Sozialdemokratie an und schrieb unter dem Pseudonym Symmachos in kleineren Organen wie etwa dem „Arbeiter- und Volksfreund“, dem „Sozialist“, aber auch für den „Volksstaat“ in Leipzig. In den Richtungskämpfen innerhalb der österreichischen Arbeiterbewegung stand er auf Seiten der „Gemäßigten“ im Gegensatz zu den anarchistisch orientierten „Radikalen“. Er schwankte zwischen den Berufen eines Malers und eines Schriftstellers, verfaßte auch einen Roman und ein 1878 in Wien aufgeführtes Theaterstück.

    1879 erschien K.s erstes wissenschaftliches Werk „Der Einfluß der Volksvermehrung auf den Fortschritt der Gesellschaft“. Zu jener Zeit stand er unter dem Einfluß darwinistischer und sozialreformerischer Theorien. Seit 1880 lebte K. als Mitarbeiter des vermögenden Sozialreformisten und Philanthropen Karl Höchberg in Zürich, wo er sich mit dessen Sekretär Eduard Bernstein anfreundete. Sein direkter Einfluß auf die österreichische Arbeiterbewegung nahm nun ab, gleichwohl bestand ein mittelbarer Einfluß fort. Am Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie 1901, an dem das Hainfelder Programm von 1888/89 in einigen Punkten einer Revision unterzogen wurde, war K. bemüht, das neugefaßte Wiener Programm vom Verdacht des Revisionismus und der Nähe Bernsteins zu befreien. Auf dem Parteitag 1901 entwickelte|K. auch die ein Jahr später von Lenin in seiner Schrift „Was tun?“ übernommene These, daß die Arbeiterschaft kein eigentlich sozialistisches Bewußtsein besitze, über ein auf Verbesserung der Lebensverhältnisse gerichtetes gewerkschaftliches Bewußtsein nicht hinauskomme und der aus dem Bürgertum kommenden Intelligenz bedürfe, um Impulse in Richtung auf ein sozialistisches Bewußtsein zu erhalten.

    1881 lernte K. in London Marx, zu dem sich nur sehr flüchtige Beziehungen ergaben, und Engels kennen und schloß eine bis zu dessen Tod währende Freundschaft mit Engels, der ihn in das „Kapital“ von Marx einführte. Spätestens seit dieser Begegnung kann man K. als Marxisten bezeichnen. Als sich Höchbergs finanzielle Situation verschlechterte, kehrte K. 1882 nach Wien zurück. Dort lernte er den späteren Einiger und Führer der österreichischen Sozialdemokratie, Viktor Adler, kennen. 1882 schlug K. dem sozialistischen Verleger Heinrich Dietz die Herausgabe eines marxistischen theoretischen Organs vor. 1883 erschien bei diesem erstmals die „Neue Zeit“, die wohl einflußreichste, theoretische Zeitschrift der II. Internationale. Als ihr Redakteur (bis 1917) galt K. als internationale Autorität in Fragen der marxistischen Theorie. In der heutigen Erforschung der Ideengeschichte der Arbeiterbewegung neigt man allerdings eher dazu, trotz der vorgeblichen marxistischen Orthodoxie im „Kautskyanismus“ eine relativ eigenständige „Etappe“ der Marxinterpretation zu sehen.

    1885-90 lebte K. in London. 1887 erschien seine Einführung in „Marx’ ökonomische Lehren“, er verfaßte während dieser Zeit auch historische Studien über Thomas Morus und über die Französische Revolution. Nach Aufhebung des Sozialistengesetzes konnte K. 1890 nach Deutschland zurückkehren und siedelte sich in Stuttgart an; die „Neue Zeit“ wurde in eine Wochenzeitschrift umgewandelt. 1891 akzeptierte der Erfurter Parteitag einen von K. ausgearbeiteten Entwurf für ein Programm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands („Erfurter Programm“, 141919), zu dem Bernstein die Aktionsforderungen schrieb. Im Großen und Ganzen fand dieses Programm die Zustimmung von Engels. K. verfaßte den Kommentar „Das Erfurter Programm in seinem grundsätzlichen Teil erläutert“ (1892). Dieser spielte eine wesentliche Rolle bei der Durchsetzung marxistischen Gedankenguts in der deutschen Sozialdemokratie. In Stuttgart entstanden auch K.s Untersuchung „Der Parlamentarismus die Volksgesetzgebung und die Sozialdemokratie“ (1893) und seine Studien über „Vorläufer des neueren Sozialismus“ (1895). Seit 1894 trat K. als literarischer Verteidiger des Marxismus in zahlreichen Fehden innerhalb der deutschen Sozialdemokratie auf. 1897 übersiedelte er nach Berlin. 1899 erschienen seine Anti-Kritik zum Standardwerk des Revisionismus, zu Bernsteins „Die Voraussetzung des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“, und „Bernstein und das sozialdemokratische Programm“. Auf dem Dresdener Parteitag 1903 setzte sich die von K. vertretene Richtung zwar durch, tatsächlich wandelte sich jedoch die deutsche Sozialdemokratie unter der politischen Führung Bebels zu einer in ihrer Praxis revisionistischen und reformistischen Bewegung. 1901 trat K. in „Handelspolitik und Sozialdemokratie“ gegen Max Schippels Konzeption einer Schutzzollpolitik auf, 1902 erschien seine von Bülow als „Baedeker für den Zukunftsstaat“ bezeichnete programmatische Schrift „Die soziale Revolution“. Nach der russischen Revolution von 1905 trat K. in seiner Schrift „Der politische Massenstreik“ (1914) gegen die Auffassung der Parteilinken (wie etwa Rosa Luxemburg) auf. Seit jenem Zeitpunkt nahm er eine zur Parteirechten wie auch zur Linken in Äquidistanz stehende zentristische Position ein. 1905-10 arbeitete K. an der Herausgabe der „Theorien über den Mehrwert“ von Marx. In dieser Zeit erschien auch seine Untersuchung über den „Ursprung des Christentums“ (1908). In der Auseinandersetzung um die Kriegskredite 1914 nahm K. eine zwischen der rechten Konzeption der Annahme und der linken der Ablehnung vermittelnde Position ein. Da er die „Neue Zeit“, die seit 1901 Parteieigentum war, in den Dienst der Verbreitung seiner theoretischen Auffassung stellte, wurde ihm 1917 die Schriftleitung entzogen und Heinrich Cunow an seine Stelle gesetzt. Nach der Parteispaltung 1917 wurde K. Mitglied der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei“. Nach der Oktoberrevolution trat er in Wort und Schrift als entschiedener Gegner Sowjetrußlands auf. 1918 fungierte er vorübergehend als Staatssekretär im Auswärtigen Amt. In seiner Schrift „Wie der Weltkrieg entstand“ (1919) und in einer damit in Verbindung stehenden Dokumentensammlung wies er den hohen Schuldanteil der kaiserlichen Regierung nach. In der deutschen Sozialdemokratie geriet er zunehmend in die Isolierung; als die USPD aus der Sozialistischen Internationale austrat, verließ er sie. 1922 begrüßte er die Einigung der Reste der USPD und der SPD und versuchte mit „Die proletarische Revolution und ihr Programm“|dem Mehrheitssozialismus eine theoretische Grundlage zu geben. 1924 zog K. zu seinen Söhnen nach Wien, wo er sein Hauptwerk, die zweibändige „Materialistische Geschichtsauffassung“ (1927, Porträt), beendete. Nach der Zerschlagung der österreichischen Sozialdemokratie durch den Austrofaschismus erschien 1934 seine Studie „Die Grenzen der Gewalt“, in der er den Verzweiflungsausbruch der österreichischen Arbeiter vom 12.2.1934 als politisch sinnlos kritisierte. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich emigrierte K. nach Amsterdam.

  • Werke

    Weitere W Die Klassengegensätze v. 1789, 1889;
    Thomas More u. s. Utopie, 1888, 41920;
    Ethik u. materialist. Gesch.auffassung, 1906;
    Der Weg z. Macht, 1909;
    Die Diktatur d. Proletariats, 1918;
    Terrorismus u. Kommunismus, 1919;
    Autobiogr. in: Die Volkswirtsch.lehre in Selbstdarst. I, 1924, S. 117-53 (W, P);
    Das Werden e. Marxisten, 1930 (P);
    Sozialisten u. Krieg, 1937. -
    Verz. b. W. Blumenberg, K. K.s literar. Werk, Eine bibliogr. Übersicht, 1960.

  • Literatur

    Lenin, Die proletar. Rev. u. d. Renegat K., 1918;
    ders., Die Diktatur d. Proletariats u. d. Renegat K., 1919;
    L. Trotzky, Terrorismus u. Kommunismus, Anti-K., 1920;
    K. Korsch, Die materialist. Gesch.auffassung. Eine Auseinandersetzung mit K. K., 1929;
    K. Renner, K. K., 1929;
    H. Brill, in: Zs. f. Pol. 1, 1954, S. 211-40;
    Ein Leben f. d. Sozialismus, Erinnerungen an K. K., hrsg. v. Benedikt Kautsky (S), 1954;
    Briefwechsel v. Viktor Adler mit Aug. Bebel u. K., hrsg. v. F. Adler, 1954;
    E. Matthias, K. u. d. Kautskyanismus, Die Funktion d. Ideol. in d. dt. Soz.-demokratie vor d. 1. Weltkrieg, in: Marxismusstud. 2, 1957, S. 151-97;
    W. Holzheuer, K. K.s Werk als Weltanschauung, 1972;
    N. Leser, Marx u. K. K., in: Die Odyssee d. Marxismus, Auf d. Weg z. Sozialismus, 1971, S. 127-230.

  • Autor/in

    Norbert Leser
  • Empfohlene Zitierweise

    Leser, Norbert, "Kautsky, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 373-374 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118560808.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA