Winter, Max

Lebensdaten
1870 – 1937
Geburtsort
Tárnok (Ungarn)
Sterbeort
Hollywood, Los Angeles (Kalifornien, USA)
Beruf/Funktion
Journalist ; Politiker ; Literat
Konfession
konfessionslos
Namensvarianten

  • Winter, Max Alexander Stephan Julius
  • Winter, Max
  • Winter, Max Alexander Stephan Julius
  • Winther, Max
  • Winther, Max Alexander Stephan Julius

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Zitierweise

Winter, Max, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142897.html [24.02.2026].

CC0

  • Winter, Max Alexander Stephan Julius

    | Journalist, Politiker, Literat, * 9.1.1870 Tárnok (Ungarn), † 10./11.7.1937 Hollywood, Los Angeles (Kalifornien, USA), ⚰ Wien, Evangelischer Friedhof Matzleinsdorf. (katholisch, 1872 reformiert, später konfessionslos)

  • Genealogie

    V Julius (1839–1907), aus W., Beamter (Ober-Offizial) b. d. k. k. Südbahn, S d. Franz u. d. Karoline N. N.;
    M Hilda Schinderschitsch (1839–1883), aus d. Untersteiermark;
    1897 Josefine Lipa (1874–1941), aus Wien;
    1 Adoptiv-S Ferdinand.

  • Biographie

    W. wuchs seit 1873 in finanziell schwierigen Verhältnissen in Wien auf und verlor früh seine Mutter. Nach dem Besuch des Untergymnasiums, der Handelsschule und einer Kaufmannslehre nahm er das Studium der Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie an der Univ. Wien auf, ohne es abzuschließen. Seit 1890 betätigte sich W. als Autor für das „Neue Wiener Journal“. Viktor Adler (1852–1918) holte ihn 1895 zur sozialdemokratischen „Arbeiterzeitung“. Für diese verfaßte W. rund 1500 Sozialreportagen, die mit den Methoden der teilnehmenden Beobachtung und des Feldexperiments Arbeitsund Lebenswelt der Industrie- und Heimarbeiterschaft sowie marginalisierter städtischer Unterschichten beleuchteten. Im Stil eines Investigativjournalisten ließ W. sich in Wien als Bettler auf der Straße verhaften, lebte in einem Obdachlosenheim und betrat die „Unterwelt“ des Wiener Kanalsystems. Penibel dokumentierte er auch photographisch die Elendsquartiere. Während des 1. Weltkriegs stieg W. zum Chefredakteur der „Arbeiterzeitung“ auf. Er schilderte die Kriegserfahrung mit einer Edition von Feldpostbriefen (Der österr.-ungar. Krieg in Feldpostbriefen, 2 Bde., 1915/16) und bereiste für Reportagen mehrmals das Kriegsgebiet in Galizien. Der soziale Utopist W. verfaßte auch Romane, Theaterstücke und Filmdrehbücher, in denen er die für politische Vertreter des „Roten Wien“ charakteristische Perspektive des Spätaufklärers einnahm: Mittels „sozialer Sensation“ versuchte er, der Arbeiterbewegung fernstehende Schichten aufzurütteln und an diese heranzuführen (Die lebende Mumie, Ein Blick in d. J. 2025, 1929).

    W.s politische Karriere begann 1911 mit seiner Wahl als sozialdemokratischer Abgeordneter in den Österr. Reichsrat, dem er bis zur Auflösung 1918 angehörte. Danach war er Mitglied der Provisorischen Nationalversammlung der Republik (Dt.-)Österreich. Nach dem sozialdemokratischen Wahlerfolg von Mai 1919, der das „Rote Wien“ begründete, wechselte W. in die Kommunalpolitik und amtierte 1919/20 als Vizebürgermeister. Kurzfristig war er auch Stadtrat für das Wohlfahrtswesen und – nach der Übernahme dieses Amts durch den Sozialreformer Julius Tandler (1869–1936) im Nov. 1920 – bis 1923 Abgeordneter zum Wiener Landtag und Gemeinderat. Danach zog sich W. aus der Kommunalpolitik zurück, weil er sich dem Journalismus und der Bildungsarbeit stärker verbunden fühlte.

    Sozialpolitisch engagierte sich W. für die 1908 in Graz gegründete „Kinderfreunde“ -Bewegung (Bundesobmann 1917–33). 1925 wurde er der erste Vorsitzender der Sozialistischen Erziehungsinternationale. 1919 sicherte er der reformpädagogisch orientierten „Schönbrunner Kinderschule“, deren Ziele er auch publizistisch förderte (Das Kind u. d. Sozialismus, 1924), die Nutzung von Räumlichkeiten im Schloß. An der Schule waren herausragende Lehrerpersönlichkeiten wie Otto Felix Kanitz (1894–1940), Anton Tesarek (1896–1977) und Josef Luitpold Stern (1886–1966) tätig. Es unterrichteten auch Alfred Adler (1870–1937), Max Adler (1873–1937) und Karl Kautsky (1854–1938). Mit der Aktion „Mühlstein“ rief W. seit 1925 mehr als 300 Kinderbibliotheken in Österreich ins Leben. Seit 1923 gestaltete W. für den Wahlkampf die von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei finanzierte politische Frauenzeitschrift „Die Unzufriede|ne“, deren Auflage 1930 bei 130 000 Exemplaren lag. 1933 gab W. aus gesundheitlichen Gründen alle Funktionen auf. Bei Beginn der österr. Februarkämpfe 1934 befand er sich auf einer Vortragsreise in den USA. Weil er bei einer Veranstaltung in der New Yorker Carnegie-Hall den autoritär regierenden Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (1892–1934) als „Arbeitermörder“ bezeichnete, wurde ihm 1934 die Staatsbürgerschaft entzogen. W., der verarmt in Kalifornien starb, wurde im Sept. 1937 in Wien unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt.

  • Auszeichnungen

    |Bürger d. Stadt Wien (1930);
    Mitgl. d. Vereinigung sozialist. Schriftst. (1933);
    M.-W.-Platz (1949) mit W.-Denkmal (1954), Wien-Leopoldstadt.

  • Werke

    |Im dunkelsten Wien, 1904;
    Das goldene Wiener Herz, 1905;
    Im unterird. Wien, 1905;
    Eine g’sunde Person, 1905 (mit St. Großmann);
    Bettelleut, 1907;
    Das schwarze Wienerherz, Soz.reportagen aus d. frühen 20. Jh., hg. v. H. Strutzmann, 1982;
    Arb.welt um 1900, Texte z. Alltagsgesch., hg. v. St. Riesenfellner, 1988;
    Expeditionen ins dunkelste Wien, Meisterwerke d. Soz.reportage, hg. v. H. Haas, 2006;
    „Die Steigeisen d. Kopflaus“, Wiener Soz.reportagen aus d. Anfängen d. investigativen Journalismus, hg. v. T. Korosa, 2012;
    Qu Wienbibl. im Rathaus, Hss.slg. (Teilnachlaß);
    Wiener Stadt- u. Landesarchiv.

  • Literatur

    L W. Röder u. A. Tesarek, in: N. Leser (Hg.), Werk u. Widerhall, Gr. Gestalten d. österr. Sozialismus, 1964, S. 447–52;
    F. G. Kürbisch, Soz.krit. Reportagen in d. dt.sprachigen Arb.lit., M. W., Heinrich Holek, Maria Leitner, in: Arb.bewegung u. Arb.dichtung, hg. v. N. Britz, 1980, S. 85–103;
    H. Schroth, M. W., Btrr. in d. „Arb.-Ztg.“, 3 T., in: Archiv, Mitt.bl. d. Ver. f. Gesch. d. Arb.bewegung 1, 1983, S. 45–48 u. 2, 1983, S. 68–71 u. 89–92;
    St. Riesenfellner, Der Soz.reporter, M. W. im alten Österr., 1987;
    G. Selbherr, M. W., Sein Wort sprach f. Freiheit u. Recht, seine Feder diente d. Verkannten u. Enterbten, sein Herz aber schlug f. d. Kinder, 1995;
    M. Houska, „Journalismus d. Sinne u. d. Sinns“, M. W.s Wahrnehmung u. Vermittlung d. Wiener Elends in Soz.reportagen d. „Arb.-Ztg.“ 1896 bis 1910, 2003;
    H. Weiss, Das rote Schönbrunn, Der Schönbrunner Kreis u. d. Reformpäd. d. Schönbrunner Schule, 2008;
    A. Pfoser, „Was hat Ihnen d. Krieg gebracht?“, Die Soz.reportagen d. M. W. im Ersten Weltkrieg, in: W. M. Schwarz u. I. Zechner (Hg.), Die helle u. d. dunkle Seite d. Moderne, 2014, S. 30–37;
    Hist. Lex. Wien;
    BHdE I;
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
    Wien Gesch. Wiki (P);
    ÖBL.

  • Porträts

    |Denkmal mit Porträtrelief v. E. Robitschko, 1954 (M.-W.-Park, Wien).

  • Autor/in

    Andreas Weigl
  • Zitierweise

    Weigl, Andreas, "Winter, Max Alexander Stephan Julius" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 264-265 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142897.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA